GUTE MUSIK 22

BÖRT: HANA

Im Jazz eher selten: Diese Band hat einen Namen und heißt eben nicht Lukas Keller Quartett. Lukas ist Skateboarder, Bassist und Hauptkomponist von Bört, wurde 1991 in Aschaffenburg geboren spielte erst E-Bass, dann auch Kontrabass und studierte von 2011 bis 2016 an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz. Zur Band gehören Theresia Philipp (Saxofon & Klarinette), Jonathan Hofmeister (Klavier) und Jan Philipp (Schlagzeug). Auf ,Hana‘ (japanisch für „Blume“ oder „Blüte“) spielen sie eine Musik, die frei pulsiert, über kantige Harmonien gleitet und von knochigen Basslines getragen wird, was mich vom Feeling sehr an die Anfang der 1960er-Jahre entstandenen Aufnahmen des Saxophonisten, Flötisten & Bassklarinettisten Eric Dolphy erinnert. Wobei Bört dann aber auch mal mit sehr zurückhaltenden, fast impressionistischen Soundscapes überraschen können – der Track ,Cohen Brothers‘ stammt als einziger vom Pianisten der Band. Was absolut überrascht ist die zurückhaltende Intensität dieses Albums: Hier hört man keinen Angeber-Jazz mit Leistungsnachweisen, sondern spürt die Art von Reife, die aus klaren Traditionsbezügen kreativ und offen neue Musik schaffen kann, mit vielen packenden Soli von Theresia Philipp und Jonathan Hofmeister – Bassist Lukas Keller und Drummer Jan Philipp halten sich zwar formal solistisch zurück, stricken aber im Hinter- und Untergrund ein so lebendiges Netz, das permanent beeindruckt. Tech-Facts: Lukas spielt einen namenlosen, circa hundert Jahre alten deutschen Kontrabass, den er bei Konzerten mit einem DPA-Clip-Mikrofon abnimmt; ein zweites Signal kommt von einem Fishman-Pickup und wird nur für den Monitor verwendet. Im letzten Track, ,Sweet Sewing Machine’, hört man den Bassisten dann noch mal etwas intensiver, vordergründiger und erkennt mal wieder, was ein einziger, lebendiger Basston zur Musik beisteuern kann. Lebendig ist auch die gesamte Aufnahme: Eingespielt wurde live, in einem Raum, produziert hat mal wieder Christian Heck im Kölner Loft. Resultat: Ein absolut gelungenes, berührendes Jazz-Album. Und Bört bekommen meinen Privat-Award für cool-nerdige Band-Fotos – sie stammen von Lukas Diller. Mehr Infos zur Band: http://www.lukas-keller.com lt

MATTHIAS AKEO NOWAK KOI SEPTET: HOW DOES ORIGAMI SOUND?

Der in 1976 Berlin geborene und in Köln lebende Kontrabassist Matthias Akeo Nowak hat mit dem Koi Septet ein interessantes und kompetent besetztes Ensemble am Start: Matthew Halpin (sax/fl), Stefan Karl Schmid (sax/cl), Shannon Barnett (tb), Simon Seidl (e-p), Riaz Khabirpour (g) und Oliver Rehmann (dr) wenden auf ,How Does Origami Sound?‘ Aspekte der japanischen Papierfaltkunst Origami auf die Musik an. Diese Zusammenhänge sind zugegebenermaßen für einen Laien schwer nachvollziehbar. Die musikalische Strukturen erinnern mich oft an große Besetzungen des legendären Charles Mingus, auch ein Bassist, der das Spannungsfeld zwischen kollektiver Improvisation und klar strukturierten Arrangements für seine Musik nutzte – und die Beteiligten strikt nach seiner Pfeife tanzen ließ. Das wiederum erscheint hier ganz anders zu sein: Auffallend beim Koi Septet ist die Wärme dieser Musik, die insbesondere durch das glockige Fender Rhodes Piano, die dezenten Gitarrenbeiträge und die großartigen Lead-Spots von Posaunistin Shannon Barnett erzeugt wird – letztere zieht die Fäden dieses Kollektivs immer mal wieder zusammen und lässt es swingen. Bassist und Bandleader Matthias Akeo Nowak agiert oft extrem zurückhaltend, fast schon minimalistisch. Faszinierend, wie seine fast schon stakkato angelegten tiefen runden Töne in ,Slow Melody Ah Um‘ tragen, und wie funky sie schon im nächsten Album-Track ,Vamp A1, 231‘ rüberkommen, dabei aber immer noch deep & warm. ,How Does Origami Sound?‘ ist eines dieser Alben, das beim dritten Hören aufblüht und dann immer wieder überrascht. Mit schön designtem und informativem Foto-Booklet. lt

TANGO TRANSIT: GERMAN SONGBOOK

Was für eine Besetzung: Akkordeon, Kontrabass und Schlagzeug. Und was für einen Groove Martin Wagner, Hanns Höhn und Andreas Neubauer an und mit genau diesen Instrumenten zaubern, ist wirklich unglaublich. Man sollte auch nicht denken, dass Tango Transit dabei irgendwie volksmusikalisch, authentisch oder eso-ethno-korrekt zur Sache gehen. Nein, sie rocken, jazzen, swingen und pulsieren sich einfach durch 13 Album-Tracks, und das Repertoire besteht dabei auch noch aus deutschen Volksliedern. Kontrabassist Hanns Höhn steuert hier wirklich kraftvolle und wunderbar tragende Basslinien bei. Er hat Musical-Erfahrung, war als Sideman mit vielen Jazz-Größen auf der Bühne und spielt ansonsten seit 14 Jahren mit Sängerin Katharina Debus im Duo-Projekt FrauContraBass zusammen – ihm scheinen ausgefallene Besetzungen zu liegen. Tango Transit muss man jedenfalls gehört haben, denn dieses großartige Trio überzeugt sogar Musikhörer mit Latin- und Akkordeon-Allergie. lt

MALTE VIEFS KAMMER: KAMMER II

Konzertgitarre, Cello, Mandoline – was für eine Besetzung: Kammer-Musik klingt bei Malte Vief, Matthias Hübner und Jochen Roß wirklich eigenständig, was nicht zuletzt an den diversen Instrumenten des Bandleaders liegt. Malte Vief spielt hier auch mal eine siebensaitige Konzertgitarre, eine Baritongitarre und eine seltene Aliquot-Gitarre mit quer verlaufenden Resonanzsaiten, was irgendwie an eine Harfe erinnert. Als Gäste sind die Violinistin Alina Gropper und Pianist Clemens Christian Poetzsch zu hören, die rein klanglich die “klassischen Zutaten” zur Musik beisteuern. Denn Malte Vief selbst geht hier oft sehr rockig mit viel Energie zur Sache. Manche Tracks verdienen fast schon das Label “ProgRock Unplugged”, und man fühlt sich schon mal an das breite Feld zwischen Kansas und den besseren Früh-Werken von Dream Theater erinnert, oder an einen gechillten Johann Sebastian Bach auf Zeitreise. Und so ist man irgendwann in einem ganz eigenen musikalischen Universum, das sich zu entdecken lohnt: Klassik, Jazz, Rock, Pop, Alte Musik, Neue Musik – alles egal. Gute Musik! ,Kammer II‘ ist bereits das fünfte Album des in Leipzig lebenden Gitarristen. Weitere Infos unter http://www.maltevief.de. lt

MICHAEL SAGMEISTER: STORYBOARD

Ganz ruhig, mit einer elektrischen und einer Acoustic-Gitarre, beginnt das neue Album des 1959 in Frankfurt geborenen Jazz-Gitarristen, der zu den besten europäischen Vertretern seines Instruments gehört und in der Generation nach Attila Zoller, Toto Blanke und Volker Kriegel erst mal relativ alleine dastand, als er 1978 sein Debüt ,Sagmeister Trio‘ auf dem musikereigenen Label Mood Records veröffentlichte. Mitte der 1990er-Jahre war der Autodidakt Sagmeister u.a. Dozent am Berklee College of Music in Boston, bevor er dann 1999 eine Jazz-Professur an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst übernahm. 2019 wurde Michael Sagmeister mit dem Hessischen Jazz-Preis ausgezeichnet. Auch international war und ist das Renommee dieses Gitarristen beachtlich: Er arbeitete u.a. mit Larry Coryell, Billy Cobham, Jack DeJohnette, Dave Samuels, Randy Brecker, Miroslav Vitous, mit seinen deutschen Kollegen Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Christoph Spendel und Christof Lauer sowie auch mit Volker Kriegel, Attila Zoller und seinem großen Vorbild, dem kürzlich verstorbenen Pat Martino, mit dem er ein gemeinsames Album einspielte. Über 30 Tonträger hat er in den vergangenen gut vier Jahrzehnten veröffentlicht.

Sein neues Album ,Storyboard‘ hat Sagmeister (“guitars, bass, keyboards, drums and percussion programming”) fast alleine eingespielt, bei einigen Tracks stand ihm die Sängerin Antonella Dorio zur Saite. Zu hören sind 73 Minuten Musik, die einen keine Band vermissen lassen – weil man eine Band hört. Sagmeisters Arrangements, Sounds und Kompositionen sind durchweg geschmackvoll ein- und umgesetzt, mit einem Gespür für das, was der jeweilige Track braucht. Seine Drums klingen mal sehr laid-back, dann wieder treibend, und er kreierte hier auch einige Percussion-basierte Beats, die gemeinsam mit den organisch klingenden Basslines perfekt tragen. Und zu tragen gibt es einiges, denn die Gitarrenthemen und Improvisationen finden nach wie vor auf Weltklasse-Niveau statt. Wobei Sagmeister oft stilistisch auf den bewährten Fusion-Jazz des vergangenen Jahrtausends setzt, den er hier aber einigermaßen zeitlos klingen lässt. Diese Musik hat er selbst schon in den 90ern gespielt, u.a. auf seinem hörenswerten Album ,A Certain Gift Live‘. Und wenn man dann einen bläserlastigen Track wie ,Open Minded‘ erlebt, möchte man diese vor allem gitarristisch cool groovende Nummer einfach ganz schnell auf einer Bühne hören, mit einer großen Band.

Michael Sagmeister spielt seit längerem verschiedene FGN-Gitarren, Semiacoustics, Solidbodies und Archtops, verstärkt wird mit Amps von Engl und AER. Wobei schon früher sein Trick war, viel Eigenklang von Instrument und Fingern zuzulassen, und dabei mit Verzerrung meist eher dezent umzugehen. Sein präziser Attack und die oft superschnellen Lines brauchen das auch – und in diesem Bereich liegen ja auch seine Alleinstellungsmerkmale, sein Trademark-Sound.

Seine andere Seite, die des boppenden straight ahead spielenden E-Gitarristen zeigt Michael Sagmeister in den drei Standards auf diesem Album: ,Night In Tunisia‘ erinnert mich an Live-Aufnahmen des Komponisten & Trompeters Dizzy Gillespie mit dem Gitarristen Ed Cherry, ,This Masquerade‘ von Leon Russell erklingt mit ein paar feinen Oktav-Beigaben in der Tradition von Wes Montgomery, und der hier sehr originell arrangierte John-Coltrane-Klassiker ,Countdown‘ bringt noch mal alles an Solo-Energie, was Sagmeister zu bieten hat; wobei hier der programmierte Elektrotrommler für meinen Geschmack zwei Tassen Kaffee zu viel hatte. Das soll aber wohl so sein, und das hat mir schon immer an Michael Sagmeister gefallen: Dass er sein Ding macht, seine Musik, ohne sich danach zu richten, was andere heute cool finden und morgen nicht mehr. Diese Haltung kann man hören. Coole Platte! lt

CHRISTY DORAN / STEFAN BANZ: AEROSOLS

Da ist er schon wieder: Der 1949 in Irland geborene Christy Doran ist seit seiner 70s-Band OM einer der interessantesten europäischen Jazz-Gitarristen, und er konnte immer wieder mit neuen Bands, Projekten und Produktionen überraschen. Er hat mit internationalen Größen wie John Surman, Dom Um Romao, Jasper van’t Hof, Carla Bley, Charlie Mariano, Ray Anderson, Irène Schweizer, Hank Roberts, Wolfgang Dauner, Sonny Sharrock und Albert Mangelsdorff zusammengearbeitet, und die freiere europäische Gitarrenszene mit seiner extrem Dynamik immer wieder fein durchgelüftet. Nie machte ein Album-Titel mehr Sinn als ,Aerosols‘ …

Erst vor ein paar Monaten haben Christy Doran & Franz Hellmüller unter dem Namen “Beady Beast” ihr Gitarren-Duo-Album ,On The Go‘ veröffentlich, jetzt ist Doran alleine das Duo – dank Multitracking. Der zweite Interpreten-Name des Albums ,Aerosols‘, Stefan Banz, ist eine Widmung: Denn der Maler, Fotograf und Videokünstler, mit dem Doran eng zusammenarbeitete, ist am 16. Mai dieses Jahres mit 59 Jahren verstorben und konnte den Abschluss dieses Projektes leider nicht mehr erleben. Eine ganz eigene Art der Zusammenarbeit hatte hier stattgefunden, bei der sich beide Künstler wechselseitig inspirierten: Fünf der hier zu hörenden zehn Doran-Gitarrenstücke waren Anstoß für Banz’ Acrylbilder, und fünf andere Acrylbilder des Malers waren wiederum für den Gitarristen Ausgangsbasis für weitere eigene Improvisationen und Kompositionen. Die kann man jetzt auf ,Aerosols‘ hören und regelrecht erleben, denn der experimentierfreudige Christy Doran füllt mit seinen diversen A- und E-Gitarren plus einer Menge Elektronik ganz gewaltig den Raum; mit entsprechender Anlage ist diese Musik auch ein faszinierendes Surround-Erlebnis voller Überraschungen. Doran war nie als II-V-I-Fetischist mit Handschuhton bekannt, er stand schon immer auf Kollegen wie Jimi Hendrix und Sonny Sharrock und ging dementsprechend mit allen Freiheiten zur Sache. So sind hier ganz schön schräge und brachiale Sound zu hören, aber auch konventionellere, harmonische Passagen. Soundtrack des Lebens, würde ich mal sagen. Was man von einem Gitarristen wie Christy Doran lernen kann, ist dass die Grenzen der Gitarre nicht nur ganz weit weg liegen können, sie sind auch noch offen. Ganz wichtig: ,Aerosols‘ ist Tonträger-Musik. Spotify-Sparfüchse verpassen nämlich die zehn Bilder von Stefan Banz, die im Booklet der CD abgedruckt. Und sie verpassen auch, einen tollen Künstler zu unterstützen. lt

CHRISTINA LUX: LICHTBLICKE

Als ich Christina Lux das erste Mal live erlebte, vor über 20 Jahren im Eingangsbereich der Kölner Messehallen anlässlich der PopKomm, war ich sofort begeistert: Was für eine Stimme hatte diese Frau, und was für ein Feeling die Gitarristin. Kurz darauf hatte ich ihre EP ,She Is Me‘ in der Post, und seitdem bin ich Fan dieser Musikerin und autonomen Business-Bewältigerin. Nicht jedes ihrer zehn folgenden Alben, eine Live-DVD mitgerechnet, hat mich gleichermaßen beeindruckt, dafür aber immer wieder die Energie, mit der Christina Lux seit so vielen Jahren ihren Job macht – den organisatorischen und den kreativen. Ihr erstes deutschsprachiges Album ,Leise Bilder‘ wurde 2018 mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, und auch auf ,Lichtblicke‘ ist sie wieder überwiegend in ihrer Muttersprache zu hören – was für meinen Geschmack (der sich in diesem Punkt gedreht hat) inzwischen authentischer und organischer rüberkommt. Die Songs für dieses Album hat Christina gemeinsam mit ihrem Live- & Studio-Begleiter, dem Multiinstrumentalisten Oliver George geschrieben, der neben Keyboards, Basslines und Drums auch einige extrem gekonnte E-Gitarren-Parts eingespielt hat. Das gesamte Sound-Design ist absolut geschmackvoll und rund, die Arrangements sind immer wieder gespickt mit kleinen Überraschungen und die Songs berührend. Christina Lux’ Musik ist der Gegenentwurf zu Cool – and this is Soul! Tolle Musik! lt

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