GUTE MUSIK 22

PRINCE AND THE REVOLUTION: LIVE  

Keine Frage: Das musikalische Genie Prince ist komplex, der Mensch war es bekanntlich ebenfalls. Seine Studiowerke haben mich immer in Bezug auf ihre unglaubliche Energie fasziniert, ihre Lebendigkeit und Dynamik. Als ich vor kurzem erfuhr, dass ,Purple Rain‘ auf einem Live-Track basiert der editiert und ergänzt wurde (absolut sehenswert: http://www.dailymotion.com/video/x465dt9) habe ich die Welt des Prince Rogers Nelson (*1958 +2016) etwas besser verstanden, zumal mein Alltime-Favorit des Künstlers schon immer das legendäre The-Swingin’-Pig-Live-Album ,Nightclubbing. Live in Den Haag ’88’ war.

Bereits drei Jahre vorher, während der Purple-Rain-Tour, entstanden Aufnahmen einer Prince-Show vom 30. März 1985 im Carrier Dome in Syracuse, NY. Das Konzert wurde damals via Satellit weltweit übertragen und später zum Grammy-nominierten Konzertfilm “Prince and the Revolution: Live“ verarbeitet. Jetzt sind die 20 Tracks dieser Show erstmals auf  CD, Vinyl und Blu-Ray erhältlich, anhand der Original Multitrack-Masterbänder neu gemischt und digital überarbeitet. Zum vorliegenden 2CD-Set gehört noch eine Blu-ray, die den o.g. Konzertfilm erstmals in Top-Bildqualität und den Audioformaten Stereo, 5.1 Surround und Dolby Atmos veröffentlicht. Angeblich hat man die verschollenen Bänder nach fast drei Jahrzehnten in den Paisley Park Studios wiedergefunden … OK, ein bisschen Mystery-Glamour war dem weirden Herrn nie fremd, und warum sollte man diesen Charakterzug nicht auch für die posthume Verwertung seines Werks nutzen. Wer Prince and the Revolution live im eigenen Wohnzimmer wiederentdecken will und  so geniale Tracks wie  ,1999‘, ,Little Red Corvette‘, ,Let’s Pretend We’re Married‘, ,Darling Nikki‘, ,When Doves Cry‘ und natürlich ,Purple Rain‘ genießen möchte, sollte zugreifen. Denn Prince bleibt ein Live-Phänomen. lt 

JOSCHO STEPHAN TRIO: LIVE GUITAR HEROES

Der Gitarrenvirtuose Joscho Stephan wurde 1979 in Mönchengladbach geboren. 1999 erschien sein Debüt-Album ,Swinging Strings‘, das vom amerikanischen Fachmagazin „Guitar Player“ zur CD des Monats gekürt wurde. Seitdem hat sich der sympathische Musiker zum bekanntesten Vertreter der deutschen Gypsy-Jazz-Szene hochgearbeitet. Jetzt ist sein zwölftes Album erschienen. Anknüpfend an seine 2015 erschienene CD ,Guitar Heroes‘, die Joscho Stephan mit den Kollegen Tommy Emmanuel, Biréli Lagrène und Stochelo Rosenberg eingespielt hatte, sind auch bei ,Live Guitar Heroes‘ Gäste zu hören: die Gitarristen Stochelo Rosenberg, Olli Soikkeli, Richard Smith, Günter Stephan und Biréli Lagrène, außerdem in zwei Tracks Bassist Stefan Berger. Und da sind natürlich noch Stephans Trio-Mitspieler, der Rhythmusgitarrist Sven Jungbeck und Kontrabassist Volker Kamp, die eine unglaublich swingende Basis abliefern. Wie schon bei der Studioversion ist auch hier wieder ein Mix aus Standards und Eigenkompositionen zu hören, die stilistisch zwischen Gypsy-Swing, Jazz, Latin und Pop angesiedelt sind. Unglaublich locker kommt Bobby Womacks Hit ,Breezin’‘ rüber, am bekanntesten in der Version von George Benson. Hier solieren Bandleader Joscho und der immer wieder geniale Biréli knappe acht Minuten lang um die Wette. Großartig! Die Aufnahme klingt sehr plastisch und bringt Live-Atmosphäre ins Abhörzimmer, die CD kommt in einem schön gestalteten DigPak mit Fotos und Infos. Empfehlung! lt

WAWAU ADLER: I PLAY WITH YOU

Und noch ein Gypsy-Swing-Gitarrist, der Traditionspflege mit künstlerischer Offenheit und weitem Horizont verbindet: Der 1967 in Karlsruhe als Josef Adler geborene Wawau spielte schon u.a. mit Pee Wee Ellis, Biréli Lagrène, Didier Lockwood,  Philip Catherine, John Stowell und Torsten Goods zusammen, 

kam aber nach Ausflügen in BeBop und Fusion immer wieder zum Jazz Manouche zurück. Wobei Adler bis heute neben der legendären, aus den 1940er-Jahren stammenden, akustischen Selmer Nr. 828 mit dem ovalen Schallloch auch moderne Archtops und andere E-Gitarren spielt. Auf ,I Play With You’ erlebt man den Gitarristen mit einem Mix aus Eigenkompositionen und Standards, und man hört einen sehr relaxt spielenden Virtuosen, der in manchen Tracks fast unmerklich zwischen Gypsy-Tradition und Straight-ahead-Jazz schwebt und dabei wirklich cool swingt. Mit ,Manoir De Mes Reves‘ hat Adler auch einen Django-Reinhardt-Klassiker im Repertoire, bei ,Cherokee‘ und auch bei Cole Porters ,What Is This Thing Called Love’ geht er extrem virtuos zur Sache, unterstützt von Geiger Alexandre Cavaliere. Außerdem zu hören sind Bassist Joel Locher und die beiden Gitarristen Hono Winterstein und Denis Chang – mit letzterem hat Adler auch schon mehrere Unterrichtsvideos produziert. Schöner Mix! lt

FAZER: PLEX

Jazz? Electro? Instrumental-Pop? Crossover-of-what? Ja, stimmt alles. Aber vor allem spielen Fazer sehr coole, relaxte Musik. Bassist Martin Brugger legt dezent pumpende Linien unter die jazzigen Chords & Arpeggios von Gitarrist Paul Brändle, über denen Trompeter Matthias Lindermayr soliert. Für die wirklich eigenwilligen, sparsamen Grooves sind die beiden Drummer Simon Popp und Sebastian Wolfgruber verantwortlich. Kennengelernt haben sich die Künstler an der Münchner Musikhochschule, und von Anfang an war klar, dass sich bei Fazer verschiedene musikalische Stile und Richtungen treffen sollten: Mal klingen sie dezent nach Can und Kraut, dann nach hypnotischem Dub, Afro-Beat oder nach jazzigem Minimal-Techno – aber immer mit Trompete, die ganz direkt, fast spröde, ohne Effekte diese Musik prägt. ,Plex‘ ist nach ,Mara‘ (2018) das zweite Fazer-Album. Gitarrist Paul Brändle ist mir 2020 durch sein Debüt ,Solo‘, dessen origineller Ansatz auch hier immer mal durchschimmert. Eigenwillige, eigenständige, beeindruckende Band. lt

Dass das Empfinden von Musik und Kunst eine subjektive Angelegenheit ist, ist bekannt. Auch der kreative Prozess, der zu einem Werk führt, ist in der Regel stark von der Persönlichkeit der Kunstschaffenden geprägt. Und natürlich auch jede Reaktion auf ein Kunstwerk.

Jede? Ich lege mich immer wieder gerne mit Menschen an, die behaupten, ihr oder eines anderen Menschen Urteil über ein Kunstwerk sei absolut, wahr und nicht diskutabel. OK, objektiv wahr & richtig sollten schon die Behauptung der Existenz eines Werkes, der Künstlername und der Titel sein. Aber dann geht’s in der Regel doch ganz schnell ins Empfindungsabenteuerland, wobei hier der Eintritt nicht unbedingt den Verstand kosten muss – Danke, Hartmut Engler, Rudi Buttas & Pur. ;-)

Ein Gefühl für/durch Kunst zu haben/bekommen, im Idealfall ein positives, ist wunderbar. Und macht euch nichts vor: Wenn das Wetter und der Kontostand mies sind, der Kopf weh tut und Freund oder Freundin nicht lieb waren, fällt jede Rezension anders aus als beim Schweben auf rosaroten Abenteuerlandwolken. Die wichtigste und verlässlichste Information bleibt auch weiterhin: “Da gibt’s ein neues Album von …”

Die folgende Review schrieb ein Fan der Künstler nach Anhören des neuen Bilderbuch-Albums via komprimiertem Promo-Stream, der via Apple-TV auf die HiFi-Anlage gebeamt wurde. Es war kein Infomaterial verfügbar, kein Booklet, und das Wetter war auch nicht inspirierend.

BILDERBUCH: GELB IST DAS FELD
“Einen Infotext zum Album gibt es nicht, die Songs sollen für sich sprechen”, schreibt die Plattenfirma zu ,Gelb ist das Feld‘, dem neuen Album der österreichischen Band Bilderbuch. Ich klicke den mitgemailten Link zum Album an. Loading, still loading …. aber dann: Diese Songs sagen mir tatsächlich was! “Hallo Hörer! Wir haben jetzt teilweise englische Titel und vor allem noch viel mehr Hall und Delay, als unsere Vorgänger!” Kunstwerke sprechen für ihre Schöpfer – wie wunderbar!  “Hallo Songs, das stimmt, der Hall ist üppig. Musstet ihr vielleicht deswegen auf verständliche Texte und diese ganz besondere Magie früherer Alben verzichten? War dafür kein Raum mehr im neuen Hallraum?”, frage ich. Und warte.”Hallo…?” Die Songs antworten nicht. War ich zu direkt? Zensur? Ganz weit hinten höre ich sie noch eine halbe Minute schwer atmen, dann pumpt die Kompression nur noch Stille nach vorne und macht das Nichts laut. Bilderbuch 2022! Hätte ich mal auf Vinyl gewartet – vielleicht hätte ein großes buntes Album mit vielen Bildern mich multimedialmilde gezaubert. “Sei nicht traurig”, ruft mir der letzte Song dann doch noch von ganz weit hinten zu. “Irgendwann sprechen sie wieder mit dir!” See you irgendwann, Bilderbuch. Ich bleibe trotzdem Fan. lt

Hören_Rezension_1____ _________timeline________________ ______Nochmalhören_Rezension-2

Fünf oder sechs Wochen später: Ich höre die CD – und sie klingt einfach Klassen besser als der datenreduzierte Vorab-Stream, den ich vor der Veröffentlichung bekam und dessen Signal ich via Apple TV auf meine Abhöranlage geschickt hatte. Der bemängelte Raum-Sound kommt jetzt organisch rüber; es ist immer noch viel Hall im Spiel, aber der Mix ist schlüssig und rund – sogar die Textverständlichkeit ist besser. Und vom ersten Ton an groovt diese Band so einzigartig wie schon immer. Auch das schöne DigiPak mit Text-Poster hilft beim Genuss. “Ich bleibe trotzdem Fan”, hatte ich in der ersten Review geschrieben – jetzt weiß ich warum. Klar, das ,Schick Schock‘-Erlebnis von 2015 und auch die etwas frühere ,Maschin’-Überwältigung von 2013, als die Single erschien, sind nicht zu toppen. Aber Maurice Ernst (voc/g), Peter Horazdovsky (b), Philipp Scheibl (dr) und der großartige Gitarrist Michael Krammer bleiben ein Dream-Team. Wie aus dem Bilderbuch eben. lt

FAZIT. Natürlich darf eine Rezension auch mal temporäre, subjektive Ratlosigkeit beschreiben. Die wichtigste und verlässlichste Information bleibt aber auch weiterhin: Da gibt’s ein neues Album von … – hör doch einfach mal rein! Und glaube nicht, dass Rezensentinnen & Musik-Kritiker (nur) objektive Wahrheiten verbreiten. Die Kernfrage bleibt immer: Can you feel it?

MARKUS APITIUS: BUSY DREAMERS

Der Kölner Sänger, Pianist, Gitarrist und Bassist Markus Apitius ist nicht nur als Musiker, Komponist und Produzent ein schlauer Mann. Er hat sich auch, wahrscheinlich schon Ende der 1960er-Jahre, die Domain http://www.popsong.de gesichert, und gewusst warum. Denn progressive, gut arrangierte Pop-Songs waren schon immer sein Ding: Peter Gabriel, Genesis, Van Der Graaf Generator, The Move, Procol Harum, die frühen Pink Floyd, David Bowies ,Breaking Glass‘ und ,The London Boys’ und immer wieder The Beatles haben ihn geprägt. Das alles hört man auch auf seinem siebten Album ,Busy Dreamers‘, einer Independent-Produktion, und erhältlich über http://www.popsong.de. Auch diesmal wandern die Songs des Markus A. durch diverse Stile, tangieren Folk, klingen mal rockig, mal fast jazzig, oft mit fein dosiertem Progressive-Pathos, im Finale auch noch psychedelisch, immer zusammengehalten von seiner absolut berührenden, besonderen Gesangsstimme. “Clint Eastwood spricht mit einem leeren Stuhl (Waiting), während Brasilien die Pyromanen feiert (Play With Fire). Alle wollen mal wieder raus (Going Out), um auf großer Bühne die letzten Dinosaurier zu bewundern (The Last Band), doch die Pandemie hat uns am Kragen (Oh Panic). Wir träumen munter weiter (Them Busy Dreams), während die Männer in olivgrün auf ihren Einsatz warten (Olive Green). Statt Worten bleiben zum Schluss nur Tätowierungen (On Your Skin), bevor Elon Musk sich schließlich selbst krönt (The New Kingdom)”, beschreibt der Künstler seine elf neuen Album-Tracks. Aber auch rein klanglich genossen passiert hier Berührendes, schwingen große Emotionen mit, und ein Track wie ,The Last Band‘ könnte auch von George Harrisons Meisterwerk ,All Things Must Pass‘ stammen – denn dieser Song ist ein zeitloses Prog-Meisterwerk. Auf das dann unerwartet das swingende ,Oh Panic’ folgt … Und genau das macht dieses Album und überhaupt die Musik von Markus Apitius aus: Sie führt dich über ganz eigene Wege durch bekannte Terrains und vermittelt so neue Perspektiven. Intelligentes Songwriting, geschmackvolle Sounds, tolle Instrumental-Parts und spannenden Arrangements erzeugen eine lebendige Musik, die hörende Menschen berühren kann. ,Busy Dreamers‘ ist ein wunderschönes Album mit Tiefgang und Leichtigkeit. Respekt! lt

PETER WEISS: CONVERSATION WITH SIX-STRING PEOPLE

Der Düsseldorfer Schlagzeuger Peter Weiss (*1949) ist seit den 1970er-Jahren eine feste Größe der europäischen Jazz-Szene. Er spielte u.a. mit dem Pianisten Michel Herr, Trompeter Uli Beckerhoff, Saxophonist Wolfgang Engstfeld u.v.a. Musikern zusammen und hat eine Menge Alben veröffentlicht. Auch mit Gitarristen hat Weiss immer wieder live gearbeitet, allerdings kamen dabei fast keine Aufnahmen zustande. Das holte Peter Weiss jetzt nach: Für ,Conversation with Six-String People‘ hatte der Drummer mit der Gitarristin Sandra Hempel (*1972) und ihren Kollegen Norbert Scholly (*1964), Tobias Hoffmann (*1982) und Philipp van Endert (*1969) kompetente Instrumentalisten im Studio, dazu kamen noch die Four-String-People Hendrika Entzian (*1984) und Matthias Akeo Nowak (*1976).

Aus diesem Generationentreffen hat Weiss ein mehr als abwechslungsreiches Album gemacht, denn er begegnet in den 14 Tracks allen Beteiligten in Duos, Trios, Quartett- und Sextett-Besetzungen. Also kein Schnellspieler-Wettbewerb für die Jazz-Gemeinde, sondern ein ausgereiftes, intelligentes und berührendes musikalisches Projekt, das beim Hören Tiefgang mit Unterhaltung verbindet. Und so erlebt man einen monkigen Norbert Scholly im Duo mit Peter Weiss, einen cool surfenden Tobias Hoffmann, Philipp van Endert einmal mehr in Höchstform und die Hamburgerin Sandra Hempel mit absolut großartig interagierendem Spiel mit dem Bandleader. Fazit: Ein wirklich beeindruckendes Jazz-(Gitarren-)Album von großartigen Solistinnen & Solisten – ohne Ego-Trips. Sympathisch und spannend! lt

Viermal Gitarre SOLO eingespielt von sehr unterschiedlichen Instrumentalisten.
++++ JOHN SCOFIELD: SOLO – das war schon immer ein Erlebnis, wenn der Meister im Intro oder Outro eines Band-Tracks frei und unbegleitet zur Sache ging, oder auch mal einen Solo-Chorus so weit runterkochte, dass er alleine zu hören war, mit seiner einzigartigen Kombination von kantig-bluesig-fließenden Singlenotes und Akkord-Fragmenten. Und jetzt heißt ein Album ,Solo‘, Untertitel: “John Scofield Electric Guitar And Looper”. Genau diese Kombination hört man hier überwiegend – der Meister begleitet sich also selbst in den 13 Tracks, von denen fünf Eigenkompositionen sind. Und selbst, wenn Scofield einen zu oft gehörten Schmachtfetzen wie ,Danny Boy‘ angeht, erlebt man eine Interpretation, die mit wenigen Tönen ganz großes Emotionsklangkino zaubert. So, mehr verrate ich nicht, denn das erledigt John im schönen Booklet der CD. Dieses Album ist fantastisch und ein Must-Have für jeden Sco-Fan. ++++ Ebenfalls nicht ganz alleine ist der in Köln beheimatete Gitarrist CHRISTIAN VERSPAY auf TWENTYEIGHT DAYS zu erleben, denn er hat seine E-Gitarre durch diverse Delays und Hall-Effekte geschickt, die den Raum zu seinem musikalischen Partner machen. Die in den ersten 28 Tagen des vergangenen Jahres spontan eingespielten Tracks sind meist ca. ein bis zwei Minuten lang und kommen sehr minimalistisch, meditativ rüber. Aber hier und da lässt Verspay, ein studierter Klassik-Gitarrist, seinen mal akustischen, mal elektrischen Gitarrenton auch bis ins Geräuschhafte abdriften, verzerrt, mit Slide- oder Tapping-Einlagen moduliert. Wer einen originellen Musiker und Gitarristen sucht – hier ist er! ++++ Auch der Freiburger MAX ZENTAWER setzt in seinen SOLO-Aufnahmen auf E- und A-Gitarre, und auch er begleitet sich selbst via Mehrspurtechnik in seinen sieben eigenen und vier Fremdkompositionen. Zu letzteren gehören Dave Brubecks ,In Your Own Sweet Way‘, das toll interpretierte ,Vaguely Asian‘ von Steve Swallow und Larry Coryells ,Zimbabwe‘, in dem Max Zentawer mit etwas mehr Energie am Start ist und sehr cool rüberkommt. Sehr eigenwillig gelungen sind aber Max’ Kompositionen bzw. Improvisationen ,Phantasie #1‘ und ,#2‘, sowie der letzte Album-Track, ,Deconstruction #1‘, in dem sich der Gitarrist auf etwas abstrakteres, freieres Terrain wagt. Sehr gut! ++++ Der aus Maribor, Slowenien stammende Jazz-Gitarrist SAMO SALAMON hat sich mit der Doppel-CD DOLPHYOLOGY an das Gesamtwerk des legendären amerikanischen Alt-Saxophonisten, Flötisten und Bassklarinettisten Eric Dolphy (*1928 †1964) gewagt, eines Wegbereiters der Jazz-Avantgarde der 1960er-Jahre, dessen eigenwillige, kantige Kompositionen und Arrangements eine Klasse für sich waren und sind. Samo Salamon interpretiert die 28 Tracks überwiegend auf der akustischen Steelstring-Gitarre, auf fünf Titeln ist er mit einer Zwölfsaitigen und einmal mit Mandoline zu hören. Der extrem produktive Musiker hat in den vergangenen 15 Monaten zwölf Alben veröffentlich, und auf samosalamon.bandcamp.com hat er sogar insgesamt 43 Werke gelistet. Ein Getriebener im besten Sinne – wie Eric Dolphy. Und Samo Salamons Annäherung an klassische Dolphy-Kompositionen wie ,G.W.‘ oder ,Out To Lunch‘ ist eigenwillig und spannend, unkonventionell und kaum schubladisierbar. Für die Jazz-Polizei vom Revier II.5.1 müsste diese Einspielung der blanke Horror sein. Perfekt! lt

KURT ROSENWINKEL & JEAN-PAUL BRODBECK: THE CHOPIN PROJECT
Den polnisch-französischen Komponisten Frédéric Chopin (1810 +1849) und die Jazz-Musiker Kurt Rosenwinkel (1970) und Jean-Paul Brodbeck (*1974) trennen mehr als anderthalb Jahrhunderte. Was den Gitarristen und den Pianisten mit dem Romantiker Chopin verbindet, hat Brodbeck wie folgt ausgedrückt: “Die Welt von Chopin hat mich im Laufe der Jahre so sehr angetrieben, dass ich mich zunächst als Pianist weiterentwickelte und dann begann, seine Ästhetik und seine Herangehensweise an
Phrasierung und Melodien zu übernehmen. Ich habe ihn ganz natürlich mit meiner Jazz-Sprache sprechen lassen, und dann habe ich angefangen, Kurts Gitarren-Sound in dieser Musik zu hören, was zu diesen Arrangements führte.” Die zehn Études, Préludes, Valses und Nocturnes wurden gemeinsam mit Schlagzeuger Jorge Rossy und Lukas Traxel am Kontrabass eingespielt, und der Chopin dieser Formation ist ein sehr gut gelaunter, fast durchgehend euphorischer, ungewohnt interaktiver. Ehrlich gesagt hätte ich den Komponisten nie hinter dieser Interpretation vermutet – dafür muss man wohl vertrauter mit seinen Werken sein. Was aber auch daran liegt, dass die Arrangements dieses Albums, wie auch Kurt Rosenwinkels oft Attack-freier, Trademark-Gitarrenton, der mehr nach elektrischer Violine oder Synthesizer klingt, irgendwie an die späten 70er-Jahre erinnern: Ständig muss ich an Jean-Luc Ponty denken, an John McLaughlin mit Stu Goldberg … noch eine Zeitreise. Jorge Rossy und Lukas Traxel halten mit ihrer soliden, tragenden Begleitung diese Musik zusammen und geben dem Chopin-Project Wärme, Pulse, Tiefe. George Sand hätte sich in die Rhythmusgruppe verliebt. lt

++++ OLD GOLD RETOLD! Rush-Fans haben es endlich mal wieder gut. Nicht nur, dass sie momentan von Gitarrist Alex Lifeson mit dem genialen Band-Projekt Envy Of None und einem gleichnamigen Album beglückt werden – jetzt gibt es auch noch einen der größten Album-Klassiker aus der bewegten Band-Historie im 3CD-Luxus-Paket. Es war 1981, als RUSH die ProgRock-Welt mit MOVING PICTURES beglückte, einem hymnischen und hoch virtuosen Großwerk von orchestraler Energie, das mit ,Tom Sawyer‘ einen echten Hit enthielt. Die 40TH ANNIVERSARY DELUXE EDITION enthält neben dem neu gemasterten Original-Album auch noch ein komplettes, unveröffentlichtes Konzert von 1981 in Toronto. Das klingt, wie von diesem Trio live gewohnt, etwas heavier, rougher und rockiger. Der Aufnahme-Sound ist absolut OK, die Vocals kommen etwas verhangen rüber. Dazu gibt’s ein 24-seitiges Booklet mit diversen unveröffentlichten Fotos und Infos. Für Hardcore-Fans von Bassist/Keyboarder/Sänger Geddy Lee, Gitarrist/Sänger Alex Lifeson und des vor zwei Jahren verstorbene Schlagzeugers und Song-Texters Neil Peart sind noch fünf (!) weitere Versionen dieser Wiederveröffentlichung erhältlich. 

++++ Und dann sind da mal wieder FRANK ZAPPA und THE MOTHERS – diesmal mit Aufnahmen von 1971 aus dem New Yorker Fillmore East. Moment, die waren doch schon zwei Monate nach ihrer Entstehung als ,Fillmore East – June 1971‘ auf dem Markt, mit einem handbeschrifteten Cover in Bootleg-Style? Richtig! Und jetzt gibt es das beste Live-Material aus diesem Jahr auf acht CD, plus fettem Booklet in einer kleinen Pappbox mit Schuber. Die 100 Tracks haben eine Gesamtlaufzeit von fast 10 Stunden und wurden von Ahmet Zappa und Zappa-Archivar Joe Travers ausgewählt und bearbeitet. Angeblich kann man hier jetzt “jeden Ton der vier legendären Shows, die am 5.-6. Juni 1971 den Schlusspunkt der Geschichte des Fillmore East in New York City bildeten” hören. Zur Mothers-Besetzung gehörten damals u.a. Ian Underwood (sax, kb, voc), Aynsley Dunbar (dr) und Don Preston (synth). Als Gäste der letzten Fillmore-Show sind Yoko Ono und John Lennon u.a. mit dem Schreigesang ,Scumbag‘ zu ertragen. In anderen Tracks dieser tragischen Begegnung, in denen Zappa selbst extrem gute Gitarren-Parts lieferte, ist ebenfalls ständig das Gekrähe von Frau Lennon zu hören. Ono Yoko wäre es auch schön gewesen. Als Entschädigung gibt’s im neuen Box-Set noch den kompletten Auftritt aus dem Londoner Rainbow Theatre vom 10. Dezember 1971, gemischt von Hendrix-Engineer Eddie Kramer. Dieses Konzert endete abrupt, nachdem Frank Zappa von einem gewalttätigen “Fan” von der Bühne gestoßen und dabei schwer verletzt wurde. Und dann sind da noch Mitschnitte der Shows vom 1. und 3. Juni 1971 in Scranton und Harrisburg, Pennsylvania, die angeblich erstmalig auf Zappas neuem 4-Spur-Tonbandgerät mitgeschnitten wurden, mit dem er in den folgenden Jahren eine Menge Shows dokumentierte. Beim Fillmore-Mitschnitt verblüfft die Plastizität der Aufnahmen, denn ab und zu hat man den Eindruck, fast zwischen den Musikern zu sitzen. Wirklich tolle Aufnahmen kann man hier genießen, die in dieser Fülle aber nur was für Fans mit Komplettierungs-Ambitionen taugen. Ich liebe solche Veröffentlichungen. lt

BLACK SEA DAHU: I AM MY MOTHER
Das Schönste an meinem Job sind die positiven Überraschungen, wenn aus dem Nichts vor dir eine Band oder ein Künstler auftaucht und dich berührt, fasziniert und dann vielleicht mit seiner oder ihrer Musik ganz lange begleitet. Das ging mir bei den Smashing Pumpkins so, bei Rausch, Tunes For The Takin’, Jeff Buckley, Atomic Swing und jetzt bei Black Sea Dahu. Die aus Zürich stammende Band hat vor zehn Jahren, noch unter dem Namen Josh, ihr erstes Album veröffentlicht, und seitdem sind die Singer/Songwriterin Janine Cathrein (voc/g), ihre Geschwister Vera (g/voc) und Simon (cello/voc) live und im Studio aktiv – zur aktuellen Besetzung gehören noch Nick Furrer (dr), Pascal Eugster (b) und Ramon Ziegler (kb). 2018 erschien ihr Debüt ,White Creatures‘, gefolgt von der EP ,No Fire In The Sand‘, und jetzt höre ich das neue Album ,I Am My Mother‘, ein vom ersten bis zum letzten Ton berührendes, ergreifendes und faszinierendes Stück Musik. Eigenwillig instrumentiert, transparent und sehr originell arrangiert, ganz im Vordergrund die besondere Stimme von Janine Cathrein, die einen Track weiter dann wieder entfernt, aus dem Raum heraus singt, wie in einem Traum, umspielt von tiefem Bass, etwas Picking-Gitarre und orchestralen Keyboard- oder auch echten Streicher-Sounds.

EIN BERÜHRENDE BAND. BLACK SEA DAHU LIVE
Foto: Paul Märki

23 Tage war die Band im Studio und hat aus vielen Notizen, Ideen, Fragmenten der letzten Jahre wunderbare Songs geschaffen, die auf diesem Album spätestens beim dritten Hören, wie ein durchgehender Soundtrack funktionieren. Und dann klingen Black Sea Dahu manchmal auch ein bisschen nach Folk, um eine Minute später, nach einem abrupten Song-Ende, mit einer verhallten Ballade und dumpfem Piano zu überraschen, die zu einem berührenden, intensiven Psychedelic-Song wird. Slide-Gitarre, ein rockiges Surf-Solo, Backwards-Sounds, mysteriöse Geräusche … und so geht es immer weiter: ,I Am My Mother‘ ist ein Trip durch sieben Songs voller Überraschungen, mit intensiven, direkten Lyrics. Alleine die großartige Gestaltung des kleinen Pappschubers, des 24-seitigen Booklet mit Texten und Fotos, und der Innenhülle mit der CD, sind den Kauf dieses Albums wert. ,I Am My Mother‘ küsst deine Hörgewohnheiten, und danach ist die Welt eine andere – in der du dich irgendwie angekommen, zu Hause, geborgen fühlst. Das kann einem nur mit Musik und Liebe passieren. lt

JOE SATRIANI: THE ELEPHANTS OF MARS
Da ist er wieder, der alte Satchmeister, mit einem vom ersten Track an superfetten Produktions-Sound, über dem eine wie gewohnt roughe E-Gitarre tanzt, um immer wieder zum Thema zurückzukehren und so aus einem Gitarristen-Instrumental irgendwie doch noch einen Song mit Human-Factor zu machen. Und genau das konnte Joe Satriani immer besser als manch andere Mitbewerber: die Virtuosität einen Gang zurückschalten um seine Gitarre wie eine Stimme einzusetzen. Bei ,The Elephants Of Mars‘ navigiert er dann aber im weiteren Verlauf des Albums auch mal haarscharf am Balladenkitsch vorbei (,Faceless‘), rockt einen souligen R&B-Groove (,Blue Foot Groovy‘) und shreddet sich einen Track weiter mit ,Tension And Release‘ ins Universum. An Abwechslung mangelt es diesem neuen Werk wirklich nicht, keine Frage. Und irgendwie waren auch früher schon einige Satriani-Alben eher Compilations vieler verschiedener musikalischer Ideen. Eines der coolen Highlights mit allen JS-Qualitäten, die ich mag ist ,E 104th St NYC 1973‘: Das ist einer dieser Album-Titel, die man so nicht erwartet, die sehr schön arrangiert sind und dynamisch wie in puncto Sounds immer wieder überraschend in neue Richtungen abgehen. ,Through a Mother’s Day Darkly‘ und auch ,Desolation‘ halten dieses hohe Niveau, und diese drei sind meine Highlights eines Albums, das Joe-Fans aller Lager bedienen möchte. OK! lt  

JOHN McLAUGHLIN: THE MONTREUX YEARS
Gitarrenlegende John McLaughlin persönlich hat angeblich die Tracks zu dieser Live-Compilation zusammengestellt. Dabei handelt es sich um seine besten Aufnahmen vom Montreux Jazz Festival aus den Jahren 1978 bis 2016, eingespielt mit Paco De Lucia, dem Mahavishnu Orchestra, den Free Spirits, The Heart of Things und The 4th Dimension. Leider fehlt auf der CD-Version gegenüber der 2LP-Ausgabe der wunderbare Titel ,Friendship‘ (im Original vom 1978er Album ,Electric Guitarist‘)  von McLaughlins End-70er-Formation The One Truth Band – dabei hätte der noch draufgepasst. Die beiden Acoustic-Tracks mit Paco De Lucia nehmen dafür ganze 23 Minuten ein. Die CD kommt als sehr schönes Hardcover-DigiPak mit 12-seitigem Booklet. Spannende Musik, die irgendwie zu den Live-Aufnahmen gehört, die man sich dann doch als Video wünscht. Denn hier wurde schon ausgiebig gitarrengefrickelt, interagiert und soundgezaubert auf der Bühne. Was für ein genialer Gitarrist, was für großartige Musiker! lt

BASS BASS BASS. MORE BASS

+ Bekannt wurde JOCHEN SCHMIDT-HAMBROCK (*1955) als Bassist in Bands von Friedrich Gulda, Manfred Schoof, Alexander von Schlippenbach und Michael Sagmeister, und von 1989 bis 1995 gehörte er zu Klaus Doldingers Passport. Seit den 80ern ist Schmidt-Hambrock aber auch als Film- und TV-Musik-Produzent aktiv. Jetzt hat er, erstmals auf seinem eigenen Label bassbassbass, das neue Album ,Kind Of Class… ish‘ veröffentlicht. Eins vorab: Diese Musik gibt es nur digital bei den bekannten Anbietern; bei Apple Music und Deezer sind auch Dolby-Atmos-Mixe für Kopfhörer-Genießer erhältlich. In den sechs sehr sphärischen Tracks, die einen schon bei Stereo-Konsum in den musikalischen Raum zu saugen scheinen, ist Jochen mit verschiedensten Bass-Instrumenten zu hören: einem Meister-Neuner-Kontrabass von 1870, einem alten Fender Jazz Bass und einigen neuen Klangkörpern wie seinem Stradi 6 String sowie einem 6 String Fretless, 6 String Piccolo und 6 String Piccolo Fretless vom selben Hersteller. Gestimmt sind Jochens Sechssaiter übrigens auf EADGCF. Der Titel seines neuen Albums bezieht sich auf die klassischen Bezüge der Musik: ,Solveigs Song‘ stammt aus der ,Peer Gynt Suite‘ von Edvard Grieg, ,Tann‘ ist Schmidts Version der ,Tannhäuser Ouvertüre‘ von Richard Wagner, weitere Beiträge wurden inspiriert von Carlo Gesualdo und Wolfgang Amadeus Mozart. Wer etwas intelligent gemachte Entspannung im zwar beatfreien, aber basslastigen Klangraum sucht, sollte dieses Album gehört haben. Ein eigener Planet. lt   

+ Eine der wichtigsten Formationen des europäischen Nachkriegs-Jazz war das HANS KOLLER / OSCAR PETTIFORD QUARTETT FEAT. ATTILA ZOLLER & JIMMY PRATT. Jetzt sind mit ,Black Forest Echoes. Unreleased Tapes from 1959′ großartige Aufnahmen der legendären Besetzung erschienen. Diese Versionen bzw. Takes vom Februar 1959 sind für Fans des amerikanischen Bandleaders, Bassisten & Cellisten Oscar Pettiford aber auch des legendären ungarischen Gitarristen Attila Zoller, der hier ausgiebig soliert und sehr cool begleitet, ein absolutes Geschenk. Die jetzt auf erstklassig produziertem Vinyl vorliegenden Aufnahmen nehmen es mit jedem bisher bekannten Track der legendären Session aus der Villa des späteren MPS-Gründer Hans Georg Brunner-Schwer auf. Hauptsolist ist Tenor-Saxophonist Hans Koller dessen warmer hier sehr plastisch rüberkommt, ebenso das stoisch swingenden Rhythmus-Fundament von Drummer Jimmy Pratt und die unglaublich coolen Linien von Co-Bandleader Oscar Pettiford. Wer so walken kann, hat als Bassist gewonnen. Natürlich hören wir hier heute traditionellen, swingenden Jazz, dessen damals als cool und wegweisend empfundene Modernität immer noch immens strahlt. Als Zugabe gibt es hier noch den gut zweiminütigen, gesprochenen Track, ,Hans Koller erzählt Wiener Geschichten‘ – absolutely Leiwand! lt

+ 2016 gründete der österreichische Kontrabassist Lukas Kranzelbinder (*1988) seine Formation SHAKE STEW, die mit ,Heat’ jetzt ihr fünftes Album vorlegt. Interessant: Neben der Horn-Section von Astrid Wiesinger (as), Mario Rom (tp), Johannes Schleiermacher (ts), sowie den beiden Schlagzeugern  Nikolaus Dolp und Herbert Pirker, hat der Bandleader mit Oliver Potratz auch noch einen zweiten Bassist an seiner Seite, der auch schon mal in höheren Lagen das Gesamtklangbild bereichert. Viele Tracks bauen auf klar strukturierten Bass-Riffs auf, die dann eine unglaubliche Tragkraft entwickeln und mit ihrem eigenwilligen Flow Markenzeichen dieser besonderen europäischen Jazz-Musik sind. lt

+ Der in Flensburg geborene Kontrabassist Martin Wind (*1968) ist seit 1997 Dozent an der Jazz-Abteilung der New York University, hat aber auch eine Affinität zu Klassik-Projekten. Auf ,Air‘ vom MARTIN WIND NEW YORK BASS QUARTET, zu dem seine Kontrabass-Kollegen Gregg August, Jordan Frazier und Sam Suggs gehören, die hier von Matt Wilson (dr/perc), Lenny White (dr) und Gary Versace (p/organ/acc) begleitet werden, sind neben drei Eigenkompositionen u.a. ein Beatles-Medley, Charlie Hadens ,Silence‘, der Weather-Report-Hit ,Birdland‘ und Johann Sebastian Bachs ,Air‘ zu hören. Klingt irgendwie nach einer gut gelaunten Bassisten-Party. Reinhören! lt

+ E-Bassist SAMY SAEMANN ist ohne Frage Fusion-Fan. Und so klingt sein neues Solo-Album ,Lupa Lupa!‘ mit seinen vielen geslappten Bass-Licks, den knackigen Drums und den eingängigen Melodien wie aus einer anderen Zeit. Dabei aber absolut authentisch, und vor allem handwerklich sehr ausgreift und extrem virtuos. Neben dem 1970 in Brasilien geborenen Bandleader aus Greußenheim bei Würzburg sind hier in einer wirklich interessanten Band-Besetzung – Keyboards, Drums, Violine und Trompete – noch Gäste an Cello, Querflöte, Streichinstrumenten und Gitarre zu hören; letztere bedient Dennis Hormes. Gute-Laune-Musik mit ein paar ganz coolen, funky Tracks! lt

+ Irgendwo zwischen Funk, Soul, Jazz, Pop und Rock agiert auch der Kölner-Bassist WERNER HÖPFNER, dessen 2019 erschienenes Album ,Back In Town‘ absolut gelungen war. Jetzt gibt es mit ,Heartbeats‘ die Fortsetzung, und gleich der orchestrale, cool groovende Opener & Titel-Track, mit fetter Bläser-Besetzung, zeigt wo es hier langgeht. Höpfners cleaner, voller Bass-Sound und seine gut arrangierten Kompositionen haben ihre Roots im 70s/80s-Fusion Sound, klingen gelegentlich auch nach funky US-TV-Soundtracks. Acht coole Instrumentals und ein echter Disco-Rocker mit Sängerin Tatjana Falvey machen Werner Höpfners ,Heartbeats’ zu einem abwechslungsreichen, dezent bassistischen Solo-Album – der Mann ist Band-Musiker und weiß, was ein Track braucht. Gelungen! lt  



THE BAND: CAHOOTS
The Band liebe ich seit Bob Dylan & The Bands Album ,Before The Flood’. Denn damals standen hinter dem genial-grummelnden Mysterium Dylan noch fünf mindestens so charismatische Musiker auf der Bühne, die man sakrilegierend sogar als bessere Sänger bezeichnen könnte: Gitarrist, Pianist & Songwriter Robbie Robertson, Bassist & Sänger Rick Danko, Levon Helm an Schlagzeug, Mandoline, Kontrabass und Gesang, Richard Manuel spielte Klavier, Orgel, Slide-Gitarre, Schlagzeug und sang ebenfalls, an Orgel, Klavier, Tenor- und Bariton-Saxophon war Garth Hudson zu hören – The Band waren schon ein multiinstrumentales Ensemble in jeder Hinsicht.
Cahoots, das vierte Werk der kanadischen Folk- und/oder Country-Rocker, erschien am 15. September 1971 und kam bei vielen Kritikern und Käufern weniger gut an. Haupt-Songwriter war immer noch Robbie Robertson, nur ,Life Is A Carnival‘ war eine Gemeinschaftskomposition von Danko, Helm & Robertson. Richard Manuel steuerte diesmal keinen Track bei, Gast Van Morrison war Co-Songwriter von ,4% Pantomime‘ und von Bob Dylan wurde ,When I Paint My Masterpiece‘ gecovert. Interessant ist, dass Robbie Robertsons ausdrucksstarke Stimme seit dem 1968er Debüt ,Music From Big Pink‘ nicht mehr auf Studio-Alben der Band zu hören war.
Wenn ich mir das Album heute anhöre, finde ich es wirklich stark, wenn auch die großen Hits fehlen. Gute Songs liefert es trotzdem, und musikalisch, in punkto Arrangements, in Bezug auf die instrumentalen und vokalen Beiträge, hört man hier auch über 50 Jahre nach seiner Entstehung, ein wunderbares Werk zwischen den Stilen: Folk, Rock, Country, etwas Soul, etwas Gospel, ein paar fast psychedelische Momente wie in ,The Moon Struck One‘ … The Band waren Meister des Crossover und haben ohne Frage einen ganz eigenen Sound geschaffen. Ein Sound, ohne den viele Musiker nach ihnen, darunter ganz sicher die wunderbare Tedeschi Trucks Band, anders klingen würden. Und damit sind wir beim aktuellen Jubiläumsprodukt zum vergangenen 50. Geburtstag von ,Cahoots‘. Die zu solchen Anlässen vertriebenen opulenten Box-Sets sind für manche Musikfreunde ja immer wieder Aufreger, und es fallen Urteile wie “Abzocke”, “überflüssig”, “Geldmacherei”, “lohnt sich nicht” etc. Sollte sich jemand angesprochen fühlen, empfehle ich nach Rücksprache mit der Deutschen Herzstiftung und Karl Lauterbach: Bitte nicht weiterlesen – und zu Spotify wechseln! Denn die erzkapitalistische alte Major-Institution Capitol Records hat das verkannte Meisterwerk jetzt als 2CD-Set, Doppel-Vinyl und in einem Super Deluxe Package veröffentlicht, die sich preislich zwischen 18 und 130 Euro bewegen. Im letztgenannten Paket, einer großformatigen Box, findet man die neu half-Speed-gemasterte LP, eine 7″-Vinyl-Single, zwei CDs mit Bonus-Tracks, Alternate-Versions und Instrumentals, außerdem Live-Mitschnitte aus dem Pariser Olympia von 1971, und eine Blu-ray, die neben Dolby-Atmos- und Hi-Res-Stereo-Mixen noch eine wirklich musikalische, sehr gut gelungene 5.1-Surround-Sound-Mischung des Albums und von vier Bonus-Tracks liefert. Dazu kommen noch ein 20-seitiges Booklet, gedruckt auf hochwertigem Papier und drei Lithografien basierend auf Fotos von Barry Feinstein, Richard Avedon und Gilbert Stone. Produziert wurde das Ganze unter Mitwirkung von Robbie Robertson und Bob Clearmountain.
“Lohnt sich das denn wirklich?”, höre ich da gerade jemanden fragen, der doch weitergelesen hat. Klar, denn alleine schon der neue Stereo-Mix macht die Musik einfach transparenter und lebendiger, denn im Original haben die sehr fett gemischten Instrumente oft einen Vorhang vor Schlagzeug und Stimme gezogen und jede Räumlichkeit verhindert. Das ist jetzt komplett anders und ab knapp 20 Euro zu haben – inklusive Bonus-Tracks und atmosphärischem Live-Mitschnitt. Alles in allem und in jedem Format eine gelungene, hochwertige Wiederveröffentlichung. lt

KEITH RICHARDS: MAIN OFFENDER
Da Keith Richards wahrscheinlich mit 111 Jahren, wenn die Stones schon lange Geschichte sind, immer noch nicht in der Kiste liegt, übt er sich schon mal mit der Vermarktung seines überschaubaren Solowerks, bevor er uns hoffentlich auch mal wieder mit neuer Ware beglückt. Ja, ,Main Defender‘ ist schon fast 30 Jahre alt: Es erschien im Oktober 1992, vier Jahre nach Richards’ Debüt ,Talk Is Cheap‘ und zehn Monate nach ,Live At The Hollywood Palladium‘. Das Album wurde von den X-Pensive Winos eingespielt: Drummer Steve Jordan (inzwischen selbst ein Rolling Stone), Gitarrist Waddy Wachtel, Bassist Charley Drayton, Keyboarder Ivan Neville, Sängerin Sarah Dash und den Background-Sängern Bernard Fowler und Babi Floyd. Die unglaubliche, schnodderige Coolness von Keefwürden hat noch nicht mal Hits verhindert, und ,Main Offender‘-Tracks wie ,Wicked As It Seems‘ und ,Hate It When You Leave‘ kennt jeder, der das Wort “Keetarre” schreiben kann. Jetzt gibt es auch hier wieder den Senioren-Präsentkorb des analogen Music-Biz, aka Jubiläums-Reissue: Keith Richards veröffentlicht sein gefeiertes, zweites Solo-Album als limitiertes Super-Deluxe-Boxset, das neben dem originalen Opus auf rauchfarbener LP und CD außerdem noch den unveröffentlichten Konzertmitschnitt ,Winos Live In London ’92‘ enthält, aufgenommen im Town & Country Club – letzterer kommt als Doppel-Vinyl und 2CD-Set, u.a. mit einer eigenen Version von ,Gimme Shelter‘. Dazu gibt es ein 88-seitiges Buch mit Fotos, Abbildungen handgeschriebener Lyrics, Essays über die Original-Album-Veröffentlichung, plus noch einen Umschlag mit Archivmaterial, Nachdrucken von Promo-Flyern, Sticker, einem Plektrum und ähnlicher Spaßware. Rein klanglich bietet das remasterte Album keine weltbewegenden Vorteile gegenüber der Originalausgabe. Aber das Vinyl ist sehr ordentlich gefertigt, und vom Sound her absolut einwandfrei, die Box hochwertig und für Fans ein kleiner Vergnügungspark, der uns die lange Zeit zum nächsten Jubiläum verkürzt: Am 18. Dezember 2023 wird Keith Richards 80. Achtzig Jahre?!?! Er sieht langsam wieder jung aus für sein Alter. lt

GÜNTER ASBECK: EVOLVE
Ein Pop-Musiker mit ganz viel Repertoire-Erfahrung ist hier zu hören – das machen schon die ersten Takte des Album-Openers klar. Denn der Kölner Bassist, Komponist und Sänger Günter Asbeck hat ein untrügliches Gefühl für die passenden Sounds an der richtigen Stelle, für Song-Dramaturgie und für schlüssige Arrangements. Ein Resultat ist, dass man sich als Hörerin wie auch als Hörer in der Musik von ,Evolve’ ganz schnell zu Hause fühlt. Dieses Album könnte man bei jedem besseren Classic-Pop-Rock-Sender einfach durchlaufen lassen – da stimmt jeder Song. Mit Bassist Günter Asbeck, der auch diverse Keyboards und Gitarren eingespielt hat, waren u.a. die Gitarristen Peter Wieschermann, Chris Vega und Dennis Hormes, die Drummer Dirk Sengotta und Knut Jerxsen sowie die Keyboarder Daniel Sok und Marin Subasic im Studio. Bei zwei Stücken hat er als Gäste Selina Albright und Dennis LeGree ans Mikrofon gelassen, was diesem abwechslungsreichen Album zu noch mehr Farben verhilft – wie auch der Einsatz von Saxophonist Will Donato. Großartig gemixt haben der legendäre Chris Lord Alge und Chris Bolster (Abbey Road Studios), und absolut gelungen ist auch das schöne und informative DigiPak mit Booklet. Hier hat jemand ganz genau gewusst, was er wollte und nichts dem Zufall überlassen – und landete dann verdientermaßen auch für einige Wochen in den US-Radio-Airplay-Charts. Erfahrung, Professionalität, Feeling und ganz viel Liebe zur Musik hört man hier aus jeder Note. Sympathisch. Weitere Infos zum Künstler: http://www.guenterasbeck.de lt

PHILIPP VAN ENDERT & DAS FILMORCHESTER BABELSBERG: MOON BALLOON

Jazz-Alben mit Streichern oder großem Orchester? Da fallen mir zuerst ,Charlie Parker With Strings‘ (1950) ein, ,Fusion! Wes Montgomery With Strings‘ (1963), aber auch John McLaughlins Mahavishnu Orchestra mit ,Apocalypse’ oder Terje Rypdals ,Whenever I Seem To Be Far Away (1974). Jetzt hat sich auch der Düsseldorfer Gitarrist Philipp van Endert zum jazzinfonischen Musiker qualifiziert – mit dem Filmorchester Babelsberg und ,Moon Balloon‘.

Wer Philipp van Endert (*1969) und seine vielfältigen Projekte der vergangenen drei Dekaden kennt, ahnt schon, dass er auch aus dieser neuen Spielsituation etwas Besonderes generiert haben wird. Nach seinem Studium am Berklee College of Music in Boston, das er mit Auszeichnung bestand, hat Philipp an rund 50 Alben mitgewirkt und sich vom Jazz-Rock- und Fusion-Sound der 90er-Jahre schnell in Richtung Modern Jazz orientiert und war häufig in kleineren Besetzungen zu hören. Seit über 25 Jahren arbeitet er mit dem Klarinettisten Lajos Dudas zusammen, hat mit den Gitarristen Alex Gunia, Bret Willmott und Axel Fischbacher aufgenommen, ebenso mit dem Vibraphonisten Mathias Haus, dem Kontrabassisten André Nendza oder den Sängerinnen Anne Hartkamp und Tossia Corman. Van Enderts letzte Trio-Alben ,Presence‘ (2014) und ,Cartouche‘ (2019), veröffentlicht auf seinem eigenen Label JazzSick Records, gehörten zum Besten, was die europäische Gitarrenszene in dieser Dekade zu bieten hatte.

Anfang März 2022 erscheint mit ,Moon Balloon‘ ein Album, das für den sympathischen und eher zurückhaltenden Künstler ein großer Schritt gewesen sein muss. Raus aus der kammermusikalischen Intimität von Duo und Trio, und vor allem raus auf die große Bühne, als Solist vor einem sinfonischem Ensemble, das schon vor einem Jahrhundert Fritz Langs Stummfilm “Metropolis” mit Musik begleitete. Frage an den Gitarristen: Hat ihn irgendein bestimmtes früheres Jazz-Album mit orchestralen Arrangements direkt inspiriert? “Es gibt ja einige tolle Produktionen, die Jazz-Musiker und Orchester zusammengeführt haben und eine ganze Reihe davon mag ich sehr. Vor allem aber die Produktionen von oder mit Vince Mendoza höre ich wahnsinnig gerne, darunter die Aufnahmen von John Scofield mit dem Metropole Orkest.”

Das Filmorchester unter der Leitung von Jörg Achim Keller, interpretiert fünf Kompositionen von van Endert sowie einen Titel des japanischen Jazz-Pianisten Makoto Ozone. Arrangiert wurde das Material vom Filmkomponisten Peter Hinderthür, früher unter dem Namen Tex Super als Bassist mit Cultured Pearls, der wunderbaren Band um Sängerin Astrid North unterwegs. Philipp van Endert: “Als mein Freund Peter Hinderthür mit der Idee zu mir kam, meine Stücke für Orchester zu arrangieren, war ich sofort total begeistert und gleichzeitig hatte ich auch ein Riesenrespekt davor. Vor allem war es uns wichtig, dass das Orchester wirklich einen wichtigen Teil der Arrangements und der Musik übernimmt und nicht nur eine begleitende Funktion hat. Die Rollenverteilung zwischen dem Orchester und mir sehr interaktiv und ausgeglichen gestaltet … Ich freue mich so sehr darüber, dass meiner Musik dadurch Türen geöffnet wurden, die ich selber nicht gefunden hätte.”

Am Mix war dann mit Florian van Volxem ein weiterer Könner aus der Filmmusikszene beteiligt: “Florians Art meine Musik zu mischen, habe ich schon einige Male erleben dürfen, aber dieses Projekt war durch seine Größe auch für ihn etwas Besonderes. Was ich besonders an ihm schätze ist, dass sich die Art, wie er sich einbringt, anfühlt wie die eines Band-Mitglieds, und weil er ein ebenso passionierter Musik-Fan und Musiker ist wie ich, lässt er keine Zeit und Energie aus, um das absolute Optimum aus den Aufnahmen und der Musik herauszuholen.”

Und so wird man wird als Hörerin oder Hörer immer wieder überrascht, von kleinen Solo- oder Duo-Spots, und von Räumen, die sich auftun und zu weiten Klanglandschaften wachsen. Dabei behält die Musik immer ihre Transparenz, Beweglichkeit, Lebendigkeit – und die bleibt ja bei großen Besetzungen oft im Mix auf der Strecke. ,Moon Balloon‘ klingt, wenn man mit den Schwingungen eines unverstärkten, sinfonischen Ensembles vertraut ist, absolut authentisch. Das gilt ebenso für die semiakustische E-Gitarre von Philipp van Endert, der sich hier – das machen schon die ersten Töne klar – seine Sensibilität und Emotion bewahrt hat. Mit dabei als Gastsolisten waren van Enderts Trio-Mitmusiker, Kontrabassist André Nendza und Flügelhornist Christian Kappe, die jeweils in zwei Tracks zusätzliche Farben beisteuern.
Ein kompetentes, kreatives Team ist wichtig für so ein Projekt, und bei ,Moon Balloon’ ist auch das opulente DigiPak, grafisch gestaltet und bebildert von Tanja und Thomas Kruesselmann, in ästhetischer Hinsicht auf dem Niveau der Musik. Das macht gespannt auf die Vinyl-Ausgabe dieses Albums, das digital zusätzlich noch im Klangformat Dolby Atmos erscheinen wird.

Letzte Frage an Philipp van Endert: Kommt dann jetzt als nächstes vielleicht ein unbegleitetes Solo-Album? “Interessanterweise war das wirklich ein Gedanke, den ich bereits vor dieser Produktion hatte, und ich werde auf jeden Fall bald ein Solo-Album aufnehmen. Ein bisschen Mut muss ich noch sammeln. Ich spiele zwar sehr gerne Solo-Gitarre aber im Vergleich zur Musik anderer Kolleginnen und Kollegen wäre es wahrscheinlich von der Technik her etwas rauer und nicht ganz perfekt. Aber vielleicht wäre ja gerade das sogar reizvoll.” lt JAZZthetik

PHILIPP VAN ENDERT & ORCHESTRA: MOON BALLOON
Diesen Gitarrist kennt man eigentlich aus kleinen Besetzungen: Philipp van Enderts (*1969) letzte Trio-Alben unter eigenem Namen, ,Presence‘ (2014) und ,Cartouche‘ (2019) gehörten zum Besten des europäischen Gitarren-Jazz, der letzten Jahre, ebenso seine Duo-Aufnahmen mit dem Vibraphonisten Mathias Haus, dem Gitarristen Axel Fischbacher und dem Klarinettisten Lajos Dudas. Jetzt hat der E-Gitarrist van Endert mit dem legendären Filmorchester Babelsberg, geleitet von Jörg Keller, kooperiert und ein wunderbares, orchestrales Album mit virtuosen, spannenden Gitarrensoli aufgenommen. Als Gastsolisten waren in jeweils zwei Tracks van Enderts Trio-Mitmusiker, Kontrabassist André Nendza und Flügelhornist Christian Kappe dabei. Die auch klanglich wirklich beeindruckende Produktion zeigt Philipp van Enderts Kompositionen neu arrangiert vom Filmkomponisten Peter Hinderthür, der früher übrigens unter dem Namen Tex Super als Bassist mit Cultured Pearls, der wunderbaren Band um Sängerin Astrid North unterwegs war. Den Mix besorgte mit Florian van Volxem ein weiterer Könner aus der Filmmusikszene. Ein perfektes Jazz-Classic-Score-Crossover-Unternehmen, bei dem sich die Richtigen gefunden haben. Jetzt fehlt nur noch der Film zur Musik. lt in G&B

KLAUS MICHEL: THE END

Zweieinhalb Jahre nach ,Of Lovers, Friends & Other Enemies‘ und ein gutes Jahr nach ,Primavera‘ liefert uns Klaus Michel, Sänger, Songwriter, Gitarrist, Keyboarder, Produzent, Daniel-Lanois-Fan und mehr aus dem Hunsrück, ,The End‘. Eins vorab, Klaus: Ende ist nicht. Du machst mal fein weiter! Denn Opus 3 dieser Drei-Jahres-Trilogie liefert einmal mehr beeindruckende Musik, fast durchgehend im Band-Format, mit weiten Räumen, sehnsüchtigen Harmonien, traurigen Slide-Sounds und einer immer mal wieder psychedelisch gefärbten Americana-Atmosphäre – das ist schon ganz großes Alternative-Country-Kino! Bei ,The End‘ stimmt einfach alles: Die Gitarren- und Pedal-Steel-Sounds sind großartig und lebendig, der Bass drückt da, wo er hingehört und die Stimme fliegt durch die Songs, in denen ständig abgefahrene Sounds rumwirbeln und so eine ganz eigene Atmosphäre schaffen. Insgesamt 20 Musikerinnen & Musiker waren an diesen Aufnahmen beteiligt, darunter Klaus’ langjährige Begleiter Kay Zingler (b), Oliver Kölsch (dr), Tim Greiner (kb) und Peter Dümmler (a-g), an der Pedal Steel Guitar ist in zwei Tracks Martin Huch zu hören. Abgerundet wird diese Veröffentlichung durch das extrem geschmackvoll designte Booklet – alles in allem also eine absolute Kaufempfehlung für den übernächste Woche ausgestorbenen physischen Tonträger CD. So, beautiful friends & girlfriends – this is the end! Weitere Infos, Tour-Termine und mehr unter http://www.klaus-michel-music.com lt G&B

DAVID NESSELHAUF: RITUALS EP

Der Name David Nesselhauf tauchte in den vergangenen Jahren immer mal wieder an dieser Stelle auf. Denn der 1980 in Berlin geborene Bassist und praktizierende Mediziner ist nun mal sehr aktiv in der HH-Szene: Diazpora, Afrokraut, die Hamburg Spinners – und jetzt hat David auch noch seine Solo-EP ,Rituals‘ veröffentlicht. Ein 23-minütiger Trip zwischen den Stilen und Stühlen Krautrock, Downbeat, Drone, Electronica, Afrobeat, LoFi, Shoegaze, oft funky, immer groovend, rollend, mitreißend. Eingespielt hat Nesselhauf einige Tracks im Alleingang, u.a. mit einem analogen Vermona-Drum-Synthesizer, an anderen waren Schlagzeuger Julian Gutjahr, die Gitarristen Dennis Rux und Graeme Currie sowie Sänger Soulamadou mit einer Nachricht auf Davids Anrufbeantworter beteiligt. Mehr wird nicht verraten, denn ,Rituals‘ ist ein absolutes Überraschungspaket mit vielen deepen, coolen, vibrierenden Basslines, und bewegungsfördernden Grooves, die gute Laune machen. David ohne Diazpora klingt wie Hattler ohne Hellmut plus Can ohne Cannabis, dazu noch ordentlich gewürzt mit jeder Menge origineller und inspirierender Zutaten. Großartig! lt G&B

AXEL MANRICO HEILHECKER: READY FOR THE GOOD LIFE

Food Band, Wolf Maahn, Harald Schmidt Show, das geniale Avantgarde-Psycho-Folk-Duo Phonoroid, das Instrumental-Projekt Fishmoon – und das sind nur einige der vielen musikalischen Stationen von Axel Manrico Heilhecker (*1954). Jetzt hat der Gitarrist, Komponist, Produzent & Sänger – immer für Überraschungen gut – mal ein ganz konventionelles, rockendes Song-Album eingespielt, und zwar im Alleingang; einziger musikalischer Gast ist bei einigen Tracks Sängerin Jane Palmer. Heilhecker liefert hier gut gemachten und abwechslungsreich arrangierten Oldschool-Gitarren-Rock, aufgepeppt mit jeder Menge  kurzer aber intensiver Solo-Spots, in denen er sich auch mal als Blackmore-Fan zu erkennen gibt. Um dann einen Track weiter irgendwo zwischen Stevie Ray Vaughan und Jimi Hendrix auf höchstem Niveau abzubluesrocken. Stimmlich originell irgendwo zwischen Willy DeVille, Bob Dylan und Robbie Robertson angesiedelt, findet die Virtuosität hier aber am Instrument statt – und Axel Heilhecker ist einfach ein absolut großartiger Gitarrist, der genau so Popsongs melodisch veredeln wie virtuosen kraftvollen Blues zelebrieren kann, Soul, Jazz & Funk im Repertoire hat, und seine Gitarre auch schon mal bis in abstrakte Geräuschsphären fliegen ließ. Letzteres passiert zwar auf dem neuen Album eher weniger, aber dafür fliegen einem hier jedem Menge neue klassische Rock-Nummern entgegen. Bodenständig. lt G&B

DIETER ILG: DEDICATION

Dieter Ilg (*1961) ist Kontrabassist, Komponist und immer wieder Projektleiter interessanter Konstellationen und Begegnungen zwischen Jazz, Klassik und Folklore. Seit den 1980ern spielte er u.a. im Quintett von Randy Brecker, mit  Mike Stern, Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Nguyên Lê, Charlie Mariano, Rolf Kühn, Christof Lauer, Dave Liebman, Bennie Wallace, Sadao Watanabe, Dave Friedman, Wolfgang Muthspiel  und Trilok Gurtu. Beachtlich! Ein gefragter Musiker ist der mehrfache Jazz-Preisträger aber auch als Solist, denn seit  2008 tritt Ilg immer wieder mal ohne Begleitung bei Festivals und in Clubs auf. Mit ,Dedication‘ kann man sich jetzt Dieter Ilg solo nach Hause holen. Man sitzt dann sehr nahe an seinem Kontrabass und erlebt feinste Klang-Nuancen dieses großartigen Bassisten sehr plastisch mit. Für die hervorragende Aufnahme, die im Oktober 2020 im SWR-Studio Baden Baden mitgeschnitten wurde, ist Manfred Seiler verantwortlich. Toller Sound! Wie der Album-Titel vermuten lässt, ist die Musik jemandem gewidmet – Johann Sebastian Bach, HardBop-Trompeter Nat Adderley, Bass-Ikone Charles Mingus, der Free-Jazz-Bassist Peter Kowald, Charlie Mariano und auch die Mutter des Solisten werden in den Credits genannt, aber auch Aspekte des Lebens, das Analoge, die Endlichkeit, die Freiheit und die geschundene Erde: ,Forest Kill‘ heißt der zerrende und krachende Track, und ich ertappe mich, wie ich im ersten Moment entsetzt vermute, die rechte Box meiner Abhöranlage sei hinüber … eine peinlich-kleinliche Reaktion, wenn man weiß, wieviel mehr und lebenswichtigeres die Menschheit seit Jahrzehnten zerstört. Beeindruckend ist, wie Dieter Ilg hier improvisatorisch musikalische und außermusikalische Themen nebeneinander stellt, sie irgendwie auch verbindet und auch zum Denken anregt. Ein intensives Klangerlebnis! lt G&B

SÖNKE MEINEN: SPARK

Das Debüt-Albums des 1991 geborenen Gitarristen hieß ,Perpetuum Mobile‘ (2016), und seitdem hat Sönke Meinen mit seiner Musik eine Menge Menschen weltweit verblüfft. Denn seine reibungsfreie, kontrollierte Leichtigkeit, seine Melodien die klingen, als kämen sie von einer Spieluhr mit Human Factor, und seine an die Grenzen des gitarristisch wie physisch Möglichen gehenden HiSpeed-Tracks sind schon sehr individuell und verbinden extreme Virtuosität mit ganz viel Ausdruck. Dafür wurde er mehrfach ausgezeichnet, und der legendäre Kollege Tommy Emmanuel nannte ihn „einen der kreativsten Gitarristen der aktuellen Gitarrenszene“. Gelernt hat Sönke Meinen u.a. bei Thomas Fellow, Stephan Bormann und Reentko Dirks an der Hochschule für Musik in Dresden, wo er dann vor drei Jahren selbst eine Dozentenstelle für akustische Gitarre übernommen hat. Sein Hauptinstrument auf dem neuen Album ,Spark‘ ist eine Kobler-Nylonstring, und sein Fingerstyle-Konzept ist, wie seine Musik, stilübergreifend geprägt und verbindet vielfältige Einflüsse aus Folk, Jazz und Klassik. Gelegentlich hat er aber auch sehr eingängige Popmelodien im Angebot. Bei einigen Tracks ist Sönke mit Duo-Partnern zu hören, wie dem dänischen Violinisten Bjarke Falgren, mit dem er 2019 das Album ,Postcard To Self‘ veröffentlicht hat. Sönkes Website http://www.soenkemeinen.com verrät einiges über seine diversen Projekte und bietet auch Videos und Notenmaterial. Entdecken! lt G&B

Ein ätherischer, kurzer Prolog leitet dieses instrumentale Gitarren-Album ein – und dann wird man geradezu überrollt von dreieinhalb Minuten Hypervirtuosität eines Solisten, der technisch und interpretatorisch mehr Potenzial hat und Dichte erzeugt als manches Gitarren-Trio. Aber das ist nicht die stärkste Seite von Sönke Meinen – sein Ausdrucksspektrum, das er in ruhigeren, transparenteren Tracks zeigt, sein Ton, seine Dynamik, sind mindestens so anspruchsvoll, wie Meinens selbst für Gitarristen oft kaum nachvollziehbaren Darbietungen auf der Überholspur. Der 1991 geborene Musiker hat an der Hochschule für Musik in Dresden studiert, wo er seit drei Jahren auch selbst lehrt. Sein Thema ist die akustische Gitarre, die Nylonstring, und sein Fingerstyle-Ansatz ist wirklich schwer zu fassen. Man hört Einflüsse aus Folk, Jazz und Klassik, erlebt auch mal Rock-Intensität in ,Alpacalypse‘ und ein paar Popmelodien – wie z.B. in ,Mirror Of Water‘, das Meinen im Duo mit seinem ehemaligen Lehrer Reentko Dirks eingespielt hat. (Das beeindruckende Album ,Istanbul 1900‘ von Erkin Cavus & Reentko Dirks wurde in Ausgabe 09/10 2021 ausführlich vorgestellt.) ,Song For The Dreamers‘ hat Sönke Meinen im Trio mit Dirks und dem dänischen Violinisten Bjarke Falgren aufgenommen, mit dem er 2019 das Album ,Postcard To Self‘ produziert hat. Und hier überzeugt dann wieder die bereits erwähnte sensible Saite der Virtuosität, die aus einem einfach nur schönen, kleinen Arrangement berührende Musik macht. lt JAZZthetik

THE KBCS: COLOR BOX

Die Hamburger Band war zuletzt mit Rapper Thomas D aktiv, aber jetzt zeigen sich die fantastischen vier Hamburger auf ihrem neuen Album ,Color Box‘ von einer mindestens so spannenden Seite: Denn hier sind The KBCS – aka Lucas Kochbeck (dr), Nicolas Börger (kb), Lars Coelln (g) und Daniel Stritzke (b) – überwiegend instrumental zu erleben, aber eben nicht nur. Für vokale Abwechslung sorgen die wunderbare Nneka, Lui Hill, J.Lamotta, Flo Mega, Olivier St. Louis und im wunderbar relaxten Hit-Track ,Wasting All Your Lovin’‘ eine Sängerin namens Bowie, deren Stimme mich absolut voll verliebt abgeschossen hat, als ich sie zum ersten Mal im Radio hörte – merci, DLF-Kultur. The KBCS sind an sich schon ein Glücksfall, in punkto groovendem, souligem Funk-Instrumental-Sound, was sie bereits mit ihrem Debüt von 2019, ,Phô Sessions Vol. 1‘, unter Beweis gestellt haben. Jetzt legen die vier Musiker, die mal als Live-Begleiter für Flo Mega starteten, noch mal einen Gang zu. Eine Band ist eine Band ist eine Band – mit oder ohne Front(wo)man – und diese Band ist einfach genial. Für einige Leserinnen & Leser dieses Magazins müsste die nordische Soul-Coolness der String-Chiller Lars Coelln & Daniel Stritzke eine unbezahlbare Lehrstunde in effektivem Minimalismus sein. KBCS! lt G&B

MAX FRANKL: 72 ORCHARD STREET

So richtig jazzrockig startet dieses Album: Über einem tiefgelegten, angezerrten Gitarren-Riff suchen und finden sich Posaunist Nils Wogram und Saxofonist/Klarinettist Reto Suhner zum kompakten Thema des Titel-Tracks, um dann dem Mann an den sechs Saiten das Feld zu überlassen. Echo-Jazz-Preisträger Max Frankl wurde 1982 in Starnberg geboren, hat bei Martijn van Iterson, Wolfgang Muthspiel, Kurt Rosenwinkel und Frank Möbus studiert und seit 2005 acht Alben veröffentlicht. Auf ,72 Orchard Street‘ erlebt man Frankl als reifen Komponisten, Arrangeur und fähigen Bandleader, der das Album an nur zwei Tagen eingespielt hat – übrigens schon Ende März 2019. Die Besetzung, zu der auch Bassist Patrick Sommer und Drummer Lionel Friedli gehören, wirkt sehr homogen und kann sowohl als kompakter orchestraler Farbgeber wie auch mit solistischen Einzelleistungen überzeugen. Max Frankls warmer und trotzdem immer präsenter Gitarrenton unterstreicht seine Bewunderung für den Gitarristen Mick Goodrick, dem er ,Mr. Goodchord‘ gewidmet hat. Das sich anschließende ,Myrtle Avenue‘ zitiert umspielend ein Motiv von Terje Rypdals ,Ballade‘ ohne in dessen Klangsphären abzudriften, ebenso erinnert Saxofonist Reto Suhners Komposition ,Adios Machos‘ mal kurz an George Harrisons ,Isn’t It A Pity‘ um dann ganz eigene Wege zu gehen. Max Frankl ist, seit ich seine Karriere verfolge, immer wieder eigene Wege gegangen, und mit ,72 Orchard Street‘ scheint er auch mal angekommen zu sein – oder besser gesagt, kurz Rast zu machen. Verdient! lt JAZZthetik


MAX FRANKL: 72 ORCHARD STREET
Jazz-Gitarrist Max Frankl (*1982) hat bisher acht Alben unter eigenem Namen veröffentlicht, in New York gelebt und gearbeitet, den Echo-Award und das Musikautoren-Stipendium der GEMA erhalten, ein Studium in Digital Marketing absolviert und eine eigene Unterrichts-Plattform am Start. Sein neues Album, dessen Aufnahmen bereits 2019 im Kasten waren präsentiert ihn jetzt wieder mal als fähigen Komponisten und Bandleader. Frankl hat bei Martijn van Iterson, Wolfgang Muthspiel, Kurt Rosenwinkel und Frank Möbus studiert, und sein warmer Gitarrenton ist der rote Faden, der sich durch die sieben unterschiedlichen Tracks zieht. Als Fan hat er dem Gitarristen Mick Goodrick die Komposition ,Mr. Goodchord‘ gewidmet, die sich aus einer kollektiven Improvisation langsam in Richtung eines akkordischen Themas entwickelt, das ganz viel Freiraum lässt und sich dann zu einer echten Hymne aufbaut. Dem gegenüber steht der Titel-Track des Albums, der eine großartige Brücke zwischen riffigem Jazz-Rock und wunderbar pulsierendem Modern Jazz schlägt. Zur Band gehören Nils Wogram (tb), Reto Suhner (as, cl), Patrick Sommer (b) und Lionel Friedl (dr), die den Gitarristen Max Frankl tragen und auch fordern. Dessen solistische Beiträge sind wirklich eigenständig, geschmackvoll und auch dramaturgisch sehr individuell gestrickt. Tolles Album! lt in G&B

MARTIN WIND NEW YORK BASS QUARTET: AIR

Bandleader Martin Wind, geboren 1968 in Flensburg, ist, nach abgeschlossenen Studien seit 1997 Dozent an der Jazz-Abteilung der New York University – und auch als praktizierender Musiker in den USA und Europa erfolgreich, sowohl im Jazz wie auch in Klassik-Projekten. Jetzt hat er gemeinsam mit seinen Kontrabass-Kollegen Gregg August, Jordan Frazier und Sam Suggs sowie den Special Guests Matt Wilson (dr/perc), Lenny White (dr) und Gary Versace (p/organ/acc) drei Eigenkompositionen und sechs weitere Tracks eingespielt, darunter ein Beatles-Medley, den Weather-Report-Hit ,Birdland‘ und Johann Sebastian Bachs ,Air‘ – letzteres in zwei Versionen. Resultat dieses Viersaiter-Treffens ist eine musikalische Veranstaltung, die oft irgendwie an eine Musikergeburtstag-Jam-Session mit Bass-Battle erinnert, dann aber auch wieder intensivere Momente bietet, wie in Winds Komposition ,I’d Rather Eat‘, wo das kammermusikalische Setting unerwartet energetische, orchestrale Intensität erzeugt. Großartig! Dagegen hört sich an anderer Stelle manches mit dem Bogen gestrichene Bass-Solo, in punkto Intonation nach einer langen Party-Nacht an. Die Idee zu diesem Bass-Ensemble kam Wind während seiner Lehrtätigkeit. Er wollte “Studierende aus verschiedenen Stilrichtungen zusammenbringen, um mit ihnen ein breites Repertoire an Stücken zu spielen – von Bach-Chorälen, über Pop-Songs bis zu Jazz-Adaptionen.” Von den dabei gemeinsam erarbeiteten Arrangements haben es acht auf ,Air‘ geschafft. Unterhaltsam. lt JAZZthetik

KRAZY: SEIFENBLASENMASCHINE

Sie lebt in Köln, hat lange Straßenmusik gemacht, ganz viele Songs und auch mal ein Buch geschrieben, Theater ge- und bespielt, und ihre Texte haben das seltene Potenzial zu unterhalten, nahe zu gehen, intelligent-lustig und berührend-emotional gleichzeitig zu sein. “Muss man erst mal hinkriegen”, dachte ich beim ersten Anhören von ,Seifenblasenmaschine’, dem neuen Album der 1972 geborenen Frau, die auf der Bühne Krazy heißt. Und dass mich Texte berühren oder sogar in sich und den Song reinziehen, das passiert nur alle paar Jahre mal. Und wenn man Krazy live erlebt, als wirklich originelle Gitarristin und Sängerin, dann hat man nach drei Songs das Gefühl, dass sie da nicht mehr alleine auf der Bühne sitzt. Denn ihre Texte erzeugen Bilder, leben und bleiben, stehen dann irgendwann rechts und links von ihr, hinter ihr und vorne am Bühnenrand, und sie zieht die Fäden und die Lyrics ziehen zurück. 2018 traf Krazy auf Danny Dziuk, und der war begeistert. Nach einem gemeinsam geschriebenen Song und ein paar Konzerten entstand dann ein ganzes Album. Ihr zweites, nach zehn Jahren. Vocals, Percussion, Texte & Musik: Krazy. Piano, Gitarre, Keyboard, Vocals, Arrangements & Produktion: Danny Dziuk. Dazu noch ein paar Gastmusiker, und schon klingt ,Seifenblasenmaschine‘ irgendwie wie ein echtes Band-Album. Verrückt ist, dass diese Songs in beiden Formaten, orchestriert wie solo, absolut stark und lebendig bleiben, ganz egal ob sie von Piano- und Bläser-Sounds oder nur von Krazys Akustikgitarre getragen werden, auf der sie eigenwillige Pickings und immer wieder kleine Flageoletts, Scratches und Dead-Notes in die Harmonien zaubert. Und bei Songs wie ,(Auf Dich) Warten‘ und ,Nur Ne Idee‘ kommt noch dazu, dass man glaubt, sie wisse eine ganze Menge über dich und hätte ein paar wichtige Momente deines Lebens zu ihren Songs eingedampft. 

Krazy ist einfach eine beeindruckende Musikerin. lt G&B

JEFF PARKER: FORFOLKS

Nicht erst seit dem genialen Album ,Suite For Max Brown‘ (2020) weiß man, dass Jeff Parker, bekannt als Gitarrist der Chicagoer Indie-Alternative-Crossover-Experimental-Instrumental-Avantgardisten Tortoise, eine ganz und gar unberechenbare Größe an seinem Instrument ist. Dem 1967 in Bridgeport, Connecticut geborenen Musiker ging es immer um Improvisation und interpretatorische Freiheit, ganz egal ob er mit Tortoise, Joshua Redman, Brian Blade oder MeShell Ndegeocello spielte, sich im Post-Rock, HipHop, der Jazz-Avantgarde oder in der solistischen Einzelzelle bewegt. Letztere Assoziation löst Jeff Parkers neues Werk ,Forfolks‘ bei mir aus, denn man fühlt sich als Hörer, und sicher auch als Hörerin, immer wieder wie umwoben und geradezu eingezwängt von seinen stark komprimierten Clean-Sounds, den einfachen Pickings über sich aufbauenden, stehenden Soundscapes, die sehr nach dem Gamechanger-Audio-Plus-Pedal klingen, einem anspruchsvollen Gitarren-Effektgerät, das den Spieler fordert. Aber dann sind da auch noch andere, überwiegend akustische Tracks, die klingen wie 100 Jahre alte Feld-Aufnahmen oder unentdeckte Mitschnitte des coolsten Jazz-Gitarristen der 1950er-Jahre, Billy Bauer: Dabei handelt es sich um Interpretationen von Thelonious Monks ,Ugly Beauty‘ und den Standard ,My Ideal‘, die aus einer ganz anderen Welt stammen, als Parkers sechs Eigenkompositionen, dann aber doch irgendwie anschließen. Parker klingt oft wie ein Kind, das sich zum ersten Mal an einer alten Wandergitarre mit zwei Zentimeter hoher Saitenlage versucht und das Ganze mit seinem übersteuernden Ein-Knopf-Cassettenrekorder mit eingebautem Mikrofon aufnimmt. Was will uns der Künstler wohl damit sagen? Keine Ahnung, Folks. Der Künstler kann via http://www.intlanthem.bandcamp.com/album/forfolks besucht werden. lt G&B

EBERHARD WEBER: ONCE UPON A TIME

Was haben großartige Jazz-Alben wie Pat Methenys ,Watercolors‘, ,Ring‘ vom Gary Burton Quintet, Volker Kriegels LPs ,Inside: Missing Link‘, ,Lift‘ und ,Mild Maniac‘, ,Intercontinental‘ von Joe Pass oder ,The Dreaming‘ von Kate Bush gemeinsam? Den Bassisten! Er ist wahrscheinlich der international bekannteste deutsche Jazz-Musiker: Eberhard Weber, geboren am 22. Januar 1940 in Stuttgart-Hedelfingen, hat, ähnlich wie es Jaco Pastorius für den E-Bass getan hat, das Spiel des Kontrabasses im Jazz extrem erweitert, sowohl was die Tonbildung und Phrasierung angeht, aber vor allem auch in punkto klanglicher Präsenz. “Mein Ziel war es nie, einen eigenen Sound zu erfinden”, sagt Eberhard Weber. “Ich wollte einfach nur spielen.” Aber dabei auch in elektrischen Jazz-Bands gehört werden. Und so war Weber, der als Kind Cello lernte, als Jazzer früh mit Tonabnehmer, E-Bass und Electric-Upright aktiv. 1972 soll er in einem Antiquitätenladen einen alten Kontrabass gekauft haben, den er gemeinsam mit einem Instrumentenbauer immer weiter modifizierte. Übrig blieb ein schlanker Fivestring-Upright mit hoher C-Saite und minimiertem, massivem Korpus – ein neues Instrument mit mittigem, warmem Sound und einem Ton mit viel Sustain, den er außerdem gerne mit viel Hall und anderen Effekten versah. In dieser Zeit entstand auch sein Solo-Album ,The Colours Of Chloë‘ (1973), mit dem er und sein Label ECM weltweiten Erfolg hatten. Aufnahmen mit Pat Metheny, Gary Burton, Ralph Towner und Volker Kriegel folgten, außerdem war Eberhard Weber, wie bereits erwähnt, auch auf vier Alben der britischen Pop-Künstlerin Kate Bush zu hören. Pat-Metheny-Keyboarder Lyle Mays, der nur zweimal mit Weber zusammen spielte, war ein ganz großer Fan dieses Musikers, was sein leider im August 2021 posthum erschienenes, 13-minütiges Stück ,Eberhard‘ belegt. Da hatte Weber, der nach einem Schlaganfall 2007 halbseitig gelähmt ist, schon viele Jahre nicht mehr gespielt.

Eberhard Weber hat, neben den bereits erwähnten, mit so unterschiedlichen Musikern wie Wolfgang Dauner, Hampton Hawes, Baden Powell, Art van Damme, Joe Pass, Mal Waldron, Stephane Grappelli, Rolf Kühn, Dave Pike, später mit Kolbe & Illenberger, Jan Garbarek, dem United Jazz + Rock Ensemble u.v.a. gearbeitet und Jazz-Geschichte geschrieben. Ab 1985 trat er dann auch solo auf, mit Hilfe von Elektronik (Hall, Delays, Looper) in Interaktion mit sich selbst. Das jetzt veröffentlichte Album ,Once Upon A Time – Live in Avignon‘ wurde im August 1994 mitgeschnitten und dokumentiert Eberhard Webers Musik pur. Man taucht beim Hören dieser Aufnahmen in eine ganz eigene Klangwelt ein. Und diesen Sound musste Eberhard Weber vielleicht wirklich nicht erfinden, dafür ist er viel zu authentisch, organisch, einzigartig: Dieser Sound ist Eberhard Weber. ,Once Upon A Time‘ ist ein Erlebnis – und inspiriert dazu, die vielen genialen Aufnahmen dieses Jazz-Bassisten neu zu entdecken. lt G&B

JESPER MUNK FEAT. THE CASSETTE HEAD BAND: TAPED HEART SOUNDS

Als Jesper Munk (*1992) vor neun Jahren mit seinem Debüt ,For In My Way It Lies‘ (2013) in der deutschen Musikszene für ungläubiges Staunen sorgte, waren Fans & Medien vor allem von seiner eigenwilligen Stimme und seiner sympathischen, zurückgenommenen Coolness begeistert. Die prägte auch seine folgenden Alben ,Claim‘ (2015),

,Favourite Stranger‘ (2018) und ,Darling Colour‘ (2019). Der irgendwo zwischen Blues, Soul, Rock, Chansons und Folk schwebende Singer/Songwriter, Pianist und Gitarrist überzeugte immer wieder, auch live, mit Band oder solo. Jesper Munks neues Album heißt ,Taped Heart Sounds‘ und er hat es mit The Cassette Head Band aufgenommen. Zu hören sind Cover-Songs von Künstlerinnen und Künstlern, die Munk beeinflusst und inspiriert haben: Tom Waits, JJ Cale, Etta James, Hank Williams, Willie Dixon, Jacques Brel … Was verrückt ist, denn ich hätte es über weite Strecken kaum bemerkt. Weil Jesper auch hier wieder klingt wie Jesper Munk, selbst in Klassikern wie ,Amsterdam‘ oder ,I’d Rather Go Blind‘,und die oft schrulligen Retro-Sounds und die etwas verschlafene Stimme kommen einfach großartig rüber. Angeblich sind die Aufnahmen im Probenraum der Cassette Heads mit einem analogen Tascam-8-Track-Portastudio produziert worden, was wir jetzt einfach mal glauben. So oder so ein großartiges Album! lt G&B

Manchmal denke ich an Chet Baker, wenn ich Jesper Munk sehe, höre und seine Fähigkeit genieße, aus eigentlich ganz normalen musikalischen Zutaten eine eigene Welt zu schaffen, in die er mich dann reinzieht. Es ist das Timbre seiner Stimme, die über so zurückhaltenden wie hypnotischen Grooves Songs tanzt, irgendwo zwischen Blues, Soul, Rock, Chansons, Jazz und Folk. Und der Singer/Songwriter und Cover-Interpret ist auch noch Pianist und Gitarrist, der auch instrumental geschmackvoll und fast schon minimalistisch agiert. Auf ,Taped Heart Sounds‘, das er im Probenraum der Cassette Head Band mit einem analogen Tascam-8-Track-Portastudio eingespielt hat, ist Jesper Munk mit Songs von Künstlerinnen und Künstlern zu hören, die ihn in seiner Entwicklung begleitet und inspiriert haben: Etta James, Hank Williams, Tom Waits, JJ Cale, Willie Dixon und Jacques Brel – interessantes Spektrum! Wobei Munk deren Songs irgendwie zu seinen eigenen macht, dachte ich beim zweiten Durchhören dieses großartigen Albums. Und das mit so oft erlebten Klassikern wie Brels ,Amsterdam‘ oder Ellington Jordans ,I’d Rather Go Blind‘, an das sich schon Größen wie Clarence Carter, Rod Stewart, Beyoncé, Dua Lipa, B.B. King und Trixie Whitley gewagt haben, zu schaffen ist eine Leistung. Jesper Munks balladeske Interpretationen, getragen von einem Piano, das klingt, als hätte man eine dicke Bettdecke darüber geworfen, sind einzigartig! lt JAZZthetik

HAMBURG SPINNERS: DIE HAMBURG SPINNERS UND DER MAGISCHE KRAKEN

Fast auf die Minute genau vor einem halben Jahr feierte ich absolut ekstatisch die Langspielplatte ,Skorpion im Stiefel‘ der genialen Hamburg Spinners: Das sind immer noch Carsten „Erobique“ Meyer an der Hammond-Orgel, Dennis Rux an der E-Gitarre, David Nesselhauf an der Bassgitarre und Lucas Kochbeck am Schlagzeug. Musikalisch schwebt man mit den HH-Spinners wie gehabt durch groovige, soulige, psychedelische oder auch mal dezent angesurfte LoFi-Atmosphären der 60er- und 70er-Jahre, die über warmen Tiefbasslinien daherperlen. Und dieses zweite Album umarmt einen geradezu mit seiner Wärme und sympathischen Leichtigkeit. Da macht der magische Kraken ganze Arbeit! Organ-Handler Carsten „Erobique“ Meyer hat einfach ein unglaubliches Feeling für diese Art von Retro-Musik, denn seine Kompositionen und Arrangements wirken absolut authentisch. Mit dem neuen Spinners-Album geht man zudem auf eine Zeitreise in die schwarzweiße Welt der Sixties. Bunter ausgefallen ist das großartige Cover-Design zur gut klingenden LP, die in einer bedruckten Innenhülle steckt, und ein Booklet im LP-Format gibt’s auch noch dazu. Das alles passt so geschmackvoll zusammen, wie man es selten erlebt. Und rarer als Rare Grooves sind bekanntlich Instrumentalisten, die sie wirklich cool spielen können. Die Hamburg Spinners sind echte Könner, und Musiker, die dir legal und teerfrei ein Dauergrinsen ins Gesicht zaubern. Das Meisterwerk gibt es direkt bei den Künstlern auf hamburgspinners.bandcamp.com. Tolles Album! lt G&B

AXEL FISCHBACHER TRIO: BEBOP SKETCHES

Schon beim ersten Track, dem schon mehr als oft gehörten ,Autumn Leaves‘, zeigt sich, dass dieses Trio etwas anders zur Sache geht. Da schwebt das eigentliche Thema ungespielt irgendwo zwischen den Kontrabass-Linien von Nico Brandenburg und Axel Fischbachers E-Gitarre, beide getragen vom filigranen Drum-Teppich von Tim Dudek. Das macht Lust auf mehr: Und tatsächlich klingen auch die sechs folgenden Tracks alle auf eigene Art überraschend. Wenn klassischer BeBop ein Gemälde war, sind das hier sparsame, kantige Skizzen, die ganz viel Raum für Interpretation und Individualität lassen. Eine wirklich spannende Verlagerung in einen moderneren, immer noch swingenden Jazz-Zusammenhang ist hier gelungen. Dass Axel Fischbacher John Scofield mag, hört man; aber da, wo Scofield frei bluesig rüberkommt, klingt Fischbacher cooler und auch mal kantiger, aufgeräumter. Besonders originell gelungen ist der letzte Album-Track, Miles Davis’ ,Blue In Green‘ – sehr eigenwillig, aber atmosphärisch trotzdem authentisch von 1959 in die Jetztzeit gebeamt. 

,BeBop Sketches‘ ist eine spannende, gut klingende Trio-Aufnahme. Das Album erscheint nur auf Vinyl – limitiert auf 300 Exemplare,180g, Gatefold-Cover, eine CD ist mit beigelegt, ebenso ein 12-seitiges Booklet mit Fotos, Texten zur Musik und Notenauszügen, die Wolfgang Kehle transkribiert hat. Ein Musiker-Album – aber nicht nur für Musiker. lt G&B

COLONEL PETROV‘S GOOD JUDGEMENT: HYPOMANIAC

“experimental rock jazz rock progressive psychedelic sludge metal Cologne” tagged die Künstlerheimseite colonelpetrovsgoodjudgement.bandcamp.com – und da ist was dran: Denn das neue Album von Leonhard Huhn (sax/electronics), Reza Askari (b), Rafael Calmam (dr) und dem Gitarristen und Komponisten Sebastian Müller ist ein lauter, krachender, explodierender und immer wieder überraschender Grenzüberschreiter. OK, die Herren haben schon mal das Mahavishnu Orchestra gehört, aber eben auch Metal, Nirvana und John Coltranes Spätwerk. Dass aus diesen Zutaten resultierende Energiepaket ist aber ein komplett eigenes, was extrem an Bass & Drums liegt, die hier oft geradezu wie eine außer Kontrolle geratene riesige Bohrmaschine in die Untiefe pulsieren, über der Gitarre und Saxophon eine Mischung aus Feuerwerk und bizarren Fanfaren ablassen. High Energy! Sebastian Müller, der als Kind Grindcore und Funk hörte und heute Hendrix und sicher auch Holdsworth mag, vielleicht auch Tommy Bolin, studierte an der Musikhochschule Köln und bei Mick Goodrick und Wayne Krantz am Berklee College of Music in Boston. 2014 veröffentlichte er sein Debüt ,Peel‘. Von Colonel Petrov’s Good Judgement sind bisher die Alben ,Moral Machine‘ (2016) und ,Among Servants‘ (2018) erschienen – wie auch das aktuelle ,Hypomaniac’ alle erhältlich über moralmachine.de, direkt beim Erzeuger. Coole Band! lt G&B

DIMITRI LAVRENTIEV: TRIP TO MARS

“Der Mann liebt sein Leben”, dachte ich spätestens beim dritten Track des neuen Albums von Akustik-Gitarrist Dimitri Lavrentiev. Denn die absolut positive, musikalische Grundstimmung von ,Trip To Mars‘ fällt gerade in dieser Zeit des Dauer-Lamento extrem auf. Vermutlich hat auch Dimitri einige Menschen aus seinem Umfeld auf den Mars geschickt, um wieder so klar zu sehen, zu fühlen und zu spielen. Denn die wunderbare, erfrischende Freude, die seine 13 Tracks ausstrahlen, ist ein Geschenk, ein echter Stimmungsaufheller ohne Nebenwirkungen. Der 1976 in Snezhinsk/ Russland geboren Fingerstyle-Virtuose hat Rock- und Klassik-Erfahrung, ist studierter Konzertmusiker mit etlichen Auszeichnungen, Mitglied des Alegrías Guitar Trio, und Lavrentiev unterrichtet am Leopold-Mozart-Zentrum für Musik der Universität Augsburg, wo er auch ein internationales Gitarrenfestival ausrichtet. ,Trip To Mars‘ wurde mit verschiedenen Steel- und Nylonstring-Gitarren eingespielt, die dezent verhallte Aufnahme von Ludger Sauer (ISSA Audioproduktion) klingt sehr gut, das ganze Album hat die lebendige Atmosphäre eines Club-Gigs. Applaudieren wird man selbst, denn Dimitri Lavrentiev spielt mit Emotion und Energie, überspielt damit fast manchmal seine hervorragende Technik, die diese Musik fließen lässt und ein Easy-Listening-Erlebnis im besten Sinn ermöglicht. Braucht man manchmal. You made my day! lt G&B

BÖRT: HANA

Im Jazz eher selten: Diese Band hat einen Namen und heißt eben nicht Lukas Keller Quartett. Lukas ist Skateboarder, Bassist und Hauptkomponist von Bört, wurde 1991 in Aschaffenburg geboren spielte erst E-Bass, dann auch Kontrabass und studierte von 2011 bis 2016 an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz. Zur Band gehören Theresia Philipp (Saxofon & Klarinette), Jonathan Hofmeister (Klavier) und Jan Philipp (Schlagzeug). Auf ,Hana‘ (japanisch für „Blume“ oder „Blüte“) spielen sie eine Musik, die frei pulsiert, über kantige Harmonien gleitet und von knochigen Basslines getragen wird, was mich vom Feeling sehr an die Anfang der 1960er-Jahre entstandenen Aufnahmen des Saxophonisten, Flötisten & Bassklarinettisten Eric Dolphy erinnert. Wobei Bört dann aber auch mal mit sehr zurückhaltenden, fast impressionistischen Soundscapes überraschen können – der Track ,Cohen Brothers‘ stammt als einziger vom Pianisten der Band. Was absolut überrascht ist die zurückhaltende Intensität dieses Albums: Hier hört man keinen Angeber-Jazz mit Leistungsnachweisen, sondern spürt die Art von Reife, die aus klaren Traditionsbezügen kreativ und offen neue Musik schaffen kann, mit vielen packenden Soli von Theresia Philipp und Jonathan Hofmeister – Bassist Lukas Keller und Drummer Jan Philipp halten sich zwar formal solistisch zurück, stricken aber im Hinter- und Untergrund ein so lebendiges Netz, das permanent beeindruckt. Tech-Facts: Lukas spielt einen namenlosen, circa hundert Jahre alten deutschen Kontrabass, den er bei Konzerten mit einem DPA-Clip-Mikrofon abnimmt; ein zweites Signal kommt von einem Fishman-Pickup und wird nur für den Monitor verwendet. Im letzten Track, ,Sweet Sewing Machine’, hört man den Bassisten dann noch mal etwas intensiver, vordergründiger und erkennt mal wieder, was ein einziger, lebendiger Basston zur Musik beisteuern kann. Lebendig ist auch die gesamte Aufnahme: Eingespielt wurde live, in einem Raum, produziert hat mal wieder Christian Heck im Kölner Loft. Resultat: Ein absolut gelungenes, berührendes Jazz-Album. Und Bört bekommen meinen Privat-Award für cool-nerdige Band-Fotos – sie stammen von Lukas Diller. Mehr Infos zur Band: http://www.lukas-keller.com lt G&B

MATTHIAS AKEO NOWAK KOI SEPTET: HOW DOES ORIGAMI SOUND?

Der in 1976 Berlin geborene und in Köln lebende Kontrabassist Matthias Akeo Nowak hat mit dem Koi Septet ein interessantes und kompetent besetztes Ensemble am Start: Matthew Halpin (sax/fl), Stefan Karl Schmid (sax/cl), Shannon Barnett (tb), Simon Seidl (e-p), Riaz Khabirpour (g) und Oliver Rehmann (dr) wenden auf ,How Does Origami Sound?‘ Aspekte der japanischen Papierfaltkunst Origami auf die Musik an. Diese Zusammenhänge sind zugegebenermaßen für einen Laien schwer nachvollziehbar. Die musikalische Strukturen erinnern mich oft an große Besetzungen des legendären Charles Mingus, auch ein Bassist, der das Spannungsfeld zwischen kollektiver Improvisation und klar strukturierten Arrangements für seine Musik nutzte – und die Beteiligten strikt nach seiner Pfeife tanzen ließ. Das wiederum erscheint hier ganz anders zu sein: Auffallend beim Koi Septet ist die Wärme dieser Musik, die insbesondere durch das glockige Fender Rhodes Piano, die dezenten Gitarrenbeiträge und die großartigen Lead-Spots von Posaunistin Shannon Barnett erzeugt wird – letztere zieht die Fäden dieses Kollektivs immer mal wieder zusammen und lässt es swingen. Bassist und Bandleader Matthias Akeo Nowak agiert oft extrem zurückhaltend, fast schon minimalistisch. Faszinierend, wie seine fast schon stakkato angelegten tiefen runden Töne in ,Slow Melody Ah Um‘ tragen, und wie funky sie schon im nächsten Album-Track ,Vamp A1, 231‘ rüberkommen, dabei aber immer noch deep & warm. ,How Does Origami Sound?‘ ist eines dieser Alben, das beim dritten Hören aufblüht und dann immer wieder überrascht. Mit schön designtem und informativem Foto-Booklet. lt G&B

TANGO TRANSIT: GERMAN SONGBOOK

Was für eine Besetzung: Akkordeon, Kontrabass und Schlagzeug. Und was für einen Groove Martin Wagner, Hanns Höhn und Andreas Neubauer an und mit genau diesen Instrumenten zaubern, ist wirklich unglaublich. Man sollte auch nicht denken, dass Tango Transit dabei irgendwie volksmusikalisch, authentisch oder eso-ethno-korrekt zur Sache gehen. Nein, sie rocken, jazzen, swingen und pulsieren sich einfach durch 13 Album-Tracks, und das Repertoire besteht dabei auch noch aus deutschen Volksliedern. Kontrabassist Hanns Höhn steuert hier wirklich kraftvolle und wunderbar tragende Basslinien bei. Er hat Musical-Erfahrung, war als Sideman mit vielen Jazz-Größen auf der Bühne und spielt ansonsten seit 14 Jahren mit Sängerin Katharina Debus im Duo-Projekt FrauContraBass zusammen – ihm scheinen ausgefallene Besetzungen zu liegen. Tango Transit muss man jedenfalls gehört haben, denn dieses großartige Trio überzeugt sogar Musikhörer mit Latin- und Akkordeon-Allergie. lt G&B

MALTE VIEFS KAMMER: KAMMER II

Konzertgitarre, Cello, Mandoline – was für eine Besetzung: Kammer-Musik klingt bei Malte Vief, Matthias Hübner und Jochen Roß wirklich eigenständig, was nicht zuletzt an den diversen Instrumenten des Bandleaders liegt. Malte Vief spielt hier auch mal eine siebensaitige Konzertgitarre, eine Baritongitarre und eine seltene Aliquot-Gitarre mit quer verlaufenden Resonanzsaiten, was irgendwie an eine Harfe erinnert. Als Gäste sind die Violinistin Alina Gropper und Pianist Clemens Christian Poetzsch zu hören, die rein klanglich die “klassischen Zutaten” zur Musik beisteuern. Denn Malte Vief selbst geht hier oft sehr rockig mit viel Energie zur Sache. Manche Tracks verdienen fast schon das Label “ProgRock Unplugged”, und man fühlt sich schon mal an das breite Feld zwischen Kansas und den besseren Früh-Werken von Dream Theater erinnert, oder an einen gechillten Johann Sebastian Bach auf Zeitreise. Und so ist man irgendwann in einem ganz eigenen musikalischen Universum, das sich zu entdecken lohnt: Klassik, Jazz, Rock, Pop, Alte Musik, Neue Musik – alles egal. Gute Musik! ,Kammer II‘ ist bereits das fünfte Album des in Leipzig lebenden Gitarristen. Weitere Infos unter http://www.maltevief.de. lt G&B

MICHAEL SAGMEISTER: STORYBOARD

Ganz ruhig, mit einer elektrischen und einer Acoustic-Gitarre, beginnt das neue Album des 1959 in Frankfurt geborenen Jazz-Gitarristen, der zu den besten europäischen Vertretern seines Instruments gehört und in der Generation nach Attila Zoller, Toto Blanke und Volker Kriegel erst mal relativ alleine dastand, als er 1978 sein Debüt ,Sagmeister Trio‘ auf dem musikereigenen Label Mood Records veröffentlichte. Mitte der 1990er-Jahre war der Autodidakt Sagmeister u.a. Dozent am Berklee College of Music in Boston, bevor er dann 1999 eine Jazz-Professur an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst übernahm. 2019 wurde Michael Sagmeister mit dem Hessischen Jazz-Preis ausgezeichnet. Auch international war und ist das Renommee dieses Gitarristen beachtlich: Er arbeitete u.a. mit Larry Coryell, Billy Cobham, Jack DeJohnette, Dave Samuels, Randy Brecker, Miroslav Vitous, mit seinen deutschen Kollegen Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Christoph Spendel und Christof Lauer sowie auch mit Volker Kriegel, Attila Zoller und seinem großen Vorbild, dem kürzlich verstorbenen Pat Martino, mit dem er ein gemeinsames Album einspielte. Über 30 Tonträger hat er in den vergangenen gut vier Jahrzehnten veröffentlicht.

Sein neues Album ,Storyboard‘ hat Sagmeister (“guitars, bass, keyboards, drums and percussion programming”) fast alleine eingespielt, bei einigen Tracks stand ihm die Sängerin Antonella Dorio zur Saite. Zu hören sind 73 Minuten Musik, die einen keine Band vermissen lassen – weil man eine Band hört. Sagmeisters Arrangements, Sounds und Kompositionen sind durchweg geschmackvoll ein- und umgesetzt, mit einem Gespür für das, was der jeweilige Track braucht. Seine Drums klingen mal sehr laid-back, dann wieder treibend, und er kreierte hier auch einige Percussion-basierte Beats, die gemeinsam mit den organisch klingenden Basslines perfekt tragen. Und zu tragen gibt es einiges, denn die Gitarrenthemen und Improvisationen finden nach wie vor auf Weltklasse-Niveau statt. Wobei Sagmeister oft stilistisch auf den bewährten Fusion-Jazz des vergangenen Jahrtausends setzt, den er hier aber einigermaßen zeitlos klingen lässt. Diese Musik hat er selbst schon in den 90ern gespielt, u.a. auf seinem hörenswerten Album ,A Certain Gift Live‘. Und wenn man dann einen bläserlastigen Track wie ,Open Minded‘ erlebt, möchte man diese vor allem gitarristisch cool groovende Nummer einfach ganz schnell auf einer Bühne hören, mit einer großen Band.

Michael Sagmeister spielt seit längerem verschiedene FGN-Gitarren, Semiacoustics, Solidbodies und Archtops, verstärkt wird mit Amps von Engl und AER. Wobei schon früher sein Trick war, viel Eigenklang von Instrument und Fingern zuzulassen, und dabei mit Verzerrung meist eher dezent umzugehen. Sein präziser Attack und die oft superschnellen Lines brauchen das auch – und in diesem Bereich liegen ja auch seine Alleinstellungsmerkmale, sein Trademark-Sound.

Seine andere Seite, die des boppenden straight ahead spielenden E-Gitarristen zeigt Michael Sagmeister in den drei Standards auf diesem Album: ,Night In Tunisia‘ erinnert mich an Live-Aufnahmen des Komponisten & Trompeters Dizzy Gillespie mit dem Gitarristen Ed Cherry, ,This Masquerade‘ von Leon Russell erklingt mit ein paar feinen Oktav-Beigaben in der Tradition von Wes Montgomery, und der hier sehr originell arrangierte John-Coltrane-Klassiker ,Countdown‘ bringt noch mal alles an Solo-Energie, was Sagmeister zu bieten hat; wobei hier der programmierte Elektrotrommler für meinen Geschmack zwei Tassen Kaffee zu viel hatte. Das soll aber wohl so sein, und das hat mir schon immer an Michael Sagmeister gefallen: Dass er sein Ding macht, seine Musik, ohne sich danach zu richten, was andere heute cool finden und morgen nicht mehr. Diese Haltung kann man hören. Coole Platte! lt G&B


Gitarrist Michael Sagmeisters Renommee ist beachtlich: Er spielte u.a. mit Larry Coryell, Billy Cobham, Jack DeJohnette, Dave Samuels, Randy Brecker, Miroslav Vitous, den deutschen Kollegen Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner und Christoph Spendel, auch mit seinen Vorgängern im europäischen Gitarren-Jazz, Volker Kriegel und Attila Zoller und mit seinem großen Vorbild, dem kürzlich verstorbenen Pat Martino. Über 30 Alben hat Sagmeister seit 1978 veröffentlicht, 2019 erhielt er den Hessischen Jazz-Preis. Im Fall seines neuen Werks ,Storyboard‘ hat er erstmals fast alles selbst gemacht: komponiert, arrangiert, Gitarren, Basslines, Keyboards eingespielt, Drums programmiert – bei einigen Tracks ist neben ihm noch Sängerin Antonella Dorio zu hören. Resultat sind über 70 Minuten Musik, die ich immer einer echten Band zugeschrieben hätte. Sagmeister setzt hier stilistisch oft auf die Art von geschmackvollem Fusion-Jazz setzt, die er selbst schon in den 90ern gespielt hat, u.a. zu hören auf seinem großartigen Album ,A Certain Gift Live‘. Seine in den vergangenen Dekaden eigentlich dominierende Seite, die des boppenden straight ahead spielenden Gitarristen zeigt er in den drei Standards ,Night In Tunisia‘ von Dizzy Gillespie, dem originell arrangierten John-Coltrane-Klassiker ,Countdown‘ und Leon Russells ,This Masquerade‘, wobei er  in letzterem seine Wes-Montgomery-Einflüsse aufblühen lässt. Michael Sagmeister ist mit ,Storyboard‘ ein Album gelungen, das im besten Sinne anachronistisch und zeitlos zugleich ist. Gute Musik eben. lt JAZZthetik

CHRISTY DORAN / STEFAN BANZ: AEROSOLS

Da ist er schon wieder: Der 1949 in Irland geborene Christy Doran ist seit seiner 70s-Band OM einer der interessantesten europäischen Jazz-Gitarristen, und er konnte immer wieder mit neuen Bands, Projekten und Produktionen überraschen. Er hat mit internationalen Größen wie John Surman, Dom Um Romao, Jasper van’t Hof, Carla Bley, Charlie Mariano, Ray Anderson, Irène Schweizer, Hank Roberts, Wolfgang Dauner, Sonny Sharrock und Albert Mangelsdorff zusammengearbeitet, und die freiere europäische Gitarrenszene mit seiner extrem Dynamik immer wieder fein durchgelüftet. Nie machte ein Album-Titel mehr Sinn als ,Aerosols‘ …

Erst vor ein paar Monaten haben Christy Doran & Franz Hellmüller unter dem Namen “Beady Beast” ihr Gitarren-Duo-Album ,On The Go‘ veröffentlich, jetzt ist Doran alleine das Duo – dank Multitracking. Der zweite Interpreten-Name des Albums ,Aerosols‘, Stefan Banz, ist eine Widmung: Denn der Maler, Fotograf und Videokünstler, mit dem Doran eng zusammenarbeitete, ist am 16. Mai dieses Jahres mit 59 Jahren verstorben und konnte den Abschluss dieses Projektes leider nicht mehr erleben. Eine ganz eigene Art der Zusammenarbeit hatte hier stattgefunden, bei der sich beide Künstler wechselseitig inspirierten: Fünf der hier zu hörenden zehn Doran-Gitarrenstücke waren Anstoß für Banz’ Acrylbilder, und fünf andere Acrylbilder des Malers waren wiederum für den Gitarristen Ausgangsbasis für weitere eigene Improvisationen und Kompositionen. Die kann man jetzt auf ,Aerosols‘ hören und regelrecht erleben, denn der experimentierfreudige Christy Doran füllt mit seinen diversen A- und E-Gitarren plus einer Menge Elektronik ganz gewaltig den Raum; mit entsprechender Anlage ist diese Musik auch ein faszinierendes Surround-Erlebnis voller Überraschungen. Doran war nie als II-V-I-Fetischist mit Handschuhton bekannt, er stand schon immer auf Kollegen wie Jimi Hendrix und Sonny Sharrock und ging dementsprechend mit allen Freiheiten zur Sache. So sind hier ganz schön schräge und brachiale Sound zu hören, aber auch konventionellere, harmonische Passagen. Soundtrack des Lebens, würde ich mal sagen. Was man von einem Gitarristen wie Christy Doran lernen kann, ist dass die Grenzen der Gitarre nicht nur ganz weit weg liegen können, sie sind auch noch offen. Ganz wichtig: ,Aerosols‘ ist Tonträger-Musik. Spotify-Sparfüchse verpassen nämlich die zehn Bilder von Stefan Banz, die im Booklet der CD abgedruckt. Und sie verpassen auch, einen tollen Künstler zu unterstützen. lt G&B

Erst vor einem halben Jahr haben Christy Doran & Franz Hellmüller unter dem Namen “Beady Beast” ihr hervorragendes Gitarren-Duo-Album ,On The Go‘ veröffentlich. Jetzt ist Doran alleine das Duo – dank Multitracking. Der zweite Interpretenname von ,Aerosols‘, Stefan Banz, ist auch als eine Widmung zu verstehen: Denn der Maler, Fotograf und Videokünstler, mit dem Doran eng zusammenarbeitete, ist am 16. Mai dieses Jahres mit 59 Jahren verstorben. Beide haben sich wechselseitig inspiriert: Fünf der zehn Doran-Stücke waren Inspiration für Banz’ Acrylbilder, und fünf andere Acrylbilder waren wiederum für Doran Ausgangsbasis für weitere eigene Kompositionen, die jetzt alle auf ,Aerosols‘ zu hören sind. Zu erleben sind: Denn Christy Doran füllt mit seinen diversen akustischen und elektrischen Gitarren plus jeder Menge Elektronik ganz ordentlich den Raum, wenn man sich mit seiner Musik zusammensetzt. Der irischstämmige Schweizer ist nicht gerade als Schlager-Harmoniker oder II-V-I-Beswinger bekannt, er geht mit allen Freiheiten zur Sache, das aber ohne den dogmatischen Abstraktions-Zwang mancher Free-Marschierer. Und so erlebt man hier immer wieder auch Kontraste von musikalischer Schönheit und diesem oft fiesen, unberechenbaren Klangbiest, das aber Leben in den Musikzoo bringt. ,Aerosols‘ ist Tonträger-Kunst – Spotify-Sparbüchsen verpassen die zehn Bilder von Stefan Banz, die im Booklet der CD abgedruckt wurden. Ein beeindruckendes, multimediales Kunstwerk. lt JAZZthetik

CHRISTINA LUX: LICHTBLICKE

Als ich Christina Lux das erste Mal live erlebte, vor über 20 Jahren im Eingangsbereich der Kölner Messehallen anlässlich der PopKomm, war ich sofort begeistert: Was für eine Stimme hatte diese Frau, und was für ein Feeling die Gitarristin. Kurz darauf hatte ich ihre EP ,She Is Me‘ in der Post, und seitdem bin ich Fan dieser Musikerin und autonomen Business-Bewältigerin. Nicht jedes ihrer zehn folgenden Alben, eine Live-DVD mitgerechnet, hat mich gleichermaßen beeindruckt, dafür aber immer wieder die Energie, mit der Christina Lux seit so vielen Jahren ihren Job macht – den organisatorischen und den kreativen. Ihr erstes deutschsprachiges Album ,Leise Bilder‘ wurde 2018 mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, und auch auf ,Lichtblicke‘ ist sie wieder überwiegend in ihrer Muttersprache zu hören – was für meinen Geschmack (der sich in diesem Punkt gedreht hat) inzwischen authentischer und organischer rüberkommt. Die Songs für dieses Album hat Christina gemeinsam mit ihrem Live- & Studio-Begleiter, dem Multiinstrumentalisten Oliver George geschrieben, der neben Keyboards, Basslines und Drums auch einige extrem gekonnte E-Gitarren-Parts eingespielt hat. Das gesamte Sound-Design ist absolut geschmackvoll und rund, die Arrangements sind immer wieder gespickt mit kleinen Überraschungen und die Songs berührend. Christina Lux’ Musik ist der Gegenentwurf zu Cool – and this is Soul! Tolle Musik! lt G&B

JASPER VAN’T HOF: LIVE. FLOWERS ALLOVER IN BOCHUM

Ein Sonntagmorgen Mitte der 1970er-Jahre. Dass bei uns zu Hause vormittags der Fernseher lief, war die Ausnahme. Sie hieß “ZDF Sonntagskonzert” und diente eigentlich als klassischer Soundtrack-Lieferant für meine meist kochende Mutter, die sich von Opern-Arien oder Sinfonischem inspirieren ließ. “Neue Wege im Jazz, mit Joachim-Ernst Berendt” lautete überraschender Weise an diesem einen Vormittag der Untertitel des Sonntagskonzerts. Ich war 14 oder 15 und neugierig, blieb im Wohnzimmer und lernte Jasper van’t Hof kennen.

Als Moderator und Jazz-Experte Joachim-Ernst Berendt dann die Band Pork Pie vorstellte, diese  für mich exotischen Künstlernamen Ron Mathewson (b), John Marshall (d), Philip Catherine (g), Charlie Mariano (fl, sax, nagaswaram), Zbigniew Seifert (viol)  und eben Bandleader und Jasper van’t Hof an Flügel, E-Piano und Orgel nannte und anschließend die ersten Töne zu hören waren, war eine Tür geöffnet. Meine Jazz-Rock-Initiation. Ich besitze das mit meinem Cassettenrecorder per Mikrofon vom Fernsehlautsprecher aufgenommene Tape immer noch, und es funktioniert, sonst hätte ich die o.g. Pork-Pie-Besetzung nicht mehr präsent gehabt. Leider ist dieses beeindruckende Live-im-TV-Studio-Konzert im Netz nicht zu finden.

Vor den beiden großartigen Pork-Pie-Alben ,Transitory’ (1974) und ,The Door Is Open‘ (1976) war Jasper van’t Hof Mitglied von Association P.C., der 1969 gegründeten Band des niederländischen Schlagzeugers Pierre Courbois, mit der er, gemeinsam mit Bassist Siggi Busch und Gitarrist Toto Blanke, drei weitere wegweisende europäische Jazz-Rock-&-more-Alben einspielte. In den folgenden Jahren arbeitete der Pianist u.a. mit The Chris Hinze Combination (,Sister Slick‘, 1974), dem Manfred Schoof Quintet (,Scales’, 1977) und Archie Shepp (,Mama Rose‘, 1982) zusammen, veröffentlichte außerdem 1979 im Trio mit Philip Catherine und Charlie Mariano ,Sleep My Love‘ und konnte dann ab 1984 mit seinem Projekt Pili Pili im Grenzbereich zwischen Jazz, Afro-Pop und Dance-Grooves Erfolge auf Festivals und beim Plattenverkauf verbuchen. Mit dabei war u.a. die wunderbare aus Benin stammende Sängerin Angélique Kidjo, die durch Pili Pili in Europa bekannt wurde.

Geboren wurde Jasper van’t Hof am 30. Juni 1947 in Enschede, Niederlande. Er wuchs mit Musik auf, sein Vater war Jazz-Trompeter, seine Mutter klassisch ausgebildete Sängerin. Jasper soll mit fünf Jahren seinen ersten Klavierunterricht bekommen haben, und wenn dann das Piano lebenslang ein Freund bleibt, scheint diese Verbindung von Anfang an stimmig gewesen zu sein. 1978 veröffentlichte van’t Hof mit ,Flowers Allover‘ sein erstes Piano-Solo-Album auf dem Label MPS. Acht intensive Tracks, die Intellekt und Leichtigkeit verbanden und eine Art von sympathischer Intensität versprühten, die manche(r) vielleicht bei Keith Jarrett vermisst hatte, der 1975 mit dem ,Köln Concert‘ das Solo-Piano weltweit in die Jazz-Charts hieven konnte. Van’t Hof ist Europäer, hat als Jazz-Musiker auch Romantik und Impressionismus verinnerlicht und hatte zudem nie ein Problem damit, bei Konzerten freundlich zu sein und zu unterhalten. Inspiriert worden war er zum Solo-Pianospiel nach eigenen Angaben von Chick Coreas unbegleiteten Aufnahmen, vermutlich also den ,Piano Improvisations Vol. 1 & 2‘ von 1971/72. Diese Verbindung passt.

Am 16. Juni 2019, über vierzig Jahre nach der Veröffentlichung von ,Flowers Allover‘, interpretierte Jasper van’t Hof im Kunstmuseum Bochum sein komplettes Album live, plus Horace Silvers ,Peace‘ als Zugabe. Der bei dieser Gelegenheit entstandene Mitschnitt von Rudolf Kronenberger ist ein Glücksfall, klanglich wie musikalisch. Endlich mal wieder eine Live-Aufnahme, die klingt, als würde der Konzertflügel drei, vier Meter vor dir stehen, ohne irritierenden Raumklang aus der digitalen Konserve! Hier wurde Nähe konserviert, und die ermöglicht nun mal das emotional stärkere Klangerlebnis. Man kennt diesen Effekt von alten Trio-Einspielungen des Pianisten Bill Evans, bei denen Scott LaFaros Bass wirklich vibriert, oder von Jim Hall, der einen in seine fast immer warm und weich klingende Archtop-Gitarre zu ziehen scheint. Jasper van’t Hof berührt auch musikalisch auf diesem Niveau, denn er ist ein authentischer Erzähler, jemand, der am Klavier sein Leben rauslässt und seine Geschichte spielt. Er inszeniert nicht den Künstler. 

Der Bochumer Musiker und Produzent Oliver Bartkowski hat diese Aufnahmen jetzt auf seinem Label Wunderbar Records veröffentlicht. Die auf 100 Stück limitierte Live-CD-Box bietet neben dem Tonträger die Musik noch mal auf einem USB-Stick in Notenschlüssel-Form, dazu gibt’s einen Button, ein von Jasper van‘t Hof signiertes Foto und ein 16seitiges Booklet mit einem Interview, dazu Konzertfotos von Heinrich Brinkmöller-Becker. Diese spezielle CD-Veröffentlichung ist über info@wunderbar-marketing.de für 30 Euro erhältlich. Man kann sie (falls dann noch lieferbar) auch am 29. Oktober 2021 beim Konzert von Jasper van’t Hof in der Bochumer Riff-Bermudahalle  erstehen; am selben Tag wird um 17:30 Uhr in Anwesenheit des Künstlers im art Hotel Tucholsky eine Ausstellung mit Werken des Jazz-Fotografen Heinrich Brinkmöller-Becker veröffentlicht.  lt JAZZthetik