GUTE MUSIK 22

Rezensionen von Lothar Trampert. Nur gute Musik.

  1. WILLI LANGER: GROUNDED
  2. CAN: LIVE IN CUXHAVEN 1976
  3. ZOOM: CURSE OF UNSPOKEN WORDS
  4. JOCHEN SCHRUMPF & MARTIN KLAUSMEIER: GENTLE
  5. JOCHEN SCHMIDT-HAMBROCK: KIND OF GROOVE…ISH / KIND OF OUT THERE…ISH
  6. JIMI HENDRIX EXPERIENCE: LOS ANGELES FORUM – APRIL 26, 1969
  7. RORY GALLAGHER: DEUCE 50th ANNIVERSARY EDITION
  8. ROBBEN FORD & BILL EVANS: COMMON GROUND
  9. FEDERATION OF THE GROOVE: FEDERATION OF THE GROOVE
  10. CARIS HERMES: CARIS HERMES
  11. JEFF BERLIN: JACKSONGS
  12. VERONIKA HARCSA & BÁLINT GYÉMÁNT: ABOUT TIME
  13. EVA KLESSE QUARTETT: SONGS AGAINST LONELINESS
  14. JEFF DENSON, BRIAN BLADE, ROMAIN PILON: FINDING LIGHT
  15. TOBIAS HOFFMANN TRIO: SLOW DANCE
  16. ATHINA KONTOU MOTHER: TZIVAERI
  17. FEDERATION OF THE GROOVE
  18. STEVE GADD, EDDIE GOMEZ, RONNIE CUBER & WDR BIG BAND: CENTER STAGE
  19. MAX PROSA: WANN KÖNNT IHR ENDLICH FRIEDLICH SEIN?
  20. MASK OF CONFIDENCE: MASK OF CONFIDENCE
  21. MILES DAVIS: THAT’S WHAT HAPPENED 1982-1985. THE BOOTLEG SERIES VOL. 7
  22. UWE SANDFORT & ANDRE ENTHÖFER
  23. JANNIS SICKER SEPTETT: AGES
  24. SAMO SALAMON TRIO FEAT. ARILD ANDERSEN & BOB MOSES: PURE AND SIMPLE
  25. JULIAN LAGE: VIEW WITH A ROOM
  26. BURKHARD LIPPS THELEN: AD LIPPS
  27. RAGAWERK: RAGAWERK
  28. RAGAWERK: Über Jazz, Indien & Liebe 
  29. LONG DISTANCE CALLING: ERASER
  30. PERISH: THE DECLINE
  31. LISA WULFF: SENSE AND SENSIBILITY
  32. JOHANNES LUDWIG: VAGABOND SOULS
  33. JOHANNES LUDWIG: Vagabond Souls
  34. HAGEN RUDOLPH: SECHS JAHRZEHNTE SANTANA
  35. AREZU WEITHOLZ: ZU MENSCH
  36. FALK ZENKER: WELLENTANZ
  37. NILS EIKMEIER: STORIES
  38. REZA ASKARI ROAR: FEAT. CHRISTOPHER DELL
  39. VISMALA / NEANDER: DIGITAL SHAMAN
  40. LAJOS DUDAS: RADIO DAYS VOL. 2
  41. FRANK ZAPPA: ZAPPA/ERIE
  42. PRINCE AND THE REVOLUTION: LIVE  
  43. JOSCHO STEPHAN TRIO: LIVE GUITAR HEROES
  44. WAWAU ADLER: I PLAY WITH YOU
  45. FAZER: PLEX
  46. DIE BILDERBUCH-ERKENNTNIS
  47. BILDERBUCH: GELB IST DAS FELD
  48. MARKUS APITIUS: BUSY DREAMERS
  49. PETER WEISS: CONVERSATION WITH SIX-STRING PEOPLE
  50. GROOVE 4 GUITARS: Peter Weiss trifft Six-String People
  51. JOHN SCOFIELD: SOLO
  52. CHRISTIAN VERSPAY: TWENTYEIGHT DAYS
  53. MAX ZENTAWER: SOLO
  54. SAMO SALAMON: DOLPHYOLOGY
  55. ALONE TOGETHER: John Scofield spielt mit sich selbst
  56. KURT ROSENWINKEL & JEAN-PAUL BRODBECK: THE CHOPIN PROJECT
  57. RUSH: MOVING PICTURES
  58. FRANK ZAPPA & THE MOTHERS: 1971
  59. BLACK SEA DAHU: I AM MY MOTHER
  60. JOE SATRIANI: THE ELEPHANTS OF MARS
  61. JOHN McLAUGHLIN: THE MONTREUX YEARS
  62. BASS BASS BASS. MORE BASS
  63. HANS KOLLER / OSCAR PETTIFORD QUARTETT FEAT. ATTILA ZOLLER & JIMMY PRATT
  64. SHAKE STEW: HEAT
  65. MARTIN WIND NEW YORK BASS QUARTET: AIR
  66. SAMY SAEMANN: LUPA LUPA!
  67. WERNER HÖPFNER: HEARTBEATS
  68. THE BAND: CAHOOTS
  69. KEITH RICHARDS: MAIN OFFENDER
  70. GÜNTER ASBECK: EVOLVE
  71. PHILIPP VAN ENDERT & DAS FILMORCHESTER BABELSBERG: MOON BALLOON
  72. KLAUS MICHEL: THE END
  73. DAVID NESSELHAUF: RITUALS EP
  74. AXEL MANRICO HEILHECKER: READY FOR THE GOOD LIFE
  75. DIETER ILG: DEDICATION
  76. SÖNKE MEINEN: SPARK
  77. THE KBCS: COLOR BOX
  78. MAX FRANKL: 72 ORCHARD STREET
  79. O.S.T: HOUSE OF FEAR
  80. MARTIN WIND NEW YORK BASS QUARTET: AIR
  81. KRAZY: SEIFENBLASENMASCHINE
  82. JEFF PARKER: FORFOLKS
  83. EBERHARD WEBER: ONCE UPON A TIME
  84. JESPER MUNK FEAT. THE CASSETTE HEAD BAND: TAPED HEART SOUNDS
  85. HAMBURG SPINNERS: DIE HAMBURG SPINNERS UND DER MAGISCHE KRAKEN
  86. AXEL FISCHBACHER TRIO: BEBOP SKETCHES
  87. COLONEL PETROV‘S GOOD JUDGEMENT: HYPOMANIAC
  88. DIMITRI LAVRENTIEV: TRIP TO MARS
  89. BÖRT: HANA
  90. MATTHIAS AKEO NOWAK KOI SEPTET: HOW DOES ORIGAMI SOUND?
  91. TANGO TRANSIT: GERMAN SONGBOOK
  92. MALTE VIEFS KAMMER: KAMMER II
  93. MICHAEL SAGMEISTER: STORYBOARD
  94. CHRISTY DORAN / STEFAN BANZ: AEROSOLS
  95. CHRISTINA LUX: LICHTBLICKE
  96. JASPER VAN’T HOF: LIVE. FLOWERS ALLOVER IN BOCHUM

WILLI LANGER: GROUNDED

Mehr Bass? Bitteschön! Schon die ersten Töne des neuen Albums von Willi Langer (*1960) verraten, dass hier ein Könner mit Geschmack am Start ist. Warm und organisch, klar strukturiert und mit einer solistisch vorgetragenen kleinen Melodie eröffnet er ,Grounded’ mit dem 46-Sekunden-Track ,Wings’. Und dann geht’s los: ,Roots’ ist eine straighte Funk-Nummer, die bassistisch Hardcore-Slapping und eine berührende melodische Weiterführung liefert, und harmonisch Oldschool-Keyboards-Flächen von Langer und Hannes Treiber, funky E-Gitarre von Peter Legat und einen soliden Groove von Drummer Maximilian Langer. Track 3 ist dann wieder eine Solo-Bass-Nummer, unbegleitet, trocken aufgenommen – und dieses Konzept hält Langer im weiteren Verlauf des Albums fast konsequent durch. Was zur Folge hat, dass man ihm als E-Bassist immer näher kommt. ,Courtship Dance’ featured Rens Newland (kb/g) und Josef Burchartz (tp) – eine cool kochende Nummer die gekonnt an den Miles Davis der 1980er-Jahre erinnert, und an dessen musikalischen Seelenverwandten Marcus Miller. Großartig, locker und absolut authentisch macht Willi Langer aus diesen Zutaten aber seine eigene Musik, die von seinen einfachen, berührenden Melodien und auch seinen flexiblen Bass-Sounds geprägt ist – in ,Stockholm’ verbindet er z.B. einen wirklich knochig-knackigen-Jazz-Bass-Sound mit Wärme, Emotion und Intensität. Und da fällt mir auf, dass ich gerade eigentlich ein ganz typisches, instrumentales E-Bassisten-Album höre, das aber trotzdem eine Emotionalität liefert, die einen pure Musik genießen lassen kann, und keine Lick-Artistik in den Vordergrund stellt. Das gilt auch für seine Mitmusiker: In ,Green Town’ glänzt z.B. Rens Newland mit einem wirklich großartigen Gitarrensolo, in ,Lizard’ dann wieder Peter Legat, mit dem Langer seit Jahrzehnten bei Count Basic zusammenspielt. Tolle Musiker! ,Grounded’ ist nach ,The Colours Of The Octopus’ (1993) und ,The Course Of Life’ (2001) Willi Langers drittes Solo-Album, und jeder der 25 Tracks ist gelungen – so wie das schön designte, achtseitige DigiPak. Großartig!
Und heute hat Willi auch noch Geburtstag – gleich zwei Gründe zu gratulieren! lt

CAN: LIVE IN CUXHAVEN 1976

Eins vorab: Diese 46 Jahre alten Aufnahmen der deutschen Kult-Band Can klingen erstaunlich gut. Nach ,Live In Brighton’ und ,Live In Stuttgart’, beide von 1975, folgt jetzt also mit ,Live in Cuxhaven 1976’ ein weiterer Konzertmitschnitt mit vier nicht benannten Instrumentalstücken. Die früheren Sänger Malcolm Mooney und Damo Suzuki waren Geschichte, und Can bestand ab 1973 aus den Gründungsmitgliedern Irmin Schmidt (kb) und Holger Czukay (b) und den 1968 zu ihnen gestoßenen Jaki Liebezeit (dr) und Michael Karoli (g). Die sehr diversen Backgrounds der Beteiligten – E-Musik-Avantgarde, Elektronik, Free Jazz, Rock – machten Can von Anfang an zu einer außergewöhnlichen, unberechenbaren Band, deren hypnotische Grooves und Endlos-Jams einzigartig waren. Im dritten Track dieses Albums ist Michael Karoli, vor seinem sehr Hendrix-inspirierten Gitarrensolo, mit einer kurzen Gesangseinlage zu hören und scattet gegen Ende auch noch mal kurz zu seinen Licks, bevor er dann abrupt zu bizarren Funky-Chords wechselt … Can waren immer unberechenbar und nichts für Schubladendenker. Keyboarder Irmin Schmidt ist mittlerweile der einzige Überlebende der hier zu hörenden Besetzung, und er hat, gemeinsam mit seiner Ehefrau und langjährigen Can-Managerin Hildegard Schmidt, diese und viele andere großartigen Aufnahmen auf dem Band-Label Spoon Records veröffentlicht. Es bleibt spannend. lt

ZOOM: CURSE OF UNSPOKEN WORDS

Nach ,Moon Balloon’, seinem Album mit dem Filmorchester Babelsberg, ist der Düsseldorfer Jazz-Gitarrist Philipp van Endert bei Zoom in klassischer Quartett-Besetzung zu hören. Und mit Tenorsaxophonist Stephan Mattner, Sebastian Räther am Kontrabass und Drummer Jo Beyer gelingt es ihm eine Bandbreite von verzerrten, cleanen, warmen und sehr transparenten Gitarren-Sounds in einen swingenden bzw. pulsierenden Jazz-Zusammenhang unterzubringen. Mal legt er tiefe, grummelnde Riffs, dann blendet er Violining-Chords ein, klingt auch mal kurz nach Folk-Picking, dann wieder fast bluesig-rock-jazzig, aber mit Ringmodulator-Effekt, um einen Track weiter mit extrem eigenwilligem Comping eines der grandiosen Soli von Saxophonist Mattner zu harmonisieren. Was die musikalischen Themen angeht, versuchen diese Musiker nicht mit Angeberware zu blenden, sondern setzen auf relativ klare, einfache Strukturen, die dann aber im weiteren Verlauf aufblühen und nach allen Seiten geöffnet, variiert, interpretiert und zerlegt werden. Die Energie dieser Band ist großartig! lt

JOCHEN SCHRUMPF & MARTIN KLAUSMEIER: GENTLE

Eine Stunde Gitarrenmusik, 17 Tracks und zwei gute Solisten: E-Gitarrist Jochen Schrumpf, ein Musiker mit ausgiebiger Jazz-Rock-Vergangenheit und sein langjähriger Duo-Partner Martin Klausmeier an der Acoustic sind hier mit einem Mix aus bekannten Standards, Pop-Songs und Eigenkompositionen zu hören, die sie mal jazzig, swingend oder aber Latin-leicht interpretieren. Ein Highlights ist der Beatles-Klassiker ,Come Together’, den sie spannend arrangiert haben und der eine breite Sound-Palette zeigt. Bei drei Titeln ist als Gast die Sängerin Sarah Welker zu hören, bei drei weiteren der E-Bassist Patric Siewert, das Album-Finale ,Ever Lasting Love’ wurde zu viert eingespielt. Sehr gelungen ist auch die zurückhaltende Interpretation des Wayne-Shorter-Klassikers ,Footprints’, in der beide Gitarristen ganz großartig harmonieren und sich perfekt ergänzen. Schrumpf spielt auch hier lieber mal ein paar Töne weniger, dafür aber jede Note mit Ausdruck. Und wenn er dann Gas gibt, wie in seinem Solo in Jimi Hendrix’ ,Little Wing’, macht Jochen uns nicht den Jimi sondern spielt sein Ding. Sympathisch! lt

JOCHEN SCHMIDT-HAMBROCK: KIND OF GROOVE…ISH / KIND OF OUT THERE…ISH

Im Mai 2022 habe ich Bassist Jochen Schmidt-Hambrocks auf dem eigenen Label bassbassbass.de, erschienenes Album ,Kind Of Class… ish‘ vorgestellt. Jetzt hat hat er, wieder ausschließlich digital und nicht auf physischen Tonträgern erhältlich, zwei neue Werke veröffentlicht. ,Kind Of Groove…ish’ liefert atmosphärische Instrumentals, immer mit verschiedenen Bässen als Lead-Instrument, darunter eigenwillige Grooves mit teils wuchtigen Trommel-Sounds, tiefen Hallräume und perligen Delays – originell und spannend. ,Kind Of Out There…ish’ ist instrumental anders angelegt, und man erlebt hier auch mal ein Saxophon, Grillenzirpen, menschliche Stimmen oder ein Akkordeon … , aber auch jede Menge abstrakte, stimmungsgeladene Sounds, denen man anhört, dass Jochen Schmidt-Hambrock schon an 200 Scores für Filme und TV-Produktionen beteiligt war. Scary! Auf Apple Music und Deezer sind auch Dolby-Atmos-Mixe für Kopfhörer-Genießer erhältlich. Weitere Infos zum Künstler und seiner Musik gibt’s bei jochenschmidt.de. lt

JIMI HENDRIX EXPERIENCE: LOS ANGELES FORUM – APRIL 26, 1969

Never ending story: Das bereits vor vielen Monaten angekündigte Material aus den Electric Ladyland Studios wird anscheinend weiter zurückgehalten, aber dafür kommt jetzt eine gute Wochen vor seinem 80. Geburtstag, am 27. November 2022, noch mal frisches Live-Material von Jimi Hendrix auf den Markt. Bevor Hardcore-Fans und Sammler im Komplettierungswahn laut aufschreien: Ich weiß, als Bootleg und Einzelveröffentlichungen gab es auch diese Hendrix-Aufnahmen vom 26. April 1969 aus dem Los Angeles Forum schon seit Jahrzehnten – aber eben noch nie in dieser sauber editierten und klanglich sehr guten Form, wie auf dem am 18. November erscheinenden 2LP- oder 2CD-Set, sowie den ebenfalls erhältlichen digitalen Formaten.

Bei dieser L.A.-Show der Jimi Hendrix Experience in originaler Besetzung, mit Drummer Mitch Mitchell und Bassist Noel Redding, waren übrigens Chicago (Transit Authority) und Cat Mother & The All Night Newsboys als Support gebucht – beide Acts wurden ebenfalls vom dubiosen Hendrix-Manager Michael Jeffery betreut. Sitzplätze für dieses Konzert kosteten damals 6,50 US-Dollar, was ungefähr einem heutigen Preis von knapp 50 Dollar entsprechen würde – und das wäre bekanntlich momentan eher günstig. In einem im Netz zu findenden kurzen Videomitschnitt von o.g. Konzert sieht man einen gut gelaunten jungen Musiker, der sein Publikum mit mal coolen, mal bissigen Ansagen und seinem eigenwilligen Instrumentalspiel begeistert.

Ein spannendes Konzert, das man jetzt also als Audio-Mitschnitt auf LP/CD erstmals komplett genießen kann: Auf ‚Foxey Lady‘ folgt der Blues ,Red House’, mit ,Tax Free’ ist ein Instrumental-Cover zu hören, und dann gibt es auch noch eine Interpretation der US-Nationalhymne– mit der Hendrix vier Monate in Woodstock für Furore sorgen sollte. Nach sehr gelungenen Versionen von ,Spanish Castle Magic’ und ,I Don’t Live Today’ endete das L.A.-Konzert mit ,Voodoo Child (Slight Return)’ und, darin eingearbeitet, der Cream-Hit ,Sunshine Of Your Love’.
Die legendären Tontechniker Wally Heider und Bill Halverson waren damals für den Mitschnitt des Gigs im Los Angeles Forum zuständig; ihre Aufnahme wurde aktuell von Hendrix’ langjährigem Produzenten Eddie Kramer neu abgemischt – und das ist ihm sehr gut gelungen. lt

JIMI HENDRIX EXPERIENCE: LOS ANGELES FORUM – APRIL 26, 1969
Hardcore-Fans und Sammlern mit Komplettierungs-Ambitionen sind die Hendrix-Aufnahmen vom 26. April 1969 aus dem Los Angeles Forum zumindest auszugsweise bekannt. Jetzt gibt es sie endlich offiziell, gut klingend und angemessen präsentiert als 2LP- oder 2CD-Set und in digitalen Formaten. Der Veröffentlichungstermin hat natürlich mit dem 27. November 2022 zu tun, an dem Jimi Hendrix 80 Jahre alt geworden wäre – leider starb er ja bereits 1970, im Alter von knapp 28 Jahren. Und so sieht man in einem kurzen Videomitschnitt von o.g. Konzert einen extrem gut gelaunten jungen Mann, der sein Publikum mit mal sympathischen, mal bissigen Ansagen und seinem eigenwilligen Gitarrenspiel fasziniert. Schön, dass es dieses Konzert der originalen Experience-Besetzung mit Drummer Mitch Mitchell und Bassist Noel Redding jetzt endlich in gut klingender Audio-Qualität in voller Länge gibt. Die Setlist ist typisch für Hendrix-Shows dieser Phase, die Umsetzung aber spannend und sie wirkt oft einigermaßen spontan: Auf das knackige ‚Foxey Lady‘ folgt der Blues ,Red House’, mit ,Tax Free’ ist ein gecovertes Instrumental zu hören, und eine Interpretation der US-Nationalhymne ist ebenfalls im Angebot. “Jetzt kommt ein Song, mit dem man uns alle gehirngewaschen hat“, kündigte Hendrix diesen Track in Los Angeles an, das seit den Watts-Riots von 1965 immer wieder mit Protesten gegen den Rassismus konfrontiert war. Die vier Monate später vor dem fast leeren Woodstock-Areal gespielte Version von ,Star Spangled Banner’ war also keine Premiere oder Revolution – sie wurde nur durch den Film zum Festival ein Politikum. Und teilweise überinterpretiert. Die Show im L.A.-Forum endet (nach coolen Versionen von ,Spanish Castle Magic’ und ,I Don’t Live Today’) mit ,Voodoo Child (Slight Return)’ und, darin eingearbeitet, Creams Hit ,Sunshine Of Your Love’. Fazit: Ein gelungenes Hendrix-Konzert, eine Jam-freudige Band, eine brauchbare Aufnahme. Empfehlung! lt

Lothar Trampert in Gitarre & Bass 12/2022

RORY GALLAGHER: DEUCE 50th ANNIVERSARY EDITION

Ein halbes Jahr nach dem legendären Gallagher-Solo-Debüt von 1971 (das im Herbst 2021 auch als 50th-Anniversary-Box-Set wiederveröffentlicht wurde) erschien am 28. November 1971 das zweite Album ,Deuce’, das Rory in den kleinen und eigentlich auf Reggae spezialisierten Tangerine Studios im Osten Londons aufgenommen hatte. Mit Gerry McAvoy am E-Bass und Wilgar Campbell an den Drums hatte Gallagher diesmal als Ansatz einen etwas rougheren Live-Sound im Kopf, den er unter Studio-Bedingungen kreieren wollte; angeblich hat die Band einen Großteil der zehn Tracks direkt im Anschluss an Konzerte nachts eingespielt. Was durchaus gelungen ist, denn das Trio kommt sehr knackig und räumlich rüber – absolut authentisch, als würde man in einem Club unter idealen Sound-Bedingungen direkt neben der Bühne sitzen. Allerdings hat Gallagher bei der Produktion nicht ganz auf Overdubs verzichtet, wie man z.B. in ,Maybe I Will’ deutlich hört. Sein Gitarrenspiel ist rau und virtuos, seine Licks haben unglaubliche Energie, seine Dynamik ist großartig. Auch gesanglich ist Rory hier in guter Form, er wirkt stabil und souverän, wie ein Musiker mit viel Live-Erfahrung. Und ein Track wie ,There’s A Light’ zeigt seine Fähigkeit zu swingen und ein bisschen Jazz-Rock ins Spiel zu bringen, was sehr an seine frühere Band Taste erinnert.

Die jetzt erschienenen Jubiläums-Ausgaben von ,Deuce’ (4CD-Deluxe Box, 2CD, 3LP Limited Edition, Coloured Vinyl LP und digitale Formate) versuchen wieder verschiedene Käuferschichten bzw. Interessenlagen zu bedienen. Ein neuer Album-Mix ist im Angebot, außerdem 28 bisher unveröffentlichte, alternative Tracks, eine BBC-Radio-Live-Aufnahme ,Live at The Paris Theatre, 13 January 1972’, mit sechs Stücken, sowie diverse Sessions von Radio Bremen aus dem Jahr 1972. Zum Box-Set gehört ein 64-seitiges gebundenes Buch mit einem Vorwort von Gallagher-Fan Johnny Marr (The Smiths), unveröffentlichten Fotos, Essays etc.
Gallagher bleibt eine Naturgewalt, eine gitarristische Ausnahmeerscheinung seiner Zeit. „Ein erstaunlicher Spieler, sehr lebendig“, diagnostizierte Joe Satriani. „Rory hatte einen besonderen Sound mit dieser Stratocaster, und er hatte ihn wirklich, weil er mit einer unglaublichen Kraft spielte. Er war einfach mit so viel Leidenschaft dabei.“ lt

ROBBEN FORD & BILL EVANS: COMMON GROUND

Schon nach den ersten Takten dieses Albums ist klar, dass Miles Davis auch hier deutliche Spuren hinterlassen hat. Und Robben Ford (g), Bill Evans (sax) und auch Rolling-Stones-Bassist Darryl Jones (b) haben in den 80ern ja auch mit dem Trompetenmeister gespielt und getourt. Steely-Dan-Drummer Keith Carlock und Organist/Pianist Clifford Carter komplettieren das Line-up dieses neuen Albums das in musikalischer Hinsicht mittelalten Jazz-Rock auf hohem spielerischen Niveau liefert. Dabei sind die solistischen Beiträge anfangs spannender als die Kompositionen. Insbesondere Robben Ford lockert hier gewaltig auf, wenn er roughe Chords und Arpeggios einstreut und oft mit cleanem Ton sehr originell in seine Lead-Parts startet. Ganz tief darunter legt Darryl Jones ein fettes, warmes Fundament, das diese Musik trägt. In Track 5, ,Common Ground’, wird es dann mal kurz dezent poppig, wenn die Band Gastsänger Max Mutzke begleitet – ein guter Solist, der aber mit seiner eigenen, funky-souligen Band sehr viel packender rüberkommt. Der im Verlauf des Albums immer wieder mit kantigen und irgendwie auch bluesigen Tracks überraschende Oldschool-Jazz-Rock von Robben Ford & Bill Evans ist ein eigener Planet. Hörenswert. lt

FEDERATION OF THE GROOVE: FEDERATION OF THE GROOVE

Gitarrist Bruno Müller habe ich in G&B-Ausgabe 09/2022 ausführlich vorgestellt, und jetzt ist auch endlich das Album seiner Band Federation Of The Groove am Start. Musikalisch ein Trip zwischen Jazz, Soul, Funk und Pop, bei dem Martin Sasse (p/org), Hendrik Smock (dr), Claus Fischer (b) und eben Bruno Müller einen ganz großartigen Job machen. Diese Musiker klingen hier wirklich wie eine Band, sie grooven unglaublich und ihre acht Album-Tracks haben einen absolut organischen Flow, der wirklich mitreißt. Für mich ein unerwartetes Highlight dieser Produktion ist die Interpretation der John-Coltrane-Ballade ,Naima’, eigentlich eine Ikone, von der man besser die Finger lässt. Was Federation Of The Groove hier mit ganz viel Respekt und Kreativität aus diesem Jazz-Klassiker zaubern ist beachtlich. ,Naima’ bekommt Leichtigkeit ohne Magie zu verlieren. Vielleicht ist Leichtigkeit wirklich der Schlüssel: Denn ganz egal ob diese Band funky zur Sache geht, groovigen Orgel-Jazz spielt oder im cool swingenden ,Blues For John’ noch mal John Coltrane und vor allem Pianist McCoy Tyner ein monkiges Denkmal setzt – Martin Sasses Piano-Part ist ein Highlight! – diese Musik ist immer im Fluss. Tolle Band! lt

CARIS HERMES: CARIS HERMES

Schon die ersten Takte verraten, dass diese E- und Kontrabassistin wirklich Tone hat! Caris Hermes (*1991) hat nach Geige und Cello mit 14 Jahren auch noch Bass gelernt, und sammelte als Jungstudentin an der Folkwang Universität Essen und im Jugendjazzorchester NRW erste Erfahrungen. Zu ihren Favoriten am Kontrabass gehören neben ihrem Lehrer John Goldsby noch Christian McBride und George Mraz. Und wenn man die virtuosen Lead-Spots hört, die Caris Hermes mit rhythmisch eigenwilligen Linien und kleinen Ausbrüchen füllt, die immer wieder organisch zurück zur Band finden, wird klar, dass dieses Debüt-Album eine reife Musikerin präsentiert. Zu ihrem Trio mit Pianist Billy Test und Schlagzeuger Niklas Walter kommen bei fünf der neun Album-Tracks noch die Gäste Paul Heller (ts), Stefan Pfeifer-Galilea (as), Andy Haderer (tp) und Martin Sasse (p), was dieses gelungene Album noch abwechslungsreicher macht. Dabei ist aber alleine schon die in Trio-Besetzung eingespielte Eigenkomposition ,Abeyance’, mit einem langen und vor allem berührenden Bass-Solo von Caris Hermes den Kauf dieser CD oder LP wert, die übrigens auch in ihrer grafischen Gestaltung absolut beeindruckt. Alles hat Stil! Außerdem fällt immer wieder auf, wie intelligent dieses Album aufgenommen und gemischt wurde: Nico Raschke vom Hansahaus Studio Bonn hat einen unglaublichen Raumklang geschaffen, mit einem Kontrabass-Sound der extrem lebendig ist, ohne die anderen Instrumente zu verdrängen. Bei diesem Debüt stimmt alles. lt

Lothar Trampert in Gitarre & Bass 11/2022

John Goldsby, Kontrabassist, Hochschul-Professor, Lehrbuch-Autor und seit Jahren Mitglied der WDR-Bigband hat Caris Hermes’ Talent schon früh erkannt. „Die Liebe zum Kontrabass habe ich tatsächlich durch John entdeckt. Ich habe bei ihm das Jugendstudium an der Essener Folkwang Universität absolviert“, erzählt Caris, die im Alter von 14 Jahren, nach Geige und Cello zum nächst größeren Instrument gewechselt hatte. Sie wurde Mitglied im Jugendjazzorchester, spielte mit diversen weiteren (Big)Bands und erhielt mehrere Preise. Nach ihrer EP ,Human’ (2018) ist jetzt also das lange gereifte Debüt-Album da, das die 30-jährige Musikerin mit ihrem Trio, zu dem Billy Test (p) und Niklas Walter (dr) gehören, präsentiert. Bereits die ersten Takte zeigen, dass diese Kontrabassistin einen beeindruckenden Ton hat, und auch ihre mal straighten, mal rhythmisch eigenwilligen Linien und Lead-Spots haben Stil und eine eigene Handschrift. Als Gäste sind Paul Heller (ts), Stefan Pfeifer-Galilea (as), Andy Haderer (tp) und Martin Sasse (p) zu hören. Vier der neun Tracks wurden in Trio-Besetzung eingespielt, von denen insbesondere die Eigenkomposition ,Abeyance’, mit einem sensiblen Bass-Solo, eine ganz große Leistung ist. Davon bietet dieses abwechslungsreiche und hervorragend aufgenommene Album noch mehr, und die CD bzw. LP ist alleine schon wegen ihrer gelungenen grafischen Gestaltung von Katerina Trakakis & Svenja Wittmann ein Kunstwerk. Höchstwertung!

Lothar Trampert in JAZZTHETIK 11-12/2022

JEFF BERLIN: JACKSONGS

Keine Frage, Bassist Jeff Berlin liebt die Musik von Cream und Jack Bruce. Der erste Track heißt dann auch ,Creamed’ und ist ein knapp sechsminütiges Mega-Medley mit allen möglichen Riffs und Licks von Clapton, Baker & Bruce. Und da Berlin (*1953) während seiner langen Karriere schon mit Größen wie Bill Bruford, Allan Holdsworth, Larry Coryell, Pat Martino, John McLaughlin, Rick Wakeman, Steve Howe, Frank Zappa und vielen anderen gearbeitet hat, ermöglichte ihm sein guter Name, auch für dieses Solo-Tribute-Projekt einige prominente Kollegen ins Studio zu bekommen: Sammy Hagar, Alex Lifeson, Geddy Lee, Gregg Bissonette, Gary Husband, Eric Johnson, Bill Frisell, Ron “Bumblefoot” Thal, Alex Ligertwood, Scott Henderson, Marcus Miller, Ron Carter, Tony Levin, Michael League, Nathan East, Mark King, Bruce Guttridge, Billy Sheehan und Johnny Hiland sind auf ,Jack’s Songs’ zu hören! Jeff Berlin: „Die Musik von Jack Bruce aufzunehmen, war das emotionalste Projekt meiner Karriere. Jack war der größte Bass-Einfluss, den ich überhaupt hatte. Im Zentrum seiner Musik standen immer wieder diese seltsamen Basslinien, die sich in und aus der Tonart schlängelten, die nach Erlösung schrieen und sie auch immer wieder fanden. Jacks Bass-Spiel war eine lebendige, sich entwickelnde Improvisation. Ich wäre nie der Bassist geworden, der ich heute bin, wenn ich nicht seine ungezügelten Improvisationen und Innovationen gehört hätte und seinen absolut originellen Basston. Und Jack hat jeden Gig so gespielt hätte, als wäre es sein letzter.“ Resultat dieser Fan-Begeisterung ist ein abwechslungsreiches Tribute-Album, das ein bisschen wie eine Revue rüberkommt und mich immer wieder an einen Musical-Soundtrack mit großartigen Solo-Spots erinnert, was vielleicht auch am dezent historischen Sound-Design dieser Produktion liegt. Aber hier wurde mit Liebe gekocht, von Könnern. lt 

VERONIKA HARCSA & BÁLINT GYÉMÁNT: ABOUT TIME

Nach ,Lifelover’ (2013), ,Tell Her’ (2016) und ,Shapeshifter’ (2019) ist jetzt ein viertes Album der ungarischen Jazz-Sängerin Veronika Harcsa und ihres kreativen Gitarristen Bálint Gyémánt erschienen, wie beim Vorgänger-begleitet von zwei belgischen Musikern, dem Bassisten Nicolas Thys und Drummer Antoine Pierre. Aus dem ursprünglichen Duo ist jetzt also eine richtige Band geworden, geblieben sind die stilistisch flexibel angelegten Songs, die oft etwas folkloristisch klingen, dann wieder sphärisch, offen an Ambient und skandinavischen Jazz erinnern, und zwischendurch wird dann auch mal schräg gerockt. Bálint Gyémánt überzeugt dabei als kreativer Klangtüftler, der sein Handwerk an der akustischen Gitarre genau so beherrscht wie ihm mit der effektbehandelten Elektrischen großartige Soundscapes gelingen. Schöne Musik. lt

Lothar Trampert in Gitarre & Bass 11/2022

Ich verfolge diese beiden großartigen Kunstschaffenden schon lange, und sie haben mich immer wieder begeistert, auch nachdem aus ihrem ursprünglichen Duo eine größere Besetzung wurde. Denn ihr Spagat zwischen kammermusikalischer Nähe und oft rockenergetischem Potenzial, zwischen folkloristischer Leichtigkeit und experimentelleren Jazz-Ausflügen, blieb davon unberührt. Nach ,Lifelover’ (2013), ,Tell Her’ (2016) und ,Shapeshifter’ (2019) ist jetzt das vierte Album der ungarischen Jazz-Sängerin Veronika Harcsa und ihres Gitarristen Bálint Gyémánt erschienen, und wie schon beim Vorgänger werden die Beiden von Nicolas Thys (b) und Antoine Pierre (dr) begleitet. Zwei Musiker, die absolut Song- und Sound-dienlich agieren, und so ist weiterhin viel Raum für Raum, wenn Harcsa und Gyémánt z.B. mal in Richtung Ambient und Nordic Jazz driften. Hier liegen auch die Stärken des wirklich vielseitigen Gitarristen: Bálint Gyémánt überzeugt immer wieder als kreativer Soundscaper, der mit akustischen wie mit elektrischen Instrumenten eine enorme Palette an Klangfarben im Repertoire hat. Während bei Konzerten der Band vieles auf spontaner Improvisation aufbaut und auch einige spätere Songs erimprovisiert wurden, hat man bei dieser neuen Produktion etwas mehr geplant. Veronika Harcsa: „Während der Studioarbeit kam diesmal viel mehr strukturelles und strategisches Denken ins Spiel.“ Auch das ist letztlich ein Akt der Komposition – und das Ergebnis ist großartig.

Lothar Trampert in JAZZTHETIK 11-12/2022

EVA KLESSE QUARTETT: SONGS AGAINST LONELINESS

„Drums & Composition“ liest man auf der Homepage von Eva Klesses Website, links neben einem großen Schwarzweiss-Foto einer in ihr Instrument vertieften Schlagzeugerin. Seit ihrem elften Lebensjahr sitzt die 1986 in Werl geborene Musikerin am Drum-Set, später studierte sie in Weimar, Leipzig und Paris Jazz-Schlagzeug. Ihr eigenes Quartett gründete Eva Klesse 2013; den Leipziger Jazz-Nachwuchspreis bekam sie noch vor Veröffentlichung des Debüts ,Xenon’, für das sie dann 2015 mit dem Echo Jazz in der Kategorie „Newcomer des Jahres“ ausgezeichnet wurde. ,Songs Against Loneliness’ ist ihr fünftes Album unter eigenem Namen, zu dem sie neben ihren festen Mitmusikern Evgeny Ring (sax), Philip Frischkorn (p) und Marc Muellbauer (b) noch den österreichischen Gitarristen Wolfgang Muthspiel eingeladen hatte; er ist in vier der 13 Tracks zu hören ist – darunter die Klesse-Kompositionen ,Du & Ich’ und ,Hearts On Hold’ – nur zwei von mehreren Album-Highlights. Die Musik ist sehr zurückgenommen, nachdenklich, dabei aber intensiv und berührend, wie ein tiefer Blick in die Augen eines Menschen, von dem man gerade einen Satz gehört hat, der das Leben verändert. Eva Klesse trommelt eine ganz eigene Sprache, kommuniziert, kommentiert und schweigt auch mal. Und letztlich ist es genau dieser musikalische Ansatz, der die Transparenz ihres Albums erzeugt, sehr extrem erlebbar im wunderbaren ,Anthem (For The Anthemless)’. Hier hört man dann auch mal ein wenig Melancholie – ansonsten dominiert die Hoffnung. Absolut gelungen!

Lothar Trampert in JAZZTHETIK 11-12/2022

Mal abgesehen davon, dass Eva Klesse eine wirklich bemerkenswerte und sehr individuell klingende Schlagzeugerin ist, hat sie bei ihrem fünften Album unter eigenem Namen auch noch großartige Musiker an ihrer Seite: Neben Saxophonist Evgeny Ring, Philip Frischkorn am Piano und dem Kontrabassisten Marc Muellbauer ist auf ,Songs Against Loneliness’ auch noch Gitarrist Wolfgang Muthspiel in vier der 13 Tracks zu hören: Der österreichische Musiker hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten international einen großen Namen erspielt – und auch hier hört man, warum ihm das gelang. Muthspiel verbindet Intensität und Ausdruckskraft mit gitarristischer Zurückhaltung, spielt Band-dienlich und glänzt trotzdem in dieser Band. Eine sehr gelungene musikalische Begegnung und ein wirklich schönes, zeitloses Jazz-Album. lt

Lothar Trampert in Gitarre & Bass 12/2022

JEFF DENSON, BRIAN BLADE, ROMAIN PILON: FINDING LIGHT

Ich habe bei diesem Album einige Zeit gebraucht, um sein Licht zu entdecken. E- und Kontrabassist Jeff Denson, Gitarrist Romain Pilon und Ausnahme-Schlagzeuger Brian Blade sind schon seit ein paar Jahren ein musikalisches Team. Gleichberechtigt als Solisten waren sie bereits auf ihrem 2019 erschienenen Debüt ,Between Two Worlds’, und jetzt, drei Jahre später, klingen sie noch etwas euphorischer und verspielter. Wobei immer wieder deutlich wird, welche zentrale, belebende Funktion der Drummer in diesem Trio hat – und Brian Blades Potenzial als künstlerischer Katalysator hat sich ja auch schon in anderen Besetzungen bewährt. Im vierten und mit knapp acht Minuten längsten Album-Track ,A Moment In Time’ blüht dann auch der ansonsten oft etwas verhalten agierende Gitarrist auf, und Romain Pilon überzeugt mit einem freieren Zugang, abstrakteren Sounds & Noises, aus denen sich gegen Ende ein balladeskes Thema entwickelt. Blade und Denson liefern hier und in vielen anderen Tracks ein sicheres, aber nicht zu engmaschig gestricktes Netz. Im letzten Album-Track, ,Sixto’, geben die drei Musiker noch mal alles und beflügeln das anfangs ruhige Thema dann doch gewaltig. Bassist Jeff Denson: „Jedes Mal, wenn wir zusammen spielten, wuchs diese Band weiter und unser Sound und unsere musikalische Vision entwickelten sich. Die Verbindung untereinander wurde immer intensiver.“ Eine Verbindung, die ihre wahren Stärken zeigt, wenn dieses Trio extrovertiert zur Sache geht.

Lothar Trampert in JAZZTHETIK 11-12/2022

TOBIAS HOFFMANN TRIO: SLOW DANCE

Läuft mein Plattenspieler zu langsam? Nein, ich höre ,Slow Dance‘ von Tobias Hoffmann (g), Frank Schönhofer (b) und Etienne Nillesen (dr), aka Tobias Hoffmann Trio – eine Jazz’n’more-Formation, die uns in den vergangenen zehn Jahren schon mit viel guter Musik beglückt hat.
Keine Frage, bereits mit den großartigen Alben ,11 Famous Songs Tenderly Messed Up‘ (2014) und ,Ballads, Blues, & Britney‘ (2017) hat diese Band bewiesen, dass sie auch mal entschleunigen kann. Aber jetzt ist man kurz vor dem Status Freeze angekommen, was bereits der Album-Opener ,The Loco-Motion’ manifestiert – bzw. dessen Umsetzung ins SloMoFormat. „Wir teilen ein gemeinsames Gefühl für Timing und Space in der Musik“, erzählt Tobias Hoffmann. „Zuletzt führte uns unsere gemeinsame musikalische Entwicklung immer mehr in Richtung langsamer Tempi, und ich habe das Gefühl, dass ich mich am Instrument nochmal weiterentwickelt habe.“
Langsam und extrem intensiv kommt ,Slow Dance‘ rüber.
Da wirkt der Blues-Klassiker ,Baby, Please Don’t Go‘ schon fast agil, denn der Track marschiert dank Bass und Drums fast robotermäßig vom ersten bis zum letzten Ton. Und oben drauf setzt Tobias Hoffmann mit seiner angezerrten Fender Stratocaster, die er für die gesamte A-Seite der LP einsetzte, minimalistische Bruchstücke des bekannten Themas. „Frank eröffnet diesen Blues-Klassiker mit einem seiner seltenen Bass-Soli. Rau, leidenschaftlich, zerrissen, trashig geht es da zur Sache, bevor das Stück seinen Lauf nimmt und sich nach der Melodie mehr und mehr zu einem Bass-Schlagzeug-Shuffle-Solo entwickelt. Für diesen One-Chord-Blues-Trip haben wir das Stück mit einem hypnotischen Riff versehen. Ich spiele weniger und weniger, hier und da noch ein paar Fetzen Blues-Geschichte, bevor Frank und Etienne alleine übrig bleiben. Es gibt unzählige Interpretationen dieses Traditionals. Lightnin’ Hopkins’ Version zählt zu meinen Favoriten. Unsere ausgesparte, kantige Version ist davon inspiriert.“
Bekannt sind alle Tracks dieses instrumentalen Cover-Albums: Wie Kenny Burrells ,Chitlins Con Carne‘, das Tobias bereits als Kind in Stevie Ray Vaughans Version von dessen posthum erschienenen Album ,The Sky Is Crying‘ gehört hat. „Stevie spielt eine sehr geschmackvolle, nah am Original gehaltene Version. Wir lehnen uns etwas weiter aus dem Fenster und versuchen in unserer Zeitlupen-Version die ursprüngliche Stimmung dramatischer, geheimnisvoller, bedrohlicher zu gestalten“, erzählt Tobias. Dann sind da noch Neil Youngs ,Harvest Moon‘ in einer wunderschönen, achtminütigen Version, das surfpunkrockige ,Politician‘ von Cream plus weitere, gut gewählte Klassiker von The Doors, Smokey Robinson und Bruce Springsteen. Tobias Hoffmann liebt jeden einzelnen dieser Songs, hat Kindheitserinnerungen an Autofahrten mit seinen Eltern und einer Springsteen-Best-Of-Kassette. „,The River‘ ist einer dieser Songs bei dem Text und Performance mich zu Tränen rühren. Nachdem wir die Songform gespielt haben gehen wir zu einem zweiten Part über: ,Into The River’. Frank und ich spielen wie eine große Gitarre zusammen, Etienne übernimmt den Lead- Part, die singenden Sounds kommen aus seiner präparierten Snare. Um zusätzliche Atmosphäre zu schaffen habe ich nachträglich eine Rückwärts-Slide-Gitarre und verschiedene Gitarren-Loop- Sounds als Overdubs hinzugefügt.“
Ein bekannter Doors-Klassiker ist diesem Trio ganz besonders gut gelungen: „,Riders On The Storm‘ hat schon im Original von The Doors einen Surfmusic-artigen Vibe, was mir natürlich sehr gut gefällt“, erzählt Tobias weiter. „Wir haben für das Stück dieses mysteriöse Bass-Riff entwickelt. Immer wenn die Melodie gespielt wird, spielen wir die Form des Stücks, dazwischen wird auf dem Riff gejammt. All die außergewöhnlichen Sounds die man hier hört sind live im Studio entstanden, tatsächlich handelt es sich hierbei um den ersten Take! Man hört wie wir auf der Suche sind. Manchmal sind das die spannendsten Takes. Im Mixing haben wir mittels Panning, also der Aufteilung von links und rechts im Stereobild, verschiedene Sound-Ebenen von gespielter Gitarre und geloopten Gitarren-Sounds konstruiert.“ Was absolut organisch gelungen ist und im Resultat nicht als Effekt aus der Trickkiste sondern als spannende Klangkunst rüberkommt, als intensive Musik. Der Sound hat Räumlichkeit und geht ganz tief runter. Live-Feel! Das trotz des oft knochigen, fast knackigen E-Bass-Sounds von Frank Schönhofer, der gelegentlich auch noch leicht verhallt klingt. Oder ist das doch die warm-surfige Jazzmaster, mit der Tobias, ganz besonders in ,Riders On The Storm‘, die weirdesten Sounds zaubert?
Egal. Diese Band ist eine musikalische Dreieinigkeit. Das alles muss man erst mal wollen, können, machen und sich trauen! Was auch für die Cover-Gestaltung gilt: Mit Menschen, die bei diesem Motiv nicht grinsen oder lächeln müssen, möchte man eigentlich nichts zu tun haben. Keine Frage: Hier ist eine ganz besondere Formation am Start, die höchstes musikalisches Niveau mit einer künstlerischen Offenheit verbindet, die sensibel, oft introvertiert, aber nie selbstverliebt rüberkommt. Da ist auch immer etwas leiser Humor im Spiel, und eine sympathische Gelassenheit.
Gitarrist Tobias Hoffmann (*1982) hat schon einige Auszeichnungen für seine Arbeit bekommen, war an Aufnahmen für viele deutschen Radiostationen beteiligt, ist auf ca. 20 Album-Veröffentlichungen zu hören, ist Mitglied im Jazzkollektiv Klaeng und ist seit über einem Jahr Professor für Jazz/Pop Gitarre & Ensemble an der Staatlichen Musikhochschule Trossingen. So engagiert wie er Gitarre spielt und klingt, lebt er auch den Musikerberuf in all seinen Herausforderungen.Für den YouTube-Channel „Vintage Guitar Oldenburg“ hat Tobias übrigens schon fast 500 Videos produziert, in denen man neben sehr interessanten alten Instrumenten auch seine Art des Gitarrenspiels, im Duo mit sich selbst, ausgiebig genießen kann. Für Fans des ähnlich ansetzenden aktuellen John-Scofield-Albums perfekt geeignet! Einfach nur gute Musik. „Mittlerweile hab ich ja das Gefühl, dass mich die meisten Leute hierüber kennen“, meint Tobias grinsend. „Ich denke, dass das echt eine schöne Sache ist, diese ganzen Instrumente und damit ja auch ein Stück Gitarrenhistorie dort zu verewigen. Außerdem ist der Channel einer der wenigen wo ohne viel Gerede Musik auf Vintage-Instrumenten gemacht wird.“
Im Frühsommer bekam Tobias einen Anruf von der norwegischen Sängerin Rebekka Bakken und sollte am nächsten Tag bei einem Konzert in der Alten Oper Frankfurt für einen erkrankten Musiker einspringen. Rebekkas kurzes Instagram-Video von der ersten gemeinsamen Probe, vor allem ihr begeisterter Blick, spricht Bände: Tobias Hoffmann ist ein ganz besonderer Gitarrist – mit einem weiteren beeindruckenden Album. Reinhören!
Die Klang-Qualität der Vinyl-LP ist absolut gelungen (ein Download-Gutschein liegt bei). Vinyl, CD und/oder Download kann man ausschließlich über das musikereigene Label http://www.klaengrecords.de bestellen. Dance slow! Und wer das Tobias Hoffmann Trio live erleben möchte fährt am 05.10. nach Wuppertal ins Loch. Weitere Termine gibt’s unter http://www.tobias-hoffmann.com. lt

ATHINA KONTOU MOTHER: TZIVAERI

Die in Frankfurt geborene Kontrabassistin Athina Kontou habe ich zum ersten Mal live im Trio Autochrom erlebt – und war beeindruckt. Auf ihrem Solo-Debüt ,Tzivaeri‘ trifft man auch ihre Mitmusikerin Luise Volkmann (sax) und Dominik Mahnig (dr) wieder, und die Drei sind wirklich ein großartiges Team. Direkt vom ersten Track wird man mitgerissen: Was für ein Groove mit extrem coolem Spiel von Drummer Dominik, was für eine halbtraurige Melodie von Luise Volkmann – und was für ein Ausbruch mit einem jazzigen Piano-Solo von Lucas Leidinger, der die Band komplett macht. Und dann hört man irgendwann nur noch das Saxophon und Bandleaderin Athina Kontous Kontrabass: Nähe, Vertrautheit, aber nicht ohne Überraschungspotenzial.

Den zweiten Album-Track leitet Athina Kontou mit einem unbegleiteten Solo ein – diese Bassistin hat Tone, mit Tiefe, Wärme und ein bisschen Schärfe on top. Das Debüt-Album der Kölnerin reflektiert zwar ihren griechischen Background, hat dabei aber immer wieder eine ganz spezielle Intensität, die ich von John-Coltrane-Alben wie dem 1962 erschienenen ,Coltrane’ oder ,Crescent’ von 1964 liebe.

In je zwei der neun Tracks kommen als Gäste der Oud- und Bouzouki-Spieler Epaminondas Ladas bzw. Koray Berat Sari auf der Lavta zur Band. Interessant daran ist, dass es sich bei dem musikalischen Material nicht um eigene Kompositionen, sondern um Stücke aus der griechischen, armenischen und türkischen Musikkultur handelt. Athina Kontous Arrangements und Improvisationen haben dabei aber eine so deutliche Handschrift, dass alles eins wird. Oder vielleicht schon immer eins war und vom Schubladenmensch, Aneignungs-DogmatikerInnen und anderen Kulturbeherrschern neu gelabelt wurde? „Improvisation ist ein wichtiger Bestandteil traditioneller griechischer Musik“, erzählt Athina. „Das gilt sowohl für urbane Musik wie das Rebetiko als auch für Volkslieder und -tänze.“ Die Bassistin hat sich für dieses Projekt nicht nur intensiv mit der Kultur (und) ihrer Familie beschäftigt, sie suchte damit auch einen Weg zu sich selbst.

Was ist künstlerische Identität? Wenn man ethnische Musik in seine eigene Sprache einfließen lassen kann, ohne in „Weltmusik“-Klischees zu baden. Wenn man als Jazz-Musikerin individuell, kreativ, berührend rüberkommt. Wenn die Musik selbst mehr ausdrückt als alle guten Informationen, die man als Rezensent zu einem komplexen Werk bekommt: Intensität, Emotion, Tiefe, Liebe.

Athina Kontou und ihrer Band ist mit ,Tzivaeri‘ ein intensives, warmes und abwechslungsreiches Album gelungen. Ein großes Debüt. lt

 

FEDERATION OF THE GROOVE

Es gibt diese Alben zwischen Jazz, Soul, Funk und Pop, die dich packen, ein Lächeln ins Gesicht zaubern und die dann ein halbes Leben lang Teil deines Soundtracks bleiben. Zu denen zähle ich so einiges von Johnny Guitar Watson, mehr von The Crusaders & Larry Carlton und ganz viel von Stuff, der Band um Drummer Steve Gadd und Gitarrist Eric Gale. Gerade höre ich eine funky Bassline, ein paar gezupfte Akkorde, E-Piano und einen coolen Drum-Groove, dann eine Gitarrenmelodie – und dieses Lächeln ist endlich mal wieder da. Federation Of The Groove heißt die Formation von Martin Sasse (p/org), Hendrik Smock (dr), Claus Fischer (b) und Bruno Müller (g). Alles erfahrene und vielbeschäftigte Musiker, die in ihrer Liebe zu souligem Groove-Jazz einen gemeinsamen Nenner haben. In McCoy-Tyner-Fan Martin Sasses ,Blues For John’ kommt mit Gast Paul Heller (ts) noch eine weitere Farbe ins Spiel. Nächstes Highlight ist die Neuinterpretation der John-Coltrane-Ballade ,Naima‘: Nach Bruno Müllers solistischer Vorstellung des Themas setzt die Band ein und transferiert diesen Jazz-Klassiker in die Jetztzeit. Martin Sasses Piano-Part ist großartig, Claus Fischer trägt mit ganz tiefen Tönen und Hendrik Smock, unterstützt von Gast Roland Peil (perc), bereichert auch diesen Track mit seinem entspannten, sensiblen Spiel, das trotzdem Energie hat. Diese großartigen Aufnahmen erscheinen Ende September auf CD und Vinyl. lt

STEVE GADD, EDDIE GOMEZ, RONNIE CUBER & WDR BIG BAND: CENTER STAGE

Dass die Kölner WDR Big Band seit Jahrzehnten ein Weltklasse-Unternehmen ist, wissen Jazz-Fans. Und mit prominenten Gästen hat diese Formation immer wieder gearbeitet – z.B. mit John Scofield, der auch das spannende Album ,East Coast Blow Out’ in dieser Konstellation eingespielt hat. Im Januar 2022 waren dann der legendäre Drummer Steve Gadd, Bassist Eddie Gomez und Ronnie Cuber mit seinem Baritonsaxophon im WDR-Studio, um mit der Big Band Musik zu machen. Neben Features der o.g. Gäste ist hier auch Eric-Gale-Fan Bruno Müller an der Gitarre als Solist zu erleben, der direkt den ersten Album-Track ,Signed, Sealed, Delivered’ mit dem Thema versorgt. Drei Gitarrensoli folgen, u.a. in Bob Dylans ,Watching The River Flow’, wo auch die immer beeindruckende Karolina Strassmayer am Altsaxofon zu erleben ist, und ein sehr cooles Bass-Solo vom mitsingenden Eddie Gomez. Das ganze Album versprüht extreme Spielfreude, und wer konventionellen BigBand-Jazz mit Weltklasse-Solist(inn)en mag, wird hier perfekt bedient. lt

MAX PROSA: WANN KÖNNT IHR ENDLICH FRIEDLICH SEIN?

“Genre: Liedermacher, Folk-Pop” flüstert mir das Presse-Info des Labels ins Ohr. “Chanson, Schräger Hund”, flüstere ich zurück. Nein, ich beginne diese Review nicht mit einem Hinweis auf eine andere, schon lange verstorbene rauhstimmige Berliner Musikergröße, denn das ist schon zu oft passiert. (Google meldet “Ungefähr 17.900 Ergebnisse (0,43 Sekunden)”) Größe hat Max Prosa, Jahrgang 1989, auch selber – und Intensität, eigene Worte, einen eigenen Sound, der sich das aus der Musikhistorie nimmt, was die Worte brauchen. Und dann klingt seine Band – hier spielt wieder die alte Besetzung, mit der er zu seinem Debüt 2012 auf Tour war – schon mal nach The Band, aber Max macht uns trotzdem nicht den Bob. Einen Track weiter geht seine gitarrenlastige Musik mit Retro-Flair schon wieder in eine andere Richtung, aber man fühlt sich trotzdem noch zu Hause. ,Blauer Traum‘ wäre dann fast ein richtiger 70s-Schlager geworden, durch den Max Prosa aber dann so sympathisch taumelt, dass man an Serge Gainsbourg mit Kippe und Kaffeeflecken auf weißem Hemd denkt. Auch ,Bleib nicht‘ und ,Vier Leben‘, ein Duett mit Magdalena Ganter, haben diese eingängige Kraft, Poesie und Wärme. Ich werde seine CD neben die von Der Nino aus Wien und ,Seifenblasenmaschine‘ von der wunderbaren Krazy stellen, und die Drei werden sich verstehen. ,Wann könnt ihr endlich friedlich sein?‘ ist Max’ achtes Album in zehn Jahren, und es erscheint auch als LP und CD. Tourtermine, Platten, Bücher & mehr gibt’s bei maxprosa.de. Kauft physisch! lt

MASK OF CONFIDENCE: MASK OF CONFIDENCE

Bassist & Produzent Fabio Trentini kennen wir von den Guano Apes, Donots, H-Blockx u.a. Als der italienische Produzent Stefano Castagna hörte, wie Fabio an Basslines und Musik im Stil des legendären Japan-Bassisten Mick Karn arbeitete, schossen ihm jede Menge eigene Ideen durch den Kopf, die er umsetzen wollte. Und so entstanden zwischen 2019 und 2021 die zehn Tracks dieses Albums, das ganz klar auch ein Fabio-Trentini-Album ist, denn es ist musikalisch, kompositorisch wie auch atmosphärisch extrem von dessen fetten, warmen Basslines geprägt. Mit Sänger Jeff Collier war dann auch die andere Stimme dieser Musik gefunden – und ein paar Freunde machten auch noch mit: Touch-Guitar-Virtuose Markus Reuter, King-Crimson-Drummer Pat Mastelotto und zwei Bläserstimmen, die dieser Produktion eine ganz besondere Farbe geben, die Klarinettistin Angela Kinczly und Giovanni Forestan an Saxophon und Bassklarinette. Zur Musik: Japan-Fans werden sich ein bisschen zu Hause fühlen, aber die eigenwillige Prog-Pop-Variante von Mask Of Confidence hat ein ganz eigenes Flair und ist außerdem absolut lebendig. Gut! lt

MILES DAVIS: THAT’S WHAT HAPPENED 1982-1985. THE BOOTLEG SERIES VOL. 7

Gitarrist John Scofield war 30 Jahre alt, als er plötzlich in Miles Davis’ Band auftauchte, quasi als Live-Nachfolger von Mike Stern. Mit einer Handvoll Solo-Alben in Quartett- und Trio-Besetzung hatte der damals noch sehr bluesig straight ahead boppende Sco sich schon einige Fans erspielt – der große Durchbruch in die Popularität kam für ihn aber erst an der Seite des legendären Jazz-Trompeters, der jetzt funky, deep, groovend das Terrain zwischen diversen Genres auslotete. Diese für Miles Davis wie für Scofield wichtige Phase dokumentiert das 3CD-Set ,That’s What Happened 1982-1985: The Bootleg Series Vol. 7’. Hier sind vor allem bislang unveröffentlichte Aufnahme-Sessions zu hören, spannende Mitschnitte, denn in dieser Zeit entstanden großartige Alben wie ,Star People’, ,Decoy’ und ,You’re Under Arrest’. CD 3 liefert den bereits als Video veröffentlichten Live-Mitschnitt ,Miles Davis: Live in Montreal July 7, 1983’. Die drei Tonträger stecken in einzelnen Miniatur-Albumhüllen und zusammen in einem kleinen Schuber. Dazu gehört noch ein Booklet mit Fotos und Interviews. Eine 2LP-Vinyl-Ausgabe mit Auszügen aus diesem Box-Set folgt im Spätherbst.
Wer diese wirklich heiße Phase im Schaffen des Miles D. liebt, vielleicht auch weil er damals sehr Pop-affin war oder so fantastische Künstler in seinen Bands hatte, kommt an dieser Veröffentlichung kaum vorbei. Allerdings sind die meisten Tracks mehrfach zu hören – aber diese Alternate Takes sind durchaus spannend und die Besetzungen hochrangig. Ein paar Namen: Mike Stern und John Scofield (g), Marcus Miller und Darryl Jones (b), Al Foster (dr), Mino Cinélu (perc), Bob Berg und Bill Evans (sax) – nicht schlecht; bei einem Studio-Track ist auch noch John McLaughlin zu hören. Der Live-Mitschnitt aus Montreal ist ein Glücksfall, wobei da die Video-Alternative die spannendere ist. Denn Miles Davis auf der Bühne war einfach eine Show. Fans und Neuentdeckerinnen des Jazz-Revolutionärs können ihn jetzt auch auf der neuen Website http://www.MilesDavis.com bestaunen.

UWE SANDFORT & ANDRE ENTHÖFER

Der Wuppertaler Gitarrist Uwe Sandfort ist stilistisch nicht festgelegt, spielt folkige Acoustic-Tunes genau so geschmackvoll wie Blues und Funk auf seiner elektrischen ES-345. Mit Klarinettist & Saxophonist Andre Enthöfer hat er seit drei Jahren einen passenden Duo-Partner an seiner Seite – denn beide sind Musiker, denen Atmosphäre, Sound, Raum und Ausdruck wichtiger sind als Leistungsschauen über Up-tempo-Jazz-Standards. Wobei man letzteres auch erst mal technisch und ausdrucksstark können muss, leider wird diese Tatsache in der Poser-Praxis aber öfter mal ignoriert. Sandfort & Enthöfer sind da sympathisch anders: Ihre ruhigen, verspielten, immer sehr melodischen und irgendwie auch positiven Tracks sind einfach berührend und beruhigend zugleich. Wobei der Kontrast zwischen akustischer Nylonstring-Gitarre und Klarinette, wie z.B. in ,Fünf Vor Vier’ ganz besonders intensiv rüberkommt, so auch das mit E-Gitarre und Bassklarinette interpretierte ,Catwalk’. Ein wirklich schönes Duo-Album!
Gitarrist Uwe Sandfort (erreichbar über Facebook) hat außerdem kürzlich noch ein Duo-Album mit dem Gitarristen und Liedermacher Martin Hermann veröffentlich, das eine andere Facette seiner Musik zeigt. lt

JANNIS SICKER SEPTETT: AGES

Der in Köln lebende Gitarrist & Komponist Jannis Sicker liefert mit ,Ages’ Sounds zwischen Jazz und E-Musik, oft abstrakt konstruiert, dann wieder pulsierend, swingend, improvisiert. Er hat mit dem Fagott angefangen, ist dann zur Gitarre gewechselt, hat den Grunge entdeckt, und ist später in die musikalische Welt von J.S. Bach und Béla Bartók eingetaucht. Zu seinem Septett gehören Julia Brüssel (viol), Emily Wittbrodt (cello), Moritz Wesp (tb), Simon Below und als Gast Leif Berger (kb), Jonas Gerigk (b) und Drummer Jan Philipp, der mit Jannis Sicker auch für den Mix verantwortlich war. Den Zugang zu diesem musikalischen Ereignis zwischen den Stilen muss man erst finden – aber hinter der etwas sperrigen Fassade entdeckt man dann eine sensible Musik, die mit orchestralen Elementen und linearer Jazz-Improvisation schöne Kontraste liefert. Jannis Sicker, der hier nur gelegentlich mit sehr coolem, warmem Gitarrenton zu erleben ist, überzeugt als Klangmaler. Eine spannende und entspannende Musik von eigenwilliger Schönheit. Mehr? jannissicker.com lt

SAMO SALAMON TRIO FEAT. ARILD ANDERSEN & BOB MOSES: PURE AND SIMPLE

Vor einigen Monaten habe ich den aus Slowenien stammenden Jazz-Gitarristen mit seiner im Alleingang eingespielten Hommage an den legendären amerikanischen Altsaxophonisten, Flötisten und Bassklarinettisten Eric Dolphy vorgestellt. Jetzt ist Samo Salamon (*1978) zurück, und das mit zwei lebenden Legenden: dem norwegischen Bassisten Arild Andersen (*1945) und dem legendären Drummer Bob Moses (aka Robert Laurence, Ra Kalam oder Rahboat Ntumba). Generationenkonflikte sind dabei wirklich nicht zu erleben, denn wenn der auch schon mal mit einer akustischen Zwölfsaitigen spielende Bandleader hier weite Klangflächen legt oder auch mal rockige, virtuose Powerchords und Soli abfeuert und man die Reaktionen seiner Mitspieler hört, spürt man, dass in diesem Projekt die Chemie stimmt. „Dieses Trio ist wirklich ein wahr gewordener Traum, mit zwei meiner liebsten Jazz-Musiker aller Zeiten“, freut sich Salamon. „Ich habe Bob zum ersten Mal auf Pat Methenys Album ,Bright Size Life’ gehört und er hat mich mit seiner offenen Art zu trommeln einfach umgehauen. Die gleiche Geschichte gilt für Arild, den ich auf den frühen Alben von Jan Garbarek und Terje Rypdal erlebt habe. Und es war so einfach, mit diesen beiden Meistern der Kreativität und des Jazz zu spielen!“ Und so wird Gitarrist Samo Salamon – bei aller improvisatorischen Interaktion – hier vor allem getragen von zwei großen Jazz-Musikern, die seine künstlerische Ausdruckskraft aufblühen lassen. Andererseits liefert Samo alles was es braucht, um Arild Andersens traumhafte Kontrabass-Soli noch mehr glänzen zu lassen. Dream-Team. lt 

JULIAN LAGE: VIEW WITH A ROOM

Gipfeltreffen! Für ,View With A Room’ hat sich Jazz-Gitarrist Julian Lage nämlich einen ganz besonderen Gast in die Band geholt: Bill Frisell, allgemein bekannt als Grenzgänger, Jazzer ohne Country-Allergie und permanenter Sound-Überrascher. Und die beiden Herren, getragen von Bassist Jorge Roeder und Drummer Dave King, können gut miteinander. „Dieses Album präsentiert Songs, über die ich seit vielen Jahren nachdenke“, erzählt Lage. „Der Traum war es, das Zusammenspiel des Trios hervorzuheben und gleichzeitig den Klangbereich der Gitarre zu erweitern – und das Zusammenspiel mit Bill Frisell steht eben nicht in einem Duo-Kontext, sondern für die Erweiterung der Trio-Orchestrierung.“ Und noch mehr: Denn Julian Lage blüht hier auf, findet aus oft dominierender intellektueller Kühle in die weite, offene Welt der Musik aus der Sicht von Bill Frisell. Und wenn die beiden sich mal etwas rustikaler geben und u.a. eine Blues-Form umspielen, wirken sie dezent übermütig und un-nerdig unterhaltsam – aber ihre Stärken liegen wo anders, und davon zeigt dieses Album genug. Die gitarristische Interaktion von Lage und Frisell ist einfach spannend, und sie wird um so intensiver, je mehr beide sich in ganz kleine Details vertiefen. Resultat ist ein Jazz-Gitarren-Album, das stilübergreifend Fans finden könnte, denn diese Künstler ziehen die Hörenden in ihre Musik rein und dann mit. So gesehen auch pädagogisch wertvoll. Großartig!  lt

BURKHARD LIPPS THELEN: AD LIPPS

Der Kölner Gitarrist Burkhard Lipps startete seine Profi-Karriere 1974 mit einem Künstlervertrag bei EMI Electrola. Damals entstanden Produktionen mit den Bands Jail und Hollywood und auch ein Solo-Album, das allerdings nicht veröffentlicht wurde. Es folgten viele andere Projekte, die Band Earforce und Jobs als Studiomusiker, Produzent und Komponist für Künstler und Künstlerinnen wie Wolfgang Petry, Anne Haigis, Ray Austin, Miguel Rios, Stars on 45, Axxis, Bogart, Lenny MacDowell, Miguel Rios, Wolfgang Petry, Bläck Fööss u.a.
Jetzt hat Burkhard seinen Traum verwirklicht und ein instrumentales Solo-Album eingespielt, das sein virtuoses E-Gitarrenspiel in elf Tracks zwischen Rock, Blues, Funk, Pop und Fusion präsentiert. ,Ad Lipps’ entstand im eigenen Tonstudio, neben dem Gitarristen und Bassisten waren noch sein Sohn Simon Thelen (dr) und Peter Herrmann (kb) beteiligt. Keine Frage, Burkhard Lipps Thelen ist ein virtuoser Gitarrist mit Feeling, der verschiedene Genres stilsicher abdeckt und mit packenden Sounds immer wieder sehr coole Soli liefert. Seine Kompositionen sind rund, die Arrangements absolut gelungen. Hier fühlt man sich als Hörer einmal wie in einem US-Krimi-Soundtrack (,For Michael’), dann in einem Kansas- oder Foreigner-Track (,Rocky’), es folgt ein Hendrix-Rocker (,18.09.70’) und dann ein Blues: Burkhard Lipps-Thelen hat den Classic Rock der 70er- und 80er-Jahre und die musikalische Welt drumherum erlebt, studiert, verinnerlicht und macht sein eigenes Ding draus. Und mit der emotionalen Ballade ,Seagull’s Dream’ ist dieser Künstler in der Jetztzeit angekommen und kann ganz sicher auch Satriani-Fans überzeugen. Das Album findet man bei Spotify, Deezer, Apple & Co. und bei YouTube. lt

RAGAWERK: RAGAWERK

Gitarrist Max Clouth erzählte mir mal, dass die erste Review seiner Karriere und seines Debüt-Albums ,Guitar’ in diesem Magazin erschienen ist. Sein Potenzial war schon 2011 unüberhörbar, und auch die nachfolgenden Produktionen konnten das nur bestätigen und immer wieder überraschen. Der 1985 in Frankfurt geborene Gitarrist (ein ausführliches Porträt kann man in G&B 09/2021 nachlesen) hat 2020 sein Hauptprojekt Max Clouth Clan nach drei Studio- und einem Live-Album in „Ragawerk“ umbenannt – und jetzt ist auch das offizielle Debüt da. Und es hat sich nicht nur der Name geändert: Kern von Ragawerk sind Max Clouth und Komponist und Drummer Martin Standke (*1982), die in ihren musikalischen Grenzgängen zwischen Jazz und der ethnischen und auch klassischen Musik Indiens eine erstaunliche Kreativität und Reife an den Tag legen. Hypnotische Grooves, virtuose Improvisationen, abwechslungsreiche Gitarren-Sounds von Max Clouths doppelhälsigen Spezialinstrumenten und viele musikalische Gäste machen dieses Album zu einem spannenden Jazz’n’More-Erlebnis. Entdecken! lt

RAGAWERK: Über Jazz, Indien & Liebe 

Der 1985 in Frankfurt geborene Gitarrist Max Clouth hat 2020 sein Hauptprojekt Max Clouth Clan nach drei Studio- und einem Live-Album in Ragawerk umbenannt. Damals erschien eine Live-EP mit Aufnahmen aus der Centralstation Darmstadt vor, erst jetzt folgt das offizielle Debüt-Album: Ragawerk!

In Jazzthetik 07-08/2021 hatten wir Max Clouth mit dem Album ,Lucifer Drowning In A Sea Of Light’ vorgestellt, das er mit der Cellistin Sophie-Justine Herr und Kabuki am Modularsynthesizer eingespielt hatte. Jetzt setzt der Grenzgänger zwischen Jazz und der Musik des indischen Subkontinents auf größere Besetzungen, mit diversen Gästen.

Kern von Ragawerk sind Max Clouth und Komponist und Drummer Martin Standke (*1982), die ihre musikalische Basis wie folgt beschreiben: „Ragas sind ein jahrhundertealtes Konzept aus der klassischen indischen Musik. Es sind melodische Grundstrukturen, die traditionell an bestimmte Stimmungen oder Tageszeiten geknüpft sind. Technisch gesprochen sind es Tonleitern, und hier liegt die auch die Schnittstelle zum Jazz: Ragamusik ist wie Jazz im weitesten Sinne skalenbasiert. Mit einer Raga kann, wie mit einer Tonleiter, improvisiert werden, und es können Akkorde oder Beats darunter gelegt werden.“

„Einige unserer Stücke basieren auf Ragas“, erzählt Max Clouth weiter. „Aber sie sind so in unserem Band-Sound verpackt, dass man erst einmal gar nicht darauf kommt. Wir nehmen die Raga und setzen sie in unseren Kontext. Dabei halten wir uns nicht immer an alle traditionelle Vorgaben – und das macht dann unsere Musik aus.“ „Man muss die Regeln kennen, erst dann darf man sie auch brechen. So geht Entwicklung“, meint Martin Standke. Diese Regeln haben beide Musiker, seit ihrer ersten Begegnung im Jahr 2012, lange erforscht, und Max Clouth hat nach seinem Studium in Mainz und Dresden drei Jahre in Mumbai gelebt und sich der südindischen Kultur angenähert. 2017 erhielt Clouth den Jazz-Preis der Stadt Frankfurt und Martin Standke und sein Contrast Trio waren schon ein Jahr zuvor mit dem Hessischen Jazz-Preis ausgezeichnet worden. Der studierte Jazz-Schlagzeuger ist heute am Schauspiel Frankfurt und den Münchner Kammerspielen künstlerisch tätig. Ragawerk ist für die beiden befreundeten Musiker nicht nur eine Begegnungsstätte für verschiedene Kulturen sondern auch eine menschliche, emotionale, die mit ihren persönlichen künstlerischen Entwicklungen eng verbunden ist.

Jazz-Feeling, Loops, Ragas und, so die Künstler, „eine Prise Krautrock“ finden auf diesem Debüt zusammen, und das so erstaunlich relaxt und verspielt, dass sich zeitungeistig überall „Kulturelle Vereinnahmung“ witternde Dogmatiker und Ideologen vermutlich vor Schmerzen winden. Auch wer als Nicht-Südländer(in) eine Pizza backt, drückt Liebe, Anerkennung und Respekt aus, und die berühmten Pizzen Hawaii und Würstel gibt es bekanntlich auch beim Italiener. So what? Was Clouth und Standke uns hier servieren ist definitiv mit Liebe und Respekt gemacht, hat künstlerische Reife und emotionale Tiefe. Intensive, hypnotische Grooves, Improvisationen in denen man versinken kann, abwechslungsreiche Gitarren-Sounds und immer wieder überraschende Farben, die durch diese zehn Tracks fliegen – ein musikalisches Erlebnis für offene Geister. Die waren schon vor über einem halben Jahrhundert gefordert, als Miles Davis im März 1970 mit seinem Meisterwerk ,Bitches Brew’ die Jazz-Welt irritierte und bereicherte. Crossover – Kreuzung, Übergang, Begegnung. Und ein Ragawerk-Track wie ,Das Modul’ erinnert auch daran, das der legendäre und als offener Geist bekannte Gitarrist Volker Kriegel (*1943 +2003) bereits 1969 mit The Dave Pike Set (Album ,Noisy Silence – Gentle Noise’) den Titel ,Mathar’ einspielte – mit Sitar. Was damals primär ein ironischer Saitenhieb auf die indienverliebte britische Popszene war (Kriegel über die Sitar: „Das klingt schon gut, wenn man nur die leeren Saiten anschlägt.“), wurde später von der französischen DJ-Szene aufgegriffen und unzählige Male gesampled und remixed. Und das alles hat uns bereichert!

So gesehen und gehört sind Clouth und Standke mit Ragawerk schon einige Schritte weiter. Sie lassen einfach alles einfließen, die schönen Klänge, die tiefere Beschäftigung mit Kulturen, ihre instrumentale Kompetenzen, hypnotische Basslines, Samples, Farben. Und wenn man im Album-Opener ,Ab Yeh Kya?’ die Sängerin Varijashree Venugopal erlebt, dazu die Percussionisten Udhai Mazumdar und Shivaraj Natraj, den Violinisten Manas Kumar und Sitar-Spieler Mehtab Ali Niazi, dann spürt man, dass diese Begegnung eine gute war. Das gilt auch für die mit dem bereits erwähnten Synth-Spieler Kabuki, der auch hier wieder in vier Tracks zu hören ist. „Als Elektro-Künstler hat er natürlich eine ganz andere Art, an Musik heranzugehen, auch andere Vorstellungen, aber trotzdem oder gerade deshalb ist unsere Zusammenarbeit äußerst fruchtbar“, erzählt Martin Standke. „Wir inspirieren uns alle gegenseitig sehr.“ lt

LONG DISTANCE CALLING: ERASER

Vor einigen Wochen habe ich Long Distance Calling nach Jahren mal wieder live erlebt und dachte nur: „Was für eine umwerfend großartige Band!“ Interessanterweise bringen schon die ersten Töne von ,Blades’, nach dem kurzen sphärischen Album-Intro ,Enter Death Box’, dieses Konzertgefühl 1:1 zurück. Denn LDC sind auch auf diesem Studio-Album ein unglaublicher Energielieferant, nicht zuletzt wegen Janosch Rathmer, einem absolut straighten Power-Drummer, der trotzdem irgendwie swingt oder auch funky klingt, wenn auch nicht im traditionellen Sinn. Dazu kommen die fast immer melodisch durchsetzten Gitarrenwände von David Jordan und Florian Füntmann sowie die kraftvollen, tragenden Basslines von Jan Hoffmann. Dass eine Instrumental-Band im Rock-Bereich seit 16 Jahren erfolgreich ist und immer erfolgreicher wird, hat mit viel guter Arbeit zu tun, und nicht nur am Instrument. Denn auch was Cover-Artworks, Promo-Arbeit, Live-Präsentation etc. angeht, hatten LDC immer eine glückliche, kreative Hand. Dominante Konzepte und Stil-Konventionen sind überhaupt nicht das Ding dieser Band, sondern eher die freie künstlerische Entwicklung. Vom frühen instrumentalen Post-Rock über Alben mit diversen Gästen, auch Vokalisten, bis hin zu mal hardrockigen, mal fast jazzigen Ausflügen konnte man LDC bisher erleben. So wie aktuell im Album-Track ,Sloth’ mit Saxophonist Jørgen Munkeby, bekannt als Mitglied der norwegischen Band Shining, der andererseits auch als Pink-Floyd-Track durchginge. „Ich denke, ,Sloth’ ist einer der speziellsten Tracks auf dem Album”, erzählt Drummer Janosch. „Saxofon in einem Stück zu haben, ist für eine Band wie uns nicht sehr üblich. Es ist nicht gerade das traditionellste Instrument für eine Rock-Band, aber Jørgen hat hier ganze Arbeit geleistet. Er spielt so großartig und ist außerdem ein netter Kerl! Es ist also ein besonderer Song für uns.“ Es folgt das schwere, fast tumb marschierende Rock-Riff von ,Giants Leaving’, das sich kurz darauf in sensible Arpegios zerlegt um dann mit noch mehr Energie und einem treibenden Groove abzuheben. Ganz anders ,Blood Honey’, das zurückhaltend, fast bedrohlich startet, und sich ganz allmählich steigert, nach zweieinhalb Minuten losrockt, dann wieder ganz weit zurückschaltet um nach einem längeren, minimalistischen Mittelteil, zu explodieren – das über 10 Minuten und 17 Sekunden. Alleine diese drei so unterschiedlichen Tracks sind prototypisch für das neue Album, das alles andere als homogen rüberkommt: Es ist ein Trip, voller Dynamik, Dramatik und überraschender Wendungen. Das gilt auch für den Titel-Track ,Eraser’, der das Album beschließt, und der ebenfalls nach einen sehr ruhigen Mittelteil, mit Streichern instrumentiert – nein, nicht noch mal rockig durchstartet, sondern sehr nachdenklich endet. Denn dieses achte Album von Long Distance Calling ist den bedrohten Arten der Welt gewidmet, der fortschreitenden Erosion der Natur. Jeder Song repräsentiert eine bestimmte Kreatur, die vom Aussterben bedroht ist. Ein starkes Statement in jeder Hinsicht. lt

PERISH: THE DECLINE

„Perish sind: RJ – Vocals, Schlagzeug, Keyboard, FF – Gitarre, Bass, GS – Gitarre, Bass“ verrät das karge Info zum Debüt dieses darken Trios, das melodischen Black-Death-Metal der 90er-Jahre wieder aufleben lässt. Ideologisch unverdächtig (was in diesem skandinavisch dominierten und von einigen faschistoiden Auswüchsen belasteten Genre erwähnt werden muss) gehen die drei seit vielen Jahren befreundeten Münsteraner Musiker, die ihre wahre Identität anscheinend geheim halten möchten, einen Weg, der auch alte Opeth-Fans begeistern könnte. Denn hier wird brachial-monumental gitarrengerockt, selten unterbrochen von Sounds & Samples, und Song-Titel wie ,Joyless’, ,Relentless’, ,Soulless’, ,Sleepless’, ,Breathless’ und ,Hopeless’ lassen ebenfalls vermuten, dass bei Perish keine Kuscheltiere auf der Bühne landen. Wobei ausgerechnet das 10 Minuten und 17 Sekunden lange ,Hopeless’ (Spoiler-Alarm!) geradezu optimistisch endet … Das 50-minütige Oldschool-BDM-Erlebnis erscheint auf CD und in limitierter Auflage auch auf schwarzem Vinyl und MC. lt

LISA WULFF: SENSE AND SENSIBILITY

Als ich die Bassistin Lisa Wulff (* 1990) kürzlich mit der NDR-BigBand und der Formation ToyToy bei Arte gesehen habe, war ich absolut begeistert. 2018 hatte ich ihr zweites Album ,Wondrous Strange’ vorgestellt, 2019 erhielt sie den Hamburger Jazz-Preis für ihre Verdienste „als stilistisch äußerst offene und stilsichere Bassistin“, die „sich in vielfältigen Band-Kontexten (vom Duo bis zur BigBand) als ein verlässlicher, energetischer Ruhepol und zugleich inspirierender Motor“ erwiesen habe – so die Jury. 
Im vergangenen Jahr erschien mit ,Sense And Sensibility‘ neue Musik, die Lisa-Rebecca Wulf nicht nur am Kontrabass und mit ihrem Sopran-E-Bass präsentiert, sondern in einigen Tracks auch als Vokalistin. Bei ihrem Solidbody handelt es sich um ein Soprano-Modell von Gerald Marleaux: Der Bass ist eine Oktave höher gestimmt als ein herkömmlicher Viersaiter, und Lisa setzt mit diesem Instrument auch dezent ein paar Effekte wie Octaver, Reverb und den Electro-Harmonix-Pitch-fork ein; verstärkt wird mit Eich-Amps.
Gemeinsam mit Adrian Hanack (ts/fl), Silvan Strauss (dr), Stefan Lottermann (tb) und Gabriel Coburger (ts/ss/b-cl) hat Lisa Wulff hier elf eigene Kompositionen zum Klingen gebracht, die von Michel Schroeder arrangiert wurden. Aufgenommen und gemixt hat übrigens Drummer Silvan Strauss – und einen guten Job gemacht. Die letzten 5 Minuten und 20 Sekunden dieses schönen Albums hört man dann den Norah-Jones-Hit ,Don’t Know Why’ in einer wirklich spannenden und originellen Version mit Backing-Vocals, Bass-Klarinette und einem virtuosen, treibenden Bass-Solo. Danach versteht man den kreativen Ansatz dieser Musikerin noch mal ein bisschen besser. Lisa Wulff durchkreuzt den Modern-Jazz-Planeten, entdeckt neue Pfade und schöne Orte, wo andere straight durchwandern. Sie hatte schon als Kind klassischen Klavier- und Gitarrenunterricht, begann dann mit neun Jahren E-Bass zu spielen und studierte später u.a. E- und Kontrabass bei Detlev Beier und Lucas Lindholm. Neben ihrem Job bei der NDR Bigband hat sie in den vergangenen Jahren mit Größen wie dem im August 2022 leider verstorbenen legendären Klarinettisten Rolf Kühn, Nils Landgren, Bob Mintzer, Terri Lyne Carrington, Randy Brecker u.a. gearbeitet. Eine erfahrene Musikerin mit eigenem Sound – und einem spannenden, abwechslungsreichen Album. lt

JOHANNES LUDWIG: VAGABOND SOULS

Gleich zwei Gitarristen und eine Bassistin hat Bandleader, Komponist & Saxophonist Johannes Ludwig für sein neues Album ,Vagabond Souls’ ins Studio eingeladen: Und neben Philipp Brämswig (g), Gero Schipmann (g) und Lisa Wulff (b) sind hier auch noch die Trompeterin Heidi Bayer und Schlagzeuger Alexander Parzhuber zu erleben. Die neun Album-Kompositionen entstanden erst 14 Tage vor der Aufnahme – dazu kam, dass diese Band so vorher noch nie zusammen gearbeitet hatte. Interessant ist das Zusammenspiel der beiden gekonnt arrangierten E-Gitarren von Philipp Brämswig und Gero Schipmann (letzterer ist auch mal mit einer Baritone-Gitarre zu hören), die immer mal wieder verschmelzen um dann anschließend eigene Wege zu gehen. In ,Unexpected Exposure’ überraschen sie sogar mit einer echten Metal-Einlage, um einen Track weiter wieder ganz originell an 70s-Jazz-Rock mit BigBand-Flair anzuknüpfen, unterstützt von sehr coolen E-Bass-Linien von Lisa Wulff. Da wird man gelegentlich an das legendäre United Jazz & Rock Ensemble erinnert, was ja keine schlechte Referenz ist. Denn eigentlich ist auch hier eine Band der Bandleader zu hören – und gut, dass sie für dieses spannende Album zusammengefunden haben.
Für Spotify-Allergiker: Die ,Vagabond Souls’-CD steckt in einem geschmackvoll designten Foldout-Papp-Cover, das auch noch ein schönes kleines Booklet enthält. Kauft Kunstwerke, solange es sie noch gibt. lt

JOHANNES LUDWIG: Vagabond Souls

Was für ein Line-up! Für sein neues Album ,Vagabond Souls’ hat Johannes Ludwig (* 1988) einige großartige Kolleginnen und Kollegen begeistern können: E- und Kontrabassistin Lisa Wulff, Trompeterin Heidi Bayer, die beiden Gitarristen Philipp Brämswig und Gero Schipmann sowie Schlagzeuger Alexander Parzhuber waren mit Saxophonist Ludwig im Studio. Genauer gesagt im Kammermusiksaal des Deutschlandfunks in Köln, wo die Formation an drei Tagen Ende September 2021 aufnahm.          

Neun Kompositionen des Bandleaders haben es aufs Album geschafft. Die CD steckt in einem geschmackvoll designten Foldout-Cover, das auch noch ein kleines Booklet enthält. Aus diesem erfährt man, dass die Aufnahmen dann noch mal in den Londoner Ashfield Street Studios abgemischt wurden um dann in The Bunker, in Brooklyn das perfekte Mastering zu erhalten. Und diese Aufnahmen klingen auch hervorragend, und die Musik durchaus überraschend: Zwei Bläser, zwei Gitarren, Bass und Drums – nicht revolutionär, aber eher selten anzutreffen. Interessant ist, dass manche Tracks sehr im europäischen Jazz der 1970er-Jahre verwurzelt sind, was an den beiden Gitarristen liegt, von denen mindestens einer immer mal wieder an den frühen, jazzigen Volker Kriegel erinnert, andererseits aber auch sehr sphärische Klänge aus der Sechssaiter-Abteilung zu hören sind. Bass und Drums tragen meist unauffällig, warm, zurückhaltend das musikalische Geschehen, wobei Lisa Wulff in ,Dream Wild’, nach dem kurzen, furiosen Jazz-Rock-Thema mit einem gekonnten Solo auffällt – warm, leise, tragend. 

Wie eine klassische Jazz-Ballade startet ,Get Outta Here’, wo einmal mehr die gekonnt arrangierten E-Gitarren von Philipp Brämswig und Gero Schipmann auffallen, die sich nie im Weg stehen sondern oft wie ein Instrument klingen, um kurz darauf wieder auseinander zu driften und ganz unterschiedliche, faszinierende Klangräume zu schaffen. Anders interagieren die beiden Hauptsolisten des Albums, Johannes Ludwig und Heidi Bayer, zwischen deren Lines es immer mal wieder spannend knistert, die an anderer Stelle aber dann perfekt komponierte Flächen kreieren. Diese Band klingt wesentlich größer als sie ist – was auch daran liegen könnte, dass sich die Beteiligten aus verschiedenen anderen Formationen kennen, u.a. dem Subway Jazz Orchestra. Andere Projekte brauchen für solche Sounds zwei Keyboarder. 

,Unexpected Exposure’ heißt der vorletzte Album-Track, der von einer extrem verzerrten und sehr klassisch rockenden Metal-Gitarre eingeläutet wird, über die die beiden Bläser ein ebenso eigenwilliges Thema legen, das teilweise an das United Jazz & Rock Ensemble erinnert. Am beeindruckendsten ist das HiEnergy-Drumming von Alexander Parzhuber, der hier regelrecht abhebt und seinen harten Groove trotzdem swingen lässt. Bei aller Virtuosität fällt diese Nummer, wie ihr Titel schon vermuten ließ, etwas aus dem Rahmen dieses Albums. Alex Parzhubers originelles, energetisches  Schlagzeugspiel fällt auch im Finale ,What Do You Regret?’ auf, ebenso weitere atmosphärische Querverweise zum 70s-Jazz-Rock mit BigBand-Flair.

„Die Musik hat tatsächlich unter anderem einen grundsätzlichen Bezug zu den Stilen dieser Zeit“, meint Bandleader Johannes auf Nachfrage. „Allerdings nicht direkt zu den europäischen Sachen, die du nennst und die ich mir aber direkt mal reinziehen werde: Denn von Volker Kriegel kenne ich tatsächlich nur sein Buch ,Olaf der Elch’, das genial ist. Es waren eher Aufnahmen von Miles Davis aus der Zeit, Herbie Hancock, Sly and the Family Stone, Gary Bartz und dann auch von etwas jüngeren Leuten wie Altsaxophonist David Binney, der wiederum sehr von dieser Epoche beeinflusst wurde.“

Johannes Ludwig war von 2004 bis 2007 Mitglied im Landesjugendjazzorchester Baden-Württemberg und von 2008 bis 2010 im Bundesjazzorchester. An sein Saxophon-Studium in Nürnberg bei Hubert Winter, Steffen Schorn und Klaus Graf hängte er von 2011 bis 2014 noch eine Ausbildung in „Jazz-Komposition & Arrangement“ an der Hochschule für Musik und Tanz Köln bei u.a. Sebastian Sternal und Joachim Ullrich an. BigBand-Sounds kann er auch in kleinerer Besetzung, und ,Vagabond Souls’ profitiert ganz klar von diesem Fundament, das dem Komponisten inzwischen eine ganz besondere Freiheit gibt: So entstand die Musik dieses Albums erst 14 Tage vor der Aufnahme – geschrieben für eine Band, die vorher noch nie zusammengespielt hatte. Könner! lt

HAGEN RUDOLPH: SECHS JAHRZEHNTE SANTANA

Der Autor, Jahrgang 1961, bekam zu seinem 16. Geburtstag eine Santana-LP geschenkt – und die erwies sich als Türöffner in eine neue musikalische Welt. Seitdem ist Hagen Rudolph, promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, freier Autor und Lyriker, Fan des Santana-Universums. 2008 hat er bereits das Buch „Carlos Santana und Band“ (Heel Verlag) veröffentlich, sein neues Werk übertrifft dieses aber sowohl was den Umfang von 376 randvoll gefüllten Seiten angeht, als auch in puncto Aktualität. Rudolph dokumentiert die Entwicklung der Santana-Bands und ihrer Musikerinnen und Musiker, von den Anfängen 1966 bis zum im Oktober 2021 erschienenen Album ,Blessings And Miracles’ bzw. sogar Percussionist Michael Carabellos Solowerk ,Primitive Medicine Vol. 2’ vom Frühjahr 2022 – das absolut detailliert und mit unzähligen Fußnoten, und Quellenangaben versehen. Angaben zu den Instrumenten des Gitarristen findet man nur vereinzelt; hier geht es primär um die Musik und die Künstler, die immer wieder zitiert werden. Auch die Santana-Kooperationen mit John McLaughlin, Buddy Miles, Alice Coltrane, seinem Bruder Jorge und den legendären Isley Brothers werden ausführlich vorgestellt. Sehr gelungen sind auch die Tipps zum Weiterhören, in denen der Autor zu jedem vorgestellten Santana-Album weitere Aufnahmen der Beteiligten vorstellt. 

Ich liebe Bücher, in denen sich kompetente und begeisterte Fans mit wissenschaftlicher Genauigkeit und Emotion äußern – ohne solche Autoren wäre wahrscheinlich viel Pop-Historie aus der Zeit vor dem Internet und vor dem Interesse einer weltoffenen Musikwissenschaft komplett in Vergessenheit geraten. Das vorliegende Buch stellt alle Alben im Detail vor, im Anhang findet man eine Liste der 711 Santana-Songs sowie ein Personenregister – absolut interessant, wen man da alles entdecken kann. Ein Nachschlagewerk? Nicht nur. Denn bei aller Akribie  ist „Sechs Jahrzehnte Santana“ auch eine Abhandlung, die man als Santana- und/oder Latin-Rock-Fan einfach von vorne bis hinten durchlesen kann. Und wenn man auf dieser Lesezeitreise dann auch noch parallel die betreffenden Alben hört, kann man sicher sein, danach wirklich (fast) alles über Carlos & Co. zu wissen. 

Tipp: Wer das Buch via http://www.hagenrudolph.de direkt beim Autor bestellt, bekommt ein Päckchen zugeschickt, das sogar mit exklusiven Santana-Briefmarken frankiert ist. Kult!

((www.epubli.de,  ISBN: 9783756501106, 376 Seiten, Preis ca. 29 Euro )) lt

AREZU WEITHOLZ: ZU MENSCH

Ich habe zuerst mal ,Mensch’ in meinem CD-Regal gesucht und musste grinsen, weil meine Handvoll Herbert-Grönemeyer-Alben direkt neben denen von Grateful Dead und Grant Green stehen. Im Leben eben. Dieses elfte Grönemeyer-Album erschien im August 2002. Dreieinhalb Jahre vorher hatte der Musiker und Schauspieler innerhalb weniger Tage seine Frau und seinen Bruder verloren. Es dauerte lange, bis er wieder arbeiten konnte. Arbeiten musste – denn er wollte, nach eigenen Angaben, nicht auch noch die Musik verlieren. Ich höre ,Mensch‘.

Arezu Weitholz ist Schriftstellerin, Journalistin und Illustratorin, und sie kennt Herbert Grönemeyer seit 1995, als sie ihr erstes Interview mit ihm führte. Der Kontakt blieb bestehen, Arezu wurde eine Freundin der Familie. Anfang der 2000er lebte und arbeitete auch sie in London und war als Textdramaturgin an den Lyrics des Albums ,Mensch’ beteiligt. Ihr Buch heißt ZU MENSCH – und ich frage mich spontan, ob sie damit sinngemäß “About Mensch” meint, oder diese Eigenschaft “zu sehr Mensch zu sein”, emotional, von Empathie und Trauer beherrscht werden zu können. Der Untertitel “Skizzen und Blicke zurück auf Herbert Grönemeyers Album ,Mensch‘” schließt nichts aus.

Ich schlage die ersten Seiten auf und werde als Leser reingezogen in die sehr private Welt eines Künstlers, einer Familie, eines Lebens, von dem ich eigentlich nur den Soundtrack kenne, nicht den Film. Ist das grenzüberschreitend? Arezu Weitholz schreibt Bilder, beleuchtet Herbert Grönemeyers Leben und Arbeiten von allen Seiten, nicht analytisch oder streng chronologisch, sondern wie in einer unberechenbaren Kamerafahrt um ihn und Andere herum, im Godard-Tempo geschnitten, intensiv wie “Außer Atem”. Herbert lächelt. Bin kein Voyeur.

In diesem Buch findet man keine Fotos. Aber fast jede Seite ist illustriert. Die Zeichnungen und Grafiken stammen von Katrin Funcke, und auch sie ziehen dich in diese eigene Welt. In einem Dreieck zwischen dem Menschen und Musiker G., der Autorin und der Grafikerin, erfährt der lesende und betrachtende Außergrönländische wie dieses Album, seine Texte und die Musik, und auch ein bisschen das Leben danach möglich wurden. Arezu Weitholz hat bei Weggefährten, Musikern und Freunden, Erinnerungen, Anekdoten, Fakten und auch das Lebensgefühl der 2000er gesamplet und damit ein eigenes, großartiges Tribute-Album produziert. Dieses Buch ist berührend und so vielschichtig und aus dem Leben, wie der Künstler, um den es hier geht.


Aus dem Nichts fliegt mir nach über einer Stunde der Hidden-Track von ,Mensch’ entgegen, den damals Grönemeyers Sohn Felix mit seiner Band beigesteuert hatte. Es geht immer um Liebe. lt


(( Verlag Antje Kunstmann, Hardcover, 21 x 26 cm, ISBN: 978-3-95614-529-2, 208 Seiten, Illustrationen von Katrin Funcke, Preis: 30 Euro ))

FALK ZENKER: WELLENTANZ

Der 1967 in Mittweida geborene Falk Zenker gehört zu den vielseitigeren E- und A-Gtarristen der Szene. Er erhielt bereits mit zwölf Jahren Unterricht beim legendären Free-Jazz-Musiker Helmut Joe Sachse, später studierte er Klassische Gitarre in Weimar. Neben seiner solistischen Arbeit, Duo-Projekten und dem Ensemble Nu:n komponiert Falk Zenker Film-, Hörspiel- und Theatermusik und war an multikünstlerischen Projekte und Klanginstallationen beteiligt. Da wundert es nicht, dass sich dieser kreative Geist auch als Solist schon früh um eine Erweiterung des gitarristisch-musikalischen Spektrums gekümmert hat. Ähnlich wie zuletzt für John Scofield ist auch für Zenker der Looper das wichtigste Zweitinstrument auf der Bühne, wobei er aber mit diesem Live-Sampler nicht nur zusätzliche Gitarrenstimmen kreiert, sondern auch perkussive Sounds und stark verfremdete, abstrakte und auch mal psychedelische Klangbausteine, die seine Gitarrenmusik umspielen und ergänzen. Das macht Zenker übrigens schon seit einem Vierteljahrhundert – und gehört somit zu den Veteranen des Live-Looping. Auf ,Wellentanz’ ist fast durchgehend ein Band-Sound zu hören: Bass, Perkussion und natürlich ganz viele Gitarren. Loop-basierte, semi-elektronische Musik zwischen Club-Sounds und Modern-Acoustic, die vom Tanz inspiriert ist und zum Tanzen, zu Bewegung, animieren soll. lt

NILS EIKMEIER: STORIES

Der in Köln lebende Gitarrist Nils Eikmeier spielt straight ahead swingenden Modern Jazz, mit warmem Archtop-Ton: Röhren-Amp, etwas Hall – alles klassisch so weit. Er hat am Conservatorium Maastricht bei Edoardo Righini und Joachim Schoenecker studiert, außerdem erhielt er Unterricht von Lage Lund und nahm an Masterclasses von Peter Bernstein und Robben Ford teil. Das passt! Gemeinsam mit Yaroslav Likhachev (ts), Julian Walleck (b) und Thomas Wörle (dr) ist er auf seinem Debüt-Album mit sieben Eigenkompositionen zu erleben, energetischen Up-Tempo-Nummern und Balladen. In seine Singlenote-Soli streut er gelegentlich kurz Akkordfragmente ein um dann die melodischen Ideen weiterzuführen, mit kontrollierter Dynamik und immer etwas Zurückhaltung, die mich gelegentlich an Mick Goodrick erinnert. Nils Eikmeier überlässt den ekstatischeren Part seinem Saxophonisten Yaroslav Likhachev, dessen Spiel in einem lebendigen Kontrast zum sehr eigenwillig pulsierenden Team Walleck & Wörle steht, die ein faszinierendes Netz stricken, das diese Musik trägt. Sehr gut! lt

REZA ASKARI ROAR: FEAT. CHRISTOPHER DELL

Mit Colonel Petrov’s Good Judgement, der Band um den Gitarristen Sebastian Müller, hat er drei extrem spannende Alben eingespielt, ein weiteres mit The Resonators, und zwei Jahre nach seinem beeindruckenden Solo-Album ,Magic Realism‘ (2020) ist der 1986 in Fulda geborene Kontrabassist Reza Askari jetzt wieder mit seiner eigenen Formation Roar am Start, die zwischen modernem Post-Free-Jazz und freier Improvisation schwebt. Wobei die Assoziation “schweben” primär auf Vibraphonist Christopher Dell zurückzuführen ist, der hier auf sehr sensible Art Ruhe zwischen den mal deep pulsierenden, mal durchdringend sägenden, gestrichenen Kontrabass des Bandleaders, die mal nervösen, mal hymnischen Tenor-Saxophon- und Klarinetten-Linien von Stefan Karl Schmid und das immer sehr spezielle Schlagzeugspiel von Fabian Arends bringt. Arends und Schmid waren schon auf Askaris 2014 erschienenem Debüt ,Roar‘ zu hören, bei dem auch der bereits erwähnte Gitarrist Sebastian Müller zusätzliche Farben lieferte. Bei diesem neuen Roar-Album hat man oft den Eindruck, man beobachte diese Musiker auf einer Tanzfläche, ständig in Bewegung, mal um die kraftvollen Bass-Töne, dann um das Vibraphon. Freedom Roar Dance? Heavy Roartation! lt

VISMALA / NEANDER: DIGITAL SHAMAN

Vismala / Neander sind Pianist Preston Vismale und Gitarrist Ali Neander, letzterer ein Musiker, der uns immer wieder mit einem extrem breiten musikalischen Spektrum, vom Hessen-Rock der Rodgau Monotones bis zum experimentellen Rock-Jazz, oder als Rap-Begleiter von Moses Pelham und Sabrina Setlur und bis hin zu groovigem Elektro-Funk-Pop überrascht hat. Preston und Ali trafen sich im Sommer 1981 zum ersten Mal bei einer Session in einem Music Center der US-Army, nahe Frankfurt. Es folgen viele Jams, gemeinsame Auftritte und die Gründung der Band „Jive Alfredo“; Anfang 1984 ging Vismale zurück nach New York um Musik zu studieren. 2019 nahmen die Musiker wieder Kontakt auf, schickten sich Aufnahmen hin und her über den Atlantik, und so entstand in den folgenden drei Jahren das Material für ,Digital Shaman‘: 16 Tracks auf zwei CDs, ein Stilmix mit rotem Faden, der Jazz, Rock, karibisches Flair, ein monkiges Piano und Fusion-Gitarren-Sounds miteinander verbindet. Beteiligt waren Andreas Neubauer (dr), Aaron Germain, Hanns Höhn und Lukas Franz (b), Matthias Dörsam (fl/sax), Caro Trischler (voc), DJ Release (turntables) und Heinrich von Kalnein (sax) – und natürlich Ali Neander, der sich hier einmal mehr als absolut virtuoser E- und A-Gitarrist zeigt, und als Solist mit extremem Feeling für Dynamik und Dramatik. Bei allen Bezügen zum Fusion der 80s erzeugt hier die enorme Spielfreude dieser großartigen Musikerinnen & Musiker irgendwie Zeitlosigkeit, denn sie scheren sich wirklich überhaupt nicht um Genres und/oder Stilgrenzen. Und diese Unbekümmertheit ist der rote Faden von ,Digital Shaman‘. Tolles Projekt und ein absolut gelungener Blick zurück nach vorn. lt

LAJOS DUDAS: RADIO DAYS VOL. 2

Der Jazz-Klarinettist und Komponist Lajos Dudas, geboren 1941 in Budapest, lebt und arbeitet seit den 70er-Jahren in Deutschland. Von Swing über BeBop, Jazz-Rock, Free-Jazz und Third-Stream-E-Musik hat er alles gespielt. Von 1975 bis 1985 war er Dozent an der Pädagogischen Hochschule Rheinland in Neuss, und seit Anfang der 90er-Jahre und dem gemeinsamen Album ,Maydance’ (1995) arbeitet Dudas in verschiedenen Besetzungen mit dem Düsseldorfer Gitarristen Philipp van Endert zusammen. Für ,Radio Days Vol. 2‘ hat Lajos Dudas jetzt 25 Tracks aus circa 50 Jahren zusammengestellt, insgesamt 160 Minuten Musik. Die gibt es nicht auf CD, Vinyl oder bei Spotify, sondern via http://www.el-dudas.de nur beim Künstler selbst – auf einem USB-Stick! “Radio Recordings and Broadcasts” im wav-Format in guter Klangqualität sind hier zu hören, und gleich im ersten Track wird man vom legendären Jazzbuch-Autor, Produzent und Moderator Joachim Ernst Berendt begrüßt. In den folgenden gut zweieinhalb Stunden begegnet man dann noch ein paar weiteren informativen Anmoderationen und Künstlern wie dem Bassisten Ali Haurand, den Schlagzeugern Imre Kőszegi, Kurt Billker und Ronnie Burrage und den Gitarristen Attila Zoller und Toto Blanke mit jeweils einem spannenden Titel, sowie Philipp van Endert mit neun Aufnahmen. Ein wirklich spannender Radio-Trip durch verschiedene moderne Jazz-Stile – und durch die Kunst eines großartigen Musikers.
Weitere hörenswerte Musik von Lajos Dudas findet man bei http://www.jazzsick.com, darunter auch Vol. 1 der ,Radio Days’ (2016) und ,Live at Porgy & Bess‘ (2013) vom Lajos Dudas Trio mit van Endert (g) und Leonard Jones (b). lt

FRANK ZAPPA: ZAPPA/ERIE

Zappa- und Mothers-Fans sind momentan regelmäßig im Entscheidungsstress – und/oder im Dispo. Denn da jagt ja eine hochwertige Veröffentlichung die hochpreisige nächste. Keine Frage, man bekommt klanglich wie haptisch gute Musik geliefert, und da macht die Familie des 1993 verstorbenen Künstlers, ähnlich wie im Fall von Jimi Hendrix, aktuell einen fairen Job. Jetzt gibt es sieben Stunden Musik aus den Jahren 1974-76, aufgenommen bei drei Konzerten in Erie, Pennsylvania und Umgebung, auf sechs CDs. Abgesehen von 10 Minuten auf Zappas Live-Meisterwerk ,Roxy & Elsewhere‘ (1974) konnte man Teile dieser Musik bisher nur in weniger guter Qualität auf diversen Bootlegs konsumieren. Hier gibt es jetzt 71 Tracks aus drei Konzerten, chronologisch geordnet. Zur Zappa-Band gehörten damals Bruce Fowler (tb/voc), Chester Thompson (dr/perc), Don Preston (synth), George Duke (kb/synth/voc), Jeff Simmons (g/voc), Napoleon Murphy Brock (ts/fl/voc), Ralph Humphrey (dr), Tom Fowler (b) und Walt Fowler (tp). Beim zweiten Konzert gehörte zur reduzierten Besetzung Thompson, Duke, Brock und Fowler noch die legendäre Percussionistin Ruth Underwood. Zur Show am 12. November 1976 reiste Zappa dann mit komplett neuem Line-up an: Eddie Jobson (kb/viol), Patrick O’Hearn (b/voc), Ray White (g/voc), Terry Bozzio (dr/voc) und Lady Bianca (kb/voc). Zu hören sind u.a. meist neu arrangierte Songs der legendären Alben ,Freak Out‘ (1966), ,We’re Only In It For The Money‘ (1968), ,Uncle Meat‘ (1969), ,Over-Nite Sensation‘ (1973), ,Apostrophe (‘)‘ (1974) und des damals aktuellen Werks ,Zoot Allures‘ (1976). Insgesamt 417 Minuten Zappa Music at its best! Zum großformatigen Box-Set mit den sechs CDs gehören noch ein informativer Foto-Band und ein Poster. lt

PRINCE AND THE REVOLUTION: LIVE  

Keine Frage: Das musikalische Genie Prince ist komplex, der Mensch war es bekanntlich ebenfalls. Seine Studiowerke haben mich immer in Bezug auf ihre unglaubliche Energie fasziniert, ihre Lebendigkeit und Dynamik. Als ich vor kurzem erfuhr, dass ,Purple Rain‘ auf einem Live-Track basiert der editiert und ergänzt wurde (absolut sehenswert: http://www.dailymotion.com/video/x465dt9) habe ich die Welt des Prince Rogers Nelson (*1958 +2016) etwas besser verstanden, zumal mein Alltime-Favorit des Künstlers schon immer das legendäre The-Swingin’-Pig-Live-Album ,Nightclubbing. Live in Den Haag ’88’ war.

Bereits drei Jahre vorher, während der Purple-Rain-Tour, entstanden Aufnahmen einer Prince-Show vom 30. März 1985 im Carrier Dome in Syracuse, NY. Das Konzert wurde damals via Satellit weltweit übertragen und später zum Grammy-nominierten Konzertfilm “Prince and the Revolution: Live“ verarbeitet. Jetzt sind die 20 Tracks dieser Show erstmals auf  CD, Vinyl und Blu-Ray erhältlich, anhand der Original Multitrack-Masterbänder neu gemischt und digital überarbeitet. Zum vorliegenden 2CD-Set gehört noch eine Blu-ray, die den o.g. Konzertfilm erstmals in Top-Bildqualität und den Audioformaten Stereo, 5.1 Surround und Dolby Atmos veröffentlicht. Angeblich hat man die verschollenen Bänder nach fast drei Jahrzehnten in den Paisley Park Studios wiedergefunden … OK, ein bisschen Mystery-Glamour war dem weirden Herrn nie fremd, und warum sollte man diesen Charakterzug nicht auch für die posthume Verwertung seines Werks nutzen. Wer Prince and the Revolution live im eigenen Wohnzimmer wiederentdecken will und  so geniale Tracks wie  ,1999‘, ,Little Red Corvette‘, ,Let’s Pretend We’re Married‘, ,Darling Nikki‘, ,When Doves Cry‘ und natürlich ,Purple Rain‘ genießen möchte, sollte zugreifen. Denn Prince bleibt ein Live-Phänomen. lt 

JOSCHO STEPHAN TRIO: LIVE GUITAR HEROES

Der Gitarrenvirtuose Joscho Stephan wurde 1979 in Mönchengladbach geboren. 1999 erschien sein Debüt-Album ,Swinging Strings‘, das vom amerikanischen Fachmagazin „Guitar Player“ zur CD des Monats gekürt wurde. Seitdem hat sich der sympathische Musiker zum bekanntesten Vertreter der deutschen Gypsy-Jazz-Szene hochgearbeitet. Jetzt ist sein zwölftes Album erschienen. Anknüpfend an seine 2015 erschienene CD ,Guitar Heroes‘, die Joscho Stephan mit den Kollegen Tommy Emmanuel, Biréli Lagrène und Stochelo Rosenberg eingespielt hatte, sind auch bei ,Live Guitar Heroes‘ Gäste zu hören: die Gitarristen Stochelo Rosenberg, Olli Soikkeli, Richard Smith, Günter Stephan und Biréli Lagrène, außerdem in zwei Tracks Bassist Stefan Berger. Und da sind natürlich noch Stephans Trio-Mitspieler, der Rhythmusgitarrist Sven Jungbeck und Kontrabassist Volker Kamp, die eine unglaublich swingende Basis abliefern. Wie schon bei der Studioversion ist auch hier wieder ein Mix aus Standards und Eigenkompositionen zu hören, die stilistisch zwischen Gypsy-Swing, Jazz, Latin und Pop angesiedelt sind. Unglaublich locker kommt Bobby Womacks Hit ,Breezin’‘ rüber, am bekanntesten in der Version von George Benson. Hier solieren Bandleader Joscho und der immer wieder geniale Biréli knappe acht Minuten lang um die Wette. Großartig! Die Aufnahme klingt sehr plastisch und bringt Live-Atmosphäre ins Abhörzimmer, die CD kommt in einem schön gestalteten DigPak mit Fotos und Infos. Empfehlung! lt

WAWAU ADLER: I PLAY WITH YOU

Und noch ein Gypsy-Swing-Gitarrist, der Traditionspflege mit künstlerischer Offenheit und weitem Horizont verbindet: Der 1967 in Karlsruhe als Josef Adler geborene Wawau spielte schon u.a. mit Pee Wee Ellis, Biréli Lagrène, Didier Lockwood,  Philip Catherine, John Stowell und Torsten Goods zusammen, 

kam aber nach Ausflügen in BeBop und Fusion immer wieder zum Jazz Manouche zurück. Wobei Adler bis heute neben der legendären, aus den 1940er-Jahren stammenden, akustischen Selmer Nr. 828 mit dem ovalen Schallloch auch moderne Archtops und andere E-Gitarren spielt. Auf ,I Play With You’ erlebt man den Gitarristen mit einem Mix aus Eigenkompositionen und Standards, und man hört einen sehr relaxt spielenden Virtuosen, der in manchen Tracks fast unmerklich zwischen Gypsy-Tradition und Straight-ahead-Jazz schwebt und dabei wirklich cool swingt. Mit ,Manoir De Mes Reves‘ hat Adler auch einen Django-Reinhardt-Klassiker im Repertoire, bei ,Cherokee‘ und auch bei Cole Porters ,What Is This Thing Called Love’ geht er extrem virtuos zur Sache, unterstützt von Geiger Alexandre Cavaliere. Außerdem zu hören sind Bassist Joel Locher und die beiden Gitarristen Hono Winterstein und Denis Chang – mit letzterem hat Adler auch schon mehrere Unterrichtsvideos produziert. Schöner Mix! lt

FAZER: PLEX

Jazz? Electro? Instrumental-Pop? Crossover-of-what? Ja, stimmt alles. Aber vor allem spielen Fazer sehr coole, relaxte Musik. Bassist Martin Brugger legt dezent pumpende Linien unter die jazzigen Chords & Arpeggios von Gitarrist Paul Brändle, über denen Trompeter Matthias Lindermayr soliert. Für die wirklich eigenwilligen, sparsamen Grooves sind die beiden Drummer Simon Popp und Sebastian Wolfgruber verantwortlich. Kennengelernt haben sich die Künstler an der Münchner Musikhochschule, und von Anfang an war klar, dass sich bei Fazer verschiedene musikalische Stile und Richtungen treffen sollten: Mal klingen sie dezent nach Can und Kraut, dann nach hypnotischem Dub, Afro-Beat oder nach jazzigem Minimal-Techno – aber immer mit Trompete, die ganz direkt, fast spröde, ohne Effekte diese Musik prägt. ,Plex‘ ist nach ,Mara‘ (2018) das zweite Fazer-Album. Gitarrist Paul Brändle ist mir 2020 durch sein Debüt ,Solo‘ erstmals aufgefallen, dessen origineller Ansatz auch hier immer mal durchschimmert. Eigenwillige, eigenständige, beeindruckende Band. lt

DIE BILDERBUCH-ERKENNTNIS

Dass das Empfinden von Musik und Kunst eine subjektive Angelegenheit ist, ist bekannt. Auch der kreative Prozess, der zu einem Werk führt, ist in der Regel stark von der Persönlichkeit der Kunstschaffenden geprägt. Und natürlich auch jede Reaktion auf ein Kunstwerk.

Jede? Ich lege mich immer wieder gerne mit Menschen an, die behaupten, ihr oder eines anderen Menschen Urteil über ein Kunstwerk sei absolut, wahr und nicht diskutabel. OK, objektiv wahr & richtig sollten schon die Behauptung der Existenz eines Werkes, der Künstlername und der Titel sein. Aber dann geht’s in der Regel doch ganz schnell ins Empfindungsabenteuerland, wobei hier der Eintritt nicht unbedingt den Verstand kosten muss – Danke, Hartmut Engler, Rudi Buttas & Pur. ;-)

Ein Gefühl für/durch Kunst zu haben/bekommen, im Idealfall ein positives, ist wunderbar. Und macht euch nichts vor: Wenn das Wetter und der Kontostand mies sind, der Kopf weh tut und Freund oder Freundin nicht lieb waren, fällt jede Rezension anders aus als beim Schweben auf rosaroten Abenteuerlandwolken. Die wichtigste und verlässlichste Information bleibt auch weiterhin: “Da gibt’s ein neues Album von …”

Die folgende Review schrieb ein Fan der Künstler nach Anhören des neuen Bilderbuch-Albums via komprimiertem Promo-Stream, der via Apple-TV auf die HiFi-Anlage gebeamt wurde. Es war kein Infomaterial verfügbar, kein Booklet, und das Wetter war auch nicht inspirierend.

BILDERBUCH: GELB IST DAS FELD

“Einen Infotext zum Album gibt es nicht, die Songs sollen für sich sprechen”, schreibt die Plattenfirma zu ,Gelb ist das Feld‘, dem neuen Album der österreichischen Band Bilderbuch. Ich klicke den mitgemailten Link zum Album an. Loading, still loading …. aber dann: Diese Songs sagen mir tatsächlich was! “Hallo Hörer! Wir haben jetzt teilweise englische Titel und vor allem noch viel mehr Hall und Delay, als unsere Vorgänger!” Kunstwerke sprechen für ihre Schöpfer – wie wunderbar!  “Hallo Songs, das stimmt, der Hall ist üppig. Musstet ihr vielleicht deswegen auf verständliche Texte und diese ganz besondere Magie früherer Alben verzichten? War dafür kein Raum mehr im neuen Hallraum?”, frage ich. Und warte.”Hallo…?” Die Songs antworten nicht. War ich zu direkt? Zensur? Ganz weit hinten höre ich sie noch eine halbe Minute schwer atmen, dann pumpt die Kompression nur noch Stille nach vorne und macht das Nichts laut. Bilderbuch 2022! Hätte ich mal auf Vinyl gewartet – vielleicht hätte ein großes buntes Album mit vielen Bildern mich multimedialmilde gezaubert. “Sei nicht traurig”, ruft mir der letzte Song dann doch noch von ganz weit hinten zu. “Irgendwann sprechen sie wieder mit dir!” See you irgendwann, Bilderbuch. Ich bleibe trotzdem Fan. lt

Hören_Rezension_1____ _________timeline________________ ______Nochmalhören_Rezension-2

Fünf oder sechs Wochen später: Ich höre die CD – und sie klingt einfach Klassen besser als der datenreduzierte Vorab-Stream, den ich vor der Veröffentlichung bekam und dessen Signal ich via Apple TV auf meine Abhöranlage geschickt hatte. Der bemängelte Raum-Sound kommt jetzt organisch rüber; es ist immer noch viel Hall im Spiel, aber der Mix ist schlüssig und rund – sogar die Textverständlichkeit ist besser. Und vom ersten Ton an groovt diese Band so einzigartig wie schon immer. Auch das schöne DigiPak mit Text-Poster hilft beim Genuss. “Ich bleibe trotzdem Fan”, hatte ich in der ersten Review geschrieben – jetzt weiß ich warum. Klar, das ,Schick Schock‘-Erlebnis von 2015 und auch die etwas frühere ,Maschin’-Überwältigung von 2013, als die Single erschien, sind nicht zu toppen. Aber Maurice Ernst (voc/g), Peter Horazdovsky (b), Philipp Scheibl (dr) und der großartige Gitarrist Michael Krammer bleiben ein Dream-Team. Wie aus dem Bilderbuch eben. lt

FAZIT. Natürlich darf eine Rezension auch mal temporäre, subjektive Ratlosigkeit beschreiben. Die wichtigste und verlässlichste Information bleibt aber auch weiterhin: Da gibt’s ein neues Album von … – hör doch einfach mal rein! Und glaube nicht, dass Rezensentinnen & Musik-Kritiker (nur) objektive Wahrheiten verbreiten. Die Kernfrage bleibt immer: Can you feel it?

MARKUS APITIUS: BUSY DREAMERS

Der Kölner Sänger, Pianist, Gitarrist und Bassist Markus Apitius ist nicht nur als Musiker, Komponist und Produzent ein schlauer Mann. Er hat sich auch, wahrscheinlich schon Ende der 1960er-Jahre, die Domain http://www.popsong.de gesichert, und gewusst warum. Denn progressive, gut arrangierte Pop-Songs waren schon immer sein Ding: Peter Gabriel, Genesis, Van Der Graaf Generator, The Move, Procol Harum, die frühen Pink Floyd, David Bowies ,Breaking Glass‘ und ,The London Boys’ und immer wieder The Beatles haben ihn geprägt. Das alles hört man auch auf seinem siebten Album ,Busy Dreamers‘, einer Independent-Produktion, und erhältlich über http://www.popsong.de. Auch diesmal wandern die Songs des Markus A. durch diverse Stile, tangieren Folk, klingen mal rockig, mal fast jazzig, oft mit fein dosiertem Progressive-Pathos, im Finale auch noch psychedelisch, immer zusammengehalten von seiner absolut berührenden, besonderen Gesangsstimme. “Clint Eastwood spricht mit einem leeren Stuhl (Waiting), während Brasilien die Pyromanen feiert (Play With Fire). Alle wollen mal wieder raus (Going Out), um auf großer Bühne die letzten Dinosaurier zu bewundern (The Last Band), doch die Pandemie hat uns am Kragen (Oh Panic). Wir träumen munter weiter (Them Busy Dreams), während die Männer in olivgrün auf ihren Einsatz warten (Olive Green). Statt Worten bleiben zum Schluss nur Tätowierungen (On Your Skin), bevor Elon Musk sich schließlich selbst krönt (The New Kingdom)”, beschreibt der Künstler seine elf neuen Album-Tracks. Aber auch rein klanglich genossen passiert hier Berührendes, schwingen große Emotionen mit, und ein Track wie ,The Last Band‘ könnte auch von George Harrisons Meisterwerk ,All Things Must Pass‘ stammen – denn dieser Song ist ein zeitloses Prog-Meisterwerk. Auf das dann unerwartet das swingende ,Oh Panic’ folgt … Und genau das macht dieses Album und überhaupt die Musik von Markus Apitius aus: Sie führt dich über ganz eigene Wege durch bekannte Terrains und vermittelt so neue Perspektiven. Intelligentes Songwriting, geschmackvolle Sounds, tolle Instrumental-Parts und spannenden Arrangements erzeugen eine lebendige Musik, die hörende Menschen berühren kann. ,Busy Dreamers‘ ist ein wunderschönes Album mit Tiefgang und Leichtigkeit. Respekt! lt

PETER WEISS: CONVERSATION WITH SIX-STRING PEOPLE

Der Düsseldorfer Schlagzeuger Peter Weiss (*1949) ist seit den 1970er-Jahren eine feste Größe der europäischen Jazz-Szene. Er spielte u.a. mit dem Pianisten Michel Herr, Trompeter Uli Beckerhoff, Saxophonist Wolfgang Engstfeld u.v.a. Musikern zusammen und hat eine Menge Alben veröffentlicht. Auch mit Gitarristen hat Weiss immer wieder live gearbeitet, allerdings kamen dabei fast keine Aufnahmen zustande. Das holte Peter Weiss jetzt nach: Für ,Conversation with Six-String People‘ hatte der Drummer mit der Gitarristin Sandra Hempel (*1972) und ihren Kollegen Norbert Scholly (*1964), Tobias Hoffmann (*1982) und Philipp van Endert (*1969) kompetente Instrumentalisten im Studio, dazu kamen noch die Four-String-People Hendrika Entzian (*1984) und Matthias Akeo Nowak (*1976).

Aus diesem Generationentreffen hat Weiss ein mehr als abwechslungsreiches Album gemacht, denn er begegnet in den 14 Tracks allen Beteiligten in Duos, Trios, Quartett- und Sextett-Besetzungen. Also kein Schnellspieler-Wettbewerb für die Jazz-Gemeinde, sondern ein ausgereiftes, intelligentes und berührendes musikalisches Projekt, das beim Hören Tiefgang mit Unterhaltung verbindet. Und so erlebt man einen monkigen Norbert Scholly im Duo mit Peter Weiss, einen cool surfenden Tobias Hoffmann, Philipp van Endert einmal mehr in Höchstform und die Hamburgerin Sandra Hempel mit absolut großartig interagierendem Spiel mit dem Bandleader. Fazit: Ein wirklich beeindruckendes Jazz-(Gitarren-)Album von großartigen Solistinnen & Solisten – ohne Ego-Trips. Sympathisch und spannend! lt

GROOVE 4 GUITARS: Peter Weiss trifft Six-String People

Den Schlagzeuger Peter Weiss erlebte ich 1980 zum ersten Mal, als er mit der Formation Changes im Trierer Jazz-Club Schießgraben spielte. Und Wolfgang Engstfeld (sax), Uli Beckerhoff (tp/flh), Ed Kröger (p), Peter Bockius (b) und ihr Drummer waren absolut beeindruckend: Eine moderne HardBop-Band mit unglaublicher Energie und einer insgesamt sehr coolen Ausstrahlung. Ich war Schüler und lebte in der Eifel, wo diese Musik damals mindestens so exotisch war wie Pyramiden oder Saltimbocca alla Romana. Aber Jazz gab es wenigstens in knapp 30 Kilometer Entfernung, einmal pro Woche.

Ein Jahr später pilgerte ich zum Jazz-Festival nach Leverkusen, um mein Idol John Scofield zu erleben. Scofield stand damals als Gast von Changes auf der Bühne. Dieser gemeinsame Auftritt war wahrscheinlich nicht nur für das Publikum ein hochenergetisches Erlebnis, zumal die Kooperation stilistisch Scofields großartig boppende Enja-Alben ,Live‘ (1977) und ,Rough House’ (1978) tangierte. Was für eine intensive musikalische Begegnung! An der Bühnenseite stand übrigens Scos Ex-Arbeitgeber Billy Cobham, daneben Alphonse Mouzon – und beide hatten ihren Kollegen Peter Weiss im Auge.

Mit dem Schlagzeug angefangen hat Weiss (* 1949) mit 16 Jahren in Rhythm & Blues-Bands, parallel zur Schriftsetzerlehre. Er nahm Privatunterricht, studierte später am Robert-Schumann-Konservatorium in Düsseldorf und besuchte 1969/70 die legendären Remscheider Jazz-Kurse, wo er den belgischen Pianisten Michel Herr und Trompeter Uli Beckerhoff kennenlernte. Ab 1971 spielte er im Quartett von Wolfgang Engstfeld. Auf ,Cyklop‘, seinem 1972 erschienenen Debüt-Album mit dem Engstfeld Quartett, hat Peter Weiss schon mal mit einem Gitarristen gespielt – dem Düsseldorfer Ulrich Engstfeld. Was Aufnahmen angeht, folgten dann aber fast fünf Sixstring-freie Dekaden. “Gespielt habe ich schon mit einem Dutzend unterschiedlicher Gitarristen, u.a. mit Jarek Smietana, Michael Sagmeister, Joachim Schönecker, Peter O’Mara”, erzählt Weiss. “Das sind diejenigen, die ich am häufigsten  getroffen habe. Aber irgendwie ist es da nie zu einem Tonträger gekommen.”

2016 arbeitete Weiss mit dem Jazz Ensemble Düsseldorf zusammen; auf dem gemeinsamen Album ,JE:D’ ist Gitarrist Philipp van Endert zu hören. Und auf van Enderts Label Jazzsick Records ist jetzt ein Album erschienen, dass Peter Weiss gleich mit vier ausgezeichneten Gitarristen präsentiert. Auf ,Conversation with Six-String People‘ hat Weiss mit Sandra Hempel (*1972), Norbert Scholly (*1964), Tobias Hoffmann (*1982) und Philipp van Endert (*1969) kompetente Kollegen und Kolleginnen an der Gitarren-Saite – am Bass sind Hendrika Entzian (*1984) und Matthias Akeo Nowak (*1976) zu hören. Ohne Frage eine mehr als kompetente Begegnung verschiedener Generationen. Was Peter Weiss aber dann daraus gemacht hat, ist wirklich interessant: Er begegnet in den 14 Album-Tracks fast allen Beteiligten in Duos, Trios, Quartett- und Sextett-Besetzungen, was dieser Produktion nicht nur eine ganz eigene Dramaturgie verleiht, sondern auch von vorne herein den Verdacht des Gitarrenwettbewerbs aus der Welt schafft. “Das Album lebt, so glaube ich, genau von dieser Vielfalt und der Präsentation dieser vier sehr, sehr musikalisch, sensitiv und respektvoll eingestellten Protagonisten.”

Egal ob hier vier Solisten gemeinsam traditionell swingen, aus klassischen Mustern ausbrechen und angeschrägt monkig überraschen wie Norbert Scholly im Duo mit Peter Weiss, oder sich wie Scholly und Tobias Hoffmann in ,Happy Or Sad‘ als avantgardistische Slow-Psycho-Blues-Brothers outen – immer wieder ist man überrascht. Das gilt auch für Hoffmanns extrem cool groovenden Surf-Blues ,Snake‘ und Sandra Hempels großartiges, explosives und interagierendes Spiel in der zweiminütigen Duo-Aufnahme ,Snippet’ – Intensität und Interaktion pur. “Für Snippet haben wir ca. 20 Minuten und fünf oder sechs Versionen gebraucht. Ich glaube sogar, dass auf dem Album einer der ersten Takes ist”, erzählt Peter Weiss.

Der hält hier alles zusammen, pulsiert und swingt, unterstützt von Hendrika Entzian oder Matthias Akeo Nowak, so wunderbar tragend, dass man als Hörer bei einem Track wie der van-Endert-Komposition ,Kurt’s Song‘ einfach nur mitschwebt. Weiss: “Interessant finde ich persönlich immer wieder, wie gering und unterschätzt der Status des ,Sideman‘  bei uns ist. Gerade die Unterfütterung, das Farben gebende Element, prägt ja Ensembles.” Berührend in seiner Klarheit und warmen Geometrie ist Sandra Hempels Trio-Aufnahme mit Matthias Akeo Nowak und Peter Weiss, ebenso das Trio Philipp van Endert,  Hendrika Entzian & Peter Weiss.

Das Finale bestreiten dann noch mal alle Beteiligte gemeinsam in Brett Willmotts Komposition ,Nadved‘, einem Musterbeispiel für spielerische Ökonomie – hier tritt sich niemand auf die Füße, trotzdem entfaltet der Track eine ganz eigene Dynamik. Sechs Musikerinnen & Musiker, und trotzdem ist da noch ganz viel Luft und Raum. Raum, den vor allem das Schlagzeug lässt. “,Nedved‘ ist für mich ein Sound-Stück, also eher Klangfarbe. Beeinflusst hat mich in dieser Richtung vielleicht von Paul Motian. Aber es geht hier um den Gesamtklang, und nicht um den Drummer.” Der hier trotzdem eine tragende Rolle spielt. “Bei unseren beiden Live-Gigs war eine absolut großartige Stimmung”, erzählt Peter Weiss. “Das war Zusammenspiel, kein Ego-Theater. Es war wirklich schön.” Großartige Solisten, spannende Begegnungen, intensive Musik: ,Conversation with Six-String People‘ ist eine absolute Empfehlung!  lt

Viermal Gitarre solo, eingespielt von sehr unterschiedlichen Instrumentalisten.

JOHN SCOFIELD: SOLO

Sco solo – das war schon immer ein Erlebnis, wenn der Meister im Intro oder Outro eines Band-Tracks frei und unbegleitet zur Sache ging, oder auch mal einen Solo-Chorus so weit runterkochte, dass er alleine zu hören war, mit seiner einzigartigen Kombination von kantig-bluesig-fließenden Singlenotes und Akkord-Fragmenten. Und jetzt heißt ein Album ,Solo‘, Untertitel: “John Scofield Electric Guitar And Looper”. Genau diese Kombination hört man hier überwiegend – der Meister begleitet sich also selbst in den 13 Tracks, von denen fünf Eigenkompositionen sind. Und selbst, wenn Scofield einen zu oft gehörten Schmachtfetzen wie ,Danny Boy‘ angeht, erlebt man eine Interpretation, die mit wenigen Tönen ganz großes Emotionsklangkino zaubert. So, mehr verrate ich nicht, denn das erledigt John im schönen Booklet der CD. Dieses Album ist fantastisch und ein Must-Have für jeden Sco-Fan.

CHRISTIAN VERSPAY: TWENTYEIGHT DAYS

Ebenfalls nicht ganz alleine ist der in Köln beheimatete Gitarrist CHRISTIAN VERSPAY auf TWENTYEIGHT DAYS zu erleben, denn er hat seine E-Gitarre durch diverse Delays und Hall-Effekte geschickt, die den Raum zu seinem musikalischen Partner machen. Die in den ersten 28 Tagen des vergangenen Jahres spontan eingespielten Tracks sind meist ca. ein bis zwei Minuten lang und kommen sehr minimalistisch, meditativ rüber. Aber hier und da lässt Verspay, ein studierter Klassik-Gitarrist, seinen mal akustischen, mal elektrischen Gitarrenton auch bis ins Geräuschhafte abdriften, verzerrt, mit Slide- oder Tapping-Einlagen moduliert. Wer einen originellen Musiker und Gitarristen sucht – hier ist er! 

MAX ZENTAWER: SOLO

Auch der Freiburger MAX ZENTAWER setzt in seinen SOLO-Aufnahmen auf E- und A-Gitarre, und auch er begleitet sich selbst via Mehrspurtechnik in seinen sieben eigenen und vier Fremdkompositionen. Zu letzteren gehören Dave Brubecks ,In Your Own Sweet Way‘, das toll interpretierte ,Vaguely Asian‘ von Steve Swallow und Larry Coryells ,Zimbabwe‘, in dem Max Zentawer mit etwas mehr Energie am Start ist und sehr cool rüberkommt. Sehr eigenwillig gelungen sind aber Max’ Kompositionen bzw. Improvisationen ,Phantasie #1‘ und ,#2‘, sowie der letzte Album-Track, ,Deconstruction #1‘, in dem sich der Gitarrist auf etwas abstrakteres, freieres Terrain wagt. Sehr gut! 

SAMO SALAMON: DOLPHYOLOGY

Der aus Maribor, Slowenien stammende Jazz-Gitarrist SAMO SALAMON hat sich mit der Doppel-CD DOLPHYOLOGY an das Gesamtwerk des legendären amerikanischen Alt-Saxophonisten, Flötisten und Bassklarinettisten Eric Dolphy (*1928 †1964) gewagt, eines Wegbereiters der Jazz-Avantgarde der 1960er-Jahre, dessen eigenwillige, kantige Kompositionen und Arrangements eine Klasse für sich waren und sind. Samo Salamon interpretiert die 28 Tracks überwiegend auf der akustischen Steelstring-Gitarre, auf fünf Titeln ist er mit einer Zwölfsaitigen und einmal mit Mandoline zu hören. Der extrem produktive Musiker hat in den vergangenen 15 Monaten zwölf Alben veröffentlich, und auf samosalamon.bandcamp.com hat er sogar insgesamt 43 Werke gelistet. Ein Getriebener im besten Sinne – wie Eric Dolphy. Und Samo Salamons Annäherung an klassische Dolphy-Kompositionen wie ,G.W.‘ oder ,Out To Lunch‘ ist eigenwillig und spannend, unkonventionell und kaum schubladisierbar. Für die Jazz-Polizei vom Revier II.5.1 müsste diese Einspielung der blanke Horror sein. Perfekt! lt

ALONE TOGETHER: John Scofield spielt mit sich selbst

Gitarrist John Scofield beim Kult- und mittlerweile Traditions-Label ECM! Da wo Pat Metheny, Ralph Towner, Bill Connors John Abercrombie, Terje Rypdal und viele andere Saitenkünstler – und nicht nur solche – ihre internationale Karriere starteten, ist nun auch der 70-jährige amerikanische E-Gitarrist gelandet. Vor zwei Jahren erschien mit den ,Swallow Tales‘ sein Label-Einstand, jetzt folgt das Solo-Debüt. Wobei der Album-Titel ,Solo‘ falsche Erwartungen wecken könnte: Denn hier zupft nicht ein ergrauter Meister einsam sein Spätwerk auf einer Akustischen ins Studiomikrofon. Der Untertitel “John Scofield Electric Guitar And Looper” klärt die technischen Umstände, denn genau diese Kombination hört man hier überwiegend: Scofield begleitet sich also selbst in den 13 Tracks, von denen fünf Eigenkompositionen sind, mit Hilfe eines kleinen digitalen Effektgerätes, das auf Knopfdruck gespielte Töne, Phrasen, Akkordfolgen etc. aufnimmt und dann wiedergibt, bei Bedarf auch in Endlosschleife. OK, was Solo ist klingt hier eher durchgehend nach Duo, und das ist im Fall dieses genialen Jazz-Gitarristen nicht weniger spannend. Andererseits war es schon immer ein Erlebnis, wenn Scofield live, im Intro oder Outro eines Band-Tracks, frei und ohne seine Mitmusiker zur Sache ging, oder auch mal einen Solo-Chorus so weit runterkochte, dass nur noch seine Gitarre zu hören war, im Extremfall sogar nur noch akustisch, mit zugedrehtem Volume-Regler. Und in solchen, seltenen Glücksmomenten konnte der hohe Gitarristenanteil im Publikum mit offenem Mund des Idols einzigartige Kombinationen von kantig-bluesig-fließenden Singlenotes und Akkord-Fragmenten studieren. Das schon seit über 40 Jahren.

Nachdem Scofield, Jahrgang 1951, von 1970 bis 1973 am Berklee College of Music in Boston Jazz-Gitarre studiert hatte, folgten erste Jobs mit Gerry Mulligan und Chet Baker, kurz darauf wurde er Mitglied der jazzrockigen Billy Cobham Band, mit der er einige Alben einspielte. Aber er wollte zurück zum Jazz. Immer wieder interessant, wie viele Menschen, darunter auch junge wie ältere Scofield-Fans, die ersten Solo-Einspielungen dieses Gitarristen nicht kennen, die, neben dem 1977er Japan-Album ,East Meets West‘, bei dem anderen wichtigen Münchener Jazz-Label, Enja Records, erschienen sind: Das unglaubliche, sehr boppige ,John Scofield Live‘ (1977) mit Richie Beirach (p), Joe LaBarbera (dr) und George Mraz (b), die nachfolgenden Studio-Quartett-Alben ,Rough House‘ (1978) und ,Ivory Forest‘ (1979), gefolgt von den Trio-Meisterwerken ,Out Like A Light‘ und ,Shinola‘ (1981) mit Adam Nussbaum (dr) und Steve Swallow (b) gehören bis heute zu den besten Aufnahmen dieses Künstlers. 

Ab 1982 spielte Scofield dann fast vier Jahre mit Miles Davis zusammen – und wurde einer der populärsten Jazz-Musiker der Szene, dessen Originalität alle folgenden Gitarristengenerationen zu Nachahmungsübungen inspirierte. Die weitere Karriere fand öffentlich unter verstärkter Beobachtung statt und deshalb springe ich vier Dekaden vor und damit zurück in die Gegenwart: Ende des vergangenen Jahres war John Scofield mit Kontrabassist Dave Holland auf Duo-Tour, und dabei setzte er auch immer wieder seine diversen Bodeneffekte, inklusive des bereits erwähnten Looper-Pedals ein. Wobei die Musik dieser Besetzung primär von der Interaktion beider Solisten geprägt war. Und jetzt also ,Solo’: Im Opener, der Keith-Jarrett-Komposition ,Coral‘ setzt sich Scofields angerauhter Lead-Ton, mit nur wenig Hall versehen, von den warmen Akkorden im Hintergrund ab – so hätte wahrscheinlich auch Johann Sebastian Bach aufgenommen, doch leider kam die Technik etwas spät. Bereits Track 2 mischt dann mehrere Instrumentalspuren, arpeggierte und Block-Akkorde, sparsame Linien, dann etwas Schrammel-Gitarre … Mit wem sonst hätte der Scofield so etwas  einspielen können? Mir fällt spontan nur Jeff Parker ein.

Die Klassiker ,It Could Happen To You’ und ,My Old Flame‘ fragmentiert Scofield dann in seiner ganz speziellen Art, mit kurzen Momenten, die an die eben beschriebenen Live-Solo-Spots erinnern. Und ,There Will Never Be Another You‘ lebt hier unglaublich auf. Es war sein erster Live-Recording-Session-Job mit Gerry Mulligan & Chet Baker, bei dem auch dieser Standard mitgeschnitten wurde. Auf ,Solo‘ klingt er anfangs fast wie eine Hommage an Attila Zoller, um dann nach und nach alle typischen Sco-Zutaten zu präsentieren und einmal mehr zu zeigen, dass er eigentlich auch schon immer den Blues hatte. Natürlich einen eher gut gelaunten. “My version of 60s jazz à la John Coltrane”, charakterisiert John den schrägsten Titel dieses Albums, wobei ,Trance Du Jour‘ ganz sicher mehr Helge-Schneider-Fans als Coltranologen gefallen dürfte. Man hört sein Grinsen förmlich raus. 

Und selbst, wenn Scofield einen zu oft dargebotenen Schmachtfetzen wie ,Danny Boy‘ oder Hank Williams’ ,You Win Again‘ angeht, erlebt man eine Interpretation, die mit wenigen Tönen ganz großes Emotionsklangkino zaubert – und einen komplett anderen Film erzeugt als z.B. Bill Frisell in stilistisch ähnlichen Zusammenhängen. Scofield liefert in Originalsprache und ohne Untertitel. Dafür mit einigen informativen Kommentaren zu allen Tracks im Booklet der sehr geschmackvoll designten CD. Ab Herbst soll es auch Vinyl geben. Kauft physisch so lange es noch geht! Im nächsten Leben ist Schluss damit … lt

KURT ROSENWINKEL & JEAN-PAUL BRODBECK: THE CHOPIN PROJECT

Den polnisch-französischen Komponisten Frédéric Chopin (1810 +1849) und die Jazz-Musiker Kurt Rosenwinkel (1970) und Jean-Paul Brodbeck (*1974) trennen mehr als anderthalb Jahrhunderte. Was den Gitarristen und den Pianisten mit dem Romantiker Chopin verbindet, hat Brodbeck wie folgt ausgedrückt: “Die Welt von Chopin hat mich im Laufe der Jahre so sehr angetrieben, dass ich mich zunächst als Pianist weiterentwickelte und dann begann, seine Ästhetik und seine Herangehensweise an
Phrasierung und Melodien zu übernehmen. Ich habe ihn ganz natürlich mit meiner Jazz-Sprache sprechen lassen, und dann habe ich angefangen, Kurts Gitarren-Sound in dieser Musik zu hören, was zu diesen Arrangements führte.” Die zehn Études, Préludes, Valses und Nocturnes wurden gemeinsam mit Schlagzeuger Jorge Rossy und Lukas Traxel am Kontrabass eingespielt, und der Chopin dieser Formation ist ein sehr gut gelaunter, fast durchgehend euphorischer, ungewohnt interaktiver. Ehrlich gesagt hätte ich den Komponisten nie hinter dieser Interpretation vermutet – dafür muss man wohl vertrauter mit seinen Werken sein. Was aber auch daran liegt, dass die Arrangements dieses Albums, wie auch Kurt Rosenwinkels oft Attack-freier, Trademark-Gitarrenton, der mehr nach elektrischer Violine oder Synthesizer klingt, irgendwie an die späten 70er-Jahre erinnern: Ständig muss ich an Jean-Luc Ponty denken, an John McLaughlin mit Stu Goldberg … noch eine Zeitreise. Jorge Rossy und Lukas Traxel halten mit ihrer soliden, tragenden Begleitung diese Musik zusammen und geben dem Chopin-Project Wärme, Pulse, Tiefe. George Sand hätte sich in die Rhythmusgruppe verliebt. lt

RUSH: MOVING PICTURES

OLD GOLD RETOLD! Rush-Fans haben es endlich mal wieder gut. Nicht nur, dass sie momentan von Gitarrist Alex Lifeson mit dem genialen Band-Projekt Envy Of None und einem gleichnamigen Album beglückt werden – jetzt gibt es auch noch einen der größten Album-Klassiker aus der bewegten Band-Historie im 3CD-Luxus-Paket. Es war 1981, als RUSH die ProgRock-Welt mit MOVING PICTURES beglückte, einem hymnischen und hoch virtuosen Großwerk von orchestraler Energie, das mit ,Tom Sawyer‘ einen echten Hit enthielt. Die 40TH ANNIVERSARY DELUXE EDITION enthält neben dem neu gemasterten Original-Album auch noch ein komplettes, unveröffentlichtes Konzert von 1981 in Toronto. Das klingt, wie von diesem Trio live gewohnt, etwas heavier, rougher und rockiger. Der Aufnahme-Sound ist absolut OK, die Vocals kommen etwas verhangen rüber. Dazu gibt’s ein 24-seitiges Booklet mit diversen unveröffentlichten Fotos und Infos. Für Hardcore-Fans von Bassist/Keyboarder/Sänger Geddy Lee, Gitarrist/Sänger Alex Lifeson und des vor zwei Jahren verstorbene Schlagzeugers und Song-Texters Neil Peart sind noch fünf (!) weitere Versionen dieser Wiederveröffentlichung erhältlich. 

FRANK ZAPPA & THE MOTHERS: 1971

Und dann sind da mal wieder FRANK ZAPPA und THE MOTHERS – diesmal mit Aufnahmen von 1971 aus dem New Yorker Fillmore East. Moment, die waren doch schon zwei Monate nach ihrer Entstehung als ,Fillmore East – June 1971‘ auf dem Markt, mit einem handbeschrifteten Cover in Bootleg-Style? Richtig! Und jetzt gibt es das beste Live-Material aus diesem Jahr auf acht CD, plus fettem Booklet in einer kleinen Pappbox mit Schuber. Die 100 Tracks haben eine Gesamtlaufzeit von fast 10 Stunden und wurden von Ahmet Zappa und Zappa-Archivar Joe Travers ausgewählt und bearbeitet. Angeblich kann man hier jetzt “jeden Ton der vier legendären Shows, die am 5.-6. Juni 1971 den Schlusspunkt der Geschichte des Fillmore East in New York City bildeten” hören. Zur Mothers-Besetzung gehörten damals u.a. Ian Underwood (sax, kb, voc), Aynsley Dunbar (dr) und Don Preston (synth). Als Gäste der letzten Fillmore-Show sind Yoko Ono und John Lennon u.a. mit dem Schreigesang ,Scumbag‘ zu ertragen. In anderen Tracks dieser tragischen Begegnung, in denen Zappa selbst extrem gute Gitarren-Parts lieferte, ist ebenfalls ständig das Gekrähe von Frau Lennon zu hören. Ono Yoko wäre es auch schön gewesen. Als Entschädigung gibt’s im neuen Box-Set noch den kompletten Auftritt aus dem Londoner Rainbow Theatre vom 10. Dezember 1971, gemischt von Hendrix-Engineer Eddie Kramer. Dieses Konzert endete abrupt, nachdem Frank Zappa von einem gewalttätigen “Fan” von der Bühne gestoßen und dabei schwer verletzt wurde. Und dann sind da noch Mitschnitte der Shows vom 1. und 3. Juni 1971 in Scranton und Harrisburg, Pennsylvania, die angeblich erstmalig auf Zappas neuem 4-Spur-Tonbandgerät mitgeschnitten wurden, mit dem er in den folgenden Jahren eine Menge Shows dokumentierte. Beim Fillmore-Mitschnitt verblüfft die Plastizität der Aufnahmen, denn ab und zu hat man den Eindruck, fast zwischen den Musikern zu sitzen. Wirklich tolle Aufnahmen kann man hier genießen, die in dieser Fülle aber nur was für Fans mit Komplettierungs-Ambitionen taugen. Ich liebe solche Veröffentlichungen. lt

BLACK SEA DAHU: I AM MY MOTHER

Das Schönste an meinem Job sind die positiven Überraschungen, wenn aus dem Nichts vor dir eine Band oder ein Künstler auftaucht und dich berührt, fasziniert und dann vielleicht mit seiner oder ihrer Musik ganz lange begleitet. Das ging mir bei den Smashing Pumpkins so, bei Rausch, Tunes For The Takin’, Jeff Buckley, Atomic Swing und jetzt bei Black Sea Dahu. Die aus Zürich stammende Band hat vor zehn Jahren, noch unter dem Namen Josh, ihr erstes Album veröffentlicht, und seitdem sind die Singer/Songwriterin Janine Cathrein (voc/g), ihre Geschwister Vera (g/voc) und Simon (cello/voc) live und im Studio aktiv – zur aktuellen Besetzung gehören noch Nick Furrer (dr), Pascal Eugster (b) und Ramon Ziegler (kb). 2018 erschien ihr Debüt ,White Creatures‘, gefolgt von der EP ,No Fire In The Sand‘, und jetzt höre ich das neue Album ,I Am My Mother‘, ein vom ersten bis zum letzten Ton berührendes, ergreifendes und faszinierendes Stück Musik. Eigenwillig instrumentiert, transparent und sehr originell arrangiert, ganz im Vordergrund die besondere Stimme von Janine Cathrein, die einen Track weiter dann wieder entfernt, aus dem Raum heraus singt, wie in einem Traum, umspielt von tiefem Bass, etwas Picking-Gitarre und orchestralen Keyboard- oder auch echten Streicher-Sounds.

EIN BERÜHRENDE BAND. BLACK SEA DAHU LIVE
Foto: Paul Märki

23 Tage war die Band im Studio und hat aus vielen Notizen, Ideen, Fragmenten der letzten Jahre wunderbare Songs geschaffen, die auf diesem Album spätestens beim dritten Hören, wie ein durchgehender Soundtrack funktionieren. Und dann klingen Black Sea Dahu manchmal auch ein bisschen nach Folk, um eine Minute später, nach einem abrupten Song-Ende, mit einer verhallten Ballade und dumpfem Piano zu überraschen, die zu einem berührenden, intensiven Psychedelic-Song wird. Slide-Gitarre, ein rockiges Surf-Solo, Backwards-Sounds, mysteriöse Geräusche … und so geht es immer weiter: ,I Am My Mother‘ ist ein Trip durch sieben Songs voller Überraschungen, mit intensiven, direkten Lyrics. Alleine die großartige Gestaltung des kleinen Pappschubers, des 24-seitigen Booklet mit Texten und Fotos, und der Innenhülle mit der CD, sind den Kauf dieses Albums wert. ,I Am My Mother‘ küsst deine Hörgewohnheiten, und danach ist die Welt eine andere – in der du dich irgendwie angekommen, zu Hause, geborgen fühlst. Das kann einem nur mit Musik und Liebe passieren. lt

JOE SATRIANI: THE ELEPHANTS OF MARS

Da ist er wieder, der alte Satchmeister, mit einem vom ersten Track an superfetten Produktions-Sound, über dem eine wie gewohnt roughe E-Gitarre tanzt, um immer wieder zum Thema zurückzukehren und so aus einem Gitarristen-Instrumental irgendwie doch noch einen Song mit Human-Factor zu machen. Und genau das konnte Joe Satriani immer besser als manch andere Mitbewerber: die Virtuosität einen Gang zurückschalten um seine Gitarre wie eine Stimme einzusetzen. Bei ,The Elephants Of Mars‘ navigiert er dann aber im weiteren Verlauf des Albums auch mal haarscharf am Balladenkitsch vorbei (,Faceless‘), rockt einen souligen R&B-Groove (,Blue Foot Groovy‘) und shreddet sich einen Track weiter mit ,Tension And Release‘ ins Universum. An Abwechslung mangelt es diesem neuen Werk wirklich nicht, keine Frage. Und irgendwie waren auch früher schon einige Satriani-Alben eher Compilations vieler verschiedener musikalischer Ideen. Eines der coolen Highlights mit allen JS-Qualitäten, die ich mag ist ,E 104th St NYC 1973‘: Das ist einer dieser Album-Titel, die man so nicht erwartet, die sehr schön arrangiert sind und dynamisch wie in puncto Sounds immer wieder überraschend in neue Richtungen abgehen. ,Through a Mother’s Day Darkly‘ und auch ,Desolation‘ halten dieses hohe Niveau, und diese drei sind meine Highlights eines Albums, das Joe-Fans aller Lager bedienen möchte. OK! lt  

JOHN McLAUGHLIN: THE MONTREUX YEARS

Gitarrenlegende John McLaughlin persönlich hat angeblich die Tracks zu dieser Live-Compilation zusammengestellt. Dabei handelt es sich um seine besten Aufnahmen vom Montreux Jazz Festival aus den Jahren 1978 bis 2016, eingespielt mit Paco De Lucia, dem Mahavishnu Orchestra, den Free Spirits, The Heart of Things und The 4th Dimension. Leider fehlt auf der CD-Version gegenüber der 2LP-Ausgabe der wunderbare Titel ,Friendship‘ (im Original vom 1978er Album ,Electric Guitarist‘)  von McLaughlins End-70er-Formation The One Truth Band – dabei hätte der noch draufgepasst. Die beiden Acoustic-Tracks mit Paco De Lucia nehmen dafür ganze 23 Minuten ein. Die CD kommt als sehr schönes Hardcover-DigiPak mit 12-seitigem Booklet. Spannende Musik, die irgendwie zu den Live-Aufnahmen gehört, die man sich dann doch als Video wünscht. Denn hier wurde schon ausgiebig gitarrengefrickelt, interagiert und soundgezaubert auf der Bühne. Was für ein genialer Gitarrist, was für großartige Musiker! lt

BASS BASS BASS. MORE BASS

Bekannt wurde JOCHEN SCHMIDT-HAMBROCK (*1955) als Bassist in Bands von Friedrich Gulda, Manfred Schoof, Alexander von Schlippenbach und Michael Sagmeister, und von 1989 bis 1995 gehörte er zu Klaus Doldingers Passport. Seit den 80ern ist Schmidt-Hambrock aber auch als Film- und TV-Musik-Produzent aktiv. Jetzt hat er, erstmals auf seinem eigenen Label bassbassbass, das neue Album ,Kind Of Class… ish‘ veröffentlicht. Eins vorab: Diese Musik gibt es nur digital bei den bekannten Anbietern; bei Apple Music und Deezer sind auch Dolby-Atmos-Mixe für Kopfhörer-Genießer erhältlich. In den sechs sehr sphärischen Tracks, die einen schon bei Stereo-Konsum in den musikalischen Raum zu saugen scheinen, ist Jochen mit verschiedensten Bass-Instrumenten zu hören: einem Meister-Neuner-Kontrabass von 1870, einem alten Fender Jazz Bass und einigen neuen Klangkörpern wie seinem Stradi 6 String sowie einem 6 String Fretless, 6 String Piccolo und 6 String Piccolo Fretless vom selben Hersteller. Gestimmt sind Jochens Sechssaiter übrigens auf EADGCF. Der Titel seines neuen Albums bezieht sich auf die klassischen Bezüge der Musik: ,Solveigs Song‘ stammt aus der ,Peer Gynt Suite‘ von Edvard Grieg, ,Tann‘ ist Schmidts Version der ,Tannhäuser Ouvertüre‘ von Richard Wagner, weitere Beiträge wurden inspiriert von Carlo Gesualdo und Wolfgang Amadeus Mozart. Wer etwas intelligent gemachte Entspannung im zwar beatfreien, aber basslastigen Klangraum sucht, sollte dieses Album gehört haben. Ein eigener Planet. lt   

HANS KOLLER / OSCAR PETTIFORD QUARTETT FEAT. ATTILA ZOLLER & JIMMY PRATT

Eine der wichtigsten Formationen des europäischen Nachkriegs-Jazz war das HANS KOLLER / OSCAR PETTIFORD QUARTETT FEAT. ATTILA ZOLLER & JIMMY PRATT. Jetzt sind mit ,Black Forest Echoes. Unreleased Tapes from 1959′ großartige Aufnahmen der legendären Besetzung erschienen. Diese Versionen bzw. Takes vom Februar 1959 sind für Fans des amerikanischen Bandleaders, Bassisten & Cellisten Oscar Pettiford aber auch des legendären ungarischen Gitarristen Attila Zoller, der hier ausgiebig soliert und sehr cool begleitet, ein absolutes Geschenk. Die jetzt auf erstklassig produziertem Vinyl vorliegenden Aufnahmen nehmen es mit jedem bisher bekannten Track der legendären Session aus der Villa des späteren MPS-Gründer Hans Georg Brunner-Schwer auf. Hauptsolist ist Tenor-Saxophonist Hans Koller dessen warmer hier sehr plastisch rüberkommt, ebenso das stoisch swingenden Rhythmus-Fundament von Drummer Jimmy Pratt und die unglaublich coolen Linien von Co-Bandleader Oscar Pettiford. Wer so walken kann, hat als Bassist gewonnen. Natürlich hören wir hier heute traditionellen, swingenden Jazz, dessen damals als cool und wegweisend empfundene Modernität immer noch immens strahlt. Als Zugabe gibt es hier noch den gut zweiminütigen, gesprochenen Track, ,Hans Koller erzählt Wiener Geschichten‘ – absolutely Leiwand! lt

SHAKE STEW: HEAT

2016 gründete der österreichische Kontrabassist Lukas Kranzelbinder (*1988) seine Formation SHAKE STEW, die mit ,Heat’ jetzt ihr fünftes Album vorlegt. Interessant: Neben der Horn-Section von Astrid Wiesinger (as), Mario Rom (tp), Johannes Schleiermacher (ts), sowie den beiden Schlagzeugern  Nikolaus Dolp und Herbert Pirker, hat der Bandleader mit Oliver Potratz auch noch einen zweiten Bassist an seiner Seite, der auch schon mal in höheren Lagen das Gesamtklangbild bereichert. Viele Tracks bauen auf klar strukturierten Bass-Riffs auf, die dann eine unglaubliche Tragkraft entwickeln und mit ihrem eigenwilligen Flow Markenzeichen dieser besonderen europäischen Jazz-Musik sind. lt

MARTIN WIND NEW YORK BASS QUARTET: AIR

Der in Flensburg geborene Kontrabassist Martin Wind (*1968) ist seit 1997 Dozent an der Jazz-Abteilung der New York University, hat aber auch eine Affinität zu Klassik-Projekten. Auf ,Air‘ vom MARTIN WIND NEW YORK BASS QUARTET, zu dem seine Kontrabass-Kollegen Gregg August, Jordan Frazier und Sam Suggs gehören, die hier von Matt Wilson (dr/perc), Lenny White (dr) und Gary Versace (p/organ/acc) begleitet werden, sind neben drei Eigenkompositionen u.a. ein Beatles-Medley, Charlie Hadens ,Silence‘, der Weather-Report-Hit ,Birdland‘ und Johann Sebastian Bachs ,Air‘ zu hören. Klingt irgendwie nach einer gut gelaunten Bassisten-Party. Reinhören! lt

SAMY SAEMANN: LUPA LUPA!

E-Bassist SAMY SAEMANN ist ohne Frage Fusion-Fan. Und so klingt sein neues Solo-Album ,Lupa Lupa!‘ mit seinen vielen geslappten Bass-Licks, den knackigen Drums und den eingängigen Melodien wie aus einer anderen Zeit. Dabei aber absolut authentisch, und vor allem handwerklich sehr ausgreift und extrem virtuos. Neben dem 1970 in Brasilien geborenen Bandleader aus Greußenheim bei Würzburg sind hier in einer wirklich interessanten Band-Besetzung – Keyboards, Drums, Violine und Trompete – noch Gäste an Cello, Querflöte, Streichinstrumenten und Gitarre zu hören; letztere bedient Dennis Hormes. Gute-Laune-Musik mit ein paar ganz coolen, funky Tracks! lt

WERNER HÖPFNER: HEARTBEATS

Irgendwo zwischen Funk, Soul, Jazz, Pop und Rock agiert auch der Kölner-Bassist WERNER HÖPFNER, dessen 2019 erschienenes Album ,Back In Town‘ absolut gelungen war. Jetzt gibt es mit ,Heartbeats‘ die Fortsetzung, und gleich der orchestrale, cool groovende Opener & Titel-Track, mit fetter Bläser-Besetzung, zeigt wo es hier langgeht. Höpfners cleaner, voller Bass-Sound und seine gut arrangierten Kompositionen haben ihre Roots im 70s/80s-Fusion Sound, klingen gelegentlich auch nach funky US-TV-Soundtracks. Acht coole Instrumentals und ein echter Disco-Rocker mit Sängerin Tatjana Falvey machen Werner Höpfners ,Heartbeats’ zu einem abwechslungsreichen, dezent bassistischen Solo-Album – der Mann ist Band-Musiker und weiß, was ein Track braucht. Gelungen! lt  


THE BAND: CAHOOTS

The Band liebe ich seit Bob Dylan & The Bands Album ,Before The Flood’. Denn damals standen hinter dem genial-grummelnden Mysterium Dylan noch fünf mindestens so charismatische Musiker auf der Bühne, die man sakrilegierend sogar als bessere Sänger bezeichnen könnte: Gitarrist, Pianist & Songwriter Robbie Robertson, Bassist & Sänger Rick Danko, Levon Helm an Schlagzeug, Mandoline, Kontrabass und Gesang, Richard Manuel spielte Klavier, Orgel, Slide-Gitarre, Schlagzeug und sang ebenfalls, an Orgel, Klavier, Tenor- und Bariton-Saxophon war Garth Hudson zu hören – The Band waren schon ein multiinstrumentales Ensemble in jeder Hinsicht.
Cahoots, das vierte Werk der kanadischen Folk- und/oder Country-Rocker, erschien am 15. September 1971 und kam bei vielen Kritikern und Käufern weniger gut an. Haupt-Songwriter war immer noch Robbie Robertson, nur ,Life Is A Carnival‘ war eine Gemeinschaftskomposition von Danko, Helm & Robertson. Richard Manuel steuerte diesmal keinen Track bei, Gast Van Morrison war Co-Songwriter von ,4% Pantomime‘ und von Bob Dylan wurde ,When I Paint My Masterpiece‘ gecovert. Interessant ist, dass Robbie Robertsons ausdrucksstarke Stimme seit dem 1968er Debüt ,Music From Big Pink‘ nicht mehr auf Studio-Alben der Band zu hören war.
Wenn ich mir das Album heute anhöre, finde ich es wirklich stark, wenn auch die großen Hits fehlen. Gute Songs liefert es trotzdem, und musikalisch, in punkto Arrangements, in Bezug auf die instrumentalen und vokalen Beiträge, hört man hier auch über 50 Jahre nach seiner Entstehung, ein wunderbares Werk zwischen den Stilen: Folk, Rock, Country, etwas Soul, etwas Gospel, ein paar fast psychedelische Momente wie in ,The Moon Struck One‘ … The Band waren Meister des Crossover und haben ohne Frage einen ganz eigenen Sound geschaffen. Ein Sound, ohne den viele Musiker nach ihnen, darunter ganz sicher die wunderbare Tedeschi Trucks Band, anders klingen würden. Und damit sind wir beim aktuellen Jubiläumsprodukt zum vergangenen 50. Geburtstag von ,Cahoots‘. Die zu solchen Anlässen vertriebenen opulenten Box-Sets sind für manche Musikfreunde ja immer wieder Aufreger, und es fallen Urteile wie “Abzocke”, “überflüssig”, “Geldmacherei”, “lohnt sich nicht” etc. Sollte sich jemand angesprochen fühlen, empfehle ich nach Rücksprache mit der Deutschen Herzstiftung und Karl Lauterbach: Bitte nicht weiterlesen – und zu Spotify wechseln! Denn die erzkapitalistische alte Major-Institution Capitol Records hat das verkannte Meisterwerk jetzt als 2CD-Set, Doppel-Vinyl und in einem Super Deluxe Package veröffentlicht, die sich preislich zwischen 18 und 130 Euro bewegen. Im letztgenannten Paket, einer großformatigen Box, findet man die neu half-Speed-gemasterte LP, eine 7″-Vinyl-Single, zwei CDs mit Bonus-Tracks, Alternate-Versions und Instrumentals, außerdem Live-Mitschnitte aus dem Pariser Olympia von 1971, und eine Blu-ray, die neben Dolby-Atmos- und Hi-Res-Stereo-Mixen noch eine wirklich musikalische, sehr gut gelungene 5.1-Surround-Sound-Mischung des Albums und von vier Bonus-Tracks liefert. Dazu kommen noch ein 20-seitiges Booklet, gedruckt auf hochwertigem Papier und drei Lithografien basierend auf Fotos von Barry Feinstein, Richard Avedon und Gilbert Stone. Produziert wurde das Ganze unter Mitwirkung von Robbie Robertson und Bob Clearmountain.
“Lohnt sich das denn wirklich?”, höre ich da gerade jemanden fragen, der doch weitergelesen hat. Klar, denn alleine schon der neue Stereo-Mix macht die Musik einfach transparenter und lebendiger, denn im Original haben die sehr fett gemischten Instrumente oft einen Vorhang vor Schlagzeug und Stimme gezogen und jede Räumlichkeit verhindert. Das ist jetzt komplett anders und ab knapp 20 Euro zu haben – inklusive Bonus-Tracks und atmosphärischem Live-Mitschnitt. Alles in allem und in jedem Format eine gelungene, hochwertige Wiederveröffentlichung. lt

KEITH RICHARDS: MAIN OFFENDER

Da Keith Richards wahrscheinlich mit 111 Jahren, wenn die Stones schon lange Geschichte sind, immer noch nicht in der Kiste liegt, übt er sich schon mal mit der Vermarktung seines überschaubaren Solowerks, bevor er uns hoffentlich auch mal wieder mit neuer Ware beglückt. Ja, ,Main Defender‘ ist schon fast 30 Jahre alt: Es erschien im Oktober 1992, vier Jahre nach Richards’ Debüt ,Talk Is Cheap‘ und zehn Monate nach ,Live At The Hollywood Palladium‘. Das Album wurde von den X-Pensive Winos eingespielt: Drummer Steve Jordan (inzwischen selbst ein Rolling Stone), Gitarrist Waddy Wachtel, Bassist Charley Drayton, Keyboarder Ivan Neville, Sängerin Sarah Dash und den Background-Sängern Bernard Fowler und Babi Floyd. Die unglaubliche, schnodderige Coolness von Keefwürden hat noch nicht mal Hits verhindert, und ,Main Offender‘-Tracks wie ,Wicked As It Seems‘ und ,Hate It When You Leave‘ kennt jeder, der das Wort “Keetarre” schreiben kann. Jetzt gibt es auch hier wieder den Senioren-Präsentkorb des analogen Music-Biz, aka Jubiläums-Reissue: Keith Richards veröffentlicht sein gefeiertes, zweites Solo-Album als limitiertes Super-Deluxe-Boxset, das neben dem originalen Opus auf rauchfarbener LP und CD außerdem noch den unveröffentlichten Konzertmitschnitt ,Winos Live In London ’92‘ enthält, aufgenommen im Town & Country Club – letzterer kommt als Doppel-Vinyl und 2CD-Set, u.a. mit einer eigenen Version von ,Gimme Shelter‘. Dazu gibt es ein 88-seitiges Buch mit Fotos, Abbildungen handgeschriebener Lyrics, Essays über die Original-Album-Veröffentlichung, plus noch einen Umschlag mit Archivmaterial, Nachdrucken von Promo-Flyern, Sticker, einem Plektrum und ähnlicher Spaßware. Rein klanglich bietet das remasterte Album keine weltbewegenden Vorteile gegenüber der Originalausgabe. Aber das Vinyl ist sehr ordentlich gefertigt, und vom Sound her absolut einwandfrei, die Box hochwertig und für Fans ein kleiner Vergnügungspark, der uns die lange Zeit zum nächsten Jubiläum verkürzt: Am 18. Dezember 2023 wird Keith Richards 80. Achtzig Jahre?!?! Er sieht langsam wieder jung aus für sein Alter. lt

GÜNTER ASBECK: EVOLVE

Ein Pop-Musiker mit ganz viel Repertoire-Erfahrung ist hier zu hören – das machen schon die ersten Takte des Album-Openers klar. Denn der Kölner Bassist, Komponist und Sänger Günter Asbeck hat ein untrügliches Gefühl für die passenden Sounds an der richtigen Stelle, für Song-Dramaturgie und für schlüssige Arrangements. Ein Resultat ist, dass man sich als Hörerin wie auch als Hörer in der Musik von ,Evolve’ ganz schnell zu Hause fühlt. Dieses Album könnte man bei jedem besseren Classic-Pop-Rock-Sender einfach durchlaufen lassen – da stimmt jeder Song. Mit Bassist Günter Asbeck, der auch diverse Keyboards und Gitarren eingespielt hat, waren u.a. die Gitarristen Peter Wieschermann, Chris Vega und Dennis Hormes, die Drummer Dirk Sengotta und Knut Jerxsen sowie die Keyboarder Daniel Sok und Marin Subasic im Studio. Bei zwei Stücken hat er als Gäste Selina Albright und Dennis LeGree ans Mikrofon gelassen, was diesem abwechslungsreichen Album zu noch mehr Farben verhilft – wie auch der Einsatz von Saxophonist Will Donato. Großartig gemixt haben der legendäre Chris Lord Alge und Chris Bolster (Abbey Road Studios), und absolut gelungen ist auch das schöne und informative DigiPak mit Booklet. Hier hat jemand ganz genau gewusst, was er wollte und nichts dem Zufall überlassen – und landete dann verdientermaßen auch für einige Wochen in den US-Radio-Airplay-Charts. Erfahrung, Professionalität, Feeling und ganz viel Liebe zur Musik hört man hier aus jeder Note. Sympathisch. Weitere Infos zum Künstler: http://www.guenterasbeck.de lt

PHILIPP VAN ENDERT & DAS FILMORCHESTER BABELSBERG: MOON BALLOON

Jazz-Alben mit Streichern oder großem Orchester? Da fallen mir zuerst ,Charlie Parker With Strings‘ (1950) ein, ,Fusion! Wes Montgomery With Strings‘ (1963), aber auch John McLaughlins Mahavishnu Orchestra mit ,Apocalypse’ oder Terje Rypdals ,Whenever I Seem To Be Far Away (1974). Jetzt hat sich auch der Düsseldorfer Gitarrist Philipp van Endert zum jazzinfonischen Musiker qualifiziert – mit dem Filmorchester Babelsberg und ,Moon Balloon‘.

Wer Philipp van Endert (*1969) und seine vielfältigen Projekte der vergangenen drei Dekaden kennt, ahnt schon, dass er auch aus dieser neuen Spielsituation etwas Besonderes generiert haben wird. Nach seinem Studium am Berklee College of Music in Boston, das er mit Auszeichnung bestand, hat Philipp an rund 50 Alben mitgewirkt und sich vom Jazz-Rock- und Fusion-Sound der 90er-Jahre schnell in Richtung Modern Jazz orientiert und war häufig in kleineren Besetzungen zu hören. Seit über 25 Jahren arbeitet er mit dem Klarinettisten Lajos Dudas zusammen, hat mit den Gitarristen Alex Gunia, Bret Willmott und Axel Fischbacher aufgenommen, ebenso mit dem Vibraphonisten Mathias Haus, dem Kontrabassisten André Nendza oder den Sängerinnen Anne Hartkamp und Tossia Corman. Van Enderts letzte Trio-Alben ,Presence‘ (2014) und ,Cartouche‘ (2019), veröffentlicht auf seinem eigenen Label JazzSick Records, gehörten zum Besten, was die europäische Gitarrenszene in dieser Dekade zu bieten hatte.

Anfang März 2022 erscheint mit ,Moon Balloon‘ ein Album, das für den sympathischen und eher zurückhaltenden Künstler ein großer Schritt gewesen sein muss. Raus aus der kammermusikalischen Intimität von Duo und Trio, und vor allem raus auf die große Bühne, als Solist vor einem sinfonischem Ensemble, das schon vor einem Jahrhundert Fritz Langs Stummfilm “Metropolis” mit Musik begleitete. Frage an den Gitarristen: Hat ihn irgendein bestimmtes früheres Jazz-Album mit orchestralen Arrangements direkt inspiriert? “Es gibt ja einige tolle Produktionen, die Jazz-Musiker und Orchester zusammengeführt haben und eine ganze Reihe davon mag ich sehr. Vor allem aber die Produktionen von oder mit Vince Mendoza höre ich wahnsinnig gerne, darunter die Aufnahmen von John Scofield mit dem Metropole Orkest.”

Das Filmorchester unter der Leitung von Jörg Achim Keller, interpretiert fünf Kompositionen von van Endert sowie einen Titel des japanischen Jazz-Pianisten Makoto Ozone. Arrangiert wurde das Material vom Filmkomponisten Peter Hinderthür, früher unter dem Namen Tex Super als Bassist mit Cultured Pearls, der wunderbaren Band um Sängerin Astrid North unterwegs. Philipp van Endert: “Als mein Freund Peter Hinderthür mit der Idee zu mir kam, meine Stücke für Orchester zu arrangieren, war ich sofort total begeistert und gleichzeitig hatte ich auch ein Riesenrespekt davor. Vor allem war es uns wichtig, dass das Orchester wirklich einen wichtigen Teil der Arrangements und der Musik übernimmt und nicht nur eine begleitende Funktion hat. Die Rollenverteilung zwischen dem Orchester und mir sehr interaktiv und ausgeglichen gestaltet … Ich freue mich so sehr darüber, dass meiner Musik dadurch Türen geöffnet wurden, die ich selber nicht gefunden hätte.”

Am Mix war dann mit Florian van Volxem ein weiterer Könner aus der Filmmusikszene beteiligt: “Florians Art meine Musik zu mischen, habe ich schon einige Male erleben dürfen, aber dieses Projekt war durch seine Größe auch für ihn etwas Besonderes. Was ich besonders an ihm schätze ist, dass sich die Art, wie er sich einbringt, anfühlt wie die eines Band-Mitglieds, und weil er ein ebenso passionierter Musik-Fan und Musiker ist wie ich, lässt er keine Zeit und Energie aus, um das absolute Optimum aus den Aufnahmen und der Musik herauszuholen.”

Und so wird man wird als Hörerin oder Hörer immer wieder überrascht, von kleinen Solo- oder Duo-Spots, und von Räumen, die sich auftun und zu weiten Klanglandschaften wachsen. Dabei behält die Musik immer ihre Transparenz, Beweglichkeit, Lebendigkeit – und die bleibt ja bei großen Besetzungen oft im Mix auf der Strecke. ,Moon Balloon‘ klingt, wenn man mit den Schwingungen eines unverstärkten, sinfonischen Ensembles vertraut ist, absolut authentisch. Das gilt ebenso für die semiakustische E-Gitarre von Philipp van Endert, der sich hier – das machen schon die ersten Töne klar – seine Sensibilität und Emotion bewahrt hat. Mit dabei als Gastsolisten waren van Enderts Trio-Mitmusiker, Kontrabassist André Nendza und Flügelhornist Christian Kappe, die jeweils in zwei Tracks zusätzliche Farben beisteuern.
Ein kompetentes, kreatives Team ist wichtig für so ein Projekt, und bei ,Moon Balloon’ ist auch das opulente DigiPak, grafisch gestaltet und bebildert von Tanja und Thomas Kruesselmann, in ästhetischer Hinsicht auf dem Niveau der Musik. Das macht gespannt auf die Vinyl-Ausgabe dieses Albums, das digital zusätzlich noch im Klangformat Dolby Atmos erscheinen wird.

Letzte Frage an Philipp van Endert: Kommt dann jetzt als nächstes vielleicht ein unbegleitetes Solo-Album? “Interessanterweise war das wirklich ein Gedanke, den ich bereits vor dieser Produktion hatte, und ich werde auf jeden Fall bald ein Solo-Album aufnehmen. Ein bisschen Mut muss ich noch sammeln. Ich spiele zwar sehr gerne Solo-Gitarre aber im Vergleich zur Musik anderer Kolleginnen und Kollegen wäre es wahrscheinlich von der Technik her etwas rauer und nicht ganz perfekt. Aber vielleicht wäre ja gerade das sogar reizvoll.” lt JAZZthetik

PHILIPP VAN ENDERT & ORCHESTRA: MOON BALLOON
Diesen Gitarrist kennt man eigentlich aus kleinen Besetzungen: Philipp van Enderts (*1969) letzte Trio-Alben unter eigenem Namen, ,Presence‘ (2014) und ,Cartouche‘ (2019) gehörten zum Besten des europäischen Gitarren-Jazz, der letzten Jahre, ebenso seine Duo-Aufnahmen mit dem Vibraphonisten Mathias Haus, dem Gitarristen Axel Fischbacher und dem Klarinettisten Lajos Dudas. Jetzt hat der E-Gitarrist van Endert mit dem legendären Filmorchester Babelsberg, geleitet von Jörg Keller, kooperiert und ein wunderbares, orchestrales Album mit virtuosen, spannenden Gitarrensoli aufgenommen. Als Gastsolisten waren in jeweils zwei Tracks van Enderts Trio-Mitmusiker, Kontrabassist André Nendza und Flügelhornist Christian Kappe dabei. Die auch klanglich wirklich beeindruckende Produktion zeigt Philipp van Enderts Kompositionen neu arrangiert vom Filmkomponisten Peter Hinderthür, der früher übrigens unter dem Namen Tex Super als Bassist mit Cultured Pearls, der wunderbaren Band um Sängerin Astrid North unterwegs war. Den Mix besorgte mit Florian van Volxem ein weiterer Könner aus der Filmmusikszene. Ein perfektes Jazz-Classic-Score-Crossover-Unternehmen, bei dem sich die Richtigen gefunden haben. Jetzt fehlt nur noch der Film zur Musik. lt in G&B

KLAUS MICHEL: THE END

Zweieinhalb Jahre nach ,Of Lovers, Friends & Other Enemies‘ und ein gutes Jahr nach ,Primavera‘ liefert uns Klaus Michel, Sänger, Songwriter, Gitarrist, Keyboarder, Produzent, Daniel-Lanois-Fan und mehr aus dem Hunsrück, ,The End‘. Eins vorab, Klaus: Ende ist nicht. Du machst mal fein weiter! Denn Opus 3 dieser Drei-Jahres-Trilogie liefert einmal mehr beeindruckende Musik, fast durchgehend im Band-Format, mit weiten Räumen, sehnsüchtigen Harmonien, traurigen Slide-Sounds und einer immer mal wieder psychedelisch gefärbten Americana-Atmosphäre – das ist schon ganz großes Alternative-Country-Kino! Bei ,The End‘ stimmt einfach alles: Die Gitarren- und Pedal-Steel-Sounds sind großartig und lebendig, der Bass drückt da, wo er hingehört und die Stimme fliegt durch die Songs, in denen ständig abgefahrene Sounds rumwirbeln und so eine ganz eigene Atmosphäre schaffen. Insgesamt 20 Musikerinnen & Musiker waren an diesen Aufnahmen beteiligt, darunter Klaus’ langjährige Begleiter Kay Zingler (b), Oliver Kölsch (dr), Tim Greiner (kb) und Peter Dümmler (a-g), an der Pedal Steel Guitar ist in zwei Tracks Martin Huch zu hören. Abgerundet wird diese Veröffentlichung durch das extrem geschmackvoll designte Booklet – alles in allem also eine absolute Kaufempfehlung für den übernächste Woche ausgestorbenen physischen Tonträger CD. So, beautiful friends & girlfriends – this is the end! Weitere Infos, Tour-Termine und mehr unter http://www.klaus-michel-music.com lt G&B

DAVID NESSELHAUF: RITUALS EP

Der Name David Nesselhauf tauchte in den vergangenen Jahren immer mal wieder an dieser Stelle auf. Denn der 1980 in Berlin geborene Bassist und praktizierende Mediziner ist nun mal sehr aktiv in der HH-Szene: Diazpora, Afrokraut, die Hamburg Spinners – und jetzt hat David auch noch seine Solo-EP ,Rituals‘ veröffentlicht. Ein 23-minütiger Trip zwischen den Stilen und Stühlen Krautrock, Downbeat, Drone, Electronica, Afrobeat, LoFi, Shoegaze, oft funky, immer groovend, rollend, mitreißend. Eingespielt hat Nesselhauf einige Tracks im Alleingang, u.a. mit einem analogen Vermona-Drum-Synthesizer, an anderen waren Schlagzeuger Julian Gutjahr, die Gitarristen Dennis Rux und Graeme Currie sowie Sänger Soulamadou mit einer Nachricht auf Davids Anrufbeantworter beteiligt. Mehr wird nicht verraten, denn ,Rituals‘ ist ein absolutes Überraschungspaket mit vielen deepen, coolen, vibrierenden Basslines, und bewegungsfördernden Grooves, die gute Laune machen. David ohne Diazpora klingt wie Hattler ohne Hellmut plus Can ohne Cannabis, dazu noch ordentlich gewürzt mit jeder Menge origineller und inspirierender Zutaten. Großartig! lt G&B

AXEL MANRICO HEILHECKER: READY FOR THE GOOD LIFE

Food Band, Wolf Maahn, Harald Schmidt Show, das geniale Avantgarde-Psycho-Folk-Duo Phonoroid, das Instrumental-Projekt Fishmoon – und das sind nur einige der vielen musikalischen Stationen von Axel Manrico Heilhecker (*1954). Jetzt hat der Gitarrist, Komponist, Produzent & Sänger – immer für Überraschungen gut – mal ein ganz konventionelles, rockendes Song-Album eingespielt, und zwar im Alleingang; einziger musikalischer Gast ist bei einigen Tracks Sängerin Jane Palmer. Heilhecker liefert hier gut gemachten und abwechslungsreich arrangierten Oldschool-Gitarren-Rock, aufgepeppt mit jeder Menge  kurzer aber intensiver Solo-Spots, in denen er sich auch mal als Blackmore-Fan zu erkennen gibt. Um dann einen Track weiter irgendwo zwischen Stevie Ray Vaughan und Jimi Hendrix auf höchstem Niveau abzubluesrocken. Stimmlich originell irgendwo zwischen Willy DeVille, Bob Dylan und Robbie Robertson angesiedelt, findet die Virtuosität hier aber am Instrument statt – und Axel Heilhecker ist einfach ein absolut großartiger Gitarrist, der genau so Popsongs melodisch veredeln wie virtuosen kraftvollen Blues zelebrieren kann, Soul, Jazz & Funk im Repertoire hat, und seine Gitarre auch schon mal bis in abstrakte Geräuschsphären fliegen ließ. Letzteres passiert zwar auf dem neuen Album eher weniger, aber dafür fliegen einem hier jedem Menge neue klassische Rock-Nummern entgegen. Bodenständig. lt G&B

DIETER ILG: DEDICATION

Dieter Ilg (*1961) ist Kontrabassist, Komponist und immer wieder Projektleiter interessanter Konstellationen und Begegnungen zwischen Jazz, Klassik und Folklore. Seit den 1980ern spielte er u.a. im Quintett von Randy Brecker, mit  Mike Stern, Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Nguyên Lê, Charlie Mariano, Rolf Kühn, Christof Lauer, Dave Liebman, Bennie Wallace, Sadao Watanabe, Dave Friedman, Wolfgang Muthspiel  und Trilok Gurtu. Beachtlich! Ein gefragter Musiker ist der mehrfache Jazz-Preisträger aber auch als Solist, denn seit  2008 tritt Ilg immer wieder mal ohne Begleitung bei Festivals und in Clubs auf. Mit ,Dedication‘ kann man sich jetzt Dieter Ilg solo nach Hause holen. Man sitzt dann sehr nahe an seinem Kontrabass und erlebt feinste Klang-Nuancen dieses großartigen Bassisten sehr plastisch mit. Für die hervorragende Aufnahme, die im Oktober 2020 im SWR-Studio Baden Baden mitgeschnitten wurde, ist Manfred Seiler verantwortlich. Toller Sound! Wie der Album-Titel vermuten lässt, ist die Musik jemandem gewidmet – Johann Sebastian Bach, HardBop-Trompeter Nat Adderley, Bass-Ikone Charles Mingus, der Free-Jazz-Bassist Peter Kowald, Charlie Mariano und auch die Mutter des Solisten werden in den Credits genannt, aber auch Aspekte des Lebens, das Analoge, die Endlichkeit, die Freiheit und die geschundene Erde: ,Forest Kill‘ heißt der zerrende und krachende Track, und ich ertappe mich, wie ich im ersten Moment entsetzt vermute, die rechte Box meiner Abhöranlage sei hinüber … eine peinlich-kleinliche Reaktion, wenn man weiß, wieviel mehr und lebenswichtigeres die Menschheit seit Jahrzehnten zerstört. Beeindruckend ist, wie Dieter Ilg hier improvisatorisch musikalische und außermusikalische Themen nebeneinander stellt, sie irgendwie auch verbindet und auch zum Denken anregt. Ein intensives Klangerlebnis! lt G&B

SÖNKE MEINEN: SPARK

Das Debüt-Albums des 1991 geborenen Gitarristen hieß ,Perpetuum Mobile‘ (2016), und seitdem hat Sönke Meinen mit seiner Musik eine Menge Menschen weltweit verblüfft. Denn seine reibungsfreie, kontrollierte Leichtigkeit, seine Melodien die klingen, als kämen sie von einer Spieluhr mit Human Factor, und seine an die Grenzen des gitarristisch wie physisch Möglichen gehenden HiSpeed-Tracks sind schon sehr individuell und verbinden extreme Virtuosität mit ganz viel Ausdruck. Dafür wurde er mehrfach ausgezeichnet, und der legendäre Kollege Tommy Emmanuel nannte ihn „einen der kreativsten Gitarristen der aktuellen Gitarrenszene“. Gelernt hat Sönke Meinen u.a. bei Thomas Fellow, Stephan Bormann und Reentko Dirks an der Hochschule für Musik in Dresden, wo er dann vor drei Jahren selbst eine Dozentenstelle für akustische Gitarre übernommen hat. Sein Hauptinstrument auf dem neuen Album ,Spark‘ ist eine Kobler-Nylonstring, und sein Fingerstyle-Konzept ist, wie seine Musik, stilübergreifend geprägt und verbindet vielfältige Einflüsse aus Folk, Jazz und Klassik. Gelegentlich hat er aber auch sehr eingängige Popmelodien im Angebot. Bei einigen Tracks ist Sönke mit Duo-Partnern zu hören, wie dem dänischen Violinisten Bjarke Falgren, mit dem er 2019 das Album ,Postcard To Self‘ veröffentlicht hat. Sönkes Website http://www.soenkemeinen.com verrät einiges über seine diversen Projekte und bietet auch Videos und Notenmaterial. Entdecken! lt G&B

Ein ätherischer, kurzer Prolog leitet dieses instrumentale Gitarren-Album ein – und dann wird man geradezu überrollt von dreieinhalb Minuten Hypervirtuosität eines Solisten, der technisch und interpretatorisch mehr Potenzial hat und Dichte erzeugt als manches Gitarren-Trio. Aber das ist nicht die stärkste Seite von Sönke Meinen – sein Ausdrucksspektrum, das er in ruhigeren, transparenteren Tracks zeigt, sein Ton, seine Dynamik, sind mindestens so anspruchsvoll, wie Meinens selbst für Gitarristen oft kaum nachvollziehbaren Darbietungen auf der Überholspur. Der 1991 geborene Musiker hat an der Hochschule für Musik in Dresden studiert, wo er seit drei Jahren auch selbst lehrt. Sein Thema ist die akustische Gitarre, die Nylonstring, und sein Fingerstyle-Ansatz ist wirklich schwer zu fassen. Man hört Einflüsse aus Folk, Jazz und Klassik, erlebt auch mal Rock-Intensität in ,Alpacalypse‘ und ein paar Popmelodien – wie z.B. in ,Mirror Of Water‘, das Meinen im Duo mit seinem ehemaligen Lehrer Reentko Dirks eingespielt hat. (Das beeindruckende Album ,Istanbul 1900‘ von Erkin Cavus & Reentko Dirks wurde in Ausgabe 09/10 2021 ausführlich vorgestellt.) ,Song For The Dreamers‘ hat Sönke Meinen im Trio mit Dirks und dem dänischen Violinisten Bjarke Falgren aufgenommen, mit dem er 2019 das Album ,Postcard To Self‘ produziert hat. Und hier überzeugt dann wieder die bereits erwähnte sensible Saite der Virtuosität, die aus einem einfach nur schönen, kleinen Arrangement berührende Musik macht. lt JAZZthetik

THE KBCS: COLOR BOX

Die Hamburger Band war zuletzt mit Rapper Thomas D aktiv, aber jetzt zeigen sich die fantastischen vier Hamburger auf ihrem neuen Album ,Color Box‘ von einer mindestens so spannenden Seite: Denn hier sind The KBCS – aka Lucas Kochbeck (dr), Nicolas Börger (kb), Lars Coelln (g) und Daniel Stritzke (b) – überwiegend instrumental zu erleben, aber eben nicht nur. Für vokale Abwechslung sorgen die wunderbare Nneka, Lui Hill, J.Lamotta, Flo Mega, Olivier St. Louis und im wunderbar relaxten Hit-Track ,Wasting All Your Lovin’‘ eine Sängerin namens Bowie, deren Stimme mich absolut voll verliebt abgeschossen hat, als ich sie zum ersten Mal im Radio hörte – merci, DLF-Kultur. The KBCS sind an sich schon ein Glücksfall, in punkto groovendem, souligem Funk-Instrumental-Sound, was sie bereits mit ihrem Debüt von 2019, ,Phô Sessions Vol. 1‘, unter Beweis gestellt haben. Jetzt legen die vier Musiker, die mal als Live-Begleiter für Flo Mega starteten, noch mal einen Gang zu. Eine Band ist eine Band ist eine Band – mit oder ohne Front(wo)man – und diese Band ist einfach genial. Für einige Leserinnen & Leser dieses Magazins müsste die nordische Soul-Coolness der String-Chiller Lars Coelln & Daniel Stritzke eine unbezahlbare Lehrstunde in effektivem Minimalismus sein. KBCS! lt G&B

MAX FRANKL: 72 ORCHARD STREET

So richtig jazzrockig startet dieses Album: Über einem tiefgelegten, angezerrten Gitarren-Riff suchen und finden sich Posaunist Nils Wogram und Saxofonist/Klarinettist Reto Suhner zum kompakten Thema des Titel-Tracks, um dann dem Mann an den sechs Saiten das Feld zu überlassen. Echo-Jazz-Preisträger Max Frankl wurde 1982 in Starnberg geboren, hat bei Martijn van Iterson, Wolfgang Muthspiel, Kurt Rosenwinkel und Frank Möbus studiert und seit 2005 acht Alben veröffentlicht. Auf ,72 Orchard Street‘ erlebt man Frankl als reifen Komponisten, Arrangeur und fähigen Bandleader, der das Album an nur zwei Tagen eingespielt hat – übrigens schon Ende März 2019. Die Besetzung, zu der auch Bassist Patrick Sommer und Drummer Lionel Friedli gehören, wirkt sehr homogen und kann sowohl als kompakter orchestraler Farbgeber wie auch mit solistischen Einzelleistungen überzeugen. Max Frankls warmer und trotzdem immer präsenter Gitarrenton unterstreicht seine Bewunderung für den Gitarristen Mick Goodrick, dem er ,Mr. Goodchord‘ gewidmet hat. Das sich anschließende ,Myrtle Avenue‘ zitiert umspielend ein Motiv von Terje Rypdals ,Ballade‘ ohne in dessen Klangsphären abzudriften, ebenso erinnert Saxofonist Reto Suhners Komposition ,Adios Machos‘ mal kurz an George Harrisons ,Isn’t It A Pity‘ um dann ganz eigene Wege zu gehen. Max Frankl ist, seit ich seine Karriere verfolge, immer wieder eigene Wege gegangen, und mit ,72 Orchard Street‘ scheint er auch mal angekommen zu sein – oder besser gesagt, kurz Rast zu machen. Verdient! lt JAZZthetik


MAX FRANKL: 72 ORCHARD STREET
Jazz-Gitarrist Max Frankl (*1982) hat bisher acht Alben unter eigenem Namen veröffentlicht, in New York gelebt und gearbeitet, den Echo-Award und das Musikautoren-Stipendium der GEMA erhalten, ein Studium in Digital Marketing absolviert und eine eigene Unterrichts-Plattform am Start. Sein neues Album, dessen Aufnahmen bereits 2019 im Kasten waren präsentiert ihn jetzt wieder mal als fähigen Komponisten und Bandleader. Frankl hat bei Martijn van Iterson, Wolfgang Muthspiel, Kurt Rosenwinkel und Frank Möbus studiert, und sein warmer Gitarrenton ist der rote Faden, der sich durch die sieben unterschiedlichen Tracks zieht. Als Fan hat er dem Gitarristen Mick Goodrick die Komposition ,Mr. Goodchord‘ gewidmet, die sich aus einer kollektiven Improvisation langsam in Richtung eines akkordischen Themas entwickelt, das ganz viel Freiraum lässt und sich dann zu einer echten Hymne aufbaut. Dem gegenüber steht der Titel-Track des Albums, der eine großartige Brücke zwischen riffigem Jazz-Rock und wunderbar pulsierendem Modern Jazz schlägt. Zur Band gehören Nils Wogram (tb), Reto Suhner (as, cl), Patrick Sommer (b) und Lionel Friedl (dr), die den Gitarristen Max Frankl tragen und auch fordern. Dessen solistische Beiträge sind wirklich eigenständig, geschmackvoll und auch dramaturgisch sehr individuell gestrickt. Tolles Album! lt in G&B

O.S.T: HOUSE OF FEAR

Eine kurze, abweisende, fast bedrohliche Piano-Sequenz in einem diffusen, halligen Raum. Assoziation von Dunkelheit, Hilflosigkeit, Verzweiflung. Und dann drückt dich diese Musik in einen absolut hoffnungslosen, verzweifelten Alptraum. Willkommen im House Of Fear.

Was für ein Einstieg in die Soundtrack-Welt von Oliver Bartkowski und Sven Bergmann! Die beiden Komponisten sind seit Jahren mit “The Movie Trip Show” am Bochumer Schauspielhaus erfolgreich, einer Live-Performance in Band-Besetzung, die Filmmusik ohne Film auf die Bühne bringt. Bei ihren Auftritten werden Soundtrack-Themen aus „Der mit dem Wolf tanzt“, „Peter Pan“, „Schlaflos in Seattle“, „Mission Impossible“, „Titanic“, „Rocky“, „Taxi Driver“, „Indiana Jones“, „Halloween“, „James Bond“, „Fluch der Karibik“, „Winnetou“ oder Charlie Chaplins „Modern Times“ musikalisch und auch visuell interpretiert, mit eigens für die Show entwickelten Effekten und Animationen.

Oliver Bartkowski, beim gemeinsamen Projekt verantwortlich für Keyboards und Sound-Effekte, war als Marketing-Manager im Dance-, House und HipHop-Bereich aktiv, hatte mit „The Outhere Brothers“ (,Boom Boom Boom‘) und Peter Schilling (,Major Tom‘) kommerzielle Erfolge, und legte als DJ in Clubs wie dem Bunker in Berlin, dem Riu Pallace auf Mallorca, dem Modell Traumwelt in Essen oder dem Bochumer Tarm-Center auf. Und er war schon immer Jazz-Fan: 2011 erfüllte sich Bartkowski den Traum vom eigenen Label und produzierte u.a. Alben des Sven Bergmann Quartett. Pianist Sven Bergmann ist Jazz-Musiker, Songwriter und Produzent, hat an der Folkwang-Schule und bei Jasper van’t Hof studiert. 2012 starteten die beiden Musiker dann gemeinsam ihre Filmmusik-Shows, die sich bereits im Folgejahr als regelmäßig ausverkaufte Veranstaltungsreihe etablieren konnte. Mit „Skull City – The return of snake“ und „The Thing comes out of the fog and meets the prince of darkness“ inszenierten Bartkowski und Bergmann auch eigene musikalische Hommages an den amerikanischen Kult-Regisseur John Carpenter, der auch selbst Komponist ist.

Mit „House of Fear“ gehen die beiden Musiker noch einen Schritt weiter und vertonen eine eigene Geschichte von Oliver Bartkowski: Es geht um kleines Mädchen, Mary Ann Lewis, die in den 1930er-Jahren im Waisenhaus einer amerikanischen Kleinstadt unter unglücklichen Umständen zu Tode kam. Zurück in die Gegenwart: Zwei Teenager werden zu einer Mutprobe in dem mittlerweile heruntergekommenen ehemaligen Waisenhaus gezwungen – und geraten in eine unentrinnbare Falle, in der sie dem Geist von Mary Ann begegnen und die Aufgabe bekommen, das Geheimnis ihres Todes zu lösen. Nur so können sie ihrer Gefangenschaft entrinnen …

Und mit dieser Geschichte sind wir auch wieder bei der Musik, einem assoziativen Soundtrack, (noch) ohne Film, aber nicht ganz ohne Bilder: Denn zur aufwändig produzierten CD-Ausgabe des Projekts gehört, neben einem Download-Code (auf Wunsch bekommt man auch einen USB-Stick), ein Booklet in LP-Größe, in dem in deutscher und englischer Sprache die der Musik zugrundeliegende Geschichte in zehn Kapiteln erzählt wird, zu der man parallel die 12 Album-Tracks hören kann – der Kopfkino-Effekt ist vorprogrammiert. „Es ist uns wichtig, dass Musik immer noch als physisches Medium wahr genommen wird. Ein Stream wird der Qualität der Kunst nicht gerecht, auch in puncto Tonqualität haben wir dazu unsere eigene Ansicht”, so Oliver Bartkowski. Gemastert wurde „House of Fear“ übrigens in den berühmten Londoner Abbey Road Studios.

Das Kopfkino wollten Bergmann & Bartkowski aber nicht ganz der Vorstellungskraft ihrer Rezipienten überlassen. Sie kooperierten mit Spaniens bekanntestem Illustrator Francisco Solè, der u.a. für Roman Polanskis Klassiker „Die neun Pforten“ im Auftrag des Regisseurs das Buch „Die neun Pforten ins Reich der Schatten“ gezeichnet hatte. Die beiden Produzenten kontaktierten den Künstler, tauschten Ideen aus, Skizzen wurden hin und hergeschickt. „Francisco mochte direkt unsere Musik und diese hatte er beim arbeiten wohl im Kopf, besonders Svens Klavierspiel hatte es ihm angetan“, erzählt Oliver Bartkowski. „Wir sind sehr stolz darauf, dass Geschichte und Musik nun von zwei fantastischen Illustrationen begleitet werden. Durch die Bilder entwickelt alles noch einmal eine zusätzliche Dynamik.“

“House Of Fear” ist ein orchestrales Klangerlebnis für Liebhaber klassischer Soundtracks: Breite Streicher-Flächen, tiefe Bässe, schwere Trommel-Sounds, darüber warme Holzbläser, immer wieder das mal perlige, dann wieder kantige Piano und etwas Gitarre vom einzigen Mitmusiker Gunter Burgmann. Oliver Bartkowski und Sven Bergmann haben hier ein klanglich wie musikalisch beeindruckendes Multimedia-Projekt realisiert, das außerdem elektronische und natürliche Beats und Instrumentalklänge perfekt integriert und sich beide Welten gegenseitig befruchten lässt. 

Zu bestellen ist die CD mit dem beeindruckendem Booklet in LP-Größe inkl. Prints der beiden Illustrationen für € 40 inkl. Porto über info@wunderbar-marketing.de. Am 07. Mai 2022 findet im Metropolis-Kino im Bochumer HBF eine Premiere-Veranstaltung statt, in der das Album in Anwesenheit der Musiker vorgestellt wird – natürlich unter besten Sound-Bedingungen. Auch die originalen Illustrationen von Francisco Solè werden an diesem Abend im Metropolis-Kino ausgestellt. Tickets gibt es an der Abendkasse und vorab via http://www.metropolis-bochum.de. lt

MARTIN WIND NEW YORK BASS QUARTET: AIR

Bandleader Martin Wind, geboren 1968 in Flensburg, ist, nach abgeschlossenen Studien seit 1997 Dozent an der Jazz-Abteilung der New York University – und auch als praktizierender Musiker in den USA und Europa erfolgreich, sowohl im Jazz wie auch in Klassik-Projekten. Jetzt hat er gemeinsam mit seinen Kontrabass-Kollegen Gregg August, Jordan Frazier und Sam Suggs sowie den Special Guests Matt Wilson (dr/perc), Lenny White (dr) und Gary Versace (p/organ/acc) drei Eigenkompositionen und sechs weitere Tracks eingespielt, darunter ein Beatles-Medley, den Weather-Report-Hit ,Birdland‘ und Johann Sebastian Bachs ,Air‘ – letzteres in zwei Versionen. Resultat dieses Viersaiter-Treffens ist eine musikalische Veranstaltung, die oft irgendwie an eine Musikergeburtstag-Jam-Session mit Bass-Battle erinnert, dann aber auch wieder intensivere Momente bietet, wie in Winds Komposition ,I’d Rather Eat‘, wo das kammermusikalische Setting unerwartet energetische, orchestrale Intensität erzeugt. Großartig! Dagegen hört sich an anderer Stelle manches mit dem Bogen gestrichene Bass-Solo, in punkto Intonation nach einer langen Party-Nacht an. Die Idee zu diesem Bass-Ensemble kam Wind während seiner Lehrtätigkeit. Er wollte “Studierende aus verschiedenen Stilrichtungen zusammenbringen, um mit ihnen ein breites Repertoire an Stücken zu spielen – von Bach-Chorälen, über Pop-Songs bis zu Jazz-Adaptionen.” Von den dabei gemeinsam erarbeiteten Arrangements haben es acht auf ,Air‘ geschafft. Unterhaltsam. lt JAZZthetik

KRAZY: SEIFENBLASENMASCHINE

Sie lebt in Köln, hat lange Straßenmusik gemacht, ganz viele Songs und auch mal ein Buch geschrieben, Theater ge- und bespielt, und ihre Texte haben das seltene Potenzial zu unterhalten, nahe zu gehen, intelligent-lustig und berührend-emotional gleichzeitig zu sein. “Muss man erst mal hinkriegen”, dachte ich beim ersten Anhören von ,Seifenblasenmaschine’, dem neuen Album der 1972 geborenen Frau, die auf der Bühne Krazy heißt. Und dass mich Texte berühren oder sogar in sich und den Song reinziehen, das passiert nur alle paar Jahre mal. Und wenn man Krazy live erlebt, als wirklich originelle Gitarristin und Sängerin, dann hat man nach drei Songs das Gefühl, dass sie da nicht mehr alleine auf der Bühne sitzt. Denn ihre Texte erzeugen Bilder, leben und bleiben, stehen dann irgendwann rechts und links von ihr, hinter ihr und vorne am Bühnenrand, und sie zieht die Fäden und die Lyrics ziehen zurück. 2018 traf Krazy auf Danny Dziuk, und der war begeistert. Nach einem gemeinsam geschriebenen Song und ein paar Konzerten entstand dann ein ganzes Album. Ihr zweites, nach zehn Jahren. Vocals, Percussion, Texte & Musik: Krazy. Piano, Gitarre, Keyboard, Vocals, Arrangements & Produktion: Danny Dziuk. Dazu noch ein paar Gastmusiker, und schon klingt ,Seifenblasenmaschine‘ irgendwie wie ein echtes Band-Album. Verrückt ist, dass diese Songs in beiden Formaten, orchestriert wie solo, absolut stark und lebendig bleiben, ganz egal ob sie von Piano- und Bläser-Sounds oder nur von Krazys Akustikgitarre getragen werden, auf der sie eigenwillige Pickings und immer wieder kleine Flageoletts, Scratches und Dead-Notes in die Harmonien zaubert. Und bei Songs wie ,(Auf Dich) Warten‘ und ,Nur Ne Idee‘ kommt noch dazu, dass man glaubt, sie wisse eine ganze Menge über dich und hätte ein paar wichtige Momente deines Lebens zu ihren Songs eingedampft. 

Krazy ist einfach eine beeindruckende Musikerin. lt G&B

JEFF PARKER: FORFOLKS

Nicht erst seit dem genialen Album ,Suite For Max Brown‘ (2020) weiß man, dass Jeff Parker, bekannt als Gitarrist der Chicagoer Indie-Alternative-Crossover-Experimental-Instrumental-Avantgardisten Tortoise, eine ganz und gar unberechenbare Größe an seinem Instrument ist. Dem 1967 in Bridgeport, Connecticut geborenen Musiker ging es immer um Improvisation und interpretatorische Freiheit, ganz egal ob er mit Tortoise, Joshua Redman, Brian Blade oder MeShell Ndegeocello spielte, sich im Post-Rock, HipHop, der Jazz-Avantgarde oder in der solistischen Einzelzelle bewegt. Letztere Assoziation löst Jeff Parkers neues Werk ,Forfolks‘ bei mir aus, denn man fühlt sich als Hörer, und sicher auch als Hörerin, immer wieder wie umwoben und geradezu eingezwängt von seinen stark komprimierten Clean-Sounds, den einfachen Pickings über sich aufbauenden, stehenden Soundscapes, die sehr nach dem Gamechanger-Audio-Plus-Pedal klingen, einem anspruchsvollen Gitarren-Effektgerät, das den Spieler fordert. Aber dann sind da auch noch andere, überwiegend akustische Tracks, die klingen wie 100 Jahre alte Feld-Aufnahmen oder unentdeckte Mitschnitte des coolsten Jazz-Gitarristen der 1950er-Jahre, Billy Bauer: Dabei handelt es sich um Interpretationen von Thelonious Monks ,Ugly Beauty‘ und den Standard ,My Ideal‘, die aus einer ganz anderen Welt stammen, als Parkers sechs Eigenkompositionen, dann aber doch irgendwie anschließen. Parker klingt oft wie ein Kind, das sich zum ersten Mal an einer alten Wandergitarre mit zwei Zentimeter hoher Saitenlage versucht und das Ganze mit seinem übersteuernden Ein-Knopf-Cassettenrekorder mit eingebautem Mikrofon aufnimmt. Was will uns der Künstler wohl damit sagen? Keine Ahnung, Folks. Der Künstler kann via http://www.intlanthem.bandcamp.com/album/forfolks besucht werden. lt G&B

EBERHARD WEBER: ONCE UPON A TIME

Was haben großartige Jazz-Alben wie Pat Methenys ,Watercolors‘, ,Ring‘ vom Gary Burton Quintet, Volker Kriegels LPs ,Inside: Missing Link‘, ,Lift‘ und ,Mild Maniac‘, ,Intercontinental‘ von Joe Pass oder ,The Dreaming‘ von Kate Bush gemeinsam? Den Bassisten! Er ist wahrscheinlich der international bekannteste deutsche Jazz-Musiker: Eberhard Weber, geboren am 22. Januar 1940 in Stuttgart-Hedelfingen, hat, ähnlich wie es Jaco Pastorius für den E-Bass getan hat, das Spiel des Kontrabasses im Jazz extrem erweitert, sowohl was die Tonbildung und Phrasierung angeht, aber vor allem auch in punkto klanglicher Präsenz. “Mein Ziel war es nie, einen eigenen Sound zu erfinden”, sagt Eberhard Weber. “Ich wollte einfach nur spielen.” Aber dabei auch in elektrischen Jazz-Bands gehört werden. Und so war Weber, der als Kind Cello lernte, als Jazzer früh mit Tonabnehmer, E-Bass und Electric-Upright aktiv. 1972 soll er in einem Antiquitätenladen einen alten Kontrabass gekauft haben, den er gemeinsam mit einem Instrumentenbauer immer weiter modifizierte. Übrig blieb ein schlanker Fivestring-Upright mit hoher C-Saite und minimiertem, massivem Korpus – ein neues Instrument mit mittigem, warmem Sound und einem Ton mit viel Sustain, den er außerdem gerne mit viel Hall und anderen Effekten versah. In dieser Zeit entstand auch sein Solo-Album ,The Colours Of Chloë‘ (1973), mit dem er und sein Label ECM weltweiten Erfolg hatten. Aufnahmen mit Pat Metheny, Gary Burton, Ralph Towner und Volker Kriegel folgten, außerdem war Eberhard Weber, wie bereits erwähnt, auch auf vier Alben der britischen Pop-Künstlerin Kate Bush zu hören. Pat-Metheny-Keyboarder Lyle Mays, der nur zweimal mit Weber zusammen spielte, war ein ganz großer Fan dieses Musikers, was sein leider im August 2021 posthum erschienenes, 13-minütiges Stück ,Eberhard‘ belegt. Da hatte Weber, der nach einem Schlaganfall 2007 halbseitig gelähmt ist, schon viele Jahre nicht mehr gespielt.

Eberhard Weber hat, neben den bereits erwähnten, mit so unterschiedlichen Musikern wie Wolfgang Dauner, Hampton Hawes, Baden Powell, Art van Damme, Joe Pass, Mal Waldron, Stephane Grappelli, Rolf Kühn, Dave Pike, später mit Kolbe & Illenberger, Jan Garbarek, dem United Jazz + Rock Ensemble u.v.a. gearbeitet und Jazz-Geschichte geschrieben. Ab 1985 trat er dann auch solo auf, mit Hilfe von Elektronik (Hall, Delays, Looper) in Interaktion mit sich selbst. Das jetzt veröffentlichte Album ,Once Upon A Time – Live in Avignon‘ wurde im August 1994 mitgeschnitten und dokumentiert Eberhard Webers Musik pur. Man taucht beim Hören dieser Aufnahmen in eine ganz eigene Klangwelt ein. Und diesen Sound musste Eberhard Weber vielleicht wirklich nicht erfinden, dafür ist er viel zu authentisch, organisch, einzigartig: Dieser Sound ist Eberhard Weber. ,Once Upon A Time‘ ist ein Erlebnis – und inspiriert dazu, die vielen genialen Aufnahmen dieses Jazz-Bassisten neu zu entdecken. lt G&B

JESPER MUNK FEAT. THE CASSETTE HEAD BAND: TAPED HEART SOUNDS

Als Jesper Munk (*1992) vor neun Jahren mit seinem Debüt ,For In My Way It Lies‘ (2013) in der deutschen Musikszene für ungläubiges Staunen sorgte, waren Fans & Medien vor allem von seiner eigenwilligen Stimme und seiner sympathischen, zurückgenommenen Coolness begeistert. Die prägte auch seine folgenden Alben ,Claim‘ (2015),

,Favourite Stranger‘ (2018) und ,Darling Colour‘ (2019). Der irgendwo zwischen Blues, Soul, Rock, Chansons und Folk schwebende Singer/Songwriter, Pianist und Gitarrist überzeugte immer wieder, auch live, mit Band oder solo. Jesper Munks neues Album heißt ,Taped Heart Sounds‘ und er hat es mit The Cassette Head Band aufgenommen. Zu hören sind Cover-Songs von Künstlerinnen und Künstlern, die Munk beeinflusst und inspiriert haben: Tom Waits, JJ Cale, Etta James, Hank Williams, Willie Dixon, Jacques Brel … Was verrückt ist, denn ich hätte es über weite Strecken kaum bemerkt. Weil Jesper auch hier wieder klingt wie Jesper Munk, selbst in Klassikern wie ,Amsterdam‘ oder ,I’d Rather Go Blind‘,und die oft schrulligen Retro-Sounds und die etwas verschlafene Stimme kommen einfach großartig rüber. Angeblich sind die Aufnahmen im Probenraum der Cassette Heads mit einem analogen Tascam-8-Track-Portastudio produziert worden, was wir jetzt einfach mal glauben. So oder so ein großartiges Album! lt G&B

Manchmal denke ich an Chet Baker, wenn ich Jesper Munk sehe, höre und seine Fähigkeit genieße, aus eigentlich ganz normalen musikalischen Zutaten eine eigene Welt zu schaffen, in die er mich dann reinzieht. Es ist das Timbre seiner Stimme, die über so zurückhaltenden wie hypnotischen Grooves Songs tanzt, irgendwo zwischen Blues, Soul, Rock, Chansons, Jazz und Folk. Und der Singer/Songwriter und Cover-Interpret ist auch noch Pianist und Gitarrist, der auch instrumental geschmackvoll und fast schon minimalistisch agiert. Auf ,Taped Heart Sounds‘, das er im Probenraum der Cassette Head Band mit einem analogen Tascam-8-Track-Portastudio eingespielt hat, ist Jesper Munk mit Songs von Künstlerinnen und Künstlern zu hören, die ihn in seiner Entwicklung begleitet und inspiriert haben: Etta James, Hank Williams, Tom Waits, JJ Cale, Willie Dixon und Jacques Brel – interessantes Spektrum! Wobei Munk deren Songs irgendwie zu seinen eigenen macht, dachte ich beim zweiten Durchhören dieses großartigen Albums. Und das mit so oft erlebten Klassikern wie Brels ,Amsterdam‘ oder Ellington Jordans ,I’d Rather Go Blind‘, an das sich schon Größen wie Clarence Carter, Rod Stewart, Beyoncé, Dua Lipa, B.B. King und Trixie Whitley gewagt haben, zu schaffen ist eine Leistung. Jesper Munks balladeske Interpretationen, getragen von einem Piano, das klingt, als hätte man eine dicke Bettdecke darüber geworfen, sind einzigartig! lt JAZZthetik

HAMBURG SPINNERS: DIE HAMBURG SPINNERS UND DER MAGISCHE KRAKEN

Fast auf die Minute genau vor einem halben Jahr feierte ich absolut ekstatisch die Langspielplatte ,Skorpion im Stiefel‘ der genialen Hamburg Spinners: Das sind immer noch Carsten „Erobique“ Meyer an der Hammond-Orgel, Dennis Rux an der E-Gitarre, David Nesselhauf an der Bassgitarre und Lucas Kochbeck am Schlagzeug. Musikalisch schwebt man mit den HH-Spinners wie gehabt durch groovige, soulige, psychedelische oder auch mal dezent angesurfte LoFi-Atmosphären der 60er- und 70er-Jahre, die über warmen Tiefbasslinien daherperlen. Und dieses zweite Album umarmt einen geradezu mit seiner Wärme und sympathischen Leichtigkeit. Da macht der magische Kraken ganze Arbeit! Organ-Handler Carsten „Erobique“ Meyer hat einfach ein unglaubliches Feeling für diese Art von Retro-Musik, denn seine Kompositionen und Arrangements wirken absolut authentisch. Mit dem neuen Spinners-Album geht man zudem auf eine Zeitreise in die schwarzweiße Welt der Sixties. Bunter ausgefallen ist das großartige Cover-Design zur gut klingenden LP, die in einer bedruckten Innenhülle steckt, und ein Booklet im LP-Format gibt’s auch noch dazu. Das alles passt so geschmackvoll zusammen, wie man es selten erlebt. Und rarer als Rare Grooves sind bekanntlich Instrumentalisten, die sie wirklich cool spielen können. Die Hamburg Spinners sind echte Könner, und Musiker, die dir legal und teerfrei ein Dauergrinsen ins Gesicht zaubern. Das Meisterwerk gibt es direkt bei den Künstlern auf hamburgspinners.bandcamp.com. Tolles Album! lt G&B

AXEL FISCHBACHER TRIO: BEBOP SKETCHES

Schon beim ersten Track, dem schon mehr als oft gehörten ,Autumn Leaves‘, zeigt sich, dass dieses Trio etwas anders zur Sache geht. Da schwebt das eigentliche Thema ungespielt irgendwo zwischen den Kontrabass-Linien von Nico Brandenburg und Axel Fischbachers E-Gitarre, beide getragen vom filigranen Drum-Teppich von Tim Dudek. Das macht Lust auf mehr: Und tatsächlich klingen auch die sechs folgenden Tracks alle auf eigene Art überraschend. Wenn klassischer BeBop ein Gemälde war, sind das hier sparsame, kantige Skizzen, die ganz viel Raum für Interpretation und Individualität lassen. Eine wirklich spannende Verlagerung in einen moderneren, immer noch swingenden Jazz-Zusammenhang ist hier gelungen. Dass Axel Fischbacher John Scofield mag, hört man; aber da, wo Scofield frei bluesig rüberkommt, klingt Fischbacher cooler und auch mal kantiger, aufgeräumter. Besonders originell gelungen ist der letzte Album-Track, Miles Davis’ ,Blue In Green‘ – sehr eigenwillig, aber atmosphärisch trotzdem authentisch von 1959 in die Jetztzeit gebeamt. 

,BeBop Sketches‘ ist eine spannende, gut klingende Trio-Aufnahme. Das Album erscheint nur auf Vinyl – limitiert auf 300 Exemplare,180g, Gatefold-Cover, eine CD ist mit beigelegt, ebenso ein 12-seitiges Booklet mit Fotos, Texten zur Musik und Notenauszügen, die Wolfgang Kehle transkribiert hat. Ein Musiker-Album – aber nicht nur für Musiker. lt G&B

COLONEL PETROV‘S GOOD JUDGEMENT: HYPOMANIAC

“experimental rock jazz rock progressive psychedelic sludge metal Cologne” tagged die Künstlerheimseite colonelpetrovsgoodjudgement.bandcamp.com – und da ist was dran: Denn das neue Album von Leonhard Huhn (sax/electronics), Reza Askari (b), Rafael Calmam (dr) und dem Gitarristen und Komponisten Sebastian Müller ist ein lauter, krachender, explodierender und immer wieder überraschender Grenzüberschreiter. OK, die Herren haben schon mal das Mahavishnu Orchestra gehört, aber eben auch Metal, Nirvana und John Coltranes Spätwerk. Dass aus diesen Zutaten resultierende Energiepaket ist aber ein komplett eigenes, was extrem an Bass & Drums liegt, die hier oft geradezu wie eine außer Kontrolle geratene riesige Bohrmaschine in die Untiefe pulsieren, über der Gitarre und Saxophon eine Mischung aus Feuerwerk und bizarren Fanfaren ablassen. High Energy! Sebastian Müller, der als Kind Grindcore und Funk hörte und heute Hendrix und sicher auch Holdsworth mag, vielleicht auch Tommy Bolin, studierte an der Musikhochschule Köln und bei Mick Goodrick und Wayne Krantz am Berklee College of Music in Boston. 2014 veröffentlichte er sein Debüt ,Peel‘. Von Colonel Petrov’s Good Judgement sind bisher die Alben ,Moral Machine‘ (2016) und ,Among Servants‘ (2018) erschienen – wie auch das aktuelle ,Hypomaniac’ alle erhältlich über moralmachine.de, direkt beim Erzeuger. Coole Band! lt G&B

DIMITRI LAVRENTIEV: TRIP TO MARS

“Der Mann liebt sein Leben”, dachte ich spätestens beim dritten Track des neuen Albums von Akustik-Gitarrist Dimitri Lavrentiev. Denn die absolut positive, musikalische Grundstimmung von ,Trip To Mars‘ fällt gerade in dieser Zeit des Dauer-Lamento extrem auf. Vermutlich hat auch Dimitri einige Menschen aus seinem Umfeld auf den Mars geschickt, um wieder so klar zu sehen, zu fühlen und zu spielen. Denn die wunderbare, erfrischende Freude, die seine 13 Tracks ausstrahlen, ist ein Geschenk, ein echter Stimmungsaufheller ohne Nebenwirkungen. Der 1976 in Snezhinsk/ Russland geboren Fingerstyle-Virtuose hat Rock- und Klassik-Erfahrung, ist studierter Konzertmusiker mit etlichen Auszeichnungen, Mitglied des Alegrías Guitar Trio, und Lavrentiev unterrichtet am Leopold-Mozart-Zentrum für Musik der Universität Augsburg, wo er auch ein internationales Gitarrenfestival ausrichtet. ,Trip To Mars‘ wurde mit verschiedenen Steel- und Nylonstring-Gitarren eingespielt, die dezent verhallte Aufnahme von Ludger Sauer (ISSA Audioproduktion) klingt sehr gut, das ganze Album hat die lebendige Atmosphäre eines Club-Gigs. Applaudieren wird man selbst, denn Dimitri Lavrentiev spielt mit Emotion und Energie, überspielt damit fast manchmal seine hervorragende Technik, die diese Musik fließen lässt und ein Easy-Listening-Erlebnis im besten Sinn ermöglicht. Braucht man manchmal. You made my day! lt G&B

BÖRT: HANA

Im Jazz eher selten: Diese Band hat einen Namen und heißt eben nicht Lukas Keller Quartett. Lukas ist Skateboarder, Bassist und Hauptkomponist von Bört, wurde 1991 in Aschaffenburg geboren spielte erst E-Bass, dann auch Kontrabass und studierte von 2011 bis 2016 an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz. Zur Band gehören Theresia Philipp (Saxofon & Klarinette), Jonathan Hofmeister (Klavier) und Jan Philipp (Schlagzeug). Auf ,Hana‘ (japanisch für „Blume“ oder „Blüte“) spielen sie eine Musik, die frei pulsiert, über kantige Harmonien gleitet und von knochigen Basslines getragen wird, was mich vom Feeling sehr an die Anfang der 1960er-Jahre entstandenen Aufnahmen des Saxophonisten, Flötisten & Bassklarinettisten Eric Dolphy erinnert. Wobei Bört dann aber auch mal mit sehr zurückhaltenden, fast impressionistischen Soundscapes überraschen können – der Track ,Cohen Brothers‘ stammt als einziger vom Pianisten der Band. Was absolut überrascht ist die zurückhaltende Intensität dieses Albums: Hier hört man keinen Angeber-Jazz mit Leistungsnachweisen, sondern spürt die Art von Reife, die aus klaren Traditionsbezügen kreativ und offen neue Musik schaffen kann, mit vielen packenden Soli von Theresia Philipp und Jonathan Hofmeister – Bassist Lukas Keller und Drummer Jan Philipp halten sich zwar formal solistisch zurück, stricken aber im Hinter- und Untergrund ein so lebendiges Netz, das permanent beeindruckt. Tech-Facts: Lukas spielt einen namenlosen, circa hundert Jahre alten deutschen Kontrabass, den er bei Konzerten mit einem DPA-Clip-Mikrofon abnimmt; ein zweites Signal kommt von einem Fishman-Pickup und wird nur für den Monitor verwendet. Im letzten Track, ,Sweet Sewing Machine’, hört man den Bassisten dann noch mal etwas intensiver, vordergründiger und erkennt mal wieder, was ein einziger, lebendiger Basston zur Musik beisteuern kann. Lebendig ist auch die gesamte Aufnahme: Eingespielt wurde live, in einem Raum, produziert hat mal wieder Christian Heck im Kölner Loft. Resultat: Ein absolut gelungenes, berührendes Jazz-Album. Und Bört bekommen meinen Privat-Award für cool-nerdige Band-Fotos – sie stammen von Lukas Diller. Mehr Infos zur Band: http://www.lukas-keller.com lt G&B

MATTHIAS AKEO NOWAK KOI SEPTET: HOW DOES ORIGAMI SOUND?

Der in 1976 Berlin geborene und in Köln lebende Kontrabassist Matthias Akeo Nowak hat mit dem Koi Septet ein interessantes und kompetent besetztes Ensemble am Start: Matthew Halpin (sax/fl), Stefan Karl Schmid (sax/cl), Shannon Barnett (tb), Simon Seidl (e-p), Riaz Khabirpour (g) und Oliver Rehmann (dr) wenden auf ,How Does Origami Sound?‘ Aspekte der japanischen Papierfaltkunst Origami auf die Musik an. Diese Zusammenhänge sind zugegebenermaßen für einen Laien schwer nachvollziehbar. Die musikalische Strukturen erinnern mich oft an große Besetzungen des legendären Charles Mingus, auch ein Bassist, der das Spannungsfeld zwischen kollektiver Improvisation und klar strukturierten Arrangements für seine Musik nutzte – und die Beteiligten strikt nach seiner Pfeife tanzen ließ. Das wiederum erscheint hier ganz anders zu sein: Auffallend beim Koi Septet ist die Wärme dieser Musik, die insbesondere durch das glockige Fender Rhodes Piano, die dezenten Gitarrenbeiträge und die großartigen Lead-Spots von Posaunistin Shannon Barnett erzeugt wird – letztere zieht die Fäden dieses Kollektivs immer mal wieder zusammen und lässt es swingen. Bassist und Bandleader Matthias Akeo Nowak agiert oft extrem zurückhaltend, fast schon minimalistisch. Faszinierend, wie seine fast schon stakkato angelegten tiefen runden Töne in ,Slow Melody Ah Um‘ tragen, und wie funky sie schon im nächsten Album-Track ,Vamp A1, 231‘ rüberkommen, dabei aber immer noch deep & warm. ,How Does Origami Sound?‘ ist eines dieser Alben, das beim dritten Hören aufblüht und dann immer wieder überrascht. Mit schön designtem und informativem Foto-Booklet. lt G&B

TANGO TRANSIT: GERMAN SONGBOOK

Was für eine Besetzung: Akkordeon, Kontrabass und Schlagzeug. Und was für einen Groove Martin Wagner, Hanns Höhn und Andreas Neubauer an und mit genau diesen Instrumenten zaubern, ist wirklich unglaublich. Man sollte auch nicht denken, dass Tango Transit dabei irgendwie volksmusikalisch, authentisch oder eso-ethno-korrekt zur Sache gehen. Nein, sie rocken, jazzen, swingen und pulsieren sich einfach durch 13 Album-Tracks, und das Repertoire besteht dabei auch noch aus deutschen Volksliedern. Kontrabassist Hanns Höhn steuert hier wirklich kraftvolle und wunderbar tragende Basslinien bei. Er hat Musical-Erfahrung, war als Sideman mit vielen Jazz-Größen auf der Bühne und spielt ansonsten seit 14 Jahren mit Sängerin Katharina Debus im Duo-Projekt FrauContraBass zusammen – ihm scheinen ausgefallene Besetzungen zu liegen. Tango Transit muss man jedenfalls gehört haben, denn dieses großartige Trio überzeugt sogar Musikhörer mit Latin- und Akkordeon-Allergie. lt G&B

MALTE VIEFS KAMMER: KAMMER II

Konzertgitarre, Cello, Mandoline – was für eine Besetzung: Kammer-Musik klingt bei Malte Vief, Matthias Hübner und Jochen Roß wirklich eigenständig, was nicht zuletzt an den diversen Instrumenten des Bandleaders liegt. Malte Vief spielt hier auch mal eine siebensaitige Konzertgitarre, eine Baritongitarre und eine seltene Aliquot-Gitarre mit quer verlaufenden Resonanzsaiten, was irgendwie an eine Harfe erinnert. Als Gäste sind die Violinistin Alina Gropper und Pianist Clemens Christian Poetzsch zu hören, die rein klanglich die “klassischen Zutaten” zur Musik beisteuern. Denn Malte Vief selbst geht hier oft sehr rockig mit viel Energie zur Sache. Manche Tracks verdienen fast schon das Label “ProgRock Unplugged”, und man fühlt sich schon mal an das breite Feld zwischen Kansas und den besseren Früh-Werken von Dream Theater erinnert, oder an einen gechillten Johann Sebastian Bach auf Zeitreise. Und so ist man irgendwann in einem ganz eigenen musikalischen Universum, das sich zu entdecken lohnt: Klassik, Jazz, Rock, Pop, Alte Musik, Neue Musik – alles egal. Gute Musik! ,Kammer II‘ ist bereits das fünfte Album des in Leipzig lebenden Gitarristen. Weitere Infos unter http://www.maltevief.de. lt G&B

MICHAEL SAGMEISTER: STORYBOARD

Ganz ruhig, mit einer elektrischen und einer Acoustic-Gitarre, beginnt das neue Album des 1959 in Frankfurt geborenen Jazz-Gitarristen, der zu den besten europäischen Vertretern seines Instruments gehört und in der Generation nach Attila Zoller, Toto Blanke und Volker Kriegel erst mal relativ alleine dastand, als er 1978 sein Debüt ,Sagmeister Trio‘ auf dem musikereigenen Label Mood Records veröffentlichte. Mitte der 1990er-Jahre war der Autodidakt Sagmeister u.a. Dozent am Berklee College of Music in Boston, bevor er dann 1999 eine Jazz-Professur an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst übernahm. 2019 wurde Michael Sagmeister mit dem Hessischen Jazz-Preis ausgezeichnet. Auch international war und ist das Renommee dieses Gitarristen beachtlich: Er arbeitete u.a. mit Larry Coryell, Billy Cobham, Jack DeJohnette, Dave Samuels, Randy Brecker, Miroslav Vitous, mit seinen deutschen Kollegen Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Christoph Spendel und Christof Lauer sowie auch mit Volker Kriegel, Attila Zoller und seinem großen Vorbild, dem kürzlich verstorbenen Pat Martino, mit dem er ein gemeinsames Album einspielte. Über 30 Tonträger hat er in den vergangenen gut vier Jahrzehnten veröffentlicht.

Sein neues Album ,Storyboard‘ hat Sagmeister (“guitars, bass, keyboards, drums and percussion programming”) fast alleine eingespielt, bei einigen Tracks stand ihm die Sängerin Antonella Dorio zur Saite. Zu hören sind 73 Minuten Musik, die einen keine Band vermissen lassen – weil man eine Band hört. Sagmeisters Arrangements, Sounds und Kompositionen sind durchweg geschmackvoll ein- und umgesetzt, mit einem Gespür für das, was der jeweilige Track braucht. Seine Drums klingen mal sehr laid-back, dann wieder treibend, und er kreierte hier auch einige Percussion-basierte Beats, die gemeinsam mit den organisch klingenden Basslines perfekt tragen. Und zu tragen gibt es einiges, denn die Gitarrenthemen und Improvisationen finden nach wie vor auf Weltklasse-Niveau statt. Wobei Sagmeister oft stilistisch auf den bewährten Fusion-Jazz des vergangenen Jahrtausends setzt, den er hier aber einigermaßen zeitlos klingen lässt. Diese Musik hat er selbst schon in den 90ern gespielt, u.a. auf seinem hörenswerten Album ,A Certain Gift Live‘. Und wenn man dann einen bläserlastigen Track wie ,Open Minded‘ erlebt, möchte man diese vor allem gitarristisch cool groovende Nummer einfach ganz schnell auf einer Bühne hören, mit einer großen Band.

Michael Sagmeister spielt seit längerem verschiedene FGN-Gitarren, Semiacoustics, Solidbodies und Archtops, verstärkt wird mit Amps von Engl und AER. Wobei schon früher sein Trick war, viel Eigenklang von Instrument und Fingern zuzulassen, und dabei mit Verzerrung meist eher dezent umzugehen. Sein präziser Attack und die oft superschnellen Lines brauchen das auch – und in diesem Bereich liegen ja auch seine Alleinstellungsmerkmale, sein Trademark-Sound.

Seine andere Seite, die des boppenden straight ahead spielenden E-Gitarristen zeigt Michael Sagmeister in den drei Standards auf diesem Album: ,Night In Tunisia‘ erinnert mich an Live-Aufnahmen des Komponisten & Trompeters Dizzy Gillespie mit dem Gitarristen Ed Cherry, ,This Masquerade‘ von Leon Russell erklingt mit ein paar feinen Oktav-Beigaben in der Tradition von Wes Montgomery, und der hier sehr originell arrangierte John-Coltrane-Klassiker ,Countdown‘ bringt noch mal alles an Solo-Energie, was Sagmeister zu bieten hat; wobei hier der programmierte Elektrotrommler für meinen Geschmack zwei Tassen Kaffee zu viel hatte. Das soll aber wohl so sein, und das hat mir schon immer an Michael Sagmeister gefallen: Dass er sein Ding macht, seine Musik, ohne sich danach zu richten, was andere heute cool finden und morgen nicht mehr. Diese Haltung kann man hören. Coole Platte! lt G&B


Gitarrist Michael Sagmeisters Renommee ist beachtlich: Er spielte u.a. mit Larry Coryell, Billy Cobham, Jack DeJohnette, Dave Samuels, Randy Brecker, Miroslav Vitous, den deutschen Kollegen Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner und Christoph Spendel, auch mit seinen Vorgängern im europäischen Gitarren-Jazz, Volker Kriegel und Attila Zoller und mit seinem großen Vorbild, dem kürzlich verstorbenen Pat Martino. Über 30 Alben hat Sagmeister seit 1978 veröffentlicht, 2019 erhielt er den Hessischen Jazz-Preis. Im Fall seines neuen Werks ,Storyboard‘ hat er erstmals fast alles selbst gemacht: komponiert, arrangiert, Gitarren, Basslines, Keyboards eingespielt, Drums programmiert – bei einigen Tracks ist neben ihm noch Sängerin Antonella Dorio zu hören. Resultat sind über 70 Minuten Musik, die ich immer einer echten Band zugeschrieben hätte. Sagmeister setzt hier stilistisch oft auf die Art von geschmackvollem Fusion-Jazz setzt, die er selbst schon in den 90ern gespielt hat, u.a. zu hören auf seinem großartigen Album ,A Certain Gift Live‘. Seine in den vergangenen Dekaden eigentlich dominierende Seite, die des boppenden straight ahead spielenden Gitarristen zeigt er in den drei Standards ,Night In Tunisia‘ von Dizzy Gillespie, dem originell arrangierten John-Coltrane-Klassiker ,Countdown‘ und Leon Russells ,This Masquerade‘, wobei er  in letzterem seine Wes-Montgomery-Einflüsse aufblühen lässt. Michael Sagmeister ist mit ,Storyboard‘ ein Album gelungen, das im besten Sinne anachronistisch und zeitlos zugleich ist. Gute Musik eben. lt JAZZthetik

CHRISTY DORAN / STEFAN BANZ: AEROSOLS

Da ist er schon wieder: Der 1949 in Irland geborene Christy Doran ist seit seiner 70s-Band OM einer der interessantesten europäischen Jazz-Gitarristen, und er konnte immer wieder mit neuen Bands, Projekten und Produktionen überraschen. Er hat mit internationalen Größen wie John Surman, Dom Um Romao, Jasper van’t Hof, Carla Bley, Charlie Mariano, Ray Anderson, Irène Schweizer, Hank Roberts, Wolfgang Dauner, Sonny Sharrock und Albert Mangelsdorff zusammengearbeitet, und die freiere europäische Gitarrenszene mit seiner extrem Dynamik immer wieder fein durchgelüftet. Nie machte ein Album-Titel mehr Sinn als ,Aerosols‘ …

Erst vor ein paar Monaten haben Christy Doran & Franz Hellmüller unter dem Namen “Beady Beast” ihr Gitarren-Duo-Album ,On The Go‘ veröffentlich, jetzt ist Doran alleine das Duo – dank Multitracking. Der zweite Interpreten-Name des Albums ,Aerosols‘, Stefan Banz, ist eine Widmung: Denn der Maler, Fotograf und Videokünstler, mit dem Doran eng zusammenarbeitete, ist am 16. Mai dieses Jahres mit 59 Jahren verstorben und konnte den Abschluss dieses Projektes leider nicht mehr erleben. Eine ganz eigene Art der Zusammenarbeit hatte hier stattgefunden, bei der sich beide Künstler wechselseitig inspirierten: Fünf der hier zu hörenden zehn Doran-Gitarrenstücke waren Anstoß für Banz’ Acrylbilder, und fünf andere Acrylbilder des Malers waren wiederum für den Gitarristen Ausgangsbasis für weitere eigene Improvisationen und Kompositionen. Die kann man jetzt auf ,Aerosols‘ hören und regelrecht erleben, denn der experimentierfreudige Christy Doran füllt mit seinen diversen A- und E-Gitarren plus einer Menge Elektronik ganz gewaltig den Raum; mit entsprechender Anlage ist diese Musik auch ein faszinierendes Surround-Erlebnis voller Überraschungen. Doran war nie als II-V-I-Fetischist mit Handschuhton bekannt, er stand schon immer auf Kollegen wie Jimi Hendrix und Sonny Sharrock und ging dementsprechend mit allen Freiheiten zur Sache. So sind hier ganz schön schräge und brachiale Sound zu hören, aber auch konventionellere, harmonische Passagen. Soundtrack des Lebens, würde ich mal sagen. Was man von einem Gitarristen wie Christy Doran lernen kann, ist dass die Grenzen der Gitarre nicht nur ganz weit weg liegen können, sie sind auch noch offen. Ganz wichtig: ,Aerosols‘ ist Tonträger-Musik. Spotify-Sparfüchse verpassen nämlich die zehn Bilder von Stefan Banz, die im Booklet der CD abgedruckt. Und sie verpassen auch, einen tollen Künstler zu unterstützen. lt G&B

Erst vor einem halben Jahr haben Christy Doran & Franz Hellmüller unter dem Namen “Beady Beast” ihr hervorragendes Gitarren-Duo-Album ,On The Go‘ veröffentlich. Jetzt ist Doran alleine das Duo – dank Multitracking. Der zweite Interpretenname von ,Aerosols‘, Stefan Banz, ist auch als eine Widmung zu verstehen: Denn der Maler, Fotograf und Videokünstler, mit dem Doran eng zusammenarbeitete, ist am 16. Mai dieses Jahres mit 59 Jahren verstorben. Beide haben sich wechselseitig inspiriert: Fünf der zehn Doran-Stücke waren Inspiration für Banz’ Acrylbilder, und fünf andere Acrylbilder waren wiederum für Doran Ausgangsbasis für weitere eigene Kompositionen, die jetzt alle auf ,Aerosols‘ zu hören sind. Zu erleben sind: Denn Christy Doran füllt mit seinen diversen akustischen und elektrischen Gitarren plus jeder Menge Elektronik ganz ordentlich den Raum, wenn man sich mit seiner Musik zusammensetzt. Der irischstämmige Schweizer ist nicht gerade als Schlager-Harmoniker oder II-V-I-Beswinger bekannt, er geht mit allen Freiheiten zur Sache, das aber ohne den dogmatischen Abstraktions-Zwang mancher Free-Marschierer. Und so erlebt man hier immer wieder auch Kontraste von musikalischer Schönheit und diesem oft fiesen, unberechenbaren Klangbiest, das aber Leben in den Musikzoo bringt. ,Aerosols‘ ist Tonträger-Kunst – Spotify-Sparbüchsen verpassen die zehn Bilder von Stefan Banz, die im Booklet der CD abgedruckt wurden. Ein beeindruckendes, multimediales Kunstwerk. lt JAZZthetik

CHRISTINA LUX: LICHTBLICKE

Als ich Christina Lux das erste Mal live erlebte, vor über 20 Jahren im Eingangsbereich der Kölner Messehallen anlässlich der PopKomm, war ich sofort begeistert: Was für eine Stimme hatte diese Frau, und was für ein Feeling die Gitarristin. Kurz darauf hatte ich ihre EP ,She Is Me‘ in der Post, und seitdem bin ich Fan dieser Musikerin und autonomen Business-Bewältigerin. Nicht jedes ihrer zehn folgenden Alben, eine Live-DVD mitgerechnet, hat mich gleichermaßen beeindruckt, dafür aber immer wieder die Energie, mit der Christina Lux seit so vielen Jahren ihren Job macht – den organisatorischen und den kreativen. Ihr erstes deutschsprachiges Album ,Leise Bilder‘ wurde 2018 mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, und auch auf ,Lichtblicke‘ ist sie wieder überwiegend in ihrer Muttersprache zu hören – was für meinen Geschmack (der sich in diesem Punkt gedreht hat) inzwischen authentischer und organischer rüberkommt. Die Songs für dieses Album hat Christina gemeinsam mit ihrem Live- & Studio-Begleiter, dem Multiinstrumentalisten Oliver George geschrieben, der neben Keyboards, Basslines und Drums auch einige extrem gekonnte E-Gitarren-Parts eingespielt hat. Das gesamte Sound-Design ist absolut geschmackvoll und rund, die Arrangements sind immer wieder gespickt mit kleinen Überraschungen und die Songs berührend. Christina Lux’ Musik ist der Gegenentwurf zu Cool – and this is Soul! Tolle Musik! lt G&B

JASPER VAN’T HOF: LIVE. FLOWERS ALLOVER IN BOCHUM

Ein Sonntagmorgen Mitte der 1970er-Jahre. Dass bei uns zu Hause vormittags der Fernseher lief, war die Ausnahme. Sie hieß “ZDF Sonntagskonzert” und diente eigentlich als klassischer Soundtrack-Lieferant für meine meist kochende Mutter, die sich von Opern-Arien oder Sinfonischem inspirieren ließ. “Neue Wege im Jazz, mit Joachim-Ernst Berendt” lautete überraschender Weise an diesem einen Vormittag der Untertitel des Sonntagskonzerts. Ich war 14 oder 15 und neugierig, blieb im Wohnzimmer und lernte Jasper van’t Hof kennen.

Als Moderator und Jazz-Experte Joachim-Ernst Berendt dann die Band Pork Pie vorstellte, diese  für mich exotischen Künstlernamen Ron Mathewson (b), John Marshall (d), Philip Catherine (g), Charlie Mariano (fl, sax, nagaswaram), Zbigniew Seifert (viol)  und eben Bandleader und Jasper van’t Hof an Flügel, E-Piano und Orgel nannte und anschließend die ersten Töne zu hören waren, war eine Tür geöffnet. Meine Jazz-Rock-Initiation. Ich besitze das mit meinem Cassettenrecorder per Mikrofon vom Fernsehlautsprecher aufgenommene Tape immer noch, und es funktioniert, sonst hätte ich die o.g. Pork-Pie-Besetzung nicht mehr präsent gehabt. Leider ist dieses beeindruckende Live-im-TV-Studio-Konzert im Netz nicht zu finden.

Vor den beiden großartigen Pork-Pie-Alben ,Transitory’ (1974) und ,The Door Is Open‘ (1976) war Jasper van’t Hof Mitglied von Association P.C., der 1969 gegründeten Band des niederländischen Schlagzeugers Pierre Courbois, mit der er, gemeinsam mit Bassist Siggi Busch und Gitarrist Toto Blanke, drei weitere wegweisende europäische Jazz-Rock-&-more-Alben einspielte. In den folgenden Jahren arbeitete der Pianist u.a. mit The Chris Hinze Combination (,Sister Slick‘, 1974), dem Manfred Schoof Quintet (,Scales’, 1977) und Archie Shepp (,Mama Rose‘, 1982) zusammen, veröffentlichte außerdem 1979 im Trio mit Philip Catherine und Charlie Mariano ,Sleep My Love‘ und konnte dann ab 1984 mit seinem Projekt Pili Pili im Grenzbereich zwischen Jazz, Afro-Pop und Dance-Grooves Erfolge auf Festivals und beim Plattenverkauf verbuchen. Mit dabei war u.a. die wunderbare aus Benin stammende Sängerin Angélique Kidjo, die durch Pili Pili in Europa bekannt wurde.

Geboren wurde Jasper van’t Hof am 30. Juni 1947 in Enschede, Niederlande. Er wuchs mit Musik auf, sein Vater war Jazz-Trompeter, seine Mutter klassisch ausgebildete Sängerin. Jasper soll mit fünf Jahren seinen ersten Klavierunterricht bekommen haben, und wenn dann das Piano lebenslang ein Freund bleibt, scheint diese Verbindung von Anfang an stimmig gewesen zu sein. 1978 veröffentlichte van’t Hof mit ,Flowers Allover‘ sein erstes Piano-Solo-Album auf dem Label MPS. Acht intensive Tracks, die Intellekt und Leichtigkeit verbanden und eine Art von sympathischer Intensität versprühten, die manche(r) vielleicht bei Keith Jarrett vermisst hatte, der 1975 mit dem ,Köln Concert‘ das Solo-Piano weltweit in die Jazz-Charts hieven konnte. Van’t Hof ist Europäer, hat als Jazz-Musiker auch Romantik und Impressionismus verinnerlicht und hatte zudem nie ein Problem damit, bei Konzerten freundlich zu sein und zu unterhalten. Inspiriert worden war er zum Solo-Pianospiel nach eigenen Angaben von Chick Coreas unbegleiteten Aufnahmen, vermutlich also den ,Piano Improvisations Vol. 1 & 2‘ von 1971/72. Diese Verbindung passt.

Am 16. Juni 2019, über vierzig Jahre nach der Veröffentlichung von ,Flowers Allover‘, interpretierte Jasper van’t Hof im Kunstmuseum Bochum sein komplettes Album live, plus Horace Silvers ,Peace‘ als Zugabe. Der bei dieser Gelegenheit entstandene Mitschnitt von Rudolf Kronenberger ist ein Glücksfall, klanglich wie musikalisch. Endlich mal wieder eine Live-Aufnahme, die klingt, als würde der Konzertflügel drei, vier Meter vor dir stehen, ohne irritierenden Raumklang aus der digitalen Konserve! Hier wurde Nähe konserviert, und die ermöglicht nun mal das emotional stärkere Klangerlebnis. Man kennt diesen Effekt von alten Trio-Einspielungen des Pianisten Bill Evans, bei denen Scott LaFaros Bass wirklich vibriert, oder von Jim Hall, der einen in seine fast immer warm und weich klingende Archtop-Gitarre zu ziehen scheint. Jasper van’t Hof berührt auch musikalisch auf diesem Niveau, denn er ist ein authentischer Erzähler, jemand, der am Klavier sein Leben rauslässt und seine Geschichte spielt. Er inszeniert nicht den Künstler. 

Der Bochumer Musiker und Produzent Oliver Bartkowski hat diese Aufnahmen jetzt auf seinem Label Wunderbar Records veröffentlicht. Die auf 100 Stück limitierte Live-CD-Box bietet neben dem Tonträger die Musik noch mal auf einem USB-Stick in Notenschlüssel-Form, dazu gibt’s einen Button, ein von Jasper van‘t Hof signiertes Foto und ein 16seitiges Booklet mit einem Interview, dazu Konzertfotos von Heinrich Brinkmöller-Becker. Diese spezielle CD-Veröffentlichung ist über info@wunderbar-marketing.de für 30 Euro erhältlich. Man kann sie (falls dann noch lieferbar) auch am 29. Oktober 2021 beim Konzert von Jasper van’t Hof in der Bochumer Riff-Bermudahalle  erstehen; am selben Tag wird um 17:30 Uhr in Anwesenheit des Künstlers im art Hotel Tucholsky eine Ausstellung mit Werken des Jazz-Fotografen Heinrich Brinkmöller-Becker veröffentlicht.  lt JAZZthetik