GUTE MUSIK 23

Rezensionen von Lothar Trampert. Nur gute Musik.

JOHN SCOFIELD: INSIDE SCOFIELD

Nein, ich stelle kein neues Album von John Scofield vor – sondern ein Filmdokumentation des deutschen Produzenten Joerg Steineck, in der er den mittlerweile 71-jährigen amerikanischen Jazz-Gitarristen erzählen lässt. Da ich selbst seit Ende der 70er-Jahre absoluter Scofield-Fan bin und seitdem jedes Album, jede Kooperation und jede Tour verfolgt habe, spüre ich eins sofort: Diese Dokumentation ist mit Liebe, Respekt und Feeling gemacht, und ich tippe mal, dass Jörg Steineck ein mindestens so großer Sco-Fan ist wie ich. Denn er hat Bilder geschaffen, die zu diesem Musiker und Menschen passen, hat ihn von Begegnungen, Berührungen, Herausforderungen und Inspirationen erzählen lassen und hat einfach sensibel zugehört. Die 88 Minuten dieser Dokumentation zeigen John Scofield auf Tour, mal im Bus, dann im Zug, mal im Club, dann aber auch zu Hause mit der Akustikgitarre, mal witzig, mal sehr nachdenklich – und immer absolut menschlich. John Scofield zeigt hier auch seine sensible Seite, wirkt dabei sehr offen, erzählt von Ibanez und seiner Gitarre, davon dass seine Frau und Managerin Susan eher kamerascheu ist, von seinen Begegnungen mit Miles Davis und Charles Mingus, und vieles mehr. Diese großartige Dokumentation ist ein Muss für Scofield-Fans. Sie ist als DVD und Stream erhältlich, die Film-Sprache ist Englisch, zuschaltbare ebenfalls englische Untertitel helfen beim Verständnis. Und dann ist da noch Scofields Musik: Neben kürzeren Ausschnitten verschiedener älterer Produktionen ist immer wieder die vom 1988 erschienenen Album ,Combo 66’ bekannte Besetzung mit Pianist & Organist Gerald Clayton, Bassist Vicente Archer und Drummer Bill Stewart live zu erleben. Das Album habe ich dann nach der Doku noch mal gehört – und am nächsten Abend noch mal ,Inside Scofield’ angeschaut. Absolut gelungen – und so faszinierend und berührend wie das Gitarrenspiel dieses legendären Jazz-Musikers. Hier gibt’s die DVD und den Stream: https://scofield.joerg-steineck.com lt


JO AMBROS: HOW MANY TIMES

Ein Jazz-Gitarrist mit einem Statement: Denn die sieben Tracks auf Jo Ambos’ Album haben alle etwas mit dem Wunsch nach Frieden zu tun, mit der verlorenen Leichtigkeit, die wir vielleicht erst erkannt und zu schätzen gelernt haben, seit immer wieder schlechte Nachrichten unsere Tage beenden und beginnen. Es sind Protestsongs aus den USA, Frankreich und Spanien. Pete Seegers ,Where Have All The Flowers Gone’, Billie Holidays ,Strange Fruit’, John Lennons ,Give Peace A Chance’ …. der 1973 in Böblingen geborene und heute in Berlin lebende und arbeitende E-Gitarrist interpretiert hier instrumental, mit cleanem Ton, leicht surfigem Touch und im Fall von Bob Dylans ,Blowing In The Wind’ auch nicht ganz humorfrei.
Jo Ambros hat Jazz- und Popularmusik studiert, mit Max Raabes Palastorchester, Jazzanova, den Bremer Philharmonikern, Bosse, dem Ensemble Modern, Max Herres Freundeskreis, David Orlowsky’s Klezmorim. u.a. gearbeitet und wurde bereits 2004 mit dem Jazz-Preis Baden-Württemberg ausgezeichnet. Seine künstlerische Vielseitigkeit hört man auch auf diesem Konzept-Album raus, bei dem er von Bassist Dieter Fischer und Drummer Johann Polzer begleitet wird. in Sam Cookes ,A Change Is Gonna Come’ verbinden die drei Musiker dann noch mal das Beste aus Jazz, Soul, Surf und Saiten-Sounds zu einem schönen Stück Musik. Mein Highlight dieses Albums ist Billie Holidays Ballade ,Strange Fruit’, ein zeitloses Statement gegen Rassismus, Hass, Mord und Unterdrückung, in dem Ambros mit rauher Slide-Gitarre und seinem Fender Deluxe Reverb Amp zu hören ist, vor den er noch einen Okko TwinSonic, einen Rat-Verzerrer und ein Strymon Flint bzw. Brigadier für Tremolo und Delay geschaltet hatte.
Das gesamte Album wurde übrigens mit einer Hopf Saturn 63 Semiacoustic mit Flatwound-Saiten eingespielt.

Mehr über Jo Ambros erfährt man bei http://www.joambros.de – seine Musik und die in einem Poster-Booklet verpackte CD gibt’s bei joambros.bandcamp.com. Hier kann man dann auch das 2020 erschienene Album ,Bread And Roses’ entdecken, auf dem das Trio stilistisch etwas vielseitiger, zwischen Country-Tristesse, sphärischen Hall-Sounds, Latin-Ausflügen und rockigen Fuzz-Gitarren agiert. Auch spannend. Reinhören! lt

ARILD ANDERSEN GROUP: AFFIRMATION

Der norwegische Jazz-Kontrabassist und Komponist Arild Andersen (*1945) war von 1967 bis 1973 Mitglied des Jan Garbarek Quartet und 1971 auch auf dem ECM-Debüt von Terje Rypdal zu hören. Aber er spielte auch mit US-Größen wie Phil Woods, Dexter Gordon, Hampton Hawes, Johnny Griffin, Sonny Rollins und Chick Corea. Sein neues Album schwebt wieder ganz in nordischen Sphären und präsentiert sehr entspannte, schöne Musik mit viel Raum und warmen Farben. Beim genau für diese bewährten Zutaten bekannten Münchener Jazz-Label ECM ist Arild Andersen schon seit mehr als einem halben Jahrhundert unter Vertrag. Seine aktuelle Group ist jünger: zu dem Quartett gehören der norwegische Tenor-Saxophonist Marius Neset, Pianist Helge Lien und Schlagzeuger Håkon Mjåset Johansen, die sich in diesen im November 2021 im Osloer Rainbow Studio aufgenommen acht Tracks auch mal energetisch in Rage spielen können. Um dann wieder zu Transparenz und Harmonie zurückzufinden, in der man immer wieder von Arild Andersens großartigem Kontrabasston begeistert wird, der sehr plastisch rüberkommt. Ein absolut interessanter Bassist, sowohl als Solist, als auch im tragenden Untergrund. Von Arild Andersen kann man spielerische Ökonomie bei maximalem Ausdruck lernen. Toller Musiker, gute Band, gelungenes Album. lt

LISA WULFF: BENEATH THE SURFACE

Vor ein paar Monaten habe ich an dieser Stelle von Bassistin Lisa Wulff das großartige Album ,Sense And Sensibility’ vorgestellt. Grund genug, auf den Vorgänger hinzuweisen, zumal in den vergangenen zweieinhalb Jahren so einiges an Veröffentlichungen untergegangen ist bzw. nicht wahrgenommen wurde. Im Fall von ,Beneath The Surface’ wäre das sehr schade, denn alleine schon rein klanglich ist diese Aufnahme ein Genuss. Neben Lisa Wulf – hier am Kontrabass und mit Sopran-E-Bass aktiv – sind noch Adrian Hanack (ts/fl), Silvan Strauss (dr), sowie bei einzelnen Tracks Yannis Anft (p/synth), Frank Chastenier (p) und Miroslava Streychinska (harp) zu hören. Und auch hier erlebt man nicht nur anspruchsvolle Kompositionen sondern auch abwechslungsreiche Arrangements und originelle Mixes, was Raum-Sounds angeht. Lisa Wulffs tiefe aber transparente Basstöne und -Linien prägen ihre Musik unauffällig und intensiv zugleich. Eine großartige Musikerin! lt

JAKOB BRO & JOE LOVANO: ONCE AROUND THE ROOM. A TRIBUTE TO PAUL MOTIAN

Er war einer der ganz Großen des modernen Jazz-Schlagzeugspiels: Als Paul Motian am 22. November 2011 im Alter von 80 Jahren starb, konnten seine Fans auf eine über ein halbes Jahrhundert dauernde Karriere zurückblicken, und auf Aufnahmen mit Legenden wie Pianist Bill Evans, Scott LaFaro, Tony Scott, Oscar Pettiford, Lennie Tristano, George Russell und Sonny Rollins u.v.a. Im November 2021 hatten sich mit dem dänischen Jazz-Gitarristen Jakob Bro (1978) und dem amerikanischen Saxophonisten Joe Lovano ( 1952) zwei Weggefährten von Paul Motian zusammengefunden, um ihm ein Tribute-Album zu widmen. Lovano und Motian hatten gemeinsam mit Gitarrist Bill Frisell drei Trio-Einspielungen veröffentlicht, Jakob Bro hatte 2006 ,Garden Of Eden’ mit Motian aufgenommen. Auf ,Once Around The Room’ sind, neben je zwei Kompositionen der beiden Bandleader, noch Paul Motians Komposition ,Drum Music’ und mit ,Sound Creation’ eine Kollektiv-Improvisation zu hören, an der noch die Kontrabassisten Larry Grenadier und Thomas Morgan, außerdem Anders Christensen am E-Bass und Joey Baron und Jorge Rossy an den Schlagzeugen beteiligt waren. Ein ungewohnt und groß besetztes Ensemble, das trotzdem sensibel und transparent rüberkommt – so wie es der gefeierte Schlagzeuger nun mal bevorzugte. Gitarrist Jakob Bro versucht hier erst gar nicht Motians Favoriten Bill Frisell zu ersetzen sondern geht eigene Wege: mal mit warmem aber klaren Ton, dann mit verfremdeten E-Gitarrenklängen, die sich im letzten Album-Track ,Pause’ in tiefen Hallräumen und ein paar wunderschönen Arpeggios auflösen. Hier waren sensible Musiker und Könner mit großem Respekt an der Arbeit. Ein beeindruckendes, modernes Jazz-Album. lt

SUPERLÄUCHE: SUPERLÄUCHE

Fonkeeey! Zugegeben, beim Namen „Superläuche“ hätte ich eher auf ein neues Hipster-Nahrungsmittel getippt als auf eine Band, die so extrem knackig, virtuos, scharf und funky zur Sache geht. E-Gitarrist Lars Schurse kannte ich bisher in erster Linie als countresken Überpicker mit G.I.T.-Abschlusszeugnis, Bassist Christoph Herder als Session-Player und Lehrbuchautor, und Drummer Gerald Lieberum überhaupt nicht; dabei ist er seit 25 Jahren in allen möglichen Stilrichtunge aktiv, hat Musicals, BigBands, Reggae-Combos und Kreuzfahrtschiffe betrommelt. Als Band lassen diese drei Musikern ihren diversen Vorlieben freien Lauf, spielen Instrumentals die mal grooven, mal skurril marschieren, mal richtig scharf nach Oldschool Black Music klingen, und dann auch mal quirlige Country-Licks mit viel Humor an coolen Slap-Bässen servieren. Humor braucht man auch als Hörer, und Dogmatiker werden beim Genuss dieses Produkts Haarausfall bekommen. Aber die Spielfreude der Superläuche ist absolut ansteckend, ihr Groove zieht einen vom Sofa und Lars Schurses tighte Funk-Licks sind ganz großes Gitarrenkino. Seite 2 der vorliegenden Vinyl-LP startet dann auch noch mit einer extrem coolen Soundtrack-Nummer, die an amerikanische Blaxploitation-Kinofilme wie Coffy, Foxy Brown und natürlich Shaft erinnern. OK, jetzt bin ich Fan! Eine tolle Band die extrem gute Laune auf hohem musikalischen Niveau rüberbringt. Besuche superlauche.bandcamp.com! lt

JEFF DENSON, BRIAN BLADE, ROMAIN PILON: FINDING LIGHT

E- und Kontrabassist Jeff Denson, Gitarrist Romain Pilon und Ausnahme-Schlagzeuger Brian Blade sind schon ein cooles Team. Gleichberechtigt als Solisten waren sie schon auf ihrem 2019 erschienenen Debüt ,Between Two Worlds’, drei Jahre später klingen sie noch etwas euphorischer und verspielter. Sechs der zehn Tracks stammen von Jeff Denson, vier von Gitarrist Pilon, der hier durchgehend mit einem mittigen, halligen Ton und langen Singlenote-Lines präsent ist. Im vierten und längsten Album-Track, dem etwas freier angelegten ,A Moment In Time’ (07:44 min), blüht er dann aber auf und überzeugt mit abstrakte Sounds und Noises, unterstützt von seinen beiden Begleitern, die hier einen pulsierenden Untergrund kreieren, aus dem sich gegen Ende ein sehr relaxtes, balladeskes Thema rausschält. Die übrigen Tracks sind dann wieder etwas konventioneller ausgefallen, alle ruhig, teils etwas an Pat Methenys erinnernd, aber ohne dessen hymnische Melodien und seine dynamische Dramaturgie. Die großen bzw. intensiven Spannungsbögen vermisst man hier oft etwas. Im letzten Track von ,Finding Light’, dem Sixto Díaz Rodríguez (bekannt aus dem Dokumentarfilm „Searching For Sugarman“) gewidmeten ,Sixto’, geben die drei Musiker dann aber doch noch mal Gas und ziehen aus dem anfangs ebenfalls eher ruhigen Thema dann doch noch eine Menge Energie. lt

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