ENDGEGNER & VIDEOGAME JAZZ


JAZZ & SPIELE

Er ist Drummer, sie Gitarristin, und beide lieben Musik. Jazz, Rock und auch diese ganz speziellen Soundtracks von Videospielen: „Videogame Jazz“ nennen Ramon Keck und Christina Zurhausen ihre Instrumentals, die sie gemeinsam mit Bassist Dario Schattel und Pianist Johannes Still in ihrer Band Endgegner feiern. Melodien aus beliebten Computer- und Playstation-Spielen werden mit eigenen Arrangements versehen und neu interpretiert – und das extrem bunt und unberechenbar, mal jazzig, mal rockig, dann wieder ambient-chillig oder auch funky. Das Beste: Gamer grinsen und werden Jazz-Fans, und wer mit Computerspielen noch nie was anfangen konnte, merkt es nicht. Denn gute Musik ist gute Musik ist gute Musik. Und Endgegner machen richtig gute Musik.

DER SOUND

Hört man auf dem schön gemachten Silverkey-USB-Stick von Endgegner, der ihren kompletten Back-Katalog enthält und über http://www.endgegnerjazz.com erhältlich ist, u.a. die allererste Single der Band, ,Lost Woods’‚ dann entdeckt man eine locker, swingende Jazz-Rock-Band, die noch ein wenig an Chick Coreas Return To Forever erinnert.,B and Up‘, das erste Endgegner-Album, liefert dann schon das komplette Programm dieser Band, die absolut unverkrampft ihr Ding zwischen allen Stühlen durchzieht. Von eingängig swingendem Jazz über sehr freie Ausflüge bis zum krachenden Metal kann man hier so einiges erleben.

„Unser Repertoire deckt die gesamte Bibliothek an Konsolen- und PC-Spielen ab, von früher C64-/Amiga-Musik bis hin zu moderner Nintendo-/Playstation-/Indie-Spielemusik“, beschreibt Drummer und Band-Gründer Ramon Keck die Crossover-Idee hinter Endgegner. „Von leichten Swing-Arrangements bis hin zu schnellen Rock-Songs – wir haben alles, was zur Situation passt.“

Crossover heißt Begegnung: Charlie Parker und Wes Montgomery spielten schon in Urzeiten mit Streichern, der amerikanische Jazz der 1950er entdeckte die E-Musik-Avantgarde, Johann Sebastian Bach und die Kulturen der Welt, und die europäischen ernsten Musiker den Jazz. In den folgenden Jahrzehnten wurde dann Miles Davis zum funky Rocker, spielte Songs von Cindy Lauper und Michael Jackson, die alte II-V-I-Welt leckte am HipHop und verwendete Electro-Beats und Samples. Und John Scofield, Bill Frisell und James Blood Ulmer machten schon immer, was sie wollten. That’s Jazz! OK, Für manche Hardliner auch nicht, aber irgendwelche Dogmen und klemmende Schubladen in den Köpfen der Menschheit hat die Kulturen der Welt noch nie weitergebracht und die Menschen auch nicht zusammen.

RAMON KECK

Neben Ramon Keck (*1989), der bei Endgegner als Leader, Arrangeur, Booker und extrem dynamischer und energetischer Drummer die Fäden in der Hand hat, sind mit dem immer geschmackvoll und virtuos agierenden Keyboarder Johannes Still, dem cool tragenden Bassisten Dario Schattel und Gitarristin Christina Zurhausen drei weitere spannende Künstler in dieser Band, die neben Club-Gigs auch auf Veranstaltungen wie der Gameszone Dortmund, der Gamescom und bei den Xperion Days in Köln oder dem Gamefest Berlin aufgetreten ist.

Ramon Keck studierte von 2008 bis 2012 an der Musikhochschule Köln Jazz-Schlagzeug, seit 2017 ist er Leiter des Schlagzeugbereichs an der Städtischen Musikschule Meerbusch. „Als ich die Band Endgegner für mein Abschlusskonzert an der Musikhochschule Köln gegründet habe, ging es für mich um die Verbindung von zwei Leidenschaften: die Videospielmusik und der Jazz. Erste Versuche mit Konzerten in Jazz-Clubs wurden zum Teil eher belächelt und so konzentrierten wir uns mehr auf Videospiel-Veranstaltungen, wo wir schon immer ganz gut angenommen wurden. Ich glaube, die Melodien der Spiele sind einfach so gut verankert bei den Spielern, und die Energie der Improvisationen befeuert das noch.“

Als Schlagzeuger wurde Ramon von verschiedenen Seiten beeinflusst: „Von den Rock Drummern waren es vor allem Dave Grohl auf ,Songs For The Deaf’ von Queens Of The Stone Age und Jon Theodore auf ,Deloused In The Comatorium’ von The Mars Volta. Bei den Jazzern waren mir immer Elvin Jones und Bill Stewart, insbesondere auf der Live-Platte ,En Route’ von John Scofield, am liebsten; später wurde auch Jim Black ein großer Einfluss.“

CHRISTINA ZURHAUSEN

Ramon Keck und Christina Zurhausen haben sich beim Studium kennengelernt. Die heute als freischaffende Gitarristin, Dozentin und Komponistin in Köln lebende und arbeitende Musikerin aus dem Ruhrpott hat 2005 am Münchner Gitarren Institut MGI ein Diplomstudium absolviert, anschließend studierte sie Philosophie und Geschichte an der Universität Duisburg-Essen. Weiter ging es ab 2007 an der Musikhochschule Köln mit Jazz-Gitarre, und von 2010 bis 2014 studierte Christina am Institut für Musik (IfM) der Musikhochschule Osnabrück bei den Gitarristen Frank Wingold, Joachim Schoenecker, Philipp van Endert und Saxophonistin Angelika Niescier, wo sie mit dem mit dem Bachelor of Arts abschloss. Parallel absolvierte sie Masterclasses und Workshops mit Kurt Rosenwinkel, Philip Catherine, Lionel Loueke, Bassist Christian McBride und Saxophonist Dave Liebman, und von 2014 bis 2018 nahm sie an der „Peter Herbolzheimer European Masterclass Big Band“ teil.

Interessant ist, dass Christina (*1981 in Bottrop) als Jugendliche in den 90ern nur an Punk, Rock und Grunge interessiert war: „Mit 12 waren the The Doors meine erste absolute Lieblingsband. Jahrelang war ich von Jim Morrison begeistert und habe inspiriert von ihm Gedichte geschrieben. Als Jugendliche habe ich viel Punk wie Wizo oder Slime gehört, später dann Bands wie Nirvana, Sonic Youth oder Rage Against The Machine. In dieser Zeit habe ich auch erst angefangen Gitarre zu spielen. Erst mit Anfang 20 habe ich angefangen, mich auch für Jazz zu interessieren, und zwar als ich das erste mal den Gitarristen John Abercrombie gehört habe. Von hier aus ging es weiter: Eines meiner ersten Lieblings-Alben im Jazz-Bereich war ,Spectrum’ von Billy Cobham. John Scofield, Thelonious Monk, Bill Evans sind einige meiner Favoriten. Jim Hall, finde ich auch super, er war nur nie mein absoluter Hero. Aber es gab ein Live Album von ihm, ,Jim Hall Live’ von 1975 mit Don Thompson und Terry Clarke, welches ich oft gehört habe. John Scofield war schon immer ein ganz großer Jim-Hall-Fan, er hat damals viel von ihm transkribiert, wie ich gelesen habe … Seit einigen Jahren bin ich Fan von Gitarrist Gilad Hekselmann, Drummer Jim Black und Saxophonist Chris Speed. Aber klar, die Liste ist lang: Ich höre seit ein paar Jahren auch viel Free Jazz – Ornette Coleman, John Coltrane, Cecil Taylor, Albert Ayler … Darüber hinaus bin ich ein Mega-Fan von Queens Of The Stone Age, eine sehr gute Live Band übrigens. ,Songs For The Deaf’ könnte ich jeden Tag hören.“

Christina gründete 2015 das Jazz-Grunge-Quartett „Ausfahrt“, in dem sie die Musik ihrer alten Rock-Idole mit freien, improvisatorischen Ansätzen des Jazz verbindet – sehr schön zu hören auf dem 2018 erschienenen Debüt-Album ,Vergessene Möglichkeiten’ und dem Nachfolger ,The End Of The World’ (2021). Aktuell ist ein neues Ausfahrt-Album in Planung, für das Christina Zurhausen, Ramon Keck, und ihre beiden Mitmusiker, Saxophonist YaroslavLikhachev und Bassist Torben Schug eine Crowdfunding-Kampagne bei http://www.startnext.com gestartet haben.

ENDGEGNER

Neben Christinas Solo-Projekt – 2023 erschien ihr Album ,See You In The Trees‘ – und dem Trio By The Way mit Sängerin Emese Mühl und Pianist Frank Wunsch (ein gemeinsames Album erschien 2023), haben sie und Ramon Keck noch einige gemeinsame musikalische Unternehmungen am Start: Das Freestyle-Duo Dialectical Flow, das jazzige Zurhausen Trio, die Band Breeze und eben ihr Quartett Endgegner, von dem nach dem 2022 erschienenen Album ,Endgegner Goes Indie’ zuletzt im vergangenen Jahr auf Youtube die Video-Album-Produktion ,Zelda N64 Dungeon Music’ veröffentlicht wurde, mit allen musikalischen Themen der Games Zelda Oot und Zelda MM. Hier zeigen sich Endgegner dann von ihrer ruhigeren Seite, mit sehr schönen Ambient-Sounds und sphärischen Improvisationen. Eine weitere und ganz andere Seite dieser großartigen und vielseitigen Band. Absolut beeindruckende Musik mit abgefahrenen Bildern!

Als ich Endgegner Ende 2023 in Kölns erster Gaming- und eSports-Bar „Lost Level“ erlebte, fiel mir als erstes das junge Publikum auf, das ganz offensichtlich aus einer anderen Welt kam, als die Jazz-Fans bei Konzerten in anderen Locations. Und hier spielte dann eine Live-Band sehr frei die Musik, die sie aus ganz anderem Zusammenhang kannten. Strahlende Gesichter beim Erkennen einzelner Tracks sah man hier genau so, wie weit aufgerissene Augen, wenn Endgegner mal mit Vollgas abhoben und rockten, um dann irgendwann wieder zurück zum Thema zu finden.

„Ehrlich gesagt bin ich ohne besondere Erwartungen in die Lost Level Bar gekommen“, erzählt Christina Zurhausen.„Ich hatte eine Verabredung in der Nähe und war schon früher da, am Anfang war nicht viel los und dann kamen immer mehr Leute – das war super, auch für mich überraschend. Eigentlich bin ich überzeugt, dass Jazz viel mehr Leuten gefallen würde, sie haben nur nicht die richtige Vorstellung davon oder ein negatives Klischee im Kopf. Jazz gefällt vielen Leuten, sie wissen es nur noch nicht.“

CROSSOVER // BEGEGNUNG

Die verschiedenen musikalischen Projekte von Ramon Keck und Christina Zurhausen, und auch ihre Angebote als Dozenten sind extrem stilübergreifend und offen. Ist das ihre schubladenfreie Umsetzung der Idee von Crossover, von Begegnung?

„Ich habe mich schon seit jeher nie einem Genre zugehörig gefühlt. Egal welches Projekt ich starte, automatisch entsteht immer ein Mix aus verschiedenen Richtungen“, meint Ramon. „Im Falle von Endgegner hängt es, wie schon erwähnt, aber auch an den originalen Themen, die an sich schon meist eine Mischung aus allen möglichen Styles sind. Vielleicht habe ich mich deshalb immer schon zu dieser Videospielmusik hingezogen gefühlt
… Da gibt es von Klassik, Jazz bis hin zum Metal alles Mögliche, und wir versuchen, den ursprünglichen Spirit auch immer beizubehalten.“

Ist die musikalische Offenheit, die sich bei Endgegner zeigt, auch Resultat des Studiums, oder muss man sich z.B. als studierende Jazz-Gitarristin immer noch Sprüche anhören, wenn es um verzerrte Sounds etc. geht?

Christina: „Ich würde sagen, dass heute viele Hochschulen tendenziell offen sind. Aber es kommt total darauf an bei wem man studiert. Es gibt schon die traditionellen Jazzer, die Probleme mit Verzerrer haben. Mit Frank Wingold hatte ich auf jeden Fall einen Professor, der selbst diverse Effekte verwendet. Das Thema Sounds und Effekte habe ich aber erst nach dem Studium intensiver ausgelotet.“

LIVE 2024

Zur jetzt anstehenden Tour von Endgegner spielt die Band Material ihrer aktuellen Veröffentlichung ,FF7 – A Musical Journey’. Da ist wieder eine andere Art von Musik zu hören: Hymnische Themen, rockige Gitarren-Riffs, großartige Basslines, rollende Grooves, schmatzige Hammond … da erinnert mancher Track schon fast an den progressiven Art-Rock der 1970er-Jahre – aber mit ganz eigenem Flair. Aber dann wird’s wieder straight-ahead jazzig, mal traditionell wie in ,Shinra Inc’, dann krautiger in ,Cinco De Chocobo’, das an beste ECM-Klänge erinnernde ,Main Theme’ zeigt die beeindruckende New-Jazz-Kompetenz dieser Band, und in ,Jenova’ wird’s dann wieder prog-rockiger, ,FF7’ ist wirklich eine musikalische Reise mit vielen Überraschungen.
Hier sind die Live-Termine:

20.03.2024 Berlin, Xperion
21.03.2024 Hamburg, Stellwerk
22.03.2024 München, Orangehouse
24.03.2024 Dortmund, FZW

02.07.2024 Köln, Lost Level Bar
17.08.2024 Ruhrgebiet, Tag der Trinkhallen

Und Endgegner haben coole Ideen! Das neue Album ist als Musik-Cassette erhältlich, allerdings ohne Tape: Denn aus der „MC“ kann man einen USB-Stick ausklappen, der die 19 Stücke als wav und mp3 enthält. Dazu gibt’s ein schönes, buntes Booklet, als pdf. Das Endgegner-Album ,FF7 – A Musical Journey’ endet übrigens mit dem Track ,Prelude’. Gute Musik kann eben auch Humor haben. Tolle Band! ■

CHRISTINA ZURHAUSENS WERKZEUGKASTEN

Gitarren: D’Angelico Deluxe Brighton
D’Angelico Excel Mini DC
Gibson Custom Shop ES 339
Gibson L-00 Original

Saiten: D’Angelico .010er und .011er Sätze

Amps: Fender Princeton
Fender Blues Junior
Fender Tone Master Deluxe Reverb
AER Alpha

Effekte: Electro Harmonix Holy Grail
Strymon El Capistan
Strymon Sunset
Proco Rat
Earthquaker Devices Night Wire
Dunlop Cry Baby Wah
Strymon Timeline Delay
Pigtronix Star Eater
Pigtronix Constellator
Ernie Ball Volume Pedal

LINKS

www.endgegnerjazz.com
www.youtube.com/@endgegnerjazz
www.ramonkeck.com
www.christinazurhausen.com
www.johannes-still.de
www.youtube.com/@babyfridolin1971

story & fotos: lothar trampert

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