VOLKER KRIEGEL: ÜBER KLANGFARBEN & QUALITÄTSMUSIK

Ich war 16 oder 17, als ich zum ersten Mal Musik von Volker Kriegel im Radio hörte. Da spielte ein Gitarrist, der komplett anders klang als alle, die ich bis dahin kannte. Und die LPs, die ich dann nach und nach entdeckte, waren spannend: Kriegels Bands, angefangen beim jazzigen Dave Pike Set der späten 60er-Jahre, über Spectrum bis hin zum stärker am Jazz-Rock orientierten Mild Maniac Orchestra, lieferten eine Vielfalt musikalischer Einflüsse, interessante Sounds, spannende Soli. Und sein Label MPS (Musik-Produktion-Schwarzwald) verpackte die Tonträger auch noch in künstlerisch hoch originell gestaltete Platten-Cover.

Viele von Volker Kriegels intelligenten Kompositionen haben ein ganz spezielles Flair: Sie sind melodisch, eingängig, dabei dramaturgisch gut arrangiert und nie exakt auf eine Formel zu bringen. Alle oft sehr unterschiedlichen stilistischen Zutaten bleiben erkennbar. Nein, Fusion ist das nicht, denn bei Kriegel lösten sich Jazz-Freedom und Rock-Power nie in instrumentalen Klischee-Pop auf. Sie begegnen sich, so wie Farben auf einer Leinwand, oder wie die einzelnen Bestandteile einer Collage.

Als Volker Kriegel geboren wurde, am 24. Dezember 1943, war Deutschland eine faschistische Diktatur und es herrschte Krieg in Europa.

Als er sich als Jugendlicher autodidaktisch das Gitarrenspiel beibringt, steht das „Wirtschaftswunder“ der neuen Demokratie in voller Blüte. Kriegel lernt den Jazz kennen, er liebt das Zeichnen, studiert an der Goethe-Universität Frankfurt Soziologie und Psychologie – und er hat erste Erfolge als Musiker und gewinnt 1964 beim Deutschen Amateur-Jazz-Festival gleich zwei Preise. Nach dem Vordiplom beendet er sein Studium und konzentriert sich auf die Musik, spielt als Live-Sideman und Studio-Gitarrist u.a. in der Band von Ingfried Hoffmann, im Klaus Doldinger Quartett, bei Emil Mangelsdorffs Swinging Oil Drops und mit Rolf & Joachim Kühn.

1968: Sein erstes Solo-Album ,With A Little Help From My Friends’, mit zwei Beatles-Songs und vier Eigenkompositionen, und seine Aufnahme in die Band des amerikanischen Vibraphonisten Dave Pike Set ändern alles: Volker Kriegel, gerade Vater einer Tochter geworden, ist jetzt Berufsmusiker. Und ein Künstler, der seinen eigenen Weg gehen will.

Es kommt Farbe ins Spiel. Das Instrumental ,Mathar’, eine Kriegel-Komposition für das Dave Pike Set, sorgt auf dem 1969 erschienenen Album ,Noisy Silence – Gentle Noise’ für Aufsehen, denn da ist dieser junge Jazz-Gitarrist mit einer Sitar zu hören! Das indische Saiteninstrument wurde von Pop- und Rock-Musikern der späten 60er gerne mit viel Pathos und Bewusstsein als exotisches Klanggewürz beigemischt. Kriegel hatte seine simple Sitar-Melodie angeblich als ironischen Kommentar darauf verstanden und mal gemeint, dieses Instrument klänge ja schon gut, wenn man nur die leeren Saiten anschlägt. ,Mathar’ ist interessanterweise bis heute Kriegels und Pikes größter Hit, denn das exotisch-ironische Zeitgeistwerk wurde in der Folgezeit auf unzähligen Compilations, in Soundtracks, gesamplet und remixed immer wieder veröffentlicht.

Es kommt Rock ins Spiel. Volker Kriegels zweites Solo-Album, ,Spectrum’, erscheint 1971, eingespielt mit Bassist Peter Trunk, Schlagzeuger Peter Baumeister, Percussionist Cees See, E-Pianist John Taylor und dem Bandleader an diversen Gitarren. Das 1972 veröffentlichte wegweisende Doppel-Album ,Inside: Missing Link‘ verkauft sich alleine im Veröffentlichungsjahr 7000 mal. Ein ungewöhnlicher Erfolg in diesem Genre. Von Pop-Erfolgen ist diese neue europäische Jazz-Rock-Musik allerdings weit entfernt.

„Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, was damals für erbitterte Debatten geführt wurden“, erzählte Kriegel in einem Interview. „Das war wirklich so etwas wie ein Sakrileg, wenn man Rock-Elemente in den Jazz gebracht hat. Damals hieß das, die wahre Sache zu verwässern. Die wahre Sache war nämlich ganz klar unkommerziell … Wir haben das aber immer spielerischer betrieben, juxiger, und wir haben dann auch mal was von Zappa gespielt, oder Beatles-Lieder – das war für die orthodoxe Jazz-Szene aber zu aufmüpfig. Eine Platte wie ,Missing Link‘ war zu dieser Zeit schon ziemlich gewagt, das war eine Crossover-Produktion. Für die alte Jazz-Szene waren wir sehr seltsam, und die Rock-Szene fand uns immer viel zu kompliziert: ,Hirnie-Musik!’, ,Spinner!’ Wir saßen immer zwischen den Stühlen.“

Volker Kriegel veröffentlicht 1976 eines seiner Meisterwerke, ein elektrisches Album zwischen Jazz, Rock und ethnischen Einflüssen, das sein ganzes musikalisches Spektrum repräsentiert: ,Topical Harvest‘. Das Label MPS liefert damit die erdverbundene Alternative zu ECMs skandinavisch geprägten Euro-Jazz-Veröffentlichungen dieser Zeit. Allein schon die ersten drei Songs, ,Hypnotic Pignose‘, ,Circus Gambet‘ und ,Hallo Albert‘ zeigen einen der intelligentesten Komponisten und Arrangeure des Genres. Und einen virtuosen Gitarristen.

Sein Jazz-Rock war immer eingängig, dabei aber auch mal etwas sensibler, etwas melancholischer, etwas intellektueller, als der anderer Vertreter des Genres. Oder auch mal verspielter, wenn er z.B. zum Banjo griff. Das gilt für die Musik des „Mild Maniac Orchestra“ und weitere großartige Alben wie ,Octember Variations‘ (1977), ,Elastic Menu‘ (1978) oder ,Long Distance‘ (1979), genau so wie für die von Volker Kriegel mitgegründete BigBand der Bandleader, das „United Jazz + Rock Ensemble“, einem seit 1977 auch kommerziell sehr erfolgreichen Unternehmen. Mit Sounds, Songs und Gitarren hat Volker Kriegel gerne experimentiert, oft gemeinsam mit dem Instrumentenbauer Peter Coura: Unter anderem modifizierten sie eine seiner E-Gitarren um damit Sitar-ähnliche Sounds zu erzeugen. Kriegel war Teilhaber von Couras „Guitar Center“, einem kultigen Musikladen im Frankfurter Westend.

„Ich habe immer versucht, meine Musik dem Publikum verständlich zu machen. Wir versuchen eine Balance zwischen dieser Zugänglichkeit und intelligenter, guter Qualitätsmusik zu halten.“

1987 erscheint mit ,Palazzo Blue’ Volker Kriegels letztes Album unter eigenem Namen. 1993 löst er seine Band auf und zieht sich weitgehend aus der Musikwelt zurück um sich auf seine Arbeit als Cartoonist und Illustrator zu konzentrieren.

DER AUTOR

Lothar Trampert, *1961 in Trier, hat Musikwissenschaft und Kunstgeschichte studiert, war Redakteur eines Musiker-Fachmagazins, hat ca. 400 Interviews mit Künstlerinnen und Künstlern geführt und über fast genau so viele alte Gitarren und Bässe geschrieben, arbeitet als freiberuflicher Journalist & Autor und bloggt auf paleblueice.com.

Dieser Artikel ist im Juli 2023 erschienen in JA, WAS DENN?! VOLKER KRIEGEL . MUSIKER, ZEICHNER, AUTOR. BEGLEITBUCH ZUR AUSSTELLUNG IM MUSEUM WILHELM BUSCH IN HANNOVER.

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