
Im Herbst 2005 traf ich Chris Rea ein weiteres Mal, wieder in Köln. Inzwischen war er bei der deutschen Plattenfirma Edel Records gelandet, die ihm eine Reihe aufwändig gestalteter Alben und Bücher ermöglichte. Der ehemalige Major-Company-Popstar hatte einen Teil seiner künstlerischen Freiheit zurück. Seine Gesundheit war weiterhin labil. 2001 war Rea an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt, hatte mehrere Operationen hinter sich – und einen erneuten Kampf zurück ins Leben. Unser Interview fand im Kölner Hyatt-Hotel statt. Als ich sein Zimmer betrat stand Chris Rea an der Fensterfront, schaute aufs Wasser und in Richtung des Doms. Er rauchte. Dann lächelte er kurz, sagte „Hello“ und setzte sich, mir zunickend, an einen Tisch.
Hier Auszüge aus einem Artikel aus G&B, vom Dezember 2005.
CHRIS REA IN: THANK YOU, BLUES
Er ist Sänger, Gitarrist, Komponist, hat eine Pop-Karriere mit etlichen Single-Hits und Gold-Alben hinter sich und nach drei Jahrzehnten im Musik-Business ist dieser Künstler nun endgültig bei den Roots seiner Songs angekommen, mit einem einzigartigen Album-Projekt: Blue Guitars. Von vielen seiner alten Fans wurde Chris Rea von Anfang an für seine Natürlichkeit und Bodenständigkeit geliebt, eine Menge Gitarristen haben diese positiven menschlichen Züge in den letzten Jahren aber auch in seinem instrumentalen Handwerk entdeckt. Rea ist ein wirklich packender Solist, kein Mann vieler Töne, aber einer der Musiker, die diese Töne auf den Punkt bringen.
Seine Liebe zum Blues hat Rea erst seit ein paar Alben in den Mittelpunkt seines künstlerischen Schaffens gestellt. Chris weiß, was er der afroamerikanischen Musik zu verdanken hat: ganz einfach alles. Und so wundert es auch nicht, dass dieser Mensch offen auf sämtliche Stilrichtungen und -Epochen des Genres zugeht.
Chris Rea meinte mal, er habe zwanzig Jahre lang tagsüber seine Sammlung an alten Blues-Platten erforscht, die Songs nachgespielt, und dann abends seinen Job als Popstar erledigt. Immerhin sind sein Job und seine Liebe nicht so weit voneinander entfernt, wie bei den meisten anderen Musikern. Noch mehr Glück hatte er, als er vor ein paar Jahren, 2001, eine schwere Bauchspeicheldrüsenkrebs-Erkrankung überlebte. Knapp überlebte. Sein Album ,Stony Road‘ (2002) war das Debüt des neuen Chris Rea. In der Zeit kaufte er sich das Buch eines Kollegen – Ex-Rolling-Stones-Bassist „Bill Wyman’s Blues Odyssey: A Journey to Music’s Heart & Soul“ (DK Publishing, 2001, ISBN: 0789480468, ca. 400 Seiten). Diese Lektüre sollte Folgen haben: Chris Rea wollte den verschiedenen Spielarten des Blues eigene Alben widmen, sie in einen konzeptuellen Zusammenhang stellen, und dieses Projekt vor allem mit eigenen Kompositionen bestreiten, also nicht etwa alte Standards interpretieren.
Um es kurz zu machen: Er hat seine Idee verwirklicht, und ,Blue Guitars‘ (edel records) ist nicht nur ein musikalisches Highlight, ein beispielloses Einzelwerk eines Sängers & Gitarristen, sondern auch eine editorische Glanzleistung. Denn in einer Zeit der allmählichen Überwindung teils hausgemachter, teils zu lange ignorierter wirtschaftlicher Probleme, in der es ein Großteil der Musikindustrie immer noch nicht gelernt hat, dass man zahlende CD-Käufer nicht mit Abspieleinschränkungen bestraft, dass man Download-Portale nicht wirklich effektiv als Allheilmittel gegen fehlende Käuferbindung einsetzen kann, dass allgegenwärtiger Klingeltonvertrieb alleine kaum bewirken wird, dass langfristig Interesse an Künstlern und ihren „Produkten“ entsteht (besonders wenn man diese neuen Produkte nicht mehr auspacken, anfassen und genießen kann, sondern stattdessen eine Datei öffnet ;-) – in diesem Hindernislauf der Orientierungslosen haben sich mit Chris Rea und der Idee des EarBook die Richtigen gefunden.
EDEL & DAS EARBOOK
Sind beim EarBook-Konzept in der Regel einem Bildband vier Tonträger beigelegt, setzte Chris mit seinem REArBook noch mal einen drauf: 11 CDs, eine DVD, verpackt in einem Hardcover-Bildband (in knappem LP-Format) dessen 72 Seiten mehr als 50 Gemälde Reas, ein Interview mit dem Künstler, Song-Texte und Informationen zu dieser Produktion liefern. Ein multimediales Kunstwerk, unkopierbar, und auch der Preis von 59 Euro ist unschlagbar: Chris Rea hat innerhalb von 18 Monaten über 130 neue Songs geschrieben und aufgenommen, die hier thematisch zusammengefasst, auf in Pappcovers steckenden CDs zu erleben sind: Country Blues, Louisiana & New Orleans, Electric Memphis Blues, Texas, Chicago, Gospel & Motown heißen hier die Koordinaten, aber auch ,Blues Ballads‘, ,Latin Blues‘ oder ,Celtic & Irish Blues‘ kann man erleben. Die DVD liefert eine 75minütige Dokumentation des Projekts: schöne Bilder, guter Sound, viel Atmosphäre. Für Musiker interessant sind auch die Hinweise auf die verwendeten Instrumente; im Buchteil sind alle engesetzten Gitarren, Bässe, Banjos, Harps und Amps abgebildet und beschrieben.

CHRIS REA IM INTERVIEW
Chris, ,Blue Guitars‘ ist das Beste, was einem CD-Käufer und dem kreativen Teil der Plattenindustrie passieren kann. Jetzt hast du Downloader endgültig als Datensammler enttarnt.
(grinst) Als meine erste CD raus kam, wollte ich eigentlich das große Album-Klapp-Cover der Vinyl-LP beibehalten, aber damit stieß ich auf wenig Gegenliebe. Diese neue EarBook-Idee hat mich dann wirklich fasziniert, und ich wollte dieses Projekt genau so veröffentlichen. Musik für Menschen die auch Texte lesen, Bilder anschauen und Kunst wirklich genießen wollen. Im Digitalzeitalter, in dem man den Spice Girls mal schnell am Computer einen Backing-Track basteln kann, der Stevie-Wonder-Qualitäten hat, ist einiges auf der Strecke geblieben … wobei ich bestätigen muss, dass Melanie C eine sehr eigene Stimme hat.
Aber die selben digitalen Reproduktionstechniken machen auch eine Veröffentlichung wie so ein EarBook erst möglich – zumindest zu diesem Preis. Sonst müsste es wohl eher 150 Euro kosten.
Das müsste es sowieso. Aber ich habe dafür praktisch nichts in Rechnung gestellt, keine Künstler-Tantiemen, keine Studiokosten, keine Honorare für die Musiker. Weißt du ich habe zwei Töchter, 16 und 20 Jahre alt. Und meine Zwanzigjährige meinte: „Papa, wenn ich so ein Buch von Tupac Shakur kaufen könnte, dann würde ich es tun. Und sicher noch 200.000 andere Fans auch.“ Es wäre schon schön, wenn man diesen Aspekt der Album-Kultur wieder beleben könnte; die gibt es leider momentan überhaupt nicht mehr. Da ist viel an Flair und Atmosphäre verloren gegangen. Meine Töchter halten Ben Harper für den coolsten Typen auf der Erde – vielleicht, weil ihr Vater ebenfalls Slide-Gitarre spielt (grinst). Aber ich glaube auch, dass man Ben Harper vor 30 Jahren noch zu einem Popstar gemacht hätte, irgendwo zwischen Marley und Hendrix. Uns fehlen die Medien für diese Musik, alles wird so gesichtslos … (lacht) Bei Radiosendern findest du heute ja kaum mal einen Menschen im Studio, geschweige denn CDs. Selbst in Musikläden gibt’s bald noch nicht mal mehr CDs sondern nur noch Download-Terminals. Die Musik ist zu einem netten kleinen Häppchen verkommen, aber sie war mal ein ganz tolles Restaurant.
Und wie viel Musik steckt heute noch in MTV? Immer weniger …
Richtig, aber das liegt eben an der Kurzlebigkeit vieler Ideen in dieser digitalen Welt. Viele Plattenfirmen-Manager sagten mir immer: „Chris, du lebst in der Vergangenheit. Du redest wie ein alter Mann, der vom Krieg erzählt!“ Andererseits gibt es heute auch wieder die College-Bands, wie z. B. Coldplay, denen diese Leute nicht reinreden können – großartig! (grinst) Und wenn Coldplay den Termin ihrer CD-Veröffentlichung verschieben, steht das in der Financial Times und dann fällt der Aktienkurs ihrer Plattenfirma. Das zeigt wahre Größe. Und gibt mir Hoffnung.
Dein Blues-Begriff ist wirklich nicht dogmatisch oder ideologisch. Selbst eine Country-Blues-Nummer klingt immer nach Chris Rea.
Es ist eben mein Blues. Und ich will auch niemanden belehren mit meinem Blues. Viele englische Journalisten mögen das überhaupt nicht. Sie analysieren jede Note deiner Songs, und wenn eine nicht so klingt wie bei den alten Meistern, dann bekommst du eine schlechte Kritik … Wir haben es mit Authentizität auf einer anderen Ebene versucht: Als erstes Album nahmen wir ,Country Blues‘ auf, und dafür setzten wir wirklich alte Mikrofone aus den 30er Jahren ein. Das habe ich noch nie so gemacht, weil ich immer auch auf technische Perfektion aus war. Am Anfang war ich auch sehr skeptisch und nicht so glücklich mit diesen ersten Aufnahmen; aber meine Leute sagten mir, ich solle sie unbedingt behalten. Als ich sie dann nach einem Jahr noch mal anhörte, standen mir die Tränen in den Augen … Und jetzt klingt jedes Album auf seine ganz eigene Art, weil wir immer ganz spezielle Mikrofone, Kompressoren und Instrumente eingesetzt haben.
Ist das eine Sitar-Gitarre in ,Come Change My World‘?
Ja, klar! Der Track ist auf dem Album ,Gospel, Soul & Motown‘. Berry Gordy von Motown Records wollte ja damals, als diese Musik nicht mehr so gefragt war, etwas Hippie-Flair in die Songs seiner Künstler bringen. Deshalb mussten seine Musiker dann immer die Electric-Sitar einsetzen. Meine habe ich über eBay bekommen, sie war gar nicht teuer. Als ich den Sound hörte, dachte ich: Das klingt ja alles wie bei Marvin Gaye! Und das gehört eben zu dieser Geschichte
Magst du Prince?
Klar.
,Clarkson Blues‘, insbesondere das Gitarrensolo, hat mich sehr an ihn erinnert.
Das ist das beste Solo, das ich je gespielt habe. Gegen Ende der Produktion waren wir wirklich sehr gut, und sehr schnell: Wir nahmen die Basic-Tracks auf, dann die Stimme, dann das Solo. Zack! Ich fühlte mich immer sicherer, und dieses Gitarrensolo passierte eben auch einfach im ersten Take.
Als ich deine Ballade ,If I Get Over You‘ hörte, wurde mir eines klar: Selbst in einem so europäisch klingenden Song kann man alles, was aus der afroamerikanischen Musik auf unsere Kultur gewirkt hat, irgendwo wiederfinden: in der Phrasierung, im rauen Sound deines Gesangs, in deinem Gitarrenspiels … Aber es ist alles eins geworden.
Wenn ich das meiner Frau erzähle, dass mir jemand gesagt hat, man würde nicht mehr hören wo Afro beginnt und Euro aufhört, dann wird sie sich freuen. Denn wenn du das sagst, weiß ich wieder, warum wir das alles gemacht haben. Dann interessiert es mich auch noch weniger, dass ich damit kein Geld verdiene. Ich muss auch damit kein Geld verdienen. Aber ich musste diese Ideen umsetzen.
Noch eine Frage zu deinem Slide-Spiel: Verwendest du Glas- oder Metall-Slides?
Glas. Die Metall-Slides sind gut fürs Sustain, aber sie demolieren dir den Hals. Ich versuche jetzt immer diese Obertöne rauszukitzeln, indem ich mit dem Bottleneck, an verschiedenen Stellen leicht auf die Saiten schlage. Das funktioniert für mich mit Glas besser; mit Metall schlägt man auch schon mal die Saite durch.
Spielst du mit Plektrum?
Meist mit den Fingern. Nur wenn es solche James-Brown-mäßigen Grooves sind, nehme ich auch mal ein Plektrum.




Als ich die Gitarren gesehen habe, die du bei diesem Projekt im Einsatz hattest, habe ich mich über die alte Hofner-Solidbody gefreut – eine meiner Lieblingsgitarren.
(strahlt) Meine erste Gitarre! Ja, meine erste. Und ich hatte sie noch nie bei einer Aufnahme dabei. Jetzt hatte sie eben genau den richtigen Sound für ein paar Tracks. Ein Mitarbeiter von Hofner, mit dem ich neulich telefonierte, meinte, sie wüssten nicht mehr, wie diese Gitarre heißt. Ich weiß es auch nicht …
In England wurde diese Gitarre Anfang der 60er von Selmer vertrieben und das Modell mit den drei Pickups heißt V3; in Deutschland hieß sie 173, glaube ich. (Weitere Infos in G&B 06/2005 und 11/2003)
Ich habe sie mal für 30 Pounds gekauft, second hand. Es sind richtig dicke Saiten drauf, dann stimmt sie besser … Es ist schon lustig: Oft klingen ja die billigsten Gitarren am allerbesten. Zum Beispiel meine Maranello (Italia Guitar), die ich bei dem Solo in ,Clarkson Blues‘ spielte, das dich an Prince erinnerte. Großartige Gitarre! Weißt du, sie hassen mich schon in den Musikläden: „Oh Chris, schön dich zu sehen! Ich habe da eine wunderbare PRS für 3.500 Pounds …“ Und wenn ich dann lieber mal die verstaubte alte Billiggitarre aus dem Regal oben links sehen möchte, gucken sie ganz anders (lacht). Die haben doch immer die Preise raufgesetzt, wenn ich vorbei kam. Letzte Woche habe ich mir eine wunderbare Gitarre gekauft: eine Epiphone Byrdland. Sie ist 4000 Pounds billiger als eine Gibson Byrdland, und ich fühle da keinen Unterschied – mal abgesehen vom Schriftzug auf der Kopfplatte.
Vielen Dank für den Tipp – und für das Gespräch.
Ich danke dir für dein Interesse.
Chris Rea sah gut aus, als er Ende Oktober in Köln dieses Interviews gab. Im Gespräch war er konzentriert, rauchte eine Zigarette nach der anderen und wirkte trotz der Ruhe, die seine Augen und seine Crunch-Stimme ausstrahlen, irgendwie getrieben: Ein Mensch auf dem Weg das zu tun, was er tun muss. Mich hat selten ein Musiker als Persönlichkeit so beeindruckt – wobei ich Ende der 80er Jahre eher ganz wenig mit dem Popstar Chris Rea anfangen konnte. Wenn ich mir heute diese alten Tracks anhöre, klingen sie anders. Denn auch in ,The Road To Hell‘, ,Josephine‘ und ,On The Beach‘ steckte schon eine Menge von dem, was Chris Rea jetzt komplett nach außen kehrte: Blues, Soul und Liebe zur Musik. Wünschen wir ihm dazu weiterhin viel Kraft und noch mehr Gesundheit. ■
story: lothar trampert
fotos: edel records