REMEMBERING CHRIS REA

CHRIS REA * 04.03.1951 + 22.12.2025

Dieser Musiker hat mich extrem beeindruckt und ich habe seine Songs geliebt – und sein sehr gefühlvolles Gitarrenspiel, seine Slide-Soli und seinen Gitarrengeschmack. Am 17. November 1999 traf ich Chris Rea dann zum ersten Mal zu einem Interview im Kölner Café Campi, am WDR-Gebäude, unweit des Doms. Er sitzt an einem kleinen Tisch, direkt am Fenster, begrüßt mich kurz mit Handschlag und schaut mich freundlich und fragend an …

Heute ist Chris Rea im Alter von 74 Jahren gestorben. Er hat diverse schwerste Erkrankungen lange überlebt. 1994 wurde seine Musikkarriere durch die Diagnose einer Bauchfellentzündung für längere Zeit unterbrochen, 2001 erkrankte er an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Rea kämpfte sich zweimal zurück ins Leben – und blieb. Bei unserem Treffen lag seine erste schwere Erkrankung erst fünf Jahre zurück.

Hier ist die Story, die an den Tagen nach unserem Treffen aus diesem Interview entstand. Sie wurde in Auszügen in Ausgabe 01/2000 des Musiker-Fachmagazins Gitarre & Bass veröffentlicht.

Chris Rea ist seit über zwei Jahrzehnten im Geschäft, und
in dieser Zeit hat er sich nicht nur als beständiger Song-
Lieferant für Kuschel-Charts und Mainstream-Pop-
Rock-Anhänger bewährt. Auch viele erklärte Nicht-Fans
des sympathischen Briten wissen, dass er ein ausge-
zeichneter Gitarrist & Slide-Spieler ist – und ein offe-
ner, kritischer Denker, der einiges zu erzählen hat.

Die rund 18 Millionen abgesetzten Tonträger hat der
1951 geborene Rea mit Sicherheit nicht nur an Musiker-
kollegen oder Gitarristen verkauft, obwohl in dieser Sze-
ne sein Ruf kein schlechter ist. Street credibility am Ran-
de des Mainstream-Glatteises ist möglich. Merkwürdi-
gerweise wurde Chris Rea 1978, zu Beginn seiner
Karriere, zuerst einmal in den USA zum Newcomer des
Jahres gewählt – sein Album ,Fool (If YouThink It’s Over)‘
wurde darauf auch international zu einem Charts-Erfolg.
Die nächsten Hits kamen dann immer erst mit etwas Ab-
stand, aber sowohl in den 80er als auch in den 90er Jah-
ren. Und was haben Songs wie ,On The Beach‘ oder ,Jo-
sephine‘, ,God’s Great Banana Skin‘ oder ,Julia‘ gemein-
sam? Eine besondere Stimme, eine besondere Stimmung
und ganz oft außergewöhnliche Gitarrenarbeit, die mal
in Richtung Dire Straits, mal ins Blues-inspirierte-Balla-
den-Genre geht. Immer im Mittelpunkt: Chris Reas Lieb-
lings-Stratocaster „Pinky“. Jetzt hat der Hersteller Fender
auch ihm noch eine Signature Strat gewidmet – und end-
lich mal ein Instrument, das sich der normale Werktätige
leisten kann, ohne eine Hypothek auf seine
Villa aufnehmen zu müssen.

CHRIS REA & THE ROAD TO HELL PART 2

Und natürlich hat Rea ein neues Album am Start,
das immerhin auf Position 16 der deutschen
Charts eingestiegen ist: ,The Road To Hell Part 2‘.
„Du hast das Album gehört?“, fragt Chris di-
rekt nach der Begrüßung. Ich nicke. „Und,
was denkst du?“ Gute Frage: Ich höre einige
wenige typische Pop-Nummern für die Fans
von Chris-Rea-Singles – aber da ist auch
eine Menge ungewöhnliches Zeug, das mit
Sicherheit Hörer überraschen wird, die glau-
ben, diesen Musiker zu kennen. Dieses Al-
bum klingt sehr persönlich, warm, handge-
macht – obwohl permanent Maschinen-
Grooves im Spiel sind. Es hat dabei trotzdem
oft fast etwas Kammermusikalisches, ande-
rerseits sind aber auch hörspielartige Sound-
track-Momente zu erleben …


„Interessant“, meint Chris Rea. Aber er wirkt
nicht unbedingt begeistert von dieser Ana-
lyse. Irgendwie hat dieser nette, sympathi-
sche Mensch ein bisschen Wut im Bauch,
denke ich mir.

Gelegentlich greift Rea bei ,The Road To Hell
Part 2‘ auch zur Zitatsammlung: ,Marvin‘
beginnt mit exakt der musikalischen Stim-
mung des Commodores-Hits ,Nightshift‘,
dessen Text („Marvin, he was a friend of
mine“) ebenfalls inspirierend gewirkt haben
dürfte. „Ich kenne diesen Commodores-
Song gar nicht so gut. Diese Nummer ist
einfach so passiert, als ich am Klavier saß.
Die Worte kamen, die Melodie, nach 10 Mi-
nuten war die Idee da. Eher konzeptuell ging
ich z. B. bei ,Evil No.2‘ vor: Da ging es dar-
um, Robert-Johnson-Gitarren und HipHop
zu verbinden. Viele moderne HipHop-Grooves
haben ja direkte alte Blues-Wurzeln, und es
macht Spaß, solche Sachen zu kombinieren.
Wer denkt, eine Drum-Box sei ein neues In-
strument, sollte sich mal die zweitaktigen
Gitarreneinwürfe dieser alten Blues-Typen
anhören, diese Loops, die sie damals ge-
spielt haben.“

Dann gibt es noch ,Keep On Dancing‘, einen
relativ minimalistischen Pop-Song, der auf
einem typischen Santana-Lick, gespielt von
Piano und Gitarre aufbaut. „Aber ansonsten
ist es doch die Musik von Chris Rea“, meint
Chris Rea grinsend. Stimmt.

Aufgenommen wurde ,The Road To Hell Part
2‘ auf Tonband, analog. Und hinter Reas
Pragmatismus („Ich habe dieses Equipment
eben zu Hause rumstehen.“) steckt gewach-
sene Überzeugung für die Technologie mit
der er groß geworden ist. Letztendlich führt
heute allerdings kein kommerziell relevanter
Weg mehr an der CD vorbei. Chris Rea mag
es anders: „Wir haben die gemasterte DAT-
Version später dann noch mal zurück auf ei-
ne 1/2″-Bandmaschine gefahren – und das
klang einfach viel besser, lebendiger, klarer.“

Die neue CD knüpft thematisch an Reas bis-
lang größten Album-Erfolg ,Road To Hell‘
(1989) an. Das stand nach Meinung seiner
Plattenfirma schon länger aus. Aber Mr. Rea
hat auch da seinen eigenen Kopf: „Vor un-
gefähr drei Jahren legte man mir nahe, über
eine Fortsetzung von ,Road To Hell‘ nachzu-
denken. Aber da sie es aus geschäftlichen
Gründen haben wollten, sagte ich nein.
Denn das ist nicht meine Sache, für mich
muss so etwas ein kreativer Prozess sein.
Aber in den letzten beiden Jahren geschahen
zwei Dinge: Ich fing an mich massiv für neue
Musik zu interessieren. Und ich fing an mich
zu fragen, wie sich der Mann im Stau – von
vor zehn Jahren verändert haben mag: Was
hört er heute, wie ist er jetzt?“


Textlich befasst sich Rea auch 1999 mit sei-
nem eigenen Leben, dem Leben eines End-
vierzigers mit Kindern im experimentier-
freudigen Alter. So geht es in dem Song ,E‘
um eine Unterhaltung zwischen drei
Mädchen im Teenager-Alter über Ecstasy.
„,E‘ basiert auf Satzteilen, die ich sie habe sa-
gen hören. Ich sage nicht, dass es gut ist. Ich
sage nicht, dass es schlecht ist. Ich will den
Eltern nur sagen, dass sie zuhören sollten.
Sie sollten sich mehr mit ihren Kindern aus-
tauschen.“ Die erste Single-Auskopplung
vom neuen Album, ,New Times Square‘,
handelt dagegen vom ganz banalen Wahn
um den Jahrtausendwechsel.

CHRIS REA & DAS BUSINESS

Chris nippt an seinem Kamillenniumtee:
„Solch verschiedene Reaktionen und Analy-
sen auf meine Musik sind für mich interes-
sant. Viele Leute wollen als erstes mit mir
über die ,typischen Chris-Rea-Songs‘ reden.
Das ist merkwürdig für mich, denn das alles
ist Chris Rea, denn ich war ja daran beteiligt.
Ich habe immer stärker den Eindruck, dass
viele Leute, einschließlich der bei den Plat-
tenfirmen, heute überhaupt nichts Neues
mehr hören wollen. Und wenn du dasselbe
spielst wie früher, dann sagen sie: Bei dir tut
sich auch nichts mehr! Und das ist doch ver-
rückt, oder nicht?“

Das alte Thema: Natürlich ist die musikali-
sche Revolution hip, aber man muss sie auch
verkaufen können – und Kunst zu verkaufen
ist bekanntlich eine Wissenschaft, ei-
ne Wirtschaftswissenschaft. Und
je künstlerischer die Freiheit und freiheitlicher die
Kunst ist, umso fundierter, strategischer,
intelligenter und härter muss die
g e s c h ä f t l i c h e Seite organisiert
sein. Der Komponist Robert Schumann, der
sich im vergan genen Jahrhundert
nicht nur praktisch mit Musik sondern auch
mit der Musikkritik befasste, verlangte im-
mer wieder (vom Kritiker), dem musikali-
schen Kunstwerk ein literarisches entgegen-
zusetzen, um so auf niveauvolle Weise den
Leser für die Kunst zu interessieren oder Ab-
lehnung bzw. Begeisterung intelligent und
mutig zu begründen. Diese Art von Kreati-
vität, die zu Interesse (beim Plattenkäufer)
führen soll, ist heute vor allem Sache der an
der Musik verdienenden Institutionen. Aber
Wirtschaftgenies gibt’s nun mal nicht so vie-
le mehr als musikalische Übermenschen.
Chris Rea hat ein Problem mit diesen Struk-
turen und hält sich mit seiner Meinung auch
nicht zurück: „Ein Verantwortlicher meiner
Plattenfirma, ein Managing Director, mein-
te, ,E‘ sei sein absolutes Lieblingsstück, fan-
tastisch, er höre es ständig, es sei mein
bester Song überhaupt. Dann meinte er di-
rekt anschließend: ,Chris, wir haben ein
Single-Problem.‘ Ich fragte, warum er ,E‘
nicht als Single veröffentliche. Er meinte nur:
,Das ist keine Single.‘ Verstehst du, was ich
meine? Es wird noch sehr schwierig werden
für Musiker. Sehr sehr schwierig. Dazu
kommt die Radio-Situation, die in Deutsch-
land noch besser ist als in England – aber
nicht mehr lange. Die Firmen bestimmen die
Musik die läuft, und das Spektrum wird im-
mer kleiner. Wir haben heute viele Stars,
aber immer weniger Musiker. Spice Girls, All
Saints, das sind Hollywood-Stars. Und es
macht schon einen Unterschied, ob man nur
einen erfolgreichen oder aber einen guten
Film drehen möchte.“
Da lässt Chris Rea auch nicht den Verweis auf
die hervorragende Stimme von Sporty Spice
Melanie C gelten. Für ihn hat Qualität
heute kaum noch eine Lobby; da haben
sich viel Hype um nichts und konsequente
Erziehungsarbeit der produzierenden und
reproduzierenden Industrien & Medien er-
folgreich durchgesetzt.

„Bei einem Best-Of-Millennium-Wettbewerb
in England, kam es letzte Woche zu Ergeb-
nissen wie: Beste Sängerin: Madonna – vor Aretha
Franklin! Und was macht Michael Jackson in
der Songwriting-Kategorie, wenn Sting dort
überhaupt nicht mal auftaucht? Es ging
übrigens um ,Thriller‘, ein Album, für das be-
kanntlich in erster Linie Quincy Jones ver-
antwortlich ist. Also, ich weiß nicht was das
alles soll? Das Musik-Business war immer ein
großes Schiff: vorne saßen die, die nur Erfolg haben
wollten, und hinten haben sich die Musiker über Saiten
und Gitarren unterhalten. Heute ist das Boot hinten
leer. Handgemachte Musik ist nicht mehr gefragt …“

Den Einwand, es gebe immer noch
genug Anhänger solider Handarbeit,
schluckt Rea nur teilweise. „Klar, aber wo
sollen sie denn solche Musik hören, wenn
selbst das Radio sie nicht spielt, sondern nur
die Top 30? Und die Kinder sehen bei MTV
die Top 40, mehr nicht.“ Diese fehlende Präsenz
kann ab einem gewissen Punkt auch nicht
mehr von neuen Medien, wie dem Internet aufge-
fangen werden, ist sich Rea sicher.
„Plattenfirmen machen kaum
noch Verträge über Alben, sie sichern
sich nur Optionen. Karriere-Aufbau
gibt es nicht mehr. Ein Bekannter von mir
managte im vergangenen Jahr eine Sänge-
rin, und sie war die Nummer 1 in den Single-
Charts in Großbritannien. Wir telefonierten,
ich gratulierte ihm, und er sagte, sie hätten
keine vertragliche Vereinbarung über eine
Album-Produktion. Ich meint nur: ,Wow! So
was passiert dir nur einmal im Leben. Viel
Spaß beim Pokern!‘ Uns war klar, dass er mit
der Nummer 1 im Rücken alles bekommen
könnte. Nach ein paar Tagen telefonierten
wir wieder, und er meinte: ,Du glaubst es
nicht: Niemand will mit uns ein Album pro-
duzieren!‘ Noch nicht mal ihre eigene Plat-
tenfirma. Die meinten nur, sie würden noch
zwei, drei Singles machen, und das wär’s
dann.“

Und noch ein paar Remixe, und dann eine
,Best Of‘-Compilation. Und dann vielleicht
doch ein Album? Klar, wenn eine solche
Rechnung aufgeht, ist die Gefahr natürlich
nicht so groß, viel Geld in den Sand zu set-
zen. Vielleicht sind die goldenen Zeiten von
Aufzucht, Hege & Pflege ja endgültig vorbei
und man sucht statt dessen sofort nach Dia-
manten, die man schnell absetzen kann? Es
sieht ganz so aus – dass man es versucht. Fa-
zit für alle, die nach Geborgenheit im Schoß
einer großen Major-Firmenmutter suchen:
Vergesst es! Einzig sinnvoll ist es für aufstre-
bende Musiker heute sich a) finanziell abzu-
sichern (ganz normale Jobs, ob mit oder
ohne Musik), b) sich weiterzubilden (spielen,
hören, lernen, Vorurteile überwinden und
nach rechts & links schauen & hören), c)
praktisch an der eigenen Musik zu arbeiten,
denn ohne „Produkt“ bist du nichts – und
schließlich d) Promotion, Werbung, Markt-
schreierei! Mach auf dich aufmerksam! Eine
eigene Website, Fan-Datei, News-Verteiler
etc. sind das Minimum, kosten fast nichts
und bringen eine Menge. Und: Auf diese Art
hat man in jedem Fall Spaß an der Sache oh-
ne zu verhungern. Wenn zusätzlich noch Ta-
lent und Arbeitswille da sind, wird man mit
Sicherheit zu einem potentiellen Vertrags-
partner. Ob sich allerdings dann tatsächlich
irgendjemand für einen interessiert hängt
außer von der Selbstvermarktung auch oft
vom puren Zufall ab. Viel Glück!
„Das ist das Business, und die Geschichte,
wie es sich verändert hat. Ich bringe euch
die Erfahrungen eines Insiders“, meint Chris
Rea etwas säuerlich. Zum Zeitpunkt des In-
terviews weiß der Künstler noch nicht, dass
die deutsche Abteilung seiner Plattenfirma
die Medienkampagne für das neue Album
mit einem einzigen Pressefoto (durch-
schnittlichster Originalität & Qualität) be-
streiten muss – mehr kommt nicht von der
Zentrale. Und sparen müssen wir alle und
früher hatten wir überhaupt nichts. Chris
Rea wird noch sehr oft sauer werden, wenn
er weiter Geld mit seiner Lieblingsbeschäfti-
gung verdienen will.

CHRIS REA & DIE GITARREN

Dann sprechen wir doch besser über Musik.
Warum hat Chris Rea erst mit 22 Jahren an-
gefangen, Gitarre zu spielen? „Ich wollte
kein Pop- oder Rock-Star werden. Dann hör-
te ich Charlie Patton, den Blues-Musiker,
und das änderte mein Leben. Er sang über
Dinge aus einer anderen Welt, aber er sprach
mich an, wie ein älterer Bruder. Später lern-
te ich Slide-Gitarristen der jüngeren Genera-
tion kennen: Joe Walsh, Lowell George und
dann Ry Cooder – durch ihn kam ich auch
zu meinem Open-E-Tuning (E B E G# B E).
Ich weiß allerdings gar nicht sicher, ob er das
auch verwendet, das vermutete ich immer
nur.“ Chris Rea lächelt endlich mal. „Ich
möchte immer noch ein reines Gitarren-Al-
bum machen. Schon was mit Band, aber
eben reine Gitarrenmusik, ohne Overdubs.
Vielleicht das nächste …“

Ebenfalls begeistert ist Chris von Madagas-
kar, der Insel und ihrer Musik, die er durch
seinen Freund und Kollegen Sylvan Marc
kennen gelernt hat – auch in dieser Richtung
soll es Projekte geben. In eine ganz andere
Richtung geht ein Hinweis im Booklet der
neuen CD auf „Miles Davis spiritual sam-
ples“. Was gefällt Chris Rea an diesem Jazz-
Trompeter? „Ich liebe den Raum in seiner
Musik. Viele Jazzmusiker denken in Sech-
zehntel- oder Zweiunddreißigstel-Noten.
Aber er machte das anders.“ Chris Rea singt:
„Bab Baah Daaaaaaa. Datatata Daaah! Alle
die mit im gespielt haben, haben schnell ge-
spielt, nur er nicht. Hahaha! Das gefällt mir.
Er stand auf diese Art trotzdem immer im
Mittelpunkt.“

Die akustischen Slide-Parts des neuen Al-
bums hat Rea mit einer Godin-Gitarre ein-
gespielt, die allerdings nur mikrofoniert wur-
de – die Pickups waren nicht in Betrieb. Alles
andere kam von seiner Pinky-Stratocaster,
die meist über einen alten Fender-Twin-
Combo oder ein braunes Fender-Tremolux-
Top plus 2× 12″-Box lief. Dazu kam gele-
gentlich etwas Delay, seltener ein Compres-
sor oder ein Tubescreamer-Verzerrer. Die
beiden letztgenannten machen ihm aber in
Kombination mit den alten, sehr einstreu-
ungsempfindlichen Pickups seiner Strat zu
viel Krach – ganz besonders live. „In Man-
chester brummte einmal alles ganz beson-
ders, und ich wusste nicht weiter. Da sagte
mein Techniker, er müsse mal gerade unter
die Bühne klettern, da wäre sein elektrischer
Schraubendreher am Ladegerät. Ja, und ge-
nau das war die Lösung: Das Ladegerät be-
fand sich praktisch unter mir und streute in
die Gitarre ein. So einfach ist das manchmal.
Aber in der Regel sind es alte Lichtanlagen,
die mir das Leben schwer machen. Ich wer-
de jetzt ein paar dieser neuen, brummfreien
Fender-Pickups ausprobieren.“

Rea spielt überwiegend mit den Fingern, frei
nach Gefühl. Nur selten, bei ganz schnellen,
akzentuierten Licks schlägt er die Saiten mit
einem Plektrum an. Das maßgefertigte
Glass-Slide sitzt auf seinem kleinen Finger.
Versuche mit Metall-Slides hat er aufgege-
ben, weniger aus klanglichen Gründen als
aus praktischen: Die Metallröhrchen haben
angeblich dem Griffbrett und den Bünden
seiner Gitarre zu sehr zu schaffen gemacht,
und auch der Saitenverschleiß soll höher ge-
wesen sein als bei Glas. Chris spielt .010er
Sätze von Ernie Ball, die Saitenlage seiner
Gitarre ist relativ hoch eingestellt.

Was seine Spieltechnik angeht, hat Rea kei-
ne Geheimnisse oder spezielle Übungstricks
zu verraten. Hören ist wichtig: „Charlie Pat-
ton, sonst nichts! Ich habe alles über die Oh-
ren gelernt. Ich bin nicht der Typ von Gitar-
rist wie Eric Clapton oder Brian May, jemand
der viel darüber nachdenkt oder genau weiß
wie er es macht. In meiner Musik ist kein
Platz für Skalen und so was. Skalen brauche
ich nicht. Ich spiele, suche, habe Spaß. Mor-
gens stehe ich auf, koche Kaffee, und in die-
ser verrückten Stunde, wenn die Kinder in
die Schule sollen und ihre Schuhe nicht fin-
den, spiele ich Gitarre; meist von halb acht
bis um halb zehn.“ Chris Rea überlegt:
„Wenn ich Jeff Beck gefragt habe, wie er das
eine oder andere spielt, dann hat er es mir
nie sagen können. Man denkt einfach nicht
darüber nach. Just do it!“ ■


TEXT: LOTHAR TRAMPERT 12/2025
FOTOS: EASTWEST, EDEL, URBANEK

close-alt close collapse comment ellipsis expand gallery heart lock menu next pinned previous reply search share star