
- TERJE RYPDAL
- DER KLANGMALER
- ECM & MANFRED EICHER
- TERJE RYPDAL BIOGRAFIE
- TERJE RYPDALS WURZELN & INSPIRATIONEN
- TERJE RYPDAL: DIE INSTRUMENTE
- TERJE RYPDAL SOLO DISCOGRAFIE
- TERJE RYPDALS MEISTERWERK: ODYSSEY
- TERJE RYPDAL ALS SIDEMAN
- TERJE RYPDAL: KOMPOSITIONEN FÜR ORCHESTER
- WEITERE RYPDAL KOMPOSITIONEN
- THANK YOU
- ZUGABE: POPSOG VS ODYSSEY
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TERJE RYPDAL
Unglaublich! Dieser Musiker hat vor mehr als 60 Jahren seine ersten Aufnahmen eingespielt. Und der norwegische Gitarrist, Komponist und Produzent Terje Rypdal (* 23. August 1947 in Oslo) gehört seit einem halben Jahrhundert zu den wichtigsten Vertretern der skandinavischen Jazz-Szene. Ausgehend von seinen Anfängen als Surf-Instrumentalist und Psychedelic-Rocker hat er einen speziellen, oft verzerrten E-Gitarren-Ton in den modernen, europäischen Jazz eingebracht. Fender-Stratocaster-Spieler Rypdal, der auf seinen 80. Geburtstag zugeht, hat neben über 30 eigenen Alben außerdem als Sideman bei zahlreichen Produktionen mitgewirkt und sich auch im Bereich der E-Musik als Komponist von Symphonien, Opern und zahlreichen kammermusikalischer Werke einen Namen gemacht.
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DER KLANGMALER
Irgendwie ist er doch ein Geistesverwandter von Jeff Beck, dachte ich, als ich 2020 die ersten Töne von ,Conspiracy‘ hörte – abgesehen von der Kooperation mit Elephant9, ,Catching Fire‘ (2024), sein bisher letztes Großwerk. Und auch dieses im Osloer Rainbow Studio aufgenommene Album war Rypdals erste Studio-Einspielung seit der Jahrtausendwende; zuletzt hatte er beim Münchener Kult-Label ECM, mit dem er seit 1971 verbunden ist, nur noch auf Konzertmitschnitten basierende Produktionen veröffentlicht. 2021 konnten Label und Artist auf ein halbes Jahrhundert Zusammenarbeit anstoßen. Genug Gründe, diesen ganz besonderen Künstler immer wieder zu feiern.
Mich selbst hat Rypdal fast fünf Dekaden lang musikalisch begleitet. Und nach Phasen von fassungsloser Begeisterung, Faszination, Staunen, dem immer wiederkehrenden Gefühl von Geborgenheit, aber auch irritierenden Live-Begegnungen, habe ich mir noch einmal vorgenommen, den Rest der Welt mit diesem großartigen Soundscaper bekannt(er) zu machen. Nicht jede seiner Produktionen hat mich gleich beeindruckt, da gab es Höhen und Tiefen. Diese Erkenntnis bzw. Erfahrung ist auch das Resultat des Phänomens „Komplettierungswahn“: Da will man als Fan doch möglichst alle Aufnahmen eines Musikers physisch oder digital besitzen oder zumindest mal gehört haben – und das sind in diesem Fall eine ganze Menge.
Dieser umfassende Artikel soll dabei helfen, einen wirklich ganz besonderen Musiker & Gitarristen und sein künstlerisches Werk kennenzulernen. Und wer ihn schon kennt und/oder sogar Fan ist, kann hier noch mal nachvollziehen, was bei Terje Rypdal woher kam und wohin führte. Sein Gesamtwerk ist extrem umfassend, und daher sollen die folgenden Anmerkungen zu den auch musikalisch sehr unterschiedlichen Alben nur eine Einstieghilfe ins Thema sein. Eine Art Reiseführer, und da spielen auch subjektive Vorlieben rein, was man an der Länge bzw. Kürze der Kommentare zu manchen Alben sehen kann. Begeisterung für gute Musik kann ich weitergeben, manche Rypdal-Werke muss aber eben jeder für sich selbst entdecken, oder sie sich sogar erkämpfen. In der Hinsicht gibt es auch in meinem Leben mit T.R. noch ein paar Baustellen.
Aber: Der E-Gitarrist mit dem singenden Ton, oft vor sphärischen Sounds, rockenden Bands oder klassischen Orchestern, hat mich eigentlich doch immer wieder gepackt. Rypdal hat die perfekte Balance zwischen individueller Handschrift, Personalstil und künstlerischer Bandbreite gefunden, und in seiner umfangreichen Discografie gibt es wirklich eine Menge zu entdecken, vom jazzigen Rock-Trio bis zum großorchestralen E-Musik-Projekt. Meine Initialzündung war Terje Rypdals Doppel-LP ,Odyssey‘ von 1975, die ich mit 15 Jahren in die Finger bekam – und die sich als Ticket in eine andere Welt entpuppte. Rypdal blieb in den 70ern noch mehr oder weniger ein kultiger Geheim-Tipp, obwohl die Musik von ,Odyssey‘ damals relativ oft in Dokumentationen und Fernsehspielen zu hören war – immer dann, wenn es darum ging, Sehnsucht, Einsamkeit, Traumwelten und Mysterien musikalisch zu untermalen.
Das ECM-Label-Meisterwerk ,Odyssey‘ hat bis heute Kultstatus, sowohl was den europäischen Jazz angeht, als auch in punkto Gitarrenspiel – denn gerade letzteres ist einzigartig, individuell, frei und grenzenlos. Danach habe ich Terje Rypdal dann immer wieder an diesem Meilenstein mit seinen vielen hypnotischen Momenten, schrägen Sounds und den coolen, jazzrockigen Grooves gemessen, was mich als Hörer und Fan nicht unbedingt weiterbrachte. Und so dauerte es bei manchen späteren Alben einfach etwas länger, um deren andere emotionale und musikalische Qualitäten zu erfassen. Genau so, wie schon auf Velvet Undergrounds legendärem Bananen-Album von 1966, ,The Velvet Underground & Nico‘, der halbe Alternative-Rock der nachfolgenden Dekaden skizziert wurde, haben dieser Gitarrist aus Norwegen und seine Mitmusiker bereits Mitte der 1970er-Jahre mit den Grundstein für den heute aktuellen und populären skandinavischen Electric Jazz gelegt. Die Pianisten Bugge Wesseltoft, Ketil Bjørnstad und Esbjörn Svensson, Gitarrist Eivind Aarset, Trompeter Nils Petter Molvaer, die Gitarristin Hedvig Mollestad und der Bassist Dan Berglund – sie alle haben ganz sicher mal die Musik des Gitarristen Terje Rypdal gehört oder sogar mit ihm zusammengearbeitet.
Die bisher letzte echte Rypdal-CD ,Conspiracy‘ (die 2024er Kooperation mit Elephant9 ausgenommen) wird vielen Fans von ,Odyssey‘ sehr gut gefallen haben, vermute ich mal. Denn diese Musik ist eine Art Homecoming, mit etwas weniger Schärfe und Dynamik, dafür aber mit mehr gelassener Erfahrung und vielleicht auch dem Frieden eines langen Lebens.

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ECM & MANFRED EICHER
In dem Zusammenhang muss ECM-Label-Chef und Produzent Manfred Eicher (* 9. Juli 1943) Erwähnung finden, ohne den es Rypdals und vieler anderer Musik in dieser Form nicht gegeben hätte. Das gilt auch für den Tontechniker sehr vieler ECM-Aufnahmen, Jan Erik Kongshaug (* 4. Juli 1944, † 5. November 2019), der selbst auch Jazz-Gitarrist war. Alleine was die Saitenkünstlerinnen & -künstler angeht, war und ist ECM wahrscheinlich das weltweit einflussreichste moderne Jazz-Label: Namen wie Steve Swallow, Steve Tibbetts, Barre Phillips, Miroslav Vitous, Ben Monder, Collin Walcott, Wolfgang Muthspiel, Marc Johnson, Bill Connors, Eberhard Weber, Pat Metheny, Mick Goodrick, Arild Andersen, John Scofield, John Abercrombie, Bill Frisell, Charlie Haden, Eivind Aarset, Egberto Gismonti, Dominic Miller, Jakob Bro, Avishai Cohen und Dave Holland belegen das. Mit Terje Rypdals ,Conspiracy‘ ist Manfred Eicher einmal mehr ein wunderbares Album gelungen. Hoffen wir, dass noch viele folgen werden.

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TERJE RYPDAL BIOGRAFIE
Terje Rypdal wurde am 23. August 1947 in Oslo als Sohn eines Komponisten und Orchesterleiters geboren – und musste daher schon früh ran an die Musik: Bereits als Kind hatte er klassischen Klavierunterricht, lernte dann noch Trompete und er brachte sich autodidaktisch das Gitarrenspiel bei. Mit 15 Jahren gründet er die klar von Hank Marvin & The Shadows inspirierte Instrumental-Band The Vanguards. Die Formation wurde schnell erfolgreich und hatte in den folgenden Jahren eine Reihe Hits. Und plötzlich war Terje Popstar und Profimusiker.
Nach einem längeren Job als Orchesterleiter bei der norwegischen Inszenierung des Musicals ,Hair‘, studierte Rypdal bei verschiedenen Komponisten und Jazz-Musikern. Er arbeitete ab 1966 mit den Komponisten Krzysztof Penderecki und George Russell, und studierte Russells Kompositionstheorie „Lydian chromatic concept of tonal organization“. Weitere Kooperationen mit Free-Jazz-Größen wie Lester Bowie, John Surman und Don Cherry und den Jazz-Geigern Don Sugarcane Harris und Jean-Luc Ponty folgten.

Mit der Band The Dream produzierte er 1967 das Album ,Get Dreamy‘, und 1968 spielte er sein erstes eigenes Album ,Bleak House‘ ein (wiederveröffentlicht 1999 bei Polydor): Da klang Rypdal, gerade 21 Jahre alt, noch wie ein britischer Blues-Rocker, der die Shadows, Peter Green und Wes Montgomery kannte, und sich an Jimi Hendrix, der später ein wichtiger Einfluss werden sollte, noch nicht so recht ran traute. Nur gelegentlich blitzte da schon eine sehr eigene Handschrift durch. Der Soundtrack zu Stanley Kubricks ebenfalls 1968 erschienenem Science-Fiction-Film „2001: A Space Odyssey“ soll Rypdal dann angeregt haben, sich endgültig stärker mit Jazz und Klassischer Musik zu befassen.
Mit Saxophonist Jan Garbarek, den er bei The Dream kennengelernt hatte, verband ihn eine längere Zusammenarbeit: 1969 entstand das gemeinsame Album ,Esoteric Circle‘, 1970 folgte ,Afric Pepperbird‘, ein Jahr später ,Sart‘ (1971). Damit war auch der Kontakt zu Manfred Eichers Label ECM hergestellt, bei dem Garbarek unter Vertrag war. 1971 erschien das ECM-Debüt ,Terje Rypdal‘, und alleine in den folgenden zehn Jahren veröffentlichte er noch acht weitere Alben, die seinen Ruf als wichtige Größe des europäischen Jazz und als Ausnahmemusiker der Gitarrenszene manifestierten. Bis heute hat Rypdal als Solist, Bandleader oder Co-Leader 35 Alben veröffentlicht, auf die ich weiter unten in diesem Porträt eingehe.

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TERJE RYPDALS WURZELN & INSPIRATIONEN
Gitarrist Hank Marvin, seine Band The Shadows und deren Kooperationspartner Cliff Richard waren wichtige Impulse für Terje Rypdal: „Damals habe ich die B-Seite der Single ‚Traveling Light‘ von Cliff Richard gehört, und das rockige Gitarrensolo hat mich zu diesem Instrument gebracht. 1962 gründete ich dann die Band The Vanguards, mit der wir zuerst Cliff-Richard-Sachen gespielt haben, dann Elvis- und Beatles-Stücke. Danach kamen dann noch eine Menge Gitarristen in mein Leben, wie Eric Clapton mit den Bluesbreakers, und später Jeff Beck und dann Jimi Hendrix.“
Rypdal kaufte Platten und entdeckte immer mehr faszinierende Musik: Wes Montgomery, Kenny Burrell und dann ‚Meditations‘ (1964) von John Coltrane gegriffen – ein Album, das sehr wichtig für ihn und Jan Garbarek, bei ihren ersten Quartet-Aufnahmen war. „Als ich später mit George Russell oder auch mit Jan Garbarek gespielt habe, versuchte ich, wie McCoy Tyner, der Pianist in Coltranes Band zu klingen, wenn ich begleitet habe. Dadurch habe ich eine sehr eigene Art entwickelt, modal zu begleiten.“
Von der Rock-Seite kam 1966/67 Jimi Hendrix ins Spiel, der schon früh auch regelmäßig in Skandinavien tourte. Rypdal: „Ein Stück namens ‚Waterfall‘ (aka ,May This Be Love‘) von seiner ersten Platte ,Are You Experienced?‘ ist mir am wichtigsten. Ich habe es aber nie selbst gespielt, obwohl ich mit meiner Band Dream auch Hendrix-Stücke wie ‚Foxy Lady‘ oder ‚Purple Haze‘ interpretiert habe. Die Gitarre war in Hendrix-Songs immer eine Sound-Quelle, und nicht nur in harmonischer oder melodischer Hinsicht relevant. Die Strat konnte auch mal irgendwo gegen gehauen werden, es gab diese wilden Vibrato-Effekte, und vieles mehr.“
Knapp vier Jahre später folgte Miles Davis‘ ‚Bitches Brew‘ (1970), u.a. mit Gitarrist John McLaughlin, das Rypdal ebenfalls stark beeindruckte. „Nachdem Jan Garbarek den Kontakt zu ECM geknüpft hatte, haben wir 1970 unsere zweite Quartett-Platte aufgenommen, ‚SART‘. Darauf sollte mit ‚Keep It Like That, Tight‘ ein Stück sein, das sehr nach ‚Bitches Brew‘ klingt. Aber die Musik passte nicht in das Konzept der Jan Garbarek Band, und ECM-Label-Chef Manfred Eicher beauftragte mich, das Stück als Ausgangspunkt für ein eigenes Album zu nehmen. So kam ich zu ECM.“
Und dann waren da noch Vibraphonist Gary McFarland mit seinem Album ,America The Beautiful: An Account Of Its Disappearance‘ von 1968 mit Gitarrist Eric Gale und Drummer Bernard Purdie, die Sex Pistols, Prince, 10CC und andere. Rypdal sieht sich neben Jazz und Rock aber auch stark von der Klassischen Musik beeinflusst: In Interviews nannte er immer wieder Gustav Mahler, Ludwig van Beethoven, Edvard Grieg, Claude Debussy, György Ligeti, Karlheinz Stockhausen, Krzysztof Penderecki u.a.
Später, in den 80ern, war Terje Rypdal auch mal ein großer Van-Halen-Fan. „Seine Tapping-Technik und sein Sound haben mich begeistert, und ich habe seine Techniken bei der Produktion von ‚Chaser‘ (1985) verwendet. Eddie van Halen war definitiv ein Einfluss, und ich habe mir eine Weile sehr viel von Van Halen angehört.“ Daraus hat Terje in dieser Phase auch wirklich kein Geheimnis gemacht, wie man auf den drei Alben von Rypdal & The Chasers hören kann. Dazu später mehr.
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TERJE RYPDAL: DIE INSTRUMENTE
Terje Rypdal verbindet man als E-Gitarrist vor allem mit der Fender Stratocaster. Mitte der 60er-Jahre kaufte er sich seine erste gebrauchte Strat, die damals schon ein paar Jahre alt war, angeblich Baujahr 1960. „Diese Gitarre ist so gut! Sie hat einen großartigen Sound und war auf den Alben ,Odyssey‘, ,After The Rain‘, und auch später bei ,Chaser‘ und ,Blue‘ zu hören“, erzählte Rypdal in einem Interview. Zur Verstärkung nutzte er in diesen frühen Jahren einen norwegischen Amp der Marke Telrad, den er neben einem Marshall-Bluesbreaker-Combo und einem Vox AC30 bis heute immer noch einsetzt.
Zu seinem Effekt-Setup gehören ein Marshall-Guv’nor-Verzerrer (oder alternativ ein Boss Super Overdrive), von dem das Signal weiter in einen T.C. Electronic Sustainer und von da in ein Volume-Pedal (von Yamaha oder Boss) geht. Das steuert je nach Bedarf ein oder zwei Echo-Effektgeräte an – meist sind es ein Roland 301 und ein Boss Digital Delay. Rypdals früher noch häufiger eingesetztes WahWah-Pedal vermute ich vom Höreindruck vor der verzerrenden Einheit; demnach wäre die Signalkette also: Gitarre, WahWah, Verzerrer, Kompressor, Lautstärkepedal, Delay(s), Verstärker. Rypdal betonte einmal, dass ihn am Kompressor-Effekt die Möglichkeit reizt, den Volume-Regler an der Gitarre ohne Lautstärkeverlust zurücknehmen zu können, dabei aber verschiedene Sounds erzeugen zu können. Er setzt auch relativ häufig den Bridge-Pickup seiner Stratocaster ein, oft auch in Kombination mit dem mittleren Tonabnehmer der Gitarre.
„Mein Gitarren-Sound ist wohl sehr von der englischen Szene beeinflusst. Das, was man den ,typischen Rypdal-Sound‘ nennt, ist allerdings durch Zufall entstanden“, erzählte Terje Rypdal im Jahr 2002 in einem Interview mit der Journalistin Angela Ballhorn. „Ich hatte zu der Zeit von ‚Afric Pepperbird‘ eine Rickenbacker-Gitarre und wollte ein besseres Vibrato-System haben. Und das Sustain war so kurz! Damals hatte ich auch begonnen, Flöte zu spielen, um mehr melodische Ideen zu bekommen, und mit diesem Instrument konnte ich endlich diese langen Töne spielen, die ich suchte … Ich habe dann mein Echogerät aus der Vanguards-Zeit aus der Ecke geholt und eine andere Gitarre, nämlich meine alte Stratocaster … Ich hatte eigentlich sonst nichts verändert, hatte immer noch die gleichen Effekt-Pedale wie vorher, aber trotzdem hatten sich die Linien, die ich spielte, verändert. Das erste Mal kam dieser Sound also im Studio, bei der Arbeit, zustande.“

Auf Fotos von 1967/68 mit der Band The Dreams ist Terje mit einem 3-Pickup-Modell von Rickenbacker und einer schwarzen, SG-ähnlichen Gitarre zu sehen. Bei zwei Tracks von ,Odyssey‘ soll Rypdal angeblich eine Gibson L-6S eingesetzt haben. Fotos von Anfang der 70er zeigen ihn auch mal mit einer Gibson SG Pro mit P90-Tonabnehmern, Bigsby-Vibrato, Dot-Griffbrett und dem hässlichen Plastikdeckel unter den vier Reglern. Überwiegend war aber die Stratocaster im Einsatz. In einem Interview mit dem Magazin „Vintage Guitar“ erzählte er: „Ich habe auch Telecasters ausprobiert und gespielt, sogar für relativ lange Zeit, bei The Vanguards. Die Stratocaster spielte ich auch zum ersten Mal in dieser Zeit … damals brachten wir mit The Vanguards eine Live-Version von (The Beach Boys’ 1966 erschienenem Song) ,Good Vibrations‘ auf die Bühne. Aber in dieser Phase habe ich auch Gretsch-Gitarren, Epiphones, Hagstroms, eine Rickenbacker 325 und alles mögliche ausprobiert.“

Ab 1977 experimentierte Rypdal mit dem Roland GR-100, dem GR-500 und dem GS-500 Analog Guitar Synthesizer, mit denen er u.a. auf Alben mit Barre Phillips (,Three Day Moon‘, 1978), Miroslav Vitous und Jack DeJohnette und der Kooperation mit Cellist David Darling (,EOS‘, 1984) zu hören war. In den Credits von Terje Rypdal: ,Waves‘ (1978) sind als Instrumente des Bandleaders „guitar, RMI Keyboard Computer, Arp Synthesizer, Mini-Moog, 4 6 and 8 string bass, drums“ zu lesen. Hier hatte er auch einen Ringmodulator als Gitarreneffekt im Einsatz (bei ,The Dain Curse‘).
Auf einem Foto von 1978 ist Rypdal mit einer blonden Music Man Sabre E-Gitarre mit Maple-Neck zu sehen, also Leo Fenders Weiterentwicklung seines eigenen Erfolgsmodells Stratocaster. Er hatte Mitte der 80er auch schon mal Music-Man-Amps im Live-Gepäck. 1991 spielte Rypdal beim Molde Jazz Festival mit seiner Band The Chasers. Damals hatte er eine neue 8-saitige Fender-Gitarre im Einsatz.
In einem Interview mit dem Journalisten Frode Barth, verriet Rypdal 1996 noch ein paar weitere Details zu seinem Sound: „Schon bei der Arbeit an ,Whenever I Seem To Be Far Away‘ (1974) und dann bei ,After The Rain‘ (1976) stellte sich heraus: Mit einem Overdrive-Pedal, einem Volume-Pedal und einer alten Echo-Maschine war mein Sound plötzlich da. Heute habe ich verschiedene Delays im Einsatz, aber auch immer noch die alten Tape-Echo-Maschinen. Und an Verstärkern benutze ich einen alten Marshall-50-Watt-Combo – die größeren Marshalls singen einfach nicht so wie die 50-Watt-Modelle. Meinen alten Telrad-Röhrenverstärker, der einen warmen und sauberen Klang erzeugt, spiele ich auch noch. Meine 1960er Stratocaster habe ich lange bei den ECM-Aufnahmen verwendet habe. Jetzt benutze ich ein 1962-Vintage-Reissue-Modell, aber sie klingt in der Bridge-Position etwas zu scharf, daher habe ich sie wenig im Studio eingesetzt. Und ich habe auch noch eine Squier Stratocaster mit DiMarzio-Pickups, die momentan meine Favoritin ist. Bei allen Strats spiele ich meist die Bridge-Pickups, oder eben die Kombination aus Bridge- und Middle-Pickup.“
Ansonsten gab es ab dieser Zeit wenig spektakuläres bei ihm zu entdecken. In einem Interview aus dem Jahr 2000 mit Morten Mordal nannte Rypdal noch eine Gibson Artisan Les Paul, eine Gibson SG, dann ein Gibson Acoustic O-Model von 1923 und eine Gibson J-45 Acoustic aus den 60ern, die er noch gelegentlich spiele. Nach eigenen Angaben besaß er damals ca. zwölf Strats verschiedener Hersteller, darunter ein achtsaitiges Modell, eines aus Fichte von einem norwegischen Gitarrenbauer sowie die bereits erwähnte Squier, die 1984 gekaufte ’62 Vintage Reissue und seine geliebte Fender Stratocaster von 1960. Die Strats waren mal weiß, mal rot, in den 2000ern gab es auch mal ein sehr auffälliges Modell mit goldenem Pickguard, dann wieder eine rote Strat mit Gold-Hardware, die er u.a. 2012 bei einem Gig im New Yorker Club Le Poisson Rouge dabei hatte. Damals sah sein weiteres Setup wie folgt aus:
TC Electronic Sustain Equalizer
Zwei Boss Super Over Drive SD-1
Boss FV-50 Volume Pedal
Boss Digital Delay DD-3T
Boss Digital Delay DD-7
Fender Twin Reverb 2×12-Speaker
Fender Blues DeVille 4×10-Speaker
Terje Rypdals Gear-Konzept stand also schon relativ früh und wurde von den 1970er Jahren bis heute nur noch wenig variiert.
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TERJE RYPDAL SOLO DISCOGRAFIE
Im Laufe seiner fast sechzigjährigen Solokarriere hat Terje Rypdal mehr als 30 Alben unter eigenem Namen und/oder als Co-Leader bzw. gleichberechtigtes Band-Mitglied eingespielt.
TERJE RYPDAL: BLEAK HOUSE (1968)
Terje Rypdal: Guitar, Flute, Vocals
Jan Garbarek: Tenor-Saxophone, Flute, Bells
Christian Reim: Organ, Piano
Terje Venaas: Bass
Jon Christensen: Drums
Tom Karlsen: Drums
plus 12 piece Horn-Section
,Bleak House‘, in opulenter BigBand-Besetzung aufgenommen zwischen dem 7. und 22. Oktober 1968, ist Terje Rypdals erstes Album unter eigenem Namen, mit einer Musik, die kaum ahnen ließ, wie sich dieser Künstler in den kommenden drei bis fünf Jahren noch entwickeln sollte. Der erste Track, ein verhaltener Clean-Blues mit Gesang, knüpft an die beiden früheren Bands des Gitarristen an. Oder wollte Rypdal doch noch Popstar werden? Dann folgt ,Wes‘, klar bezogen auf den amerikanischen Jazz-Gitarristen Wes Montgomery (*1923 +1968), der kurz vor seinem frühen Tod noch Popstar geworden war, nicht nur mit seinem genialen ,Road Song‘, auch und vor allem mit leichten Cover-Versionen von Beatles-Hits wie ,A Day In The Life‘ oder ,California Dreaming‘ von The Mamas & Papas. Der junge Mann, der eben noch gesurft, in seine Flöte gesungen, wie Peter Green soliert und mit The Dream psychedelischen Krach mit Blues-freien Hendrix-Ambitionen produziert hat, konnte auch anders. Wobei sein Jazz-Ansatz vor Horn-Section hier zwar swingend, aber tonal und in punkto Phrasierung doch ein sehr eigenwilliger ist. Und einen Track weiter, in ,Winter Serenade‘ sind dann schon ganz andere Vibes zu spüren – coltraneske Walls of Horns, abstrakte Gitarrengeräusche, ein irgendwie offenes Ende. Der Titel-Track des Albums ist dann wieder zurückhaltender, wobei die anfangs brave Gitarre dann doch abrockt, leicht sharp intoniert, besonders in den Bendings – es war die Zeit vor der Erfindung des Stimmgeräts. Sehr Easy Listening, mit Akustikgitarre, Stimme und Querflöte endet dann dieses doch diverse Album, das für mich die Achse der Rypdal-Karriere ist – denn dann drehte sich das Fahrzeug in eine etwas andere Richtung.


TERJE RYPDAL: TERJE RYPDAL (1971)
Arild Andersen: Bass, E-Bass
Bjørnar Andresen: Bass
Jon Christensen: Percussion
Eckehard Fintl: Horn, Oboe
Jan Garbarek: Clarinet, Flute, Sax
Tom Halversen: Keyboards, E-Piano
Inger Lise Rypdal: Vocals
Terje Rypdal: Flute, Guitar, Vocals
Bobo Stenson: Keyboards, E-Piano
Dieses selbstbetitelte Album ist für mich, nach ,Bleak House‘ von 1968, das zweite Solo-Debüt des Gitarristen, weil er hier zum ersten Mal auch musikalisch sehr eigene Wege geht. Nach Surf, Beat, Psychedelic und Hendrix-Begeisterung, George Russell, Free Jazz und Neuer Musik war es soweit: Mit 24 Jahren hatte Terje Rypdal sein erstes ECM-Album unter eigenem Namen am Start, auf dem schon in sehr viel konkreteren Ansätzen das zu hören war, was ihn bis heute ausmacht. Und das begann, ganz zeitgeistig, mit einem ,Bitches Brew‘-lastigen Riff und Gitarrenakkorden, die an John McLaughlins Parts bei Miles Davis erinnerten. Aber dann ging Rypdal weiter – seinen eigenen Weg, mit sphärischen Sound-Settings, luftigen Arrangements und traurigen Licks und düsteren Akkorden. Der nordische Blues war geboren! Großartige, so bisher ungehörte Musik mit eigenwilligen Gitarren-Parts, überzogenen Bendings, sägender Verzerrung, Panning-Effekten, extremem Studio-Hall und Klangkonstrukten und Geräuschen, die man so von Gitarristen bisher nicht kannte.
Und immer wieder kommt ,Bitches Brew‘ durch, aber auch die abstraktere, Soul-freie europäische Avantgarde, ganz weit weg vom Funk-Jazz-Soul-Rock-Crossover des Miles Davis … Cool! Und dann wird es in Track 5 doch noch mal bluesig, aber auch das ganz anders als man es kennt. Seine großen, hymnischen Melodiebögen waren noch nicht geboren – oder die Kinder wurden versteckt gehalten, weil die bitchige Ein-Groove-Politik plus kurze Phrasen als Aushängeschild der Electric-Jazz-Familie immer noch dominierten. Auch die Besetzung der Sessions vom 12. und 13. August 1971 im Arne Bendiksen Studio, Oslo, war durchaus an den großen Inspirator und sein Gamechanger-Meisterwerk angelehnt.
Mit der Nummer ECM 1016 war ,Terje Rypdal‘ das sechzehnte auf dem Münchener Label erschienene Album. Die schon mit Jan Garbarek erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Team von Produzent Manfred Eicher und Engineer Jan Erik Kongshaug sollte jetzt auch für Rypdals Solo-Produktionen grundlegend werden. Viele großartige Produktionen dieses Kult-Labels wurden an nur zwei Studiotagen erstellt. Was wirtschaftlich absolut realistisch war und ist.
1973 TERJE RYPDAL: WHAT COMES AFTER (1973)
Barre Phillips: Bass
Sveinung Hovensjø: E-Bass
Terje Rypdal: Guitar, Flute, Vocals
Jon Christensen: Drums, Organ
Erik Niord Larsen: Oboe, English Horn
Bei den ersten Tönen dieser Aufnahmen vom 7. / 8. August 1973 ist schon klar, was sich verändert hat: Es ist Sveinung Hovensjø am E-Bass, der mit einem stoisch repetierten Lick die Musik trägt – und sein Kollege Barre Phillips am Kontrabass, der mit gestrichenen Parts eine weitere Farbe ins Spiel bringt. Rypdals Akkordzerlegungen und scheinbar ziellose Melodielinien kommen im ersten Track ,Bend It‘ noch sehr kantig rüber. Aber dann fließt alles, rockt, eskaliert, um wieder in die coole Atmosphäre des Openers zurückzufallen. Interessant ist die solistische Funktion von Barre Phillips, insbesondere bei den gestrichenen Parts. Seine Position innerhalb der Musik, der Arrangements, der Band wurde beim folgenden Album ,Whenever I Seem To Be Far Away‘ (1974) von Waldhornist Odd Ulleberg übernommen, und dann bei ,Odyssey‘ (1975) von Posaunist Torbjorn Sunde. Vom Klangspektrum her und auch vom Timbre liegen die genannten Instrumente auch nicht so weit auseinander – da ist immer diese knarzige Wärme im Spiel.
,What Comes After‘ liefert dunkle, warme und letztlich hoffnungsvolle Musik. The Dark Side Of The ECMoon.


TERJE RYPDAL: WHENEVER I SEEM TO BE FAR AWAY (1974)
Sveinung Hovensjø: 6-String Bass, Bass,
Pete Knudsen: Keyboards, Mellotron, E-Piano
Terje Rypdal: Flute, Guitar, Vocals
Jon Christensen: Percussion,
Christian Hedrich: Viola
Odd Ulleberg: French Horn, Horn,
SDR Symphony Orchestra
Rypdal & Band-Kollegen mit großem Orchester. ,Odyssey‘ ist bei den ersten beiden Album-Tracks ,Silver Bird Is Heading For The Sun‘ und dem an Carla Bley erinnernden ,The Hunt‘ schon gefühlt am Start, hier dominiert aber noch stärker die Kontrastierung der Klangfarben beider Ensembles. Wobei Hornist Odd Ulleberg auch hier wieder ganz klar die Position im Arrangement einnimmt, die beim nächsten Album Posaunist Torbjørn Sunde fast zum Co-Leader machen sollte. Faszinierend ist auch Sveinung Hovensjø am knackigen 6-String Bass. Beim knapp 18-minütigen Titeltrack ,Whenever I Seem To Be Far Away‘ – Untertitel „Image for electric guitar, strings, oboe and clarinet“ – stehen sich dann Rypdal und das Orchester frontal gegenüber. Neue Musik, irgendwie unplugged, irgendwie soundtrackig, irgendwie Bruckner. Der Rock-Faktor ist hier auf standby, aber er sollte wiederkommen …
TERJE RYPDAL: ODYSSEY (1975)
Mehr zu diesem bahnbrechenden Album weiter unten.


TERJE RYPDAL: AFTER THE RAIN (1976)
Terje Rypdal: Guitars, Flute, Keyboards
Inger Lise Rypdal: Vocals
Nach dem fantastischen Band-Energieschub ,Odyssey‘ folgte exakt ein Jahr später ein Duo-Album mit Sängerin und Ehefrau Inger Lise Rypdal. Terje Rypdal selbst ist hier an diversen E- und A-Gitarren zu hören, als Flötist und Sopran-Saxophonist, aber auch als Pianist, Keyboarder mit E-Piano, String Ensemble und an den Tubular Bells. Musik ohne Beats ist hier zu hören, und im Nachklang von ,Odyssey‘ fühlt man sich bei ,After The Rain‘ wie kurz vor einem Sonnenaufgang nach einer langen Nacht. Müde, glücklich und zu lebensgierig um einzuschlafen. Bei ,Now And Then‘ hört man den Gitarristen im Duo mit sich selbst an der Acoustic, das folgende ,Wind‘ ist mit knapp anderthalb Minuten der kürzeste Track des Albums – mit Flöte solo, unterstützt von großem, tiefen Raumklang. Es folgt mit 06:06 Minuten das längste Stück: ,After The Rain‘. Rypdal an der verzerrten E-Gitarre vor harmonisch tragenden String-Sounds, deren immer wieder überraschende Wendungen vom Solisten mal eingeleitet, dann wieder scheinbar verfolgt werden, immer auf der Suche – nach was? Es gibt wenig Musik, die mich so existenziell berührt, die irgend etwas ankickt, das mir sagen will, dass ich noch viel mehr leben soll, dass ich das umsetzen muss, woran ich denke, dass ich fühlen muss, vergessen, entdecken, üben, genießen, machen. Und das Wesentliche sehen und fühlen – darum geht es hier auch musikalisch – darum ging es Rypdal immer. Minimalismus kann durchaus maximalen Ausdruck bedeuten. Ein fantastisches Album.
PÅL THOWSEN, JON CHRISTENSEN, TERJE RYPDAL, ARILD ANDERSEN: NO TIME FOR TIME (1977)
Bass, Producer – Arild Andersen
Cover [„Tide“ Painting] – Sidsel Paaske
Drums, Percussion, Producer – Jon Christensen, Pål Thowsen
Engineer – Tore Tambs Lyche
Guitar, Producer – Terje Rypdal
Photography [Front Cover] – Finn Krogvig
Recorded 1976 At Arne Bendiksen Studio
Interessant: Diese vermutlich extrem rare Platte entdeckte ich in keiner Discografie sondern nur bei Amazon Music. Zu hören ist ein Projekt des Drummers Pål Thowsen, der hier (unterstützt vom Kollegen Jon Christensen) gemeinsam mit Bassist & Producer Arild Andersen und Gitarrist Terje Rypdal (ebenfalls mit Producer-Credit) sehr rustikalen Jazz-Rock zum Besten gibt. Der Opener ist wirklich grob gestrickt, und nach zwei Drum-Tracks folgt ein Song-Fragment mit Gitarrensplittern. noch ein Drums-only-Track und dann wieder was ganz Wildes, mit einem ausflippenden Terje R. über knarzigen Upright-Bass-Licks: ,P.T.‘ Drei weitere Schlagzeugerkompositionen beschließen das weirde Werk.

TERJE RYPDAL: WAVES (1978)
Terje Rypdal: Electric Guitar, RMI Keyboard Computer, ARP Synthesizer
Palle Mikkelborg: Trumpet, Flugelhorn, RMI To Piano Ring Modulator
Sveinung Hovensjø: 6 & 4-String Electric Bass
Jon Christensen: Drums, Percussion
Direkt mit den ersten Beats wird klar, dass sich bei diesen Aufnahmen vom September 1977 etwas verändert hat: die Technik! Und mal abgesehen vom elektronischen Beat ist die sehr positive Grundstimmung des ersten Tracks ,Per Ulv‘, mit seinen in Dur gehaltenen Akkordfolgen ungewohnt. Bei ,Karusell‘ klingt das schon anders, denn da sind wieder die zerbrechliche Räumlichkeit und der Blues des Terje Rypdal präsent. Aber wie bereits erwähnt, technisch aufgestockt: Rypdal scheint hier einen Phase-Shifter eingesetzt zu haben, oder die Pickup-Zwischenposition seiner Stratocaster in Verbindung mit kontrolliertem Anschlag an wechselnden Positionen täuscht – man kann sich diesem Sound eben auch analog annähern, ihn in Handarbeit simulieren. Später ist dann auch auf der Gitarre ein Ringmodulator-ähnlicher Sound zu hören, eventuell auch noch ein Verzerrer mit Octaver.
Noch etwas zur Harmonik: Für mich fühlt sich die Musik von Terje Rypdal, insbesondere in ruhigeren Passagen, oft so an, als würden sich Bass-Töne und Harmonien mal zufällig treffen, dann ein Stück Weg gemeinsam gehen um sich wieder voneinander abzuwenden. So, als wären beide in einer On / Off-Beziehung mit Begegnungen und immer wieder auch Distanzierung. Palle Mikkelborgs Flügelhorn spielt dieses Spiel hier mit. Improvisation? Komposition? Beides?
Track 3 heißt ,Stenskoven‘ und basiert auf einer Komposition von Mikkelborg. Eine komplett andere Welt. Hier hätte es mich nicht gewundert, wenn Carla Bley um die Ecke gekommen wäre, mit einem Brecht / Eisler-Songbook. Interessant ist, wie sehr sich der großartige ECM-Hausschlagzeuger Jon Christensen hier zurückhält bzw. in den Hintergrund gemixt wurde. Ich vermisse das energetische Spiel von Svein Christiansen.
Der Titel-Track des Albums schwebt wieder zurück in Rypdals Universum, und zu dem wird für mich immer Sveinung Hovensjø gehören, dessen Bass-Spiel auf Vier- und Sechssaitern diese Musik zwischen 1974 und ’78 extrem geprägt hat. Das waren nur vier Alben – ,What Comes After‘, ,Whenever I Seem to be Far Away‘, ,Odyssey‘ und eben ,Waves‘ – aber es waren mit die besten.
Weiter geht es mit ,The Dain Curse‘ zum Finale ,Charisma‘, ein hymnischer Track, der sich aber dann etwas verliert, wenn sich Rypdal und Mikkelborg battlen und Jon Christensen dem nichts entgegensetzt. ,Charisma‘? Das ausgerechnet der so betitelte Track am wenigsten Ausstrahlung hat, ist fast irritierend und lässt dieses zwiespältige Album etwas in die Leere laufen. Geschmacksache.
TERJE RYPDAL: DESCENDRE (1979)
Terje Rypdal: Guitar, Keyboards, Flute
Palle Mikkelborg: Trumpet, Flugelhorn, Keyboards
Jon Christensen: Drums, Percussion
,And Then There Were Three‘ hieß das 1978 erschienene, neunte Studio-Album von Genesis. Auch Terje Rypdal hatte bei diesem Studiotermin im März 1979 die Band verkleinert. Jon Christensen (dr, perc), Palle Mikkelborg (tp, flh, kb) und Terje Rypdal (g, kb, fl) substituieren die tiefen Töne auch nur an ganz wenigen Stellen, und dann primär über die Bass-Drum. Jon Christensen ist überhaupt präsenter im Mix. Was immer noch da ist, sind die harmonische Tiefe und Rypdals expressive Linien – aber der bassistische Kontrapunkt, die tiefen Linien, die alles darüber tragen, verstärken aber immer wieder auch umdeuten konnten, fehlen. Die Musik hat passagenweise eine wichtige Facette verloren. Ich vermisse die genialen Basslines von Sveinung Hovensjø hier sehr.



TERJE RYPDAL / MIROSLAV VITOUS / JACK DEJOHNETTE: DTO. (1979)
Terje Rypdal: Guitar, Guitar Synthesizer, Organ
Miroslav Vitous: Double Bass, Electric Piano
Jack DeJohnette: Drums
Dream-Team! Dieses Album wurde im Juni 1978, nur knapp drei Jahre nach ,Odyssey‘ aufgenommen, und stimmungsmäßig wie konzeptuell höre ich deutliche Parallelen – nur wurde das alte Konzept hier anders instrumentiert umgesetzt. Nicht unwesentlichen Anteil hatten (wie bei den meisten Rypdal-Aufnahmen) ECM-Produzent Manfred Eicher und sein genialer Engineer Jan Erik Kongshaug. Die Stimm(ung)en von ,Odyssey‘-Bassist Sveinung Hovensjø und von Posaunist Torbjørn Sunde übernimmt hier Miroslav Vitous, der seinen Kontrabass zupft, streicht, fordert und auch noch Piano-Parts beisteuerte. Und Schlagzeuger Jack DeJohnette agiert energetisch exakt zwischen Svein Christiansen und seinem Nachfolger Jon Christensen. Ja, und den Rest besorgt Terje Rypdal an der E-Gitarre, dem Gitarren-Synthesizer und der Orgel. OK, das ganz tiefe, tragende Rock-Element fehlt hier, aber der alte Gedanke wurde weiterentwickelt – und es durfte auch gefrickelt werden. Das sehr viel prägnanter als bei ,Descendre‘. Ein intensives Album!

TERJE RYPDAL / MIROSLAV VITOUS / JACK DEJOHNETTE: TO BE CONTINUED (1981)
Terje Rypdal: Electric Guitars, Flute
Miroslav Vitous: Acoustic and Electric Bass, Piano
Jack DeJohnette: Drums, Voice
Zweieinhalb Jahre später, im Januar 1981, traf sich diese Supergroup des neuen Jazz noch mal im Studio: Miroslav Vitous, Jack DeJohnette und Terje Rypdal haben teils das Instrumentarium variiert, knüpfen aber ansonsten fast nahtlos das Vorgänger-Album an, nur mit noch mehr Energie. Manchmal denke ich an Bowies ruhige Tracks von ,Heroes‘ und ,Low‘ bei dieser Musik, und eine Produktion von db, Brian Eno und Terje Rypdal wäre sicherlich mehr als nur interessant geworden … Die Vitous-Komposition ,Mountain In The Clouds‘ kommt hier ganz anders als auf dem originalen Album des Bassisten – ihr geht ein bisschen im Hallraum die Luft aus. Aber dann zeigen die Drei, dass sie auch noch rockpulswingend abjagen können – und sich dann wieder kreativ in sphärischen Spielereien verlieren. Faszinierende Musiker.
DAVID DARLING / TERJE RYPDAL: EOS (1983)
David Darling: Cello, 8-String Electric Cello
Terje Rypdal: Guitars, Synthesizer, Casio MT-30
David Darling und Terje Rypdal – wer denkt da nicht an eine sensible Begegnung zweier Feingeister. Das im Mai 1983 in den Osloer Talent Studio eingespielte Album startet aber mit ,Laser‘, einem extrem hektischen Gitarrensolo, mit dem grauenhaftesten Sound, den ich je von Rypdal gehört habe. „Electronic Guitar“ steht in den Liner-Notes, nicht „Electric Guitar“ – womit genau Terje Rypdal damals, in seiner Synth-Phase, den Klang seiner Stratocaster bearbeitet hat, ist mir im Detail nicht bekannt. Es folgt ,Eos‘, das gut 14-minütige Titelstück des Albums, das mit langen sphärischen Cello-Klängen und weiten Räumen startet. Zeitweise ist unklar, welche Instrumente hier die sphärischen Flächen produzieren. Ab der Mitte des Stücks ist dann ein längeres, hymnisches Rypdal-Solo zu hören, mit warmem, fast höhenarmem, nach zurückgestelltem WahWah klingenden Gitarrenton. Und plötzlich ist er wieder weg, verschwunden hinter schwebenden Cello- & Synth-Wolken. Track 3 heißt ,Bedtime Story‘ und ist ein wirklich berührendes Duo der beiden Musiker. ,Light Years‘ ist die einzige Komposition von David Darling auf diesem Album, und ab da scheinen sich die beiden Musiker endgültig gefunden zu haben. Fantastisches Finale: ,Adagietto‘. Tolles Album – vom zweiten bis zum letzten Ton.


TERJE RYPDAL: CHASER (1985)
Terje Rypdal: Guitars, Keyboards
Bjørn Kjellemyr: Acoustic Bass, Electric Bass
Audun Kleive: Drums, Percussion
Keine Frage: Terje Rypdal hatte Van Halen gehört, bevor er dieses Album im Mai 1985 im Rainbow Studio, Oslo aufnahm – zumindest könnte man das beim ersten Track ,Ambiguity‘ vermuten. „Und anschließend Morricone“, flüstert mir das nachfolgende ,Once Upon A Time‘ zu. Es folgt ,Geysir‘, eine rockende Gemeinschafts-Komposition u. / o. -Improvisation von Bassist Bjørn Kjellemyr, Schlagzeuger Audun Kleive und Terje Rypdal. Mit ,A Closer Look‘ geht es dann für knapp fünf Minuten zurück auf den alten, ruhigen Planeten T.R.. Es folgt ,Ornen‘, ein dezenter Country-Trip. Das Titelstück ,Chaser‘ klingt dann wieder sehr nach EVHimself. Aber alles endet ruhig. Sehr ruhig.
TERJE RYPDAL: WORKS (1985)
ECM-Compilation
TERJE RYPDAL & THE CHASERS: BLUE (1986)
Terje Rypdal: Guitars, Keyboards
Bjørn Kjellemyr: Acoustic Bass, Electric Bass
Audun Kleive: Drums, Percussion
In der selben Besetzung wie ,Chaser‘ wurde anderthalb Jahre später, im November 1986, ,Blue‘ eingespielt – mit dem alten Album-Titel als neuen Band-Namen. Weiter in den Vordergrund gerückt zu sein scheint Bjørn Kjellemyr, der an Upright- und E-Bass schöne Melodie-Licks, aber auch jede Menge tragende, drückende Fundamentbausteine beisteuert. Ebenso überzeugen kann das Kollektiv in der Gemeinschaftskomposition ,Kompet Går‘, dem zweiten Album-Track, der gewaltige Energie verströmt, ohne dabei Rypdals Trademarks wegzurocken. Nächstes Highlight dieses großartigen Albums ist ,I Disremember Quite Well‘ mit berührenden, sehr plastischen Basslines vor stehenden Klangflächen von Rypdals Synthesizer. Und dann die gemeinsame Komposition / Improvisation ,Og Hva Synes Vi On Det‘: Was für eine Kombination aus Raum und Klang, von abstraktem Soundscapeing und Emotion, ohne konkret mit Melodie oder Harmonie zu arbeiten! Das passiert dann umso konkreter, intensiver und schöner in ,Last Nite‘ und in ,Blue‘, das aber dann im Mittelteil wirklich seinem Namen folgt und Blues-Licks fordert, um danach wieder zurückzugleiten in eine Welt, die sich die meisten Blues-Songs wohl wünschten …
Den Titel ,Tanga‘ und seine Assoziationen bekomme ich nicht so ganz mit der hier zu hörenden, für Rypdal-Verhältnisse fast schon stramm marschierender Musik zusammen, die sich dann abrupt in sehr eigenwillige, verhallte Gitarren-Licks auflöst. ,On Bare‘ versöhnt genau so abrupt vom ersten Ton an und zieht den Hörer in den Raum, der hier mit mehr Delay-Effekt als sonst angereichert ist, bzw. erst erzeugt wird. Man bekommt das Gefühl in einen Strudel zu geraten, in eine Abwärtsspirale, die langsam aber konsequent alles ins Nichts zieht, immer wieder von kurzen „Orchestra Hits“ gestört – die Erinnerung an ,Owner Of A Lonely Heart‘, von Yes und Produzent Trevor Horn 1983 eingespielt, bleibt verkraftbar.

TERJE RYPDAL & THE CHASERS THE SINGLES COLLECTION (1988)
Terje Rypdal: Guitars
Bjørn Kjellemyr: Acoustic Bass, Electric Bass
Audun Kleive: Drums, Percussion
Allan Dangerfield: Keyboards, Synclavier
Das schon auf zwei Chasers-Alben bewährte Team von Bassist Bjørn Kjellemyr, Drummer Audun Kleive und Gitarrist Terje Rypdal wird im August 1988 ergänzt von Allan Dangerfield. Ist letzterer dafür verantwortlich, dass hier die musikalische Grundstimmung sehr viel positiver ist? Positiver, nicht unbedingt intensiver. So klingt der erste Titel ,There Is A Hot Lady In My Bedroom And I Need A Drink‘ wie ein Mix aus 80s Rock-Pop-Mainstream und Bobby Womack’s ,Breezin’‘ – jedenfalls wird dieses Melodiefragment mehrfach von E-Gitarre und Bass aufgegriffen. Und auch der Album-Titel ist natürlich eine witzige Anspielung, eventuell auf den CD-Best-Of-Reissue-Wahn dieser Zeit. Natürlich gab es keine Singles von The Chasers. Aber vielleicht waren die versammelten Herren ja selbst Singles …
Track 2 heißt ,Sprøtt‘ und rockt 4:33 Minuten technoid vor sich hin, kontrastiert von einer sehr konventionellen Hammond-Einlage und einem Rock’n’Roll-Gitarrensolo, wieder mit dezentem Eddie-van-Halen-Touch. ,Mystery Man‘ startet ganz ruhig, erinnert etwas an ,A Whiter Shade Of Pale‘. Es folgen zwei rockige Kompositionen von Keyboarder Allan Dangerfield, das kryptische ,U.’N.I.‘ von Rypdal, dann mit ,Coyote‘ noch ein Rocker von Dangerfield, der sich in wirklich schöne Sphären auflöst, mit einem gestrichenen Bass. Es folgen drei Rypdal-Tracks: ,Somehow, Somewhere‘ hat mal wieder eine soft-surfig-twangige Clean-Gitarre im Vordergrund, vielleicht eine Reminiszenz an Rypdals erste Instrumental-Bands. ,Steady‘ jazzrockt dann wieder sehr mechanisch über einem stoischen Bass-Lick, über das Rypdal dann ein Solo schraubt, das sich erst nach Holdsworth-Ambitionen anhört, dann aber eine Wendung nimmt. Terje! Der hymnische ,Crooner Song‘ beschließt dieses Album , mit einem typischen Gitarrensolo über dem 80s-Fusion-mäßigen Knarz-Bass, der hier extrem verhallt im Raum wabert. Keine Frage, dass Terje Rypdal spätestens mit The Chasers, als Erfinder des 3D-Jazz gelten muss. Diese Band bleibt eine großartige Episode in seinem Schaffen.
TERJE RYPDAL: UNDISONUS FOR VIOLIN AND ORCHESTRA; INEO FOR CHOIR AND CHAMBER ORCHESTRA (1990)
Rypdal in seiner E-Musik-Phase. Wahrscheinlich hat er sich während seiner ganzen Karriere auch mit Kompositionen für klassische Ensembles und Orchester befasst – jetzt ist er in der Lage, diese Musik auch zu produzieren. Bei diesen beiden orchestralen Werken – Undisonus (Op. 23) For Violin and Orchestra (entstanden 1979-1981) wurde im September 1986 in der St. Peter’s Church, Morden, London mit dem Royal Philharmonic Orchestra und Violinist Terje Tønnesen eingespielt, Ineo (Op. 29) For Choir and Chamber Orchestra (von 1983) im November 1987 im Rainbow Studio, Oslo, mit The Rainbow Orchestra und den Grex Vocalis Choir – ist Terje Rypdal nur als Komponist und Recording Supervisor zu erleben.


TERJE RYPDAL: Q.E.D. (1993)
Q.E.D. ,Quod Erat Demonstrandum Opus 52 for electric guitar, flute, clarinet, bassoon, 2 french horns, piccolo trumpet, 2 violins, 2 violas, 2 celli, fretless bass / contrabass, gran cassa‘ – was für ein Titel! – und ,Largo Opus 55 for electric guitar, string ensemble and gran cassa‘ wurden im August und Dezember 1991 im Rainbow Studio aufgenommen. Neben Terje Rypdal (g) und Bjørn Kjellemyr (b) ist hier das Borealis Ensemble mit Strings, Brass & Woodwinds dominant.
RYPDAL & TEKRØ: THE RADIOSONG (1994)
Terje Rypdal: Guitar, Keyboards
Ronni Le Tekrø: Guitar, Vocals, Keyboards
Dag Stokke: Keyboards
Morty Black Skaget: Bass
Audun Kleive: Drums
Eine ganz schräge Fusion aus weirden Metal-Gitarren, wildem Shredding, Free-Jazz-Rock und avantgardistischem Progressive-Sound. Und zack, folgt darauf eine melodische Pop-Fusion-Nummer. Und dann eine Ballade im eigentlich unnachahmlichen Ricky-King-Stil, die zu einem satrianischen Begattungs-Soundtrack mutiert. Sehr bunte Mischung, in der aber selbst die etwas nach Rypdal klingenden Tracks nicht wirklich nach Rypdal klingen, weil die Atmosphäre fehlt, die Sound-Zutaten zeitgeistig nach Pop-Keyboard tönen und die Gitarre sägt. Aber wer weiß: Irgendwann werde ich vielleicht auch dieses Album lieben. ;-) Das Foto im CD-Booklet mit zwei ganz böse dreinblickenden Gitarrenjungs zeigt, dass Terje Rypdal und Ronni Le Tekrø ihr gemeinsames Projekt nicht nur ernst gemeint haben.
JOHN SURMAN / KARIN KROG / TERJE RYPDAL / VIGLEIK STORAAS: NORDIC QUARTET (1995)
Karin Krog: Vocals
Terje Rypdal: Guitar
Vigleik Storaas: Piano
John Surman: Clarinets, Saxophones
Recorded August 1994
Nach ,Traces‘, einem Opener mit Sprechstimme an Gitarrensolo, beruhigt sich das Ganze etwas – und man erkennt das Duo Terje Rypdal und Karin Krog, und dann kommen auch noch Pianist Vigleik Storaas und Saxophonist John Surman dazu.
Aber dann: Was für warme, prägnante Stimmen! Irgendwie sind Karin Krog (voc) und John Surman (ss, bs, cl, b-cl) seelenverwandt, denke ich beim Hören ihres Duos ,Unwritten Letter‘. Sehr gefühlvoll bringt sich Terje Rypdal im nachfolgenden Track 3 ,Offshore Piper‘ ins Spiel, jetzt als nächster Duo-Partner von Surman. Es folgt mit ,Gone To The Dogs‘ eine merkwürdige Nummer, mit einer Velvet-Underground-Rhythmusgitarre, an Jan Garbarek erinnernde Saxophonlinien, ein gut gelauntes Harmonie-Piano – da wartet man nur noch, dass gleich Pat Metheny mit einem Schönheitssolo um die Ecke kommt.
TERJE RYPDAL: IF MOUNTAINS COULD SING (1995)
Terje Rypdal: Electric Guitar
Bjørn Kjellemyr: Bass
Audun Kleive: Drums, Percussion
Øystein Birkeland: Cello
Lars Anders Tomter: Viola
Terje Tønnesen: Violin
Interessante Besetzung: Der klassisch ambitionierte Komponist Rypdal auf dem Weg zurück zum Band-Musiker. Extrem gut gelaunt und harmonisch beginnt dieses Album mit ,The Return Of Per Ulv‘, um dann nach 5:01 Minuten ins absolut düstere ,It’s In The Air‘ abzustürzen, gefolgt von dem Feature für die String-Section, ,But On The Other Hand‘, das dann in der Mitte des Stückes zu einem bedrohlichen, minimalistischen Soundtrack mit drückenden Basstönen mutiert. Typisch Rypdal-elegisch der Titel-Track ,If Mountains Could Sing‘, gefolgt von einem orchestralen Monster mit Rock-Gitarre und wildem Schlagzeug: Bei ,Private Eye‘ weiß man wirklich in keinem Moment, wo der Zug hinfährt. Es geht nahtlos weiter ins extrem ruhige ,Foran Peisen‘ mit einem sehr zurückgenommenen Bass-Solo von Bjørn Kjellemyr. ,Dancing Without Reindeers‘ lässt dann alle bisher genannten Stimmungen zusammenkommen – das kammermusikalische, gut gelaunte, rockige – um dann in Track 8 ,One For The Roadrunner‘ wieder bedrückende Abgründe zu malen, mit elektronisch verfremdeter Ringmodulator-E-Gitarre. Und schon folgt der extreme harmonische, fast idyllische Kontrast mit ,Blue Angel‘, das mit seiner verhallten Snare-Drum und der Mike-Oldfield-Melodie schon kitschkompatibel ist. Was für eine Berg-und-Talfahrt! In ,Genie‘ wird mir dann klar, dass dies hier ganz klar Bassist Bjørn Kjellemyr ist, der die Tracks von ,If Mountains Could Sing‘ zusammenhält – so auch im Finale ,Lonesome Guitar‘, das er wunderbar trägt. Darüber die cleane Slow-Surfer-Strat des Terje R., die mit ganz wenigen Tönen Atmosphäre zaubert, dann geht er in die Verzerrung und zelebriert noch mal ein zurückhaltendes, berührendes Solo in den höchsten Lagen. ,Lonesome Guitar‘ ist das stärkste und am intensivsten gelungene Stück dieses auf mich etwas zerrissen wirkenden Albums mit Aufnahmen von Januar und Juni 1994.


TERJE RYPDAL: SKYWARDS (1996)
Terje Rypdal: Guitar, Flute
Terje Tønnesen: Violin
Paolo Vinaccia: Drums, Percussion
Christian Eggen; Keyboards, Piano
Jon Christensen: Drums
David Darling: Cello
Palle Mikkelborg: Trumpet, Flugelhorn
Mit ,Skywards‘ kam Terje Rypdal sowohl der E-Musik als auch einer Art von folkloristischem Schönklang noch näher als dem Himmel. Zwischendurch blitzen seine gitarristischen Stärken durch, insbesondere in der 15-minütigen Sinfonietta ,Out Of This World‘, die aus Solo-Features von Trompete, Gitarre und Klavier bestehen, nur rudimentär begleitet von Schlagzeug und / oder Keyboard-Klangflächen. Irgendwie wirken viele Parts dieses Albums unorganisch und editiert, man hört mehr Collage als Interaktion. Auch das hat seinen Reiz, die Musik kommt aber dadurch nicht so richtig in die Gänge, da fließt nichts. Wie bei so manchem Neue-Musik-Konzert, wo auch nur der Pausen-Sekt fließt. Beziehungsstatus der Stücke untereinander / zueinander: Es ist kompliziert.


RYPDAL & TEKRO: II (1998)
Terje Rypdal: Guitar
Ronni Le Tekrø: Guitar, Vocals
Dag Stokke: Keyboards
Morty Black Skaget: Bass
Audun Kleive: Drums
Steinar Krokstad: Drums
Etwas gereifter und irgendwie ernster als bei der Spaß-Compilation ,Rypdal & Tekro‘ kommen die beiden Herrn hier rüber. Aber nur passagenweise, denn dann ergehen sie sich wieder in so darken Death-Metal-Massakern, die einem das Grinsen ins Gesicht zwingen. Genau so wie diverse Elektrobeatz und die von Michael Cretu und Sandra ausgeliehenen Keyboard-Sounds, die hier aber noch nicht mal enigmatisch klingen sondern eher als Einschläferungs-O.S.T. fürs ZDF-Nachtprogramm taugen. Andererseits zeigen Terje und Ronni auch auf ,II‘ immer wieder, dass sie tolle Gitarristen sind – ganz gleich ob sie schmaltzen oder thrashen. So gesehen bzw. gehört: ein wirklich verrücktes Album! Sympathisierendes Kopfschütteln.
KETIL BJØRNSTAD / JON CHRISTENSEN / DAVID DARLING / TERJE RYPDAL: THE SEA II (1998)
Ketil Bjørnstad: Piano
David Darling: Cello
Jon Christensen: Drums
Terje Rypdal: Guitar
Recorded December 1996 Rainbow Studio, Oslo
Das Quartett des Pianisten Ketil Bjørnstad mit dem Cellisten David Darling, dem Gitarristen Terje Rypdal und dem Schlagzeuger Jon Christensen ist fast schon ein Stereotyp einer ECM-Veröffentlichung. Seine zehn Eigenkompositionen vermitteln durchweg eine introspektive und meist düstere Stimmung, ihre Themen sind weniger wichtig als die Atmosphäre, die sie schaffen, und die einzelnen Soli der Musiker sind weniger bedeutend als der Ensembleklang. Die allgemeine Stimmung ist etwas einschläfernd und die Entwicklung von Song zu Song recht langsam, obwohl es ein paar feurige und rockige Soli von Gitarrist Rypdal gibt. Insgesamt gibt es jedoch wenig auf diesem gut gespielten Album, das über das Niveau von anregender Hintergrundmusik hinausgeht.


TERJE RYPDAL: DOUBLE CONCERTO: 5TH SYMPHONY (2000)
Normunds Šnē: Conductor
Riga Festival Orchestra
Ronni Le Tekrø: Electric Guitar
Terje Rypdal: Electric Guitar
Aufnahmen vom Juni und August 1998
,Double Concerto / 5th Symphony‘ (ecm) sind zwei orchestrale Werke, eingespielt vom Riga Festival Orchestra, mit Terje Rypdal und Ronni Le Tekro (von der Heavy-Band TNT) an den zerrenden E-Gitarren. Rypdals neo-impressionistischer Ansatz hat die größte Ausdruckskraft, wenn seine traurige Gitarre in ruhigen Passagen nur von tiefklingenden Streicher / Bläser-Flächen kontrastiert wird. Irre Sounds, packende Dynamik und nur gelegentliche, etwas nervig geratene Uptempo-Passagen, bestimmen die Musik des größten europäischen Klangmalers, dessen gitarristische Wurzeln irgendwo zwischen Jimmy Page, Wes Montgomery und Jimi Hendrix liegen.
ARILD ANDERSEN / PATRICE HÉRAL / TERJE RYPDAL / MARKUS STOCKHAUSEN: KARTA (2001)
Markus Stockhausen: Trumpet, Flugelhorn
Arild Andersen: Double Bass
Patrice Héral: Drums, Percussion, Live Electronic
Terje Rypdal: Electric Guitar
Markus Stockhausen hat für diese Aufnahme sein Live-Trio mit Bassist Arild Andersen und Drummer Patrice Héral um Terje Rypdal erweitert – die meisten Kompositionen entstanden gemeinsam. Der Mitschnitt vom Dezember 1999 aus dem Osloer Rainbow Studio lebt sehr stark von den extrem nah aufgenommenen Basslines Arild Andersens, die dieser Musik Tiefe und Substanz geben. Markus Stockhausens instrumentale Zurückhaltung wird von Rypdals verzerrten Gitarren-Melodien kontrastiert, die oft wirken, als hätte er sie später unter die Musik des Trios gelegt. So wirklich nahe kommen sich die Beteiligten bei dieser Aufnahme nicht. „Karta“, ein Wort aus dem Sanskrit, bedeutet „höhere Macht“. Machen wir die mal dafür verantwortlich.
TERJE RYPDAL: SELECTED RECORDINGS (2002)
ECM-Compilation
RYPDAL & TEKRØ: THE RADIO SONG (2002)
Terje Rypdal: Guitar, Keyboards
Ronni Le Tekrø: Guitar, Vocals, Keyboards
Dag Stokke: Keyboards
Morty Black Skaget: Bass
Audun Kleive: Drums
Das dritte gemeinsame Werk von Rypdal & Tekro. ,The Radio Song‘ ist das einzige Rypdal-Album, das mir bisher noch nicht in die Hände gefallen ist. Es wird mittlerweile für 65 Euro angeboten. Und was ich auf Open-Spotify davon gehört habe, variiert zwischen Elektropop mit gepitchten oder Autotune-Vocals, sphärischen Jam-Nummern, abgedrehten Instrumentals mit Beatles-Flair und Piano-Songs und -Melodien mit denen man Omis verzaubern kann. Und dass der hörspielartige Metal-Kracher am Ende des Albums ,Countryman‘ heißt und nach einer knallharten Minute dann doch noch ein paar Fingerpicking-Gitarren ins Klangbild wirft, passt zu diesem Album wie zu den beiden Vorgängern von 1994 und ’98. Mir gefallen die beiden schrägen Herrn immer besser.
TERJE RYPDAL: LUX AETERNA (2003)
Bergen Chamber Ensemble
Kjell Seim: Conductor
Åshild Stubø Gundersen: Vocal
Iver Kleive: Organ
Ivar Kolve: Percussion
Palle Mikkelborg: Trumpet
Terje Rypdal: Guitar
Dieser Mitschnitt von Rypdal, Mikkelborg & Co. mit dem 18-köpfigen Bergen Chamber Ensemble entstand bereits am 19. Juli 2000 beim Molde-Jazz-Festival. Das fünfsätzige ,Lux Aeterna‘ ist inspiriert von György Ligetis gleichnamigem Werk, war aber auch eine Auftragskomposition des Molde-Festivals zur Einweihung der neuen Orgel der örtlichen Domkirke. Das klingende Resultat ist eine oft romantisch-impressionistische Streicherlandschaft, kontrastiert von wuchtigen Orgeleinsätzen, über denen Rypdals Gitarre, die sehr zurückgenommene Trompete von Palle Mikkelborg und die Sopranstimme von Åshild Stubø Gundersen solieren. Schöne, meist ruhige Musik zwischen Klassik und Jazz, mit ganz viel Raum.


TERJE RYPDAL: VOSSABRYGG (2006)
Terje Rypdal: Electric Guitar
Jon Christensen: Drums
Paolo Vinaccia: Drums, Percussion
Bjørn Kjellemyr: Bass
Palle Mikkelborg: Trumpet
Ståle Storløkken: Organ, E-Piano, Synthesizer
Bugge Wesseltoft: Electric Piano, Synthesizer
Marius Rypdal: Electronics, Sampler, Turntables
,Vossabrygg op. 84′ lautet der komplette Album-Titel, zu lesen auf der Rückseite dieser 2006 erschienenen CD, deren Live-Aufnahme bereits am 12. April 2003 beim Vossa Jazz Festival in Norwegen stattfand. Was für ein Line-up! Musiker aus drei Generationen haben hier zusammengefunden. Terje Rypdals Sohn Marius hat für dieses Projekt von Miles Davis‘ ,Bitches Brew‘ so einiges gesamplet, und der hier zu hörende dänischen Trompeter und Komponist Palle Mikkelborg hat sogar mit Davis 1985 an dessen Album ,Aura‘ gearbeitet. Und zwei Drummer, zwei Keyboarder und eine zwischen Jazz und Funk rockende E-Gitarre – das alles hat schon einiges von dem Flair, mit dem Miles ab August 1969 die Welt veränderte. Aber auch typische skandinavische Jazz-Soundscapes sind hier zu erleben. Ein spannendes Album, das durch die geschickte Verknüpfung von überwiegend gelungenen Samples, Electro-Beats und handgemachten Sounds und Grooves, ein absolut vielschichtiges, räumliches Erlebnis ist.
TRILOK GURTU / TERJE RYPDAL / MIROSLAV VITOUS: LIVE IN CONCERT (2006)
Trilok Gurtu: Percussion
Terje Rypda: Guitar
Miroslav Vitous: Bass
Die auf dieser DVD zu sehenden Live-Aufnahmen vom 26. Juni 1994 wurden auch schon mal als ,Live from Jazz Open Stuttgart 1994‘ etc. veröffentlicht. Eine interessante Aufnahme mit einem sehr konzentriert wirkenden Gitarristen und dem wunderbaren zweiten Lead-Player am Kontrabass: Miroslav Vitous ist einfach einer der weltbesten Bassisten und ein ganz großer Melodienerfinder. Dass die beiden mit dem indischen Percussionisten Trilok Gurtu einen weiteren beeindruckenden Solisten am Start haben, macht die Musik bunter und lebendiger. Hier dominiert dann aber oft das Nebeneinander, und in Zusammenhang anderer Aufnahmen dieser Zeit, hätte ich mir Keyboarder Ståle Storløkken dazu gewünscht. Da mein Leben mit Terje Rypdal aber nun mal nie ein Wunschkonzert war sondern immer eine Überraschungs-Party, genieße ich hier die Möglichkeit, drei großen Musikern und Improvisatoren auf die Finger zu gucken. Sehr eigenwillig ist die boppende Version von Vitous‘ Klassiker ,Mountain In The Clouds‘ ausgefallen, in dem alle Beteiligten in Höchstgeschwindigkeit pulsieren. Der Track ist auf der DVD als ,Mountains‘ gelistet, der anschließende sechste Titel heißt ,Clouds In The Mountain‘.
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KETIL BJØRNSTAD / TERJE RYPDAL: LIFE IN LEIPZIG (2006)
Ketil Bjørnstad: Piano
Terje Rypdal: Guitar
Die beiden Musiker haben schon in verschiedenen Besetzungen Alben eingespielt, ,Life In Leipzig‘ ist ihr Duo-Debüt. Der Konzertmitschnitt vom 14. Oktober entstand bei einem Auftritt im Rahmen der Leipziger Jazztage. Ketil Bjørnstad und Terje Rypdal spielen hier einige Neuinterpretationen von Stücken der gemeinsamen Alben ,The Sea‘, ,Water Stories‘ sowie Tracks von Rypdals ,If Mountains Could Song‘ und ,Skywards‘.


BERGEN BIG BAND / TERJE RYPDAL: CRIME SCENE (2010)
Bergen Big Band
Olav Dale: Conductor
Terje Rypdal: Electric Guitar
Palle Mikkelborg: Trumpet
Paolo Vinaccia: Drums, Percussion
Ståle Storløkken: Organ
Was für ein Kraftpaket liefert dieser Konzertmitschnitt vom Mai 2009 vom Nattjazz-Festival in Bergen! Sprach-Samples, düstere Holzbläser, die Bergen Big Band baut einen bedrohlich Wall of Sound auf, das Ensemble steigert sich in eine freejazzige Kollektiv-Improvisation und dann bricht die Gitarre aus, rifft rockt, slidet geradezu bluesig. Danach übernimmt Ståle Storløkken Hammond die Führung und einen Track weiter liefert Palle Mikkelborg Miles‘ Mood & more …. Ein überraschend spannendes Album, von dem man sich ein Live-Video wünscht. Denn da muss was abgegangen sein auf der dicht besiedelten Bühne. Großartig!
TERJE RYPDAL: ODYSSEY IN STUDIO & CONCERT (2012)
Mehr zu diesem Album weiter unten.


TERJE RYPDAL: MELODIC WARRIOR (2013)
Terje Rypdal: Electric Guitar
The Hilliard Ensemble
Bruckner Orchester Linz
Dennis Russell Davies: Conductor
Wrocław Philharmonic Orchestra
Sebastian Perłowski: Conductor
Bis hier hin ist klar: Der norwegische Gitarrist und Klangmaler Terje Rypdal ist einer der wenigen europäischen Jazz-Musiker, die absolut eigenständig den Rest der Welt beeindrucken konnten. Seine Grenzgänge vom Sixties-Rock bis zur E-Musik-Avantgarde – mittendrin immer wieder diese klagende, verzerrte Lead-Gitarre – waren nie so angelegt, um Popstar zu werden oder Cocktail-Inhalationen in der V.I.P.-Lounge zu beschallen. Rypdal war immer Rypdal. Und er bleibt es: Das Titelstück ,Melodic Warrior‘ ist ein 45-minütiger harter Brocken, interpretiert vom Hilliard-Vokal-Ensemble und dem Bruckner-Orchester, aufgenommen bereits 2003. Die letzte knappe halbe Stunde des Albums heißt ,And The Sky Was Coloured With Waterfalls And Angels‘ (produziert 2009) und featured den Gitarristen Rypdal vor klassischem Orchester: rein instrumental, sphärische Musik ohne Beats, die sich in großen Räumen und Soundscapes im besten Sinne verspielt. Eindeutig der Pluspunkt dieses Live-Albums.
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TERJE RYPDAL: CONSPIRACY (2020)
Terje Rypdal: Electric Guitar
Ståle Storløkken: Keyboards
Endre Hareide Hallre: Fretless Bass, Fender Precision
Pål Thowsen: Drums & Percussion
Nach vielen Jahren endlich wieder ein Studio-Album von Terje Rypdal! Und das auch noch in großartiger Besetzung: Keyboarder Ståle Storløkken kennt man schon von ,Vossabrygg‘ und ,Crime Scene‘, Drummer Pål Thowsen ist wieder dabei und der junge E-Bassist Endre Hareide Hallre ist eine Entdeckung. ,Conspiracy‘ wurde im Osloer Rainbow Studio aufgenommen und von Manfred Eicher und Terje Rypdal produziert. Diese bisher letzte Rypdal-CD ,Conspiracy‘ wird vielen Fans von ,Odyssey‘ sehr gut gefallen, vermute ich mal. Denn die Musik ist eine Art Homecoming, mit etwas weniger Schärfe und Dynamik, dafür aber mit mehr Erfahrung und Gelassenheit und vielleicht auch mit dem gefundenen Frieden eines langen Lebens. Keine Angst, es geht hier auch noch gelegentlich HiEnergy-mäßig ganz schräg ab!
Obwohl ich seit Jahrhunderten Fan des norwegischen Gitarristen und Klangmalers Terje Rypdal (73) bin, hat mich nicht jede seiner Produktionen gleich beeindruckt. Der E-Gitarrist mit dem singenden Ton vor sphärischen Sounds hat die perfekte Balance zwischen individueller Handschrift und künstlerischer Bandbreite gefunden; in seiner umfangreichen Discografie gibt es eine Menge zu entdecken, vom jazzigen Rock-Trio bis zum großorchestralen E-Musik-Projekt. Rypdals Doppel-LP ,Odyssey‘ von 1975 (sie war bereits seine sechste Veröffentlichung) hat bis heute unerreichbaren Kultstatus, sowohl was den europäischen Jazz angeht, als auch in punkto Gitarrenspiel – denn das ist einzigartig. Ob ich wollte oder nicht, habe ich Terje Rypdal dann immer wieder an diesem Meisterwerk mit seinen vielen hypnotischen Momenten, schrägen Sounds und cool jazzrockenden Grooves gemessen. Die neue Rypdal-CD wird vielen Fans von ,Odyssey‘ sehr gut gefallen, vermute ich mal. Diese Musik ist aber kein neuer Aufguss des alten Tees, sondern eher so eine Art Homecoming, mit etwas weniger Schärfe, dafür aber mit mehr gelassener Erfahrung und vielleicht auch dem Frieden eines langen Lebens. Keine Angst, es geht hier auch noch gelegentlich HiEnergy-mäßig ganz schräg ab! Mit dabei waren Keyboarder Ståle Storløkken (der bereits an den Alben ,Vossabrygg‘ und ,Crime Scene‘ mitgearbeitet hat), Drummer Pål Thowsen und der großartige Bassist Endre Hareide Hallre. ,Conspiracy‘, eingespielt im RainbowStudio in Oslo, wurde von Rypdal und ECM-Label-Chef Manfred Eicher produziert. Letzterem ein großes Dankeschön für 50 Jahre einzigartige Musik, die die Jazz-Welt von Europa aus bereichert und mitgeprägt hat. Mit Terje Rypdal und ,Conspiracy‘ ist Eicher einmal mehr ein weiteres, wunderbares Album gelungen.


ELEPHANT9 WITH TERJE RYPDAL: CATCHING FIRE (2024)
Ståle Storløkken: Keyboards
Nikolai Hængsle: Bass
Torstein Lofthus: Drums
Terje Rypdal: Electric Guitar
Elephant9 – das klingt weder nach Norwegen, noch nach einem Mix aus Progressive-, Psychedelic- und Jazz-Rock. Und nein, die 2006 in Oslo als „Storløkken / Eilertsen / Lofthus“ geründete Band, die erst ein Jahr später auf den Elefanten kam, hat auch kein wirklich neues Werk veröffentlicht. Denn die sechs Tracks von Catching Fire basieren auf dem Live-Mitschnitt eines Konzerts, das bereits am 20. Januar 2017 stattfand. Und dabei trafen Keyboarder Ståle Storløkken, Bassist Nikolai Hængsle und Drummer Torstein Lofthus auf den legendären Gitarristen Terje Rypdal (* 1947), einen Klangmaler des skandinavischen ECM-Sounds, der den Blues des europäischen Nordens, zwischen E-Musik und Euro-Jazz, zum Klingen gebracht hat wie kein anderer.
Ein Album mit Terje Rypdal war in der Vergangenheit auch irgendwie immer ein Rypdal-Album. Und so werden direkt im ersten Track „I Cover The Mountain Top“ (22:18) Erinnerungen an dessen Opus magnum Odyssey (1975) geweckt. Diese schreiend, verzerrte E-Gitarre über sphärischen Keyboard-Flächen, diese langen Entwicklungen von Dynamik, Groove, Intensität und auch diese Stimmung zwischen Dur und Moll, zwischen Sonnenuntergang und Nacht, ist einzigartig. Aber plötzlich explodiert diese Band kurz, klingt als wären Emerson Lake & Palmer im 21. Jahrhundert angekommen, um dann nach einer Minute wieder zurückzufallen in Rypdals blaue Welt. Der Gitarrist schaltet sich dann im letzten Drittel noch mal ein, mit einem krachenden, rockigen Solo.
Auch der riffig weiter rockende zweite Album-Track, „Dodovoodoo“ ist mit 21:28 Minuten jenseits von Radiotauglichkeit und Spotify-Erfolgsrezepten angelegt – insgesamt sind auf diesem Album über 80 Minuten Musik zu hören. Sehr dominant sind Ståle Storløkkens Instrumentalbeiträge, die, dank röhrender Hammond-Orgel, mal krachendem, dann wieder glockigem Fender-Rhodes-E-Piano und dem Sampler der 1960er-Jahre, dem Mellotron, tief in der Urgeschichte der progressiven Rock- und Jazz-Rock-Musik verwurzelt sind. Rypdal rockt auch hier wieder bizarr, Blood-Ulmert sich durch seinen Solo-Part, ohne dass ihm dabei wirklich magische Momente gelingen. Seine Welt ist eher die der hypnotischen als der ganz harten Grooves – und erst das gut zehnminütige „Fugl Fønix“ kommt ihm da noch mal entgegen: Hier kann Rypdal sein melodisches Potenzial noch mal in Ansätzen zeigen. „Skink“, das letzte Stück dieses Albums, ist eine wirklich klassische, extrem treibende Jazz-Rock-Nummer, ganz im Stil von Billy Cobhams Aufnahmen der 1970er-Jahre. Nach einem Break und einem Solo-Duell zwischen Knatterbass und verzerrtem E-Piano, kommt dann auch Terje Rypdal noch mal mit ein paar ebenfalls extrem verzerrten Riffs und Akkorden ins Spiel. Das Publikum der Live-Aufnahme applaudiert, eine rockige Jam-Session ist zu Ende. OK, ein Album mit Terje ist nicht immer ein Rypdal-Album. Aber Spaß macht es trotzdem.
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TERJE RYPDALS MEISTERWERK: ODYSSEY
TERJE RYPDAL: ODYSSEY (1975)
Brynjulf Blix: Organ
Svein Christiansen: Drums,
Sveinung Hovensjø: 6-String Bass, Bass,
Terje Rypdal: Guitar, Sopran-Sax, String Ensemble
Torbjørn Sunde: Trombone
Wer sich mit der Musik dieses außergewöhnlichen Gitarristen befassen möchte, kommt an ,Odyssey‘ nicht vorbei – dieses Album ist auch ein guter Einstieg. Seine ultratiefen, chilligen Bass-Grooves, die düstere aber nie hoffnungslose Atmosphäre dieser Musik und natürlich die abgefahrenen Gitarren-Spots von Rypdal sind einzigartig – auch knapp vierzig Jahre nach der Entstehung dieser Musik zwischen Jazz und Rock. Weiter zu empfehlen sind das ECM-Debüt ,Terje Rypdal‘ (1971), ,What Comes After‘ und ,Whenever I Seem To Be Far Away‘ (1974), ,After The Rain‘ (1976) und ,Waves‘ (1978).
Gitarren-Soundscapes und Northern-Blues-Tristesse konnte noch nie jemand besser umsetzen als Terje Rypdal, dieser derb wirkende, aber scheue, unsichere Mensch. Befragt nach seinem eigenen Lieblings-Album meinte er mal: „ … es ist eher so, dass ich rückblickend zwei oder drei Stücke auf jedem meiner Alben mag, und ein paar andere hätte man vielleicht besser machen können.“ Der Künstler hat nicht immer Recht.

Die Aufnahmen zu dieser legendäre Doppel-LP wurde im August 1975 im Arne Bendiksen Studio, Oslo, eingespielt – diesmal also an mehr als zwei Tagen. Das dunkle, blau-schwarze Cover hat mich von Anfang an fasziniert: Ein lächelnder Terje Rypdal sitzt im geöffneten Heck eines Vans, der damals 28-jährige Musiker in weiter Schlaghose hat eine dunkle Jacke an und eine Gitarre umgehängt. Was auf den ersten Blick wie eine Fender Stratocaster aussieht ist ein Fender Bass VI. Die Odyssee konnte beginnen.
Was so ein Album-Meilenstein oder das Meisterstück eines Musikers oder einer Musikerin ist und was nicht, bleibt natürlich Geschmackssache. Bei Alben von Stevie Ray Vaughan, Jimi Hendrix oder Cream, wird wahrscheinlich jeder Rock-Fan den Klassiker-Status bewilligen, ebenso wie der Jazzer bei einigen frühen Glanzleistungen von Wes Montgomery oder der Vielton-Fetischist bei jedem Allan-Holdsworth- oder Steve-Vai-Produkt. Aber da gibt es noch die berühmten Alben aus der zweiten Reihe: John Scofields sensationelle frühe Enja-Aufnahmen ,Live‘ und ,Rough House‘, ,Live At Fillmore‘ von der Allman Brothers Band oder Bowies grandioses ,David Live‘ mit Earl Slick an der Gitarre sind allesamt Dauer-Empfehlungen und immer eine (Wieder-)Entdeckung wert.
Dann gibt es auch noch Musiker, die weniger bekannt sind, deren Output aber mehr bewegt hat, als viele glauben, wissen, denken. Und genau so wie auf Velvet Undergrounds legendärem Bananen-Album von 1966 der halbe Alternative-Rock der nachfolgenden Dekaden skizziert wurde, hat ein Gitarrist aus Norwegen bereits Anfang der 70er Jahre den Grundstein für den später so aktuellen und beliebten skandinavischen Electric Jazz gelegt. Bugge Wesseltoft, Eivind Aarset, Nils Petter Molvaer – sie alle haben ganz sicher mal die Musik des Gitarristen Terje Rypdal gehört.
Sein grandioses Album ,Odyssey‘ erschien 1975 als DoLP beim deutschen Kult-Label ECM – da startete u. a. auch Pat Metheny seine Weltkarrierer. Terje Rypdal blieb dagegen mehr oder weniger ein kultiger Geheim-Tipp, obwohl die Musik von ,Odyssey‘ damals relativ oft in Dokumentationen und Fernsehspielen zu hören war, immer dann, wenn es darum ging, Sehnsucht, Einsamkeit, Traumwelten und Mysterien musikalisch zu untermalen.
Rypdal, 1947 in Oslo, Norwegen, geboren, spielte bereits 1968 sein erstes Album ,Bleak House‘ ein (wiederveröffntlicht 1999 bei Polydor); da klang er noch wie ein britischer Jazz-Blues-Rocker, der die Shadows, Peter Green und Wes Montgomery kannte, und sich an Jimi Hendrix, der später ein wichtiger Einfluss werden sollte, noch nicht so recht rantraute. Aber duchaus an Free-Jazz-Elemente und –Improvisationen. Nur gelegentlich blitzte da schon eine sehr eigene Handschrift durch. Später kam der ausgebildete Pianist in Kontakt mit dem „Lydian chromatic concept of tonal organization“, der Kompositionstheorie des Amerikaners George Russell, und mit Manfred Eichers Label ECM, für das er seit 1972 aufnimmt.

,Odyssey‘ heißt nicht nur Rypdals bahnbrechendes sechstes ECM-Album, so hieß auch die 1972 gegründete Band des Gitarristen. 1975 gehörten neben Rypdal (guitar, string ensemble, soprano sax) noch Torbjørn Sunde (trombone), Brynjulf Blix (organ), Svein Christiansen (drums) und der fantastische Sveinung Hovensjø am „6 & 4 string fender bass“ zur Band. Der legte eigentlich über weite Strecken den Grundstein für Rypdals Musik: Der bestand oft nur aus einem einfachen, tiefen, prägnanten Lick, das sich bis zu 25 Minuten lang wiederholte – und das mit geradezu hypnotischer Wirkung. Oder aber aus verzerrten Lead-Bass-Melodien, ganz weit vorne im Klangbild. Dazu kamen ein sehr sensibel den Beat umspielendes Schlagzeug, eine sphärisch verfremdete Orgel, und kraftvolle Linien von Posaunist Sunde. Gitarrist Terje Rypdal steht im Fall von ,Odyssey‘ eigentlich nicht permanent plakativ im Vordergrund – da spielt die Atmosphäre. Sein akkordisches Spiel mit teils schrägen Quart-Voicings ist vordergründig unaufdringlich, Band-dienlich – dabei aber unheimlich kraft- und stimmungsvoll.
Und wenn er als Solist zu hören ist, dann meist als Singlenote-Lead-Spieler mit verzerrtem Ton, WahWah, etwas Raumeffekt. Rypdal spielt unglaublich schöne, traurige Melodien, oft mit eingefadeten Tönen (Violining) und eigenwilliger Rauhheit und Dramatik. Und wo manche Licks fast unbeholfen und etwas steif klingen, überrascht immer wieder die Unberechenbarkeit dieses Gitarristen, der, wenn es sein muss, auch schnellere Tempi beherrscht und Mahavishnu-mäßig nach Öl bohren kann. Rypdals Solo in ,Ballade‘ ist ein großartiges Stück eigenwilliger Rock-Gitarrenmusik, sein Intro zu ,Darkness Falls‘ erinnert an John Coltranes späte Aufnahmen, ,Better Off Without You‘ täuscht mit verspielten Changes eine kleine Fusion-Nummer an und wird dann aber zu einem ganz eigenwilligen Gemälde mit Fuzz-Bass (vermutlich dem Fender VI), ,Over Birkerot‘ transportiert ProgRock-Monumentalismus, Free-Energie, einen HiSpeed-Groove und Interaktion hoch drei gleichermaßen.
Wer hat nach ,Odyssey‘ noch so gespielt zwischen Jazz und Rock? Wer hat so dreckige und gleichzeitig schöne Gitarrentöne in die intellektuelle Welt des neuen Jazz gebracht? Rypdal hat den Blues des Nordens erfunden, eine Musik mit Emotion, Kraft, Sex. Eine Musik, die gleichzeitig die europäische Tradition wie auch die westliche Industriegesellschaft reflektierte – analog zum Background der afroamerikanischen Musik des 20 Jahrhunderts. Und hier zeigt sich auch eine Eigenart dieses Musikers, die ebenfalls Reibung erzeugt. Rypdal ist ein bodenständiger Gitarrist, ein Blues- und Rock-Musiker, der eigene Wege durch eine fremde, schöne neue Welt versucht hat. Und das macht ihn besonders spannend und sympathisch.




Für mich steht ,Odyssey‘ in einer Reihe mit den besten Gitarren-Alben von McLaughlin, Scofield, Holdsworth, Metheny & Co. Darüber hinaus ist es ein musikalisches Highlight, das sich in puncto Atmosphäre nicht hinter der 70er-Jahre-Kunst aus dem Mutterland des Jazz verstecken muss – ganz im Gegenteil. ,Odyssey‘ ist die europäische, weiße Version von Miles Davis‘ ,Bitches Brew‘.
,Odyssey‘ wurde in den 70ern mit dem „Deutscher Schallplatten Preis“ der Phono-Akademie ausgezeichnet und das LP-Cover mit einem fetten Sticker verschönert. Später gab es dann auch eine CD-Ausgabe, die unglaublich war: Da aufgrund der Spieldauer nicht alle acht Tracks der Doppel-LP auf eine CD passten, ließ man einfach ,Rolling Stone‘, den mit 23:54 Minuten längsten Titel, der die komplette vierte LP-Seite füllte und das Album auch dramaturgisch abschloss, weg. OK, CDs waren in den ersten Jahren unverhältnismäßig teuer, und eine Doppel-CD zu einem Preis von mehr als 50 D-Mark hätte wahrscheinlich überhaupt keine Verkaufschance gehabt – aber rechtfertigt das eine solche katastrophale Verstümmelung eines epochalen Albums? Erst 37 Jahre nach seiner Entstehung lag ,Odyssey‘ dann 2012 auch digital in voller Länge vor, dank der ECM-Veröffentlichung ,Odyssey in Studio & In Concert‘.

TERJE RYPDAL: ODYSSEY IN STUDIO & IN CONCERT (2012)
Brynjulf Blix: Organ
Svein Christiansen: Drums,
Sveinung Hovensjø: 6-String Bass, Bass,
Terje Rypdal: Guitar, Sopran-Sax, String Ensemble
Torbjørn Sunde: Trombone
Eines der wichtigsten Alben des europäischen Jazz – des europäischen Gitarren-Jazz im Besonderen – liegt also jetzt, Jahrzehnte nach seiner Entstehung, erstmals komplett auf CD vor. Auch wenn der vor kurzem erschienenen ECM-Veröffentlichung ,Odyssey in Studio & In Concert‘ das originale Artwork von Gitarrist Terje Rypdals 1975er Meilenstein abhanden gekommen ist, und der Titel fälschlicherweise suggeriert, hier könne man dieses Album auch noch in einer Live-Version erleben, bietet das 3CD-Set mit dem 24-seitigen Booklet in der weißen Pappbox doch fast alles, was man sich als Post-Vinyl-Era-,Odyssey‘-Fan noch wünschen konnte: Endlich ist der bisher auf CD fehlende, gigantische Track ,Rolling Stone‘, der mit 23:54 Minuten Länge eine komplette LP-Seite der originalen Doppel-LP einnahm, zu hören. Das Booklet liefert eine Menge Informationen und ein paar Fotos zum Thema, und CD3 beinhaltet einen Radio-Mitschnitt der großartigen Odyssey-Band plus der Swedish Radio Jazz Group, der bisher komplett unveröffentlicht war: ,Unfinished Highballs‘ heißt die hier zu hörende Suite.
Die Musik von CD3 – UNFINISHED HIGHBALLS – entstand im Juni 1976: Hier ist die Rypdal Band gemeinsam mit der Swedish Radio Jazz Group zu hören, mit zwölf Bläsern, zwei Bässen, ein Drummer, die direkt im Opener Mahavishnu-mäßige ,Apocalypse‘-Power produziert. Aber dann wird es schon moderater …. Eine nette Zugabe zur Komplettausgabe von ,Odyssey‘. Einige Live-Mitschnitte von Album-Tracks, die man via YouTube findet, sind ebenfalls als Ergänzung sehr interessant. Wobei es fast etwas entmystifizierend wirkt, die beteiligten Musiker bei der Arbeit zu beobachten. Ihre Konzentration und die ganz eigenartig verhaltene Energie der gespielten Musik sind aber dafür noch spürbarer, verständlicher. Ja, das waren ganz normal Menschen, die diesen Sound geschaffen habe. Großartige junge Musiker eben.

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TERJE RYPDAL ALS SIDEMAN
Hier noch eine Auswahl für alle, die noch weiterhören möchten, was Terje Rypdal als Gast und/oder Sideman anderer Künstler aufgenommen hat: Ich habe versucht, die wichtigsten Sideman-Aufnahmen von Terje Rypdal zu listen. Wer eine einzigartig detaillierte und vermutlich absolut komplette Discografie (R.E.S.P.E.C.T.!) inklusive Compilations und einem Werkeverzeichnis der Orchester-Kompositionen sucht, findet die in der Liste von Johann Haidenbauer: TERJE RYPDAL – LIST OF ISSUED RECORDS


TERJE RYPDAL & THE VANGUARDS
Die norwegischen The Vanguards waren eine lustige Sixties-Boy-Group, mit Haarschnitten, deren angebliche Wildheit später niemand mehr begriffen hat. Und spielen konnten sie auch, klar orientiert an den Shadows und Beatles. Der damals noch sehr junge Terje Rypdal (*1947), war von 1962 bis 1967 Mitglied der Vanguards, die anfangs überwiegend instrumental spielten. Für das Album ,The Vanguards: Hjemme Igjen Triola‘ (1966) hat Rypdal zumindest einen Co-Composer-Credit für den Track ,Du Har Gjort Meg Glad‘. An den folgenden 7″-Singles und Alben bzw. Compilations von The Vanguards war Terje Rypdal beteiligt:
Eg Ser Deg Utfor Gluggjen / Charmaine (1963)
Vanguard Special / Poinciana (1963)
En Liten Gylden Ring / Twist Little Sister (1963)
Roll Over Beethoven / Why Did I Leave You (1964)
Dream Lover / Hi-heel Sneakers (1964)
Mot Ukjent Sted / Smil, Sanger Og Solskinn (1965)
Hjemme Igjen / Du har gjort meg glad (1966)
Lykkeveien / Du sa farvel (1966)
I Cry / On My Mind (1966)
Hjemme Igjen (Album, 1966)
Gyldne September / Dona Dona (1967)
Graduation Day / Tonight, Tonight (1967)
Min barndoms by / Pass deg selv (1967)
Dagdrøm / Jeg Skjuler Tårene I Regn (1967)
Jeg Tror Jeg Drar Avsted / Min Sang (1967 )
Phnooole (Album, 1967)
Norsk Rock’s Gyldne År (Compilation, 1980)
Comanchero (Compilation, 1986)
Twang!!! (Compilation, 1990)
Vanguards Special (Compilation, 2003)
TERJE RYPDAL & INGER LISE RYPDAL
Inger Lise Rypdal: Natt for lange kniver / Dine tankers (1969)
Inger Lise Rypdal: Tried to make you happy / Tough enough (1971)
Inger Lise: Den stille gaten (Album, 1974)
Inger Lise: Feeling (Album, 1975)
Inger Lise & Jahn Teigen: Voodoo / Baby blue (1976)
Inger Lise: Tider kommer – tider gar (Album, 1977)
Inger Lise Rypdal: Inger Lise (Album, 1979)
Inger Lise: Kontakt (Album, 1982)
Inger Lise Rypdal: Just for you (Album, 1983)
Inger Lise Rypdal: Vindar / Baby boy (1984)
THE HUGGER-MUGGERS: COME ON UP / FEELING MY WAY THROUGH THE YEARS (1967)

THE DREAM: GET DREAMY (1967)
Die norwegische Psychedelic-Rock-Band The Dream bestand aus Christian Reim (p, org, voc), Terje Rypdal (g, voc), Hans Marius Stormoen (b) und Tom Karlsen (dr, voc). Ihr einziges Album ,Get Dreamy‘ wurde 1967 in Stockholm aufgenommen. Die Songs klingen typisch Mid-Sixties, mit einer interessanten Offenheit bei den Arrangements: klassische bzw. barocke Elemente, jazzige Piano- oder Orgel-Parts, rockige Wah-Gitarren und ganz viel psychedelischer Hall. Ich höre hier Beatles, Procol Harum, Hendrix, manche ruhige Songs erinnern an David Bowies erste Aufnahmen und auch die ganz frühen Pink Floyd sind hier irgendwie präsent. Die Gitarren-Parts sind gekonnt gespielt und wirklich interessant, denn Terje Rypdal geht hier auch mal in die Vollen und kommt mit Effekten an, die damals wirklich revolutionär waren: Feedback-Orgien, tolle Fuzz-Sounds, WahWah, manchmal glaubte ich Backwards-Parts zu hören, die damals nur aufwändig, mit rückwärts abgespielten Tonbändern zu realisieren waren.
Bei ,Ain’t No Use‘, dem mit Abstand längsten Titel des Albums (8:22 min!) ist Rypdal auch als Sänger zu hören. Sein Gitarrenspiel ist extrem abgefahren und geht musikalisch weit über die Rock-Grenzen hinaus. Keine Frage, dass Terje Rypdal damals schon mit dem zeitgenössischen Free Jazz in Berührung gekommen war – er rockt und swingt zugleich. Und auch das wahre Potenzial des neuen Superstars Jimi Hendrix hatte er wirklich verstanden wie nur wenige andere Musiker. In ,I’m Counting On You‘ klingt die Band dann wie eine Mischung aus Joe Cocker und den frühen Deep Purple, wieder mit sehr dominanter Lead-Gitarre. Und dann folgt mit ,Night Of The Lonely Organist And His Mysterious Pals‘ das mit 5:46 min zweitlängste Stück des Albums, eine merkwürdig groovende instrumentale Jam-Nummer mit langem Orgelsolo, eigenwilliger Rhythmusgitarre und spacigem Ende.
Bei der Pop-Ballade ,You‘ wird vor allem deutlich, dass die Schul-Englisch-Lyrics mit hoher „you and me“-Dichte nicht die Stärke dieser Band waren und qualitativ nicht mit der wirklich unberechenbaren Musik mithalten konnten. Denn einen Track weiter, in ,You’re Right About Me‘, kombinieren The Dream in knapp drei Minuten fast countryeske Rockabilly-Licks mit einem artrockigem Interlude und einem swingenden Solo-Part, der in einen Pop-Refrain mit Chorgesang mündet. Weird! Die Hendrix-Widmung ,Hey Jimi‘ ist eigentlich relativ unspektakulär ausgefallen, da bleibt insbesondere Rypdal gitarristisch hinter seinen Möglichkeiten zurück. ,Do You Dream‘ zeigt dann noch mal alle Qualitäten und Verrücktheiten dieser experimentierfreudigen, psychedelischen jungen Band. Ein absolut spannendes Album.

O.S.T.: HIMMEL OG HELVETE (1969)
Ein Kino-Soundtrack von 1969, eingespielt u.a. von Terje Rypdal, Jan Garbarek und Svein Christensen!!!
JAN GARBAREK: THE ESOTERIC CIRCLE (1969)
JAN GARBAREK: AFRIC PEPPERBIRD (1970)
JAN GARBAREK: SART (1971)
Jan Garbarek: Tenor-Saxophone
Terje Rypdal: Guitar
Arild Andersen: Bass
Jon Christensen: Percussion
Zwischen 1969 und ’71 entstanden gleich drei wichtige Alben des norwegischen Saxophonisten & Flötisten Jan Garbarek (* 4. März 1947), die Terje Rypdal (wie auch Arild Andersen und Jon Christensen) gelegentlich als Co-Leader listen.
THE ESOTERIC CIRCLE (1969) wurde von George Russell produziert, und neben dem amerikanischen Bandleader als Produzenten waren mit Bob Thiele (Executive Producer) und Nat Hentoff & Michael Cuscuna (Liner Notes) noch weitere Größen des US-Jazz-Business involviert, die hier neue Talente aus Old-Europe entdeckt hatten, die sie fördern wollten. Das hatte Russell ja bereits vorher mit der Verpflichtung der vier Musiker in seiner eigenen Band getan. Anfangs wurde dieses Album unter dem Band-Namen „The Esoteric Circle“ vermarktet, mit dem Zusatz „George Russell presents“.



Wenn man hört, wie eigenwillig Terje Rypdal direkt im zweiten Track ,Rabalder‘ sein langes Solo gestaltet, war Russells Engagement berechtigt wie mutig. Rypdals cleaner, mittiger Gitarrenton rockt gewaltig, er zitiert ,You Really Got Me‘ von den Kinks, erinnert kurz an John McLaughlin, dann schon fast an den etwas eckigeren James Blood Ulmer, der erst später bekannt werden sollte (1969 spielte Ulmer in der Band des Soul-Jazz-Organisten und Blue-Note-Künstlers Big John Patton). Auch in Track 4, ,VIPs‘ bricht Rypdal in seinem Solo Sonny-Sharrock-mäßig aus in die freie Welt. Eventuell kannte er ja wirklich schon dessen Aufnahmen mit Pharoah Sanders, Don Cherry, Herbie Mann, Roy Ayers oder auch die Musik von Sharrocks Solo-Debüt ,Black Woman‘ (1969). Ich finde es absolut großartig, energetisch, packend, wie Terje Rypdal hier Gitarre spielt (in Track 5, ,SAS 644′ ist sogar kurz mal ein WahWah zu hören) – mit dem, was seine spätere, eigene Musik ausmachen sollte, hat das allerdings nicht viel zu tun. Aber es war wichtig! Denn wenn man die Free-Trips von ,The Esoteric Circle‘ gehört hat, empfindet man sein späteres Spiel anders, man versteht seine Melodik und Klanggestaltung neu.
Im Titel-Track des Albums geht es dann aber wieder ganz cool, straight ahead swingend zur Sache. Bassist Arild Andersens Präsenz prägt diese Musik sehr, und Drummer Jon Christensen spielt hier noch mit einer immensen Energie, die später oft hinter seinem sensibleren Ansatz verschwindet. Und dann Jan Garbarek: Man hat selten so deutlich gehört, dass er Tenor- und kein anderes Saxophon spielt. Seine Komposition ,Nefertite‘ ist eine dezente Annäherung an John Coltrane, ,Karin’s Mode‘ dagegen ein Hinweis auf das, was noch kommen sollte … auch was Rypdals Beitrag angeht. Terjes Ton bleibt zwar clean, aber er experimentiert mit dem Bottleneck, setzt etwas WahWah ein und dann kommt doch noch dezente Übersteuerung ins Spiel. Er kann rocken, setzt den Vibratohebel ein (oder ist es Fingervibrato?) und verwendet Effektgeräte … – es ist die Zeit von ,Bitches Brew‘, John McLaughlin, Sonny Sharrock und Jimi Hendrix. Die finalen 03:40 Minuten dieses Albums, in lockerer Sonny-Rollins-plays-Calypso-Atmosphäre bringen so ziemlich aus dem Nichts irgend etwas zwischen Humor und Heile-Welt-Klang. Man kann froh sein, dass dieser Stimmungskiller-Track nicht mittendrin platziert wurde.
Das später auch unter dem Namen „Jan Garbarek Quartet“ gelistete Album AFRIC PEPPERBIRD (1970) wurde am 22. / 23. September 1970 im Bendiksen Studio, Oslo, unter der Leitung von Produzent Manfred Eicher und Tontechniker Jan Erik Kongshaug für das neue Label ECM aufgenommen – und war der Beginn beachtlicher Karrieren aller Beteiligten. Im Booklet ist Rypdal mit einer Rickenbacker-E-Gitarre zu sehen. Too jazzy, no soundscapes – Rypdal erweckt den Eindruck, neues Terrain zu betreten, ohne so ganz zu wissen, was er da anstellen will. Das trifft auch auf Garbarek zu, der hier noch sehr rau und wild zur Sache geht – danach wurde er zahmer und war sehr kreativ mit für das verantwortlich, was man in der Folgezeit als ECM-Sound bezeichnete.
SART (1971) wurde am 14. / 15.April 1971 in Oslo aufgenommen. Das Quartett Arild Andersen (b), Jon Christensen (dr), Jan Garbarek (sax, fl), Terje Rypdal (g) wurde um Bobo Stenson (p) erweitert. Gegenüber dem Vorgänger ,Afric Pepperbird‘ hat Jan Garbarek Transparenz gelernt, trotz der erweiterten Besetzung. Zwei ca. zweiminütige Tracks stammen jeweils von Arild Andersen und Terje Rypdal. Auf Rypdals Solo-Album aus dem selben Jahr war Jan Garbarek dann noch dabei, danach gingen die beiden Musiker verschiedene Wege. Hier spielten sie eher nebeneinander. Zwei zu starke Charaktere? Der ehemalige Free-Jazzer und der freiheitsliebende Rocker …


GEORGE RUSSELL: ELECTRONIC SONATA FOR SOULS LOVED BY NATURE (1969)
GEORGE RUSSELL SEXTET: TRIP TO PRILLARGURI (1970)
GEORGE RUSSELL: THE ESSENCE OF GEORGE RUSSELL (1970)
GEORGE RUSSELL ORCHESTRA: LISTEN TO THE SILENCE (1971)
Ein paar Eckdaten vorab: George Allan Russell (* 23. Juni 1923, + 27. Juli 2009) war ein amerikanischer Jazz-Pianist, Komponist und Musikwissenschaftler, dessen 1953 erschienenes musiktheoretisches Werk „Lydian Chromatic Concept of Tonal Organization“ als wichtige Anregung der Entstehung des modalen Jazz angesehen wird. beitrug. Ab Mitte der 1960er-Jahre lebte George Russell in Norwegen und Schweden, wo er mit jungen Musikern wie Jan Garbarek, Terje Rypdal, Arild Andersen und Jon Christensen zusammenarbeitete. 1969 kehrte er in die USA zurück und baute am New England Conservatory of Music eine Jazz-Abteilung auf.
Terje Rypdal (dessen Name auf frühen Russell-LPs Rypdahl geschrieben wurde) taucht bei einigen Russell-Projekten der Jahre 1966 bis ’71 auf. Die bekannteste Russell-Komposition ELECTRONIC SONATA FOR SOULS LOVED BY NATURE (1969) erschien erstmals 1971 auf dem norwegischen Sonet-Label als Live-Mitschnitt und war George Russells erstes BigBand-Opus, das auch elektronische Klangerzeugung mit einbezog – das Ergebnis war inspiriert von zeitgenössischer E-Musik, aber auch von der elektrifizierten Pop- und frühen Rock-Musik. Zu der Jazz-BigBand aus skandinavischen Musikern gehörte u.a. das komplette spätere Jan-Garbarek-Quartett mit Terje Rypdal (g), Arild Andersen (b), Jon Christensen (dr) und Saxophonist Garbarek, der da noch mit dem zeitgenössischen Free Jazz flirtete. Ob Rypdal schon damals etwas von Gitarrenkollege Sonny Sharrock gehört hatte? Man könnte es vermuten.
Keine Frage, dass Rypdal hier früh den Zugang zum freien Jazz gelernt hat – und wirklich offen und kompetent genug war, den Spagat zwischen seiner zeitgleich aktiven Psychedelic-Band The Dream und diesem vergleichsweise abenteuerlichen Unternehmen zu meistern. Seine spätere Musik sollte aber dann doch ein klarer Gegenentwurf zu George Russells opulenten Arrangements werden. Sein einziges längeres Gitarrensolo ist clean und postboppig angelegt, mit sprödem Rypdal-Ton, aber integriert in das hier zu absolvierende Ganze.

Das Album GEORGE RUSSELL SEXTET: TRIP TO PRILLARGURI (1970) wurde im März 1970 aufgenommen. George Russell (p), Jan Garbarek (sax), Stanton Davis, Jr. (tp), Terje Rypdal (g), Arild Andersen (b) und Jon Christensen (dr) spielen je drei Kompositionen von Russell und Garbarek, plus eine von Ornette Coleman. Und in dieser (gegenüber den Sonata-Aufnahmen) kleineren Besetzung, kommen die einzelnen Solisten auch öfter mal zum Zug. Prägnant von Anfang an ist Bassist Arild Andersen, der nach dem sehr kollektiv angelegten ,Theme‘ von Garbarek auch nahtlos in Russells Komposition ,Souls‘ überleitet, die aufgrund des Bass-Riffs schon Assoziationen zu späteren Rypdal-Aufnahmen erzeugt. Die Bläsersätze und auch manche Piano-Parts lenken die Musik aber erst mal in eine andere Richtung – weit weg von Europa. Und diese Musik swingt, rockt, fließt, groovt irgendwie sogar dezent funky – aber bisher schwebt sie nicht. Und auch Rypdals Solo gegen Ende von ,Souls‘ klingt so, dass ich ihn nicht erkannt hätte. Diese Aufnahmen haben wirklich noch US-Jazz-Rock-Flair und könnten teilweise auch von Chicago oder Blood Sweat & Tears stammen – aber nicht von Tower Of Power und nicht von Miles Davis. Track 3, ,Event III‘ geht dann doch mal sehr minimalistisch ins Freie, ist aber nach 2:22 Minuten beendet – fließend gefolgt von Garbareks knapp doppelt so langer Komposition / Improvisation ,VIPs‘. Und auch hier ist Arild Andersen wieder der Haupt-Energielieferant, und wieder leitet er in den nächsten Titel über: ,Stratusphunk‘ (Russell) marschiert etwas verfroren los, klingt erst nach late 50s und dann spielt sich Trompeter Stanton Davis frei. Rypdals Gitarrensolo hat einen warmen Ton, einigermaßen Hall, und bringt spielerisch nichts charakteristisches von ihm rüber. Auch hier: Ich hätte ihn nicht erkannt! Im finalen ,Man On The Moon‘, einer Komposition von Ornette Coleman, wird Rypdal dann hyperaktiv und shreddet sich durch seinen Chorus. Interessant, untypisch und immer etwas mit dem Flair behaftet von „Spiel das mal so wie … Sonny Sharrock trifft John McLaughlin“. Eine harte Schule und aus heutiger Sicht ein richtiger Weg zur Selbstfindung.
Frühe Aufnahmen von 1966/67 erschienen auf THE ESSENCE OF GEORGE RUSSELL (1970). Das Album enthält Aufnahmen von Russell mit einem großen Ensemble, das hauptsächlich aus nordischen Musikern besteht, darunter Stanton Davis, Jan Garbarek, Terje Rypdal, Arild Andersen, Jon Christensen und ein Orchester.
GEORGE RUSSELL: LISTEN TO THE SILENCE (1971), eine Aufnahme der Live-Premiere einer Auftragskomposition vom 26. Juni 1971, beendete die Zusammenarbeit von Russell und Rypdal, der hier im orchestralen Geschehen etwas untergeht und nur im Track ,Event IV‘ richtig zu hören ist. Mit dabei waren außerdem u.a. Arild Andersen (b), Bobo Stenson (p), Jon Christensen (dr), Jan Garbarek (ts) sowie die beiden Chöre Chorus of the Musikk Konservatoriet of Oslo und Chorus from the New England Conservatory of Music. Nicht unanstrengend.
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JAN ERIK VOLD: BRISKEBY BLUES (1969)
MIN BUL: MIN BUL (1970)
Recorded at Rosenborg Studios, Oslo, Norway, 1970-09
JAN ERIK VOLD / JAN GARBAREK: HAV (1970)
DEN NATIONALE SCENE: HAR (1970)
V.A.: BADEN BADEN FREE JAZZ ORCHESTRA – GITTIN‘ TO KNOW Y’ALL (1970)
Aufnahmen vom Dezember 1969, u.a. mit Terje Rypdal (g), Karin Krog (voc), Barre Phillips & Palle Danielsson (b) und Steve McCall (dr). Die Tracks ,Ved Soerevatn‘ und ,For My Two J.B.’s‘ stammen von The Terje Rypdal Group. Kaum nachvollziehbar.
Ein Album verschiedener Künstler, das während des jährlichen Baden-Baden Free Jazz Meetings 1969 aufgenommen und 1970 beim Label MPS veröffentlicht wurde. Es enthält einen Titel des Baden-Baden Free Jazz Orchestra unter der Leitung des Trompeters Lester Bowie, einen Titel der Terje Rypdal Group, einen Titel von Karin Krog und einen Titel des Willem Breuker-John Surman Duos. Diese Session war für viele dieser europäischen und amerikanischen Jazzmusiker die erste Gelegenheit, gemeinsam in einer großen Besetzung aufzutreten.
V.A.: NDR – DIE JAZZ-WERKSTATT ’70. (1970)


V.A.: MPS JAZZ SOUND ‘71 (1971)
SUGARCANE HARRIS & JEAN-LUC PONTY: ABSOLUTELY LIVE (1971)
KRZYSTOF PENDERECKI / DON CHERRY & THE NEW ETERNAL RHYTHM ORCHESTRA:
ACTIONS (1971)
Live At The Donaueschingen Music Festival October 17, 1971, u.a. mit den Free-Jazz-Größen Han Bennink, Gunter Hampel, Peter Brötzmann, Albert Mangelsdorff und Don Cherry.
V.A.: FROM EUROPE WITH JAZZ (1972)
1972 entstandene Live-Aufnahmen von Festivals in Södertälje, Zürich and Ljubljana mit Terje Rypdal (g), Palle Danielsson (b), Jon Christensen (dr), Heikki Sarmanto (p), Palle Mikkelborg (tp) und Jan Garbarek (ts). Rypdal ist nur in Track 1 zu hören.


V.A.: NEW VIOLIN SUMMIT (1972)
Aufnahmen vom Berlin Jazz Festival, 7. November 1971. Cooler Jazz-Rock mit großartigen Solisten, die hier allerdings gelegentlich wild um die Wette fiedeln. Aber nicht nur. Rypdals Gitarrenton ist rau, rockig-bluesig-rotzig. Mit den Geigern Don ‚Sugar Cane‘ Harris, Jean-Luc Ponty, Michael Urbaniak und Nipso Brantner, Terje Rypdal (g), Wolfgang Dauner (kb), Neville Whitehead (b) und Robert Wyatt (dr).
PER ‚ELVIS‘ GRANBERG: REAL ROCK ‚N‘ ROLL (1973)
JOHN SURMAN: MORNING GLORY (1973)
Chris Laurence: Bass
John Marshall: Drums
Terje Rypdal: Guitar
John Taylor: Piano, Electric Piano Producer
Malcolm Griffiths: Trombone
John Surman: Bass Clarinet, Soprano Saxophone, Synthesizer
Da zerrt die Gitarre zwischendurch schon mal ganz ordentlich. Rypdal klingt gehetzt, nervös, spielt wirre Vibrati – so als käme er mit dem highspeedigen pulsierenden Free-Jazz-Setting immer nur dann klar, wenn das Tempo gedrosselt wird. Und dann liefert er schräge Überraschungspakete. Bassist Chris Laurence macht hier einen sehr tollen Job. Bandleader John Surman verzichtet hier ganz auf sein Bariton-Saxophone und setzt gleich auf die Vielfalt von Sopran-Sax, Bass-Klarinette und Synthesizer. Sehr interessantes Album. Recorded March 12, 1973, Marlowe Theatre, Canterbury.
DON SUGARCANE HARRIS: SUGAR CANE’S GOT THE BLUES (1973)
Don Sugar Cane Harris: Violin
Terje Rypdal: Guitar
Wolfgang Dauner: Keyboards, Electronics
Neville Whitehead: Bass
Robert Wyatt: Drums
Volker Kriegel: GuitarRecorded live at the Berlin Jazz Festival
Berlin Philharmonic Hall, November 4th and 7th, 1971
Hier ist Rypdal nur bei einem von vier Tracks (,Song For My Father‘ von Horace Silver) zu hören, und sein cleanes, sehr warm klingendes Solo klingt einigermaßen uninspiriert bis gelangweilt. Erst als er zu Sugarcane Harris‘ anschließendem Solo im Hintergrund mitgeigt, kommt etwas Fahrt auf. Bei den anderen Tracks dieses Albums spielte Volker Kriegel Gitarre.
V.A.: POPOFONI (1973)
Arild Andersen: Bass, E-Bass
Jan Garbarek: Bass-Saxophon
Jon Christensen: Drums
Terje Rypdal: Guitar, Flute
Arne Nordheim: Flute, Electronics
Karin Krog: Voice
Bobo Stenson: Organ, E-Piano
Terje Bjørklund: Organ
Gunnar Sønstevold: Piano
Kåre Kolberg: Synthesizer
Ola B. Johannessen: Voice Actor
Stimmen, Geräusche, Instrumente, Free Feeling auf CD1 contra hörspielartige Walzer-Atmosphäre mit für den nicht norwegisch verstehenden Hörer dadaistischer Grundstimmung im zweiten Teil dieser Veröffentlichung von Aufnahmen aus dem Jahr 1970. „Jajajaja, jajaja …“ wiederholt eine Männerstimme im ,Valse Triste‘ von Alfred Janson … und nach 7 Minuten ist da tatsächlich mal eine E-Gitarre zu hören, die dann nach ca. 14 Minuten ein längeres, unbegleitetes Solo spielt – traditionell und swingend.
Der kurze relativ Track ,Episode‘ stammt von Terje Rypdal und erinnert an Charles Ives‘ ,The Unanswered Question‘. Gut geklaut ;-)
„This 2LP is a reissue of the Holy Grail of Norwegian free-jazz and electronic music, Popofoni, released by Sonet in 1973. It features compositions by Arne Nordheim, Terje Rypdal, Kåre Kolberg, Gunnar Sønstevold and Alfred Janson, played by an extended Jan Garbarek Quintet. The result was performed at a concert at the art center in April 1970 and later documented on a double LP release on Sonet in 1973. It was pressed in 500 copies, and is now one of Norway’s rarest records. This reissue is produced by Lars Mørch Finborud and Lasse Marhaug for Prisma Records, 2012. Limited edition of 500 copies. Gatefold sleeve. was performed at a concert at the art center in April 1970.“

V.A.: FIRST NEW JAZZ FESTIVAL HAMBURG (1975)
RUPHUS: LET YOUR LIGHT SHINE (1975)
POPOL ACE: SILENTLY LOUD (1976 / 2004)
PAL THOWSEN / JON CHRISTENSEN: NO TIME FOR TIME (1976)
O.S.T.: KJAERE MAREN (1976)
EDWARD VESALA: SATU (1976)
Recorded October 1976 at Talent Studios, Oslo
Drummer Edward Vesala hat sich neben einer String Section und jeder Menge Bläser (darunter Posaunist Torbjørn Sunde und die Trompeter Palle Mikkelborg und Tomasz Stanko), Bassist Palle Danielsson, Gitarrist Terje Rypdal ins Studio eingeladen. Zu hören sind hier HiEnergy-Nordic-Jazz, aber auch viele ruhige Momente. Rypdal hat ein ganz großes Solo in ,Star Flight‘, das ungewohnt riffig bis akkordisch rüberkommt. Großartig pulsiert auch der folgende Track ,Komba‘. Am letzten Stück dieses Albums, ,Together‘ war Rypdal nicht beteiligt.
Edward Vesala ist ein sehr eigenwilliger Drummer und Komponist – und ein Bandleader, der erst organisiert und dann fliegen lässt. Cooles Album

MICHAEL MANTLER: THE HAPLESS CHILD AND OTHER INSCRUTABLE STORIES (1976)
Recorded July 1975 through January 1976 at Grog Kill Studio in Willow, NY, with the Manor Mobile at Robert Wyatt’s house and Delfina’s farm in England, and at Britannia Row in London. Mixed January 1976 at Britannia Row / „The Hapless Child“ mixed November 1975 at Scorpio Sound.
Bass Guitar – Steve Swallow
Drums, Percussion – Jack DeJohnette
Engineer – Alan Perkins, Dennis Weinreich
Guitar – Terje Rypdal
Lyrics By [Words] – Edward Gorey
Mixed By – Nick Mason (tracks: 1 to 5)
Music By, Engineer – Michael Mantler
Narrator – Alfreda Benge
Narrator [Additional Speaker] – Albert Caulder
Narrator [Additional Speaker], Engineer – Nick Mason
Piano, Clavinet, Synthesizer [String], Producer – Carla Bley
Vocals – Robert Wyatt
Anmerkungen
Direkt im ersten Track ist Rypdals Lead-Gitarrenton präsent, so wie man ihn jetzt, seit , Odyssey‘ kennt – leider aber in einem für ihn weniger passenden musikalischen Gesamtzusammenhang. Zu schnell, zu nervös, zu überfrachtet.
A surprising step after his earlier work with the Jazz Composer’s Orchestra and their juxtaposition of avant-garde soloists in a modern orchestral context, Mantler created a virtual prog rock album, setting Edward Gorey’s Freudian / gothic texts to music that owes far more to Henry Cow than Cecil Taylor. Enlisting ex-Soft Machine drummer Robert Wyatt on vocals and Jan Garbarek alumnus Terje Rypdal for some soaring guitar work, he managed to create a very convincing, enjoyably literary recording with potentially large appeal. The song structures are fairly consistent and the melodies often catchy, alternating from somber dirges (quite appropriate to the text) to up-tempo rockers. Much of the success accrues to Wyatt, whose reedy, intelligent voice gives exactly the right ironic inflection to Gorey’s eerie tales. When in the title track he lightly sings the opening line, „There was once a little girl named…“ then drops into a minor mode for, „Charlotte Sophia,“ you know things don’t bode well for the song’s heroine. Indeed, all of the lyrics are compelling little stories and it’s to Mantler’s credit that his compositions couch and project them instead of competing for attention. The Hapless Child has assumed a bit of cult classic status as a one-off prog rock project and it largely deserves the rep, holding up reasonably well over time.
RUPHUS: INNER VOICE (1977)
RAIN: CAMP (1977)
EGIL „BOP“ JOHANSEN: SAMSE TAK! (1977)
BARRE PHILLIPS: THREE DAY MOON (1979)
Dieter Feichtner – Synthesizer
Trilok Gurtu – Percussion
Barre Phillips – Bass
Terje Rypdal – Guitar, Organ, Synthesizer
Recorded March 1978 atTalent Studio, Oslo
Das Album beginnt schon mal sehr spannend, mit einem stoischen Bass-Lick des Bandleaders, über das er auch noch selbst mit Bogen soliert. Synthesizer-Flächen, nervöse Percussion und ein erst mal eher zurückhaltender Gitarrist: Aber dann kommt Terje Rypdal ins Spiel, mit glasklaren Arpeggios, gescratchten Saiten, viel Hall und Delay und wunderbar eingefadeten Harmonien.
Mit Barre Phillips hatte Rypdal schon 1973 auf seinem Album WHAT COMES AFTER zusammengearbeitet.
Den sehr ökonomischen musikalischen Ansatz haben die beiden Musiker gemeinsam, ebenso eine eigenartige Tristesse ohne Hoffnungslosigkeit. Wunderbare Musik! Phillips‘ Bass-Solo in ,Ms. P.‘ ist absolut berührend, In Track 4, ,Brd‘ hört sich sein Kontrabass fast wie ein E-Bass mit Flatwounds an, während Rypdal mit allen bekannten Einsatzgeräten (Verzerrer, Hall, Delay, Wah) auf Space-Trip geht. Im dronigen Finale ,S. C. & W.‘ kollidieren Farben und Stimmungen aus Irish Folk und Indischer Musik – das war damals so ein zeitgeistiges, gerne mit exotischen Gästen betriebenes Hobby vieler europäischer Musiker, das dann auch noch auf Festivals als Weltmusik-Sessions verbraten wurde. Nicht so ganz mein Ding – und auch Terje passt hier nicht so ganz ins interkulturelle Händchenhalten: Er fiedelt sich gegen Ende alles von der Seele, was man eigentlich von ihm nicht hören will. Vielleicht hatten die Jungs ja wirklich Spaß im Studio!
BABY BOYINGER LISE RYPDAL: JUST FOR YOU (1983)
V.A.: BRATISLAVA JAZZ DAYS ’85 (1985)
GARDEN OF DELIGHT: BIG WHEELS IN EMOTION (1987)
HUNGRY JOHN & THE BLUE SHADOWS: NICE GUYS (1987)
HANS PETTER BONDEN: UNPLUGGED MOZART AND RYPDAL (1989)
SANDVIKA STORBAND: CONTEMPORARY MUSIC FOR BIG BAND (1990)
HEINZ REBER / TSCHIN ZHANG: MNAOMAI MNOMAI (1992)
E-Musik Avantgarde
O.S.T: EQUINOX (1993)
KETIL BJØRNSTAD: WATER STORIES (1993)
Bass – Bjørn Kjellemyr
Drums – Jon Christensen, Per Hillestad
Guitar – Terje Rypdal
Piano – Ketil Bjørnstad
Recorded January 1993
Rainbow Studio, Oslo
Das hat schon immer etwas von The Beauty and the Beast, wenn Pianist und Bandleader Ketil Bjornstad Schönheit predigt und dabei vergisst, dass Rypdals Käfigtür nur angelehnt ist. Und Terje braucht gelegentlich Auslauf … Eine sehr eigene musikalische Verbindung, die sich aber irgendwie ergänzt, insbesondere wenn David Darling vermittelt. Da zeigen sich schon die hellen und düsteren Seiten aller Beteiligten, denn auch Bjornstad kommt bei aller traurigen Verträumtheit nur als Teilzeit-Sonnenschein rüber. Ich liebe diese Musik, denn sie hat nicht nur Stimmungen geschaffen, sie kann auch Stimmungen verändern, verzaubern, wenn man sich einfach reinsetzt ins Geschehen und zuhört und mitfühlt. (Quelle ?)
KETIL BJØRNSTAD: THE SEA (1994)
Cello – David Darling
Drums – Jon Christensen
Guitar – Terje Rypdal
Piano – Ketil Bjørnstad
Recorded September 1994
Rainbow Studio, OsloDiese CD des Pianisten Ketil Bjornstad ist voller Raum, schwebend und eine Art Soundtrack ohne Film. Die 12 Tracks von ,The Sea“, bei denen Ketil Bjornstad von dem Cellisten David Darling, dem Gitarristen Terje Rypdal und dem Schlagzeuger Jon Christensen begleitet wird, bevorzugen eine eher düstere Stimmung, manche Themen bleiben dabei unkonkret, und die größte Spannung wird durch Rypdals rockige Gitarre erzeugt.
ROBERT WYATT: GOING BACK A BIT: A LITTLE HISTORY OF ROBERT WYATT (1994)
O.S.T.: HEAT (1995)
V.A.: MIKE MAINIERI PRESENTS: COME TOGETHER. A GUITAR TRIBUTE TO THE BEATLES, VOL. 2. (1995)
V.A.: INTERNATIONAL JAZZ FESTIVAL VARNA SUMMER (1995)
V.A.: COME TOGETHER: GUITAR TRIBUTE TO THE BEATLES, VOL. 2 (1995)
AUDUN KLEIVE: BITT (1997)
TOMASZ STANKO SEPTET: LITANIA: THE MUSIC OF KRZYSZTOF KOMEDA (1997)
V.A.: THE SHADOWS FESTIVAL OSLO ’98 (VIDEO, 1998)
TORBJORN SUNDE: MERIDIANS (1998)
Recorded during autumn 1996 and winter 1997 in Waterfall Studios, Oslo, Norway
Der großartige ,Odyssey‘-Posaunist Torbjørn Sunde trifft in einem Track seines Albums
(,Kjære Maren‘ ) noch mal 9 Minuten 46 Sekunden auf seinen alten Bandleader Terje Rypdal – und in dem Track wird schon sehr deutlich das gemeinsame Kult-Album von 1975. Großartig.
Leider verliert sich ein großer Rest des Albums in Ethno-Jazz-Plänkeleien mit Metheny-Touch oder Miles-Davis-Light-Jazz. Mit dabei waren bei einzelnen Tracks u.a. Eivind Aarset (g), Manolo Badrena (perc, fl), Bugge Wesseltoft (p) und Jon Balke (p).
BIRGITTE STAERNES: TERJE RYPDAL – SONATA OP. 73 (2002)
RONNI LE TEKROE: MAGICA LANTERNA (2002)
V.A.: WARMTH IN THE WILDERNESS VOL. 2: A TRIBUTE TO JASON BECKER (2002)
OLE PAUS, KETIL BJØRNSTAD, KHALIL GIBRAN: PROFETEN (2003)
PALLE MIKKELBORG ENTRANCE: TO WHOM IT MAY CONCERN (2005)
MICHAEL GALASSO: HIGH LINES (2005)
Und auch Wakenius’ Kollege, der skandinavische Gitarrengott TERJE RYPDAL, taucht mal wieder auf einer Aufnahme auf: Als Sideman des Geigers MICHAEL GALASSO steuert er (begleitet von Percussion und Kontrabass) seine bekannt sphärischen Sounds bei, schräge Cluster, verzweifelt klingende, bluesige Rock-Licks. Überhaupt ist die Musik von ,High Lines‘ (ecm) etwas düster und teilweise wirklich psychotisch. Aberhatwas. ju
MARI BOINE: IDJAGIEDAS (2006)
V.A.: SYGNOWANO FABRYKA TRZCINY: DTO (2006)
V.A.: DIRECTOR’S CUT: MUSIC FROM THE FILMS OF MICHAEL MANN (2007)
PAOLO VINACCIA: VERY MUCH ALIVE (2010)
JAN GARBAREK: DANSERE (COMPILATION 2012)
ROBERT WYATT: DIFFERENT EVERY TIME (2014)
JAN ERIK VOLD: TA VARE (2014)
EGIL MONN-IVERSEN: HIMMEL OG HELVETE (2021)
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TERJE RYPDAL: KOMPOSITIONEN FÜR ORCHESTER
Op. 1 Eternal Circulation (1970)
For Symphony Orchestra & Jazz Ensemble
Op. 2 String Quartet (1970)
Op. 3 Capriccio (1971)
For String Orchestra
Op. 4 Orpheus Turns Around & Looks At Eurydice (1971)
Opera
Op. 4B Concerto For Double Bass & Orchestra (1973)
Op. 5 Woodwind Quartet (1973)
Op. 6 Symphony No. 1 (1973)
Op. 7 Tumulter (1973)
For Percussion & Orchestra
Op. 8 Whenever I Seem To Be Far Away (1973)
Image For Electric Guitar, Oboe, Clarinet & Strings
Op. 9 Krystaller (1973)
For Alto Flute & Orchestra
Op. 10 Freden (1976)
Opera
Op. 11 Symphony No. 2 (1977)
Op. 12 Horn Concerto (1977)
Op. 13 Julemusikk / Christmas Music (1978)
For String Orchestra
Op. 14 Piano Concerto (1979)
Op. 14B Concerto For Electric Guitar, Orchestra & Choir (1979)
Op. 15 In Autumn (1979)
For Electric Guitar, Trumpet & Orchestra
Op. 16 Shadows (1980)
Image For Oboe, 4 Trombones, Percussion & Strings
Op. 17 Keyboard Music (1980)
For Gr & Piano
Op. 18 Hulter Til Bulter (1980)
For Percussion Solo & Orchestra
Op. 19 Modulations (1980)
For Harmonica & Orchestra
Op. 20 Spegling (1981)
For Mezzo-Soprano & Orchestra
Op. 21 Symphony No. 3 (1981)
Op. 22 A.B.C. Or Adventure – Bedtime Story – Celebration (1981)
For Accordion & Orchestra
Op. 23 Undisonus (1979-81)
For Violin & Orchestra
Op. 24 Slaget Pa Stiklestad (1982)
For Keyboards, Electronic Guitar, Alto Flute,Violon-Cello
& Percussion
Op. 25 Labyrint (1982)
For Orchestra
Op. 26 Vildanden (1982)
Symphonic Poem After Ibsen
Op. 27 Telegram (1982)
For Chamber Orchestra
Op. 28 10 X 10 (1983)
For Improvisation Ensemble
Op. 29 Ineo (1983)
For Chorus, Electric Guitar & Chamber Orchestra
Op. 30 Imagi (1983-4)
For Cello & Big Band
Op. 31 Vardoeger (1984)
For Male Chorus, Trumpet, Synthesizer & Percussion
Op. 32 Metamorphosis (1984)
For Unaccompanied Female Chorus
Op. 33 Vidare (1984)
For Acoustic / Electric Violin
Op. 34 Patina (1984)
For Cello & Orchestra
Op. 35 Symphony No. 4 (1986)
Op. 36 Bulder Og Brak (1986)
For Brass Band
Op. 37 Crooner Songs (1986)
For Clarinet, Trumpet, Violin, Keyboards & Percussion
Op. 38 Troll (1986)
For Electric Guitar, Flute, Clarinet, Violin, Cello And
Keyboards
Op. 39 Lirumlarum (1987)
For 2 Rock Bands, Symphonic B & & Orchestra
Op. 40 Det Bla Folket (1987)
For Orchestra
Op. 41 Passion (1987)
For Harpsichord / Synthesizer, Vibraphone & Fretless
Electric Bass Guitar
Op. 42 The Illuminator (1987)
For Electric Guitar, Percussion, Woodwinds, Brass,
Double Bass & Keyboards
Op. 43 Drommespinn (1988)
For Oboe, 2 Violins, Viola, Cello & Double Bass
Op. 44 Gilde (1988)
For Basset-Horn & Chamber Orchestra
Op. 45 Over Fjorden (1989)
For Symponic Band
Op. 46 The Vanguardian (1989)
For Jazz Guitar & Orchestra
Op. 47 Sesam (1989)
For Clarinet, Trombone, & Gr & Piano / Synthesizer
Op. 48 The Big Bang (1990)
For Sa Chorus, Oboe, Clarinet, Piccolo Trumpet, Trumpet,
4 Cellos, Percussion, 2 Electric Guitars, Synthesizer
& Electric Bass Guitar
Op. 49 Soleis (1990)
For Pan Flute & Orchestra
Op. 50 Symphony No. 5 (1992)
Op. 51 Inntil Vidare (1990)
For Violin, Trumpet, Electric Guitar, Bass Guitar And
Percussion
Op. 52 Q. E. D. (1991)
For Jazz Orchestra
Op. 53 Hip Som Happ (1991)
For Piano & Jazz Orchestra
Op. 54 Deja-Vu (1991)
Op. 55 Largo (1991)
For Electric Guitar, String Ensemble & Gran Cassa
Op. 56 Detente (1992)
For Three Synthesizers, Flute, Clarinet, String Quartet,
& Percussion
Op. 57 Fire (1992)
For Violin, Oboe, Viola & Cello
Op. 58 Double Concerto (1992)
For 2 Electric Guitars & Symphony Orchestra
Op. 59 The Big Bang Ii (1993)
For Oboe, Violoncello, Contrabass, Synthesizer, Electric
Guitar, & Percussion
Op. 60 Time (1993)
For English Horn, Violoncello, Contrabass, Synthesizer,
Guitar, & Percussion
Op. 61 Jubili (1993)
For English Horn, Violin, Violoncello, Contrabass, Piano,
Guitar, & Percussion
Op. 62 If Mountains Could Sing (1994)
For String Trio, Electric Guitar, Electric Bass, And
Percussion
Op. 63 Arie (1994)
For Trumpet, Oboe, Violin, Violoncello, Contrabass,
Keyboards, Electric Guitar, & Percussion
Op. 64 Zoom (1995)
For Symphonic Band
Op. 65 Sinfonietta (1995)
For Voice, Trumpet, Violin, Two Keyboards, Electric
Guitar, Drums & Percussion
Op. 66 Jubileumstone (1996)
Op. 67 That’s The Beauty Of It (1996)
For Electric Guitar & Orchestra
Op. 68 Voices Of The Wind (1997)
For Three Choirs & Orchestra
Op. 69 Wind Concerto (1997)
For Electric Guitar, Electric Bass / Contrabass,
Drums / Percussion, Sculpture & Wind Orchestra
Op. 70 Symphony, No. 6 (1999)
Op. 71 Il Canzoniere (1998)
For Piano, Synthesizer & Choir
Op. 72 Knock The Laughterdoor On Wide Wall (1998)
For Big Band, Synthesizer / Electric Piano,
Electric Guitar, Electric Bass
Op. 73 Sonata For Violin & Keyboards (1998)
Op. 74 Two Of A Kind (1999)
For Violin & Cello
Op. 75 Lux Aeterna (2000)
For Trumpet, Electric Guitar & Church Organ
Op. 76 Nimbus (2000)
For Violin, Organ, & Percussion
Op. 77 Trollspeilet (1995)
For Harp, Electric Piano, Synthesizer, Electric Guitar,
Percussion & Strings
Op. 78 Prisme No. 1 (2000)
For Harp, Cello, Piano, Percussion & String Orchestra
Op. 79 Melodic Warrior (2001)
For Four Voices, Gitar, Orchestra, Cel / Harmonium Perc
Op. 80 You Might Wish You Had A Secret Placet Too –
At The End Of The Rainbow (2001)
For Solo Harp
Op. 81 Quadrium (2002)
For 4-2 Drums & 2 Pianos
Op. 82 Tåkelursonaten (2002)
For Guitar, Synthesizer, Fog Siren („Tåkelur“), & F-16 Airforce Jet
Op. 83 Phantasma (2003)
Musical
Op. 84 Vossabrygg (2003)
For Guitar, Trumpet, Keyboards, Bass, Drums, & Sample
Op. 85 Von (2003)
For Guitar, Violin, & Church Organ
Op. 86 Violin Concerto (2003)
Op. 87 Varder (2004)
Op. 88 (?) Outer Space – The Evidence (2005)
For 2 Electric Guitars & Symphony Orchestra
Op. 89 Fata Morgana (2006)
For Cello With Effects
Op. 90 Ancestors Of The Sun (2006)
Op. 91 Thunder Of Souls (2008)
Op. 92 Solar Force (2008)
For Orchestra
Op. 93 Mesmerized – Capriccio For Electric Guitar, Woodwind Quintet And Strings
Op. 94 Horizon (2008)
For Any Kind Of Orchestra With Electric Guitar – With Use
Of Possibly Other Soloist
Op. 95 Crime Scene (2009)
Op. 96 Crimson Clouds (2006)
For Electric Guitar, Alto Flute, Corno Inglese, Bassoon & Archi
Op. 97 & The Sky Was Coloured With Waterfalls & Angels (2009)
For Electric Guitar & Orchestra
Op. 98 Havet (2010)
Op. 99 Per Ulv Goes Electric (2011)
Op.100 Symphony, No. 7 (2011)
Op.101 Dangerzone – En Rockesymfoni (2011)
Op.102 Untitled
Op.103 The Mountain Skyline (2012)
Concerto For Electric Guitar, Bass, Trumpet, Contrabass Clarinet
& Big Band
Op.104 The Sound of Dreams
Op.105 Song Of Wind & Thunders: Written For „Enslaved“ (2013)
Electric Guitar, Keyboard & Symphony Orchestra
Op.106 The Creation Myth (2013)
For Symphony Orchestra, Choir & Electric Guitar
Op.107 Sinfonia Concertante (2014)
For Electric Guitar, Violin & Sinfonietta

WEITERE RYPDAL KOMPOSITIONEN
Aerefrykt For Livet (Nrk 05.08.1969)
Film Music [With Dream] (Nrk Tv Film Directed By Kurt-Olof Sundstroem)
La Ditt Problem Bli Vaart Problem (Nrk 16.12.1969)
Film Music Score (Nrk Tv Film Directed By Egil Kolstoe)
From A High Level (1971)
For Small Ensemble
Tension (1972)
For 10-Piece Ensemble
The Oboe Players Birthday (1973)
Miranda (Nrk 03.04.1973)
Film Music Score (Nrk Tv Film Directed By Per Bronken)
Senza Gravitas (1974)
For Organ
Somehow It’s Making Me Smile Inside (1975)
For Guitar
Kjaere Maren (1975)
Film Music Score (For A Film Directed By Jan Erik Duering)
Unfinished Highballs (1976)
For Jazz Quartet
The Curse (1978)
Incidental Music For Television
Munkhavn [Aka Undervannsfilm] (Nrk 31.01.1979)
Film Music Score (Nrk Tv Film Directed By Bjorn Haavind)
En Kaerleks Sommar (1979)
Film Music Score (For A Film Directed By Mats Arehn)
Lucie (1979)
Film Music Score (For A Film Directed By Jan Erik Duering)
Chamber Concerto, No. 2 (1980)
For Jazz Big Band And Strings
Den Lange Streiken [Aka Gruvestreiken] (Nrk 09.1981)
Film Music Score (Nrk Tv Film Directed By Tor M. Torstad)
Concerto Ecm (1982)
For Electric Guitar, 8 Cellos, Keyboards And Percussion
Enigma For Brass Quintet (1982)
For 2 Trumpets, Horn, Trombone And Tuba
Syngspillet Om Svartedauen (1984)
Incidental Music
Scenemusikk Til Elektra (1985)
Den Sultende Klasses Forbannelse (Nrk 20.05.1986)
Film Music Score (Nrk Tv Film Directed By Carl Joergen Kioenig)
Arktik (1988)
For Electric Guitar / Alto Flute, Trumpet, Synthesizer,
Double Bass And Percussion
Adagio Von Mozart (1991)
For Orchestra
String Quartet No. 2 (1980 / 93)
Abiriels Loeve (1994)
Music Score For A Theatre Play
Kjaerlighetens Kjoetere (1995)
Film Music Score (For A Film Directed By Hans Petter Moland)
But The Melody Lingers On … And On (1997)
For Guitar And Orchestra
Syngespillet Om Svartedauen
Beyond Imagination (2013)
Natantis (Floating) (2015)
THANK YOU
Bleibt nur noch, in Anlehnung an Rypdals vor knapp 50 Jahren erschienenes Album ,What Comes After‘ zu fragen: Was kommt da noch? Worauf können wir uns noch freuen? Vor allem ganz sicher auf die viele großartige Musik dieses Künstlers, die wir schon haben und die man immer wieder neu entdecken kann. Tusen takk for alt, Terje Rypdal!
Leider ist der Stand im Dezember 2025, dass Terje Rypdal nicht mehr auf Tour gehen wird und auch keine Studio-Produktion geplant ist.
Ein großes Dankeschön geht an Morten Mordal für sein umfangreiches Wissen und die vielen Informationen, die er in den letzten Jahren auf Facebook veröffentlicht hat. Ich habe sehr von seiner Arbeit und seinem geteilten Wissen profitiert.
Noch ein Tipp zum Schluss: 2017 erschienen mit ,Sky Music: A Tribute to Terje Rypdal Vol. 1 & 2‘ zwei sehr schöne Tribute-Alben, mit Beiträgen von Bill Frisell, Hedvig Mollestad, Henry Kaiser, Raoul Björkenheim, Nels Cline, Ståle Storløkken, Jim O’Rourke u.v.a.
Vielen Dank fürs Lesen!
Lothar Trampert
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ZUGABE: POPSOG VS ODYSSEY

Als Zugabe hier noch ein Auszug aus dem Roman POPSOG von Jan Urbanek, erschienen 2024 in der Edition Subkultur, Berlin. Jan Urbanek ist seit seinem 15. Lebensjahr Fan von Terje Rypdal und seiner Musik. Weitere Infos unter www.janurbanek.de und www.subkultur.de
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50 // UNDERBERG
Ich träume. Du träumst manchmal sehr plastisch auf Opiaten, ohne zu tief zu schlafen. Es hat etwas dösiges, wie 10 oder 12 Stunden nach zu viel Crystal. Nur warm und ohne Depression
Drifting …
Er hatte sich eine Banane genommen, sie zu einem Drittel angeschält, reingebissen und sie dann, ungeschickt als frisches Obst getarnt, wieder zurück in die Obstschale gelegt. Mein Vater hatte das gesehen und sprach ihn darauf an. „Nein, das war ich nicht. Da irren Sie sich, Herr Urbanek“, meinte er mit einem arroganten, leicht debilen, überzogen unverschämten Comic-Lächeln. Er lächelte immer so, und wir wussten alle, dass er ständig log. Hunde kackten auf die Straße, im Herbst fiel Laub, und Underberg log. Ich gehe jetzt nicht auf die Banalitäten ein, die sein Nachname (sofern er nicht gelogen war) assoziieren ließ. Underberg hatte überhaupt den Idioten-Bonus, denn ganz lange nahmen wir ihn nur als Unterhaltungsfaktor wahr, und zogen ihn mit. Er hatte nie Geld für Pommes, er hatte ein Klapprad, er hatte wahrscheinlich früher Sex als wir, er hatte eine supernette, bodenständige Mutter und einen Playmobil-Vater mit Zweitsohn, der perfekt gelungen war. Underberg nicht ganz, denn er hatte nur die äußerliche Freundlichkeit seiner Ma, die genetisch kaum zu erklärende schlacksige Comic-Figurenfigur, steckte in einer US-College-Jacke, weil ein Bekannter bei den Amerikanern arbeitete.
Manche Eltern, Bekannte oder Freunde von Bekannten arbeiteten bei den Amerikanern. Nur wenige „hatten einen Ami“. So nannte man einen Mieter in der Einlieger- oder Dachwohnung des zu 98%-Kredit-finanzierten Eigenheims, das in 35 plus X Jahren abzuzahlen war und meist vorher vom Dach her wegfaulte und/oder durch unerwartete Kanalisationsausbauzusatzrechnungen die Besitzer in den Ruin trieb. Außer, man hatte einen Ami, der bei einem Dollar-Kurs von vier bis sechs Deutschmark immer zahlungsfähig war. Sein Gehalt war viel wert, denn die Militärs wurden in Deutschland ordentlich bezahlt und waren auch noch Wechselkursprofiteure.
Als Underberg so viel log, waren wir keine 15, und seine Familie wohnte noch in einer kleinstädtischen Etagenwohnung. Nach dem Umzug ins vermutlich sehr seriös kalkulierte Kredit-Eigenheim, hatte auch seine Familie erst einen Ami, dann einen RTL-Mitarbeiter.
RTL war in den Mittsiebzigern nur ein Radiosender in Luxembourg, der Programme auf Deutsch, Französisch und Lëtzebuergesch ausstrahlte – mit viel Musik. Später verstand ich, warum Radio-Moderatoren, -Redakteure, -Mitarbeiter – damals vermutlich alle irgendwie mit dem Sender verbundenen Menschen, außer den Hörern – Schallplatten zugeschickt bekamen. Plattenfirmen versuchten alles, damit ihre Produkte im Radio gespielt wurden. Underbergs Radio-Connection schenkte dem Vermietersohn jedenfalls immer wieder solche Promo-Ware, zeitweise waren das wirklich viele LPs – und alles Zeugs, mit dem weder RTL noch der Mieter was anfangen konnten. Irgendwann wurde mir die absolute Skurrilität klar, dass das 1969 gegründete Jazz-Label ECM den Mainstream-as-Mainstream-could-be-Sender RTL in Luxembourg bemusterte – mit Alben von Gary Burton, Ralph Towner, Keith Jarrett, Jan Garbarek, Eberhard Weber und Terje Rypdal. Underberg war sich anfangs nicht so ganz im Klaren darüber, dass diese LPs zu Geld zu machen waren, aber nach und nach kam er auf die Geschäftsidee und lernte mich als zahlenden Kunden für jene Jazz-Platten schätzen, die sonst keiner wollte. Dafür bekam ich dann auch immer mal ein paar der Rock-LPs, die alle wollten.

Es war Ende 1975, ich war 14 Jahre alt, und ich erinnere mich vor allem an ein Album: ,Odyssey‘ von Terje Rypdal. Das wollte keiner haben. Ich fand das Cover cool, den Namen abgefahren, und das war mir sehr wichtig und fantasieanregend. Bands oder Künstler, deren Namen mir nicht gefielen, hatten es später immer schwer: Mobb Depp, Pink Cream 69, Betontod. Diese Platte hat mein Leben verändert. Die Kraft dieser Musik war mein bester drogenfreier Kick überhaupt. Musik von Rypdals ,Odyssey‘ lief plötzlich auch als Soundtrack in experimentellen ZDF-Formaten wie „Das kleine Fernsehspiel“, bei denen Bayern dann abschaltete und mit Wieskirch-Impressionen substituierte. I was on the right side. Und irgendwie auch on the dark side, denn dieser instrumentale Blues-Ersatz des norwegischen Jazz-Rock-Gitarristen Terje Rypdal war wehmütig und auch mal schmerzhaft.
Terje Rypdal spielt immer noch. Ich habe ihn ein paar Mal live gesehen, ihn in Licht und Schatten erlebt, und ich hatte Fragen. Mit ihm sprechen wollte ich irgendwann aber nicht mehr. Ich liebe seine Musik, denn sie war schon immer meine Musik. Einsam, mit Drogen, clean, mit Wärme, ohne alles – und seine ,Ballade‘ vor dem Wegschießen, Weggehen, Wege suchen, war immer ein absoluter Stimmungsaufheller oder ein weiches Bett.
Mein Vater war so enttäuscht von der überflüssigen Lüge, dass Underberg danach für ihn abgehakt war – ich habe diese Entscheidung registriert, akzeptiert aber nicht ganz nachvollziehen können. Mein Vater hatte eben mehr Menschenkenntnis, denn er lebte schon 27 Jahre länger als ich. Er hatte die Skrupellosigkeit gelesen, die mich und ein paar Freunde später noch viel Geld kosten sollten. Seit 35 Jahren habe ich diesen Idioten nicht mehr gesehen, denke aber trotzdem noch an ihn. Vielleicht, weil Lügen dein Leben begleiten wie fehlleitende Straßenschilder, und die falschen Polizisten dich nach dem Bust auch noch auslachen und dir an der nächsten Ecke des Rif-Gebirges dein konfisziertes Dope erneut zum Kauf aufdrängen.

Ich habe jetzt ein paar Tage lang alle Musik von Terje Rypdal gehört und mir sämtliche Videos angeschaut, an die ich rankommen konnte. Mit dem Ziel ,Odyssey‘ zu erleben, nach langer Zeit noch mal das komplette Album am Stück, das ich als Doppel-LP bekam, das irgendwann als CD ohne die 23:29 Minuten ,Rolling Stone‘ veröffentlicht wurde, was sinnlos war. ,Made In Japan‘ ohne ,Smoke On The Water‘? Bullshit.
Jetzt läuft gerade ,Ballade‘, und kurz vor ,Rolling Stone‘ gehen mir die Drogen aus. Es ist die wunderbare Reissue-Box von 2012 ,Terje Rypdal: Odyssey In Studio and in Concert‘, die mir das Erlebnis liefert. Too stoned to play vinyl.
Ich unterbreche und ziehe mich wieder an.
Das Display blinkt on and off auf Track 4 – 46:16 … don‘t understand.
Addictive behaviour. Um 00:03 Uhr bin ich zurück. Ich habe Hunger. Mein aus Asni stammender Händler verachtete mich offen, als ich ihn das erste Mal fragte … Aber er mag mich jetzt irgendwie, seit ich ihm erzählte, dass ich 1981 in seinem Heimatdorf Tee getrunken habe. Damals war Asni ein großes Dorf in den Bergen. Die Nacht und den Tag danach, zurück in Marrakech, habe ich mir die Eingeweide aus dem Leib gekotzt. Das weiß er nicht. Er war damals noch nicht geboren.
Jamal steht hinter seiner chaotisch unaufgeräumt wirkenden Theke, die eigentlich zu niedrig ist. Zwei Bubbles liegen auf einem bunten Flyer, zwischen Tabakkrümeln, neben einer Packung Glass-Papers und zwei Flaschen Bier. Eine der Flaschen, die er, immer mit der linken Hand, aus dem Kühlschrank neben sich nimmt, liegt flach, die zweite steht aufrecht. Mit einem Handgriff habe ich die Bubbles und die liegende Flasche in der tiefen Seitentasche meiner Jacke. Meine gefalteten Geldscheine verbringen immer nur Millisekunden auf der Theke. Für das Bier habe ich irgendwann nicht mehr gezahlt. Ich darf Jamal manchmal den Sonderpreis auch diskret in die Tasche seines Hoodie stecken, während er sich kurz zum Kühlschrank dreht oder seinen Kiosk fegt oder an seinem Smartphone zockt. Manchmal sagt er „40.“, obwohl wir das ja beide wissen. „Ciao.“ Eingeschränkte Kommunikation.
Input 1. Input 2. Ich esse trotzdem was. Ich kenne sonst niemanden, der auf Pulver was essen kann. Dabei höre ich weiter ,Odyssey‘. Ich esse warme marokkanische Fladen, dazu Olivenöl, Kreuzkümmel und rotes Ras el Hanout. Zwei Bissen.
,Rolling Stone‘ läuft. Gedanken laufen. Rennen. Fliegen. Wann aufgenommen? Zu laut? Gigantisch. „Recorded at the Arne Bendiksen Studio in Oslo, Norway in August 1975“. Was machten die Namensgeber damals? Sie waren auf „The Rolling Stones‘ Tour of the Americas ‘75“ auf dem amerikanischen Kontinent. Nach dem Abgang von Mick Taylor die ersten Konzerte mit dem neuen Gitarristen Ronnie Wood, sieben Monate nach dem Studio-Album ,It‘s Only Rock‘n‘Roll‘, unterstützt von der Compilation die ich liebe, ,Made In The Shade‘.
Gedankenstränge fliegen mir entgegen, wabern wie dicke, bunt bemalte Taue rechts und links von mir. Ich greife nach ihnen, denke an David Bowie. Ich denke an Britta aus der Seitenstraße vom Kurfürstendamm, die mit Amadeus, einem Oboisten von den Berliner Philharmonikern zusammenlebte, in dessen Zimmer wir nicht schliefen. Und ,1984’ von David Bowie hörten.
Terje Rypdal kommt zum Thema zurück.
Too Rolling Stoned. Robin Trower kommt im Herbst. Nein, das Konzert fällt aus. Und ich cancele gerade ganz schnell mal mein Leben. Zu schnell.
Der Vorteil von Opiaten ist, dass der denkende Mensch großen Respekt vor dem Erstickungstod hat und deswegen kontrolliert dosiert. 500 Opiat-Tote in Deutschland sind überschaubar. Bei Alkohol ist das bekanntlich ganz anders, aber legal normal lethal. So normal wie bei den zwar weiterhin verschreibungspflichtigen bzw. illegalen US-Opioiden Oxycodone oder bei Fentanyl, dem seit Jahrzehnten Zigtausende zum Opfer fallen, zuletzt fast 110.000 Menschen pro Jahr alleine in den USA. Wenn n-O-rmalität eintritt, relativieren sich eben die Unterschiede zwischen den Massenkillern. Alkohol. In beiden Fällen verblödest du und lässt dich erst versklaven und dann töten. Dumm gelaufen.
Auf Speed & Co. begegnest du eigentlich immer irgendwann dem Fast-Herzinfarkt. Sicher aber vorher der psychiatrischen Ambulanz. Da, wo du Sonntagmorgens in jeder Großstadt eine dreistellige Nummer ziehst, und viele lieber gleich auf der Brücke warten. Wie krank ist das, wenn man es drauf anlegt, an ausbleibenden Kicks mental zu verrecken?
Mein Freund Belgique erzählte mir, er habe die Art von Balance nah am Abgrund gefunden, bei der sein Atemsystem nur noch im Sitzen funktionierte, weil die Lungen sich liegend zusammengedrückt hätten. Keine Luft. OK, der große Nachteil von Opiaten ist, dass sogar der denkende Mensch irgendwann jeden Respekt vor der Angst verliert und sich für den eigenen Retter auf dem Seil hält. Der Täter rettet sich selbst, also das eigene Opfer. Und wenn du ganz im Wahn bist, dann bist du selbst die eigentliche Droge, und die Kontrolle. Und die Kontrolle der Kontrolle. O lacht. O lacht dich aus.
Irgendwann nannte Jamal mich „Bruder“, und ich wusste nicht ob ich mir Respekt oder Mitleid erkauft hatte. Er sagte: „Ich danke dir, Bruda.“ Nach diesem Satz wusste ich, dass ich alleine war.
Hooked.
Mittwoch, 20. Januar. Heute ändert sich die Welt.
Ja, klar. ■

TEXT & FOTOGRAFIE: LOTHAR TRAMPERT
PRESSEFOTOS: ECM MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG.
AUSZUG AUS POPSOG MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG DES AUTOREN