GUTE MUSIK 21

+++ BJøRN BERGE: HEAVY GAUGE

Mit seiner rauen Stimme, seinem unglaublichen Drive und dem bodenständigen Groove erinnert mich der Norweger Bjørn Berge hier fast schon ein bisschen an Zakk Wylde, dem man bei allem Hard’n’Heavy-Anteil ja kaum Blues-Feeling absprechen kann. Wo Zakk Metal einfließen lässt, macht Bjørn das mit Country & Folk. Eingespielt wurde ,Heavy Gauge‘ im Trio mit Bassist Kjetil Ulland und Kim Christer Hylland an Drums & Percussion, die einen sehr direkten, raumfüllenden und trotzdem transparenten Sound produzieren, der diesem Album sowohl akustische Wohnzimmer-Kompatibilität wie auch Soundtrack-Flair verleiht. Besonders gut gefällt mir, wie Bjørn Berge auch auf diesem 13 Album immer wieder dezent Jazz-Feeling einfließen lässt. Seine Songs sind eingängig, seine Stimme ist intensiv und berührend, was noch viel mehr für seine sparsamen, knochigen, Acoustic-Slide-Einlagen gilt. Und dann macht er dich mit einer Punk-Riff-Jazz-Metal-Nummer wie ,Rip Off‘ sprachlos, gefolgt von der bluesigen Ballade ,Stray Dog‘, wieder mit tollen Bottleneck-Lines. Ein hervorragender Gitarrist, der von jeder Feeling-Olympiade mit Goldmedaillen nach Hause kommen würde. Wer Virtuosität als maximale Fähigkeit versteht, seine Hörerinnen & Hörer zu berühren, bekommt hier wirklich virtuosen Folk-Jazz-Blues-Groove-Rock – mit viel Abwechslung und ohne Gekniedel. Tolles Album! lt

+++ CERAMIC DOG: HOPE

+++ CERAMIC DOG: HOPE

Eigentlich machen Gitarrist & Sänger Marc Ribot und sein Trio Ceramic Dog da weiter, wo Bjørn Berge mit ,Heavy Gauge‘ aufhört: Sie transzendieren den bodenständigen Groove und schweben erst mal in fast Beat-freien psychedelischen Hall-Räumen mit WahWah-Gitarre davon. Bassist & Keyboarder Shahzad Ismaily und Schlagzeuger Ches Smith sind dabei Ribots Flugbegleiter, als Gäste sind bei einigen Tracks noch Darius Jones (sax), Rubin Khodeli & Gyda Valtysdottir (cello) und Syd Straw (voc) an Bord. Zwei Tracks weiter ist der Groove dann da, aber unerwartet maschinell, robotig, davor ein klassisches Rolling-Stones-Riff, dahinter eine 80s-David-Bowie-Gitarre – genial. Es folgt ein weirder Rap mit coolen Oktaven, der an die HipHop-affine New Yorker Jazz-Szene der frühen 90er erinnert – mit einem umwerfenden Drive. Marc Ribot ist 67 Jahre alt und immer noch ein einziges Überraschungspaket. Rein gitarrentechnisch und überhaupt musikalisch scheint der Herr wie ein Schwamm durchs Leben gegangen sein, so viele Facetten erlebt man beim Hören dieses neuen Albums, das bereits vor einem Jahr, im Mai 2020 in Brooklyn, aufgenommen wurde – als wir alle noch nicht so genau wussten, wie es mit der Welt weitergeht. „Ursprünglich”, sagt Ribot, „wollten wir es ,Better Luck Next Time‘ nennen, aber das fühlte sich … irgendwie unnötig an.” Er hat sein Album dann ,Hope‘ genannt. Ceramic Dog, allen voran Marc Ribot, lieben ganz offensichtlich die Kunst, die Freiheit und das Planetensystem Musik – wie sonst kann man sich ein so inspirierendes, uneinheitliches Album erklären. Ein optimistischer Trip für open minded Jazz-Fans, und für Gitarristen, die mal hören wollen, was sonst noch so alles geht, mit unserem Lieblingsinstrument. lt

+++ DAS JOHANNES KRAMPEN TRIO: SMILE

Uwe Metzler an Gitarre, Bouzouki und Dobro, Henrik Mumm am Kontrabass und Johannes Krampen an der Violine interpretieren bekannte Filmmusik-Themen. Das also mit einer ganz anderen Art von String-Section, als man sie häufig in Movie-Scores hört. Und mit einem Groove, der diese Musik vom Bild emanzipiert und auch von jeder Bühne aus wirken lässt. Keine Frage, dass hier auch Humor im Spiel ist – denn bei einigen Tracks muss man wirklich grinsen, wie z.B. bei Klaus Doldingers ,Tatort‘-Titelmelodie, ,Star Wars‘ oder der hier gut neunminütigen Version von ,Das Boot‘, seit der ich weiß, dass auch meine Gitarre wie ein vom Wasserdruck knarzendes U-Boot klingen kann. Hier bringen drei virtuose, weltoffene Musiker ihre Erfahrungen aus verschiedenen Genres – Pop, Jazz, Rock, Klassik – ins Spiel und schaffen es so, mit ihren Soundtrack-Neuinterpretationen etwas Eigenes zu kreieren. Gitarrist Uwe Metzler überzeugt in dem Zusammenhang nicht nur als straighter, tragender Rhythmiker sondern auch mit schönen Farben und sehr gekonnten kurzen Solo-Spots, immer mit geschmackvollen Sounds. “Symphonic Chamber Pop” nennen die drei Musiker ihr Genre – und sie sind wirklich ein sinfonisch klingendes Trio im klassischen Sinn. Überraschend großartig! lt

+++ LARRY CORYELL & PHILIP CATHERINE: THE LAST CALL

Dass der sensible Ton-Ästhet Philip Catherine (*1942) auch mal energetisch zupacken kann, bewies er schon in den frühen 70ern in der Band Pork Pie. Damals war Larry Coryell (+1943 +2017) als Rock-Jazzer bekannt, als Gitarrist der sich außerdem vor keiner musikkulturellen Begegnung drückte und immer wieder hervorragende elektrische Alben produzierte, um dann gegen Mitte des Jahrzehnts die elektroakustische Ovation-Steelstring zu seinem Hauptinstrument zu machen. 1976 spielten Coryell und Catherine dann zum ersten Mal bei den Berliner Jazztagen zusammen, es folgten einige gemeinsame Alben. Am 27. Januar 2017 kam es dann im Rahmen der Reihe “Jazz at Berlin Philharmonic” zu einem erneuten Zusammentreffen, das auf ,The Last Call‘ dokumentiert ist. Larry Coryell starb wenige Wochen später – hier hören wir wahrscheinlich seine letzten Aufnahmen. Meine Favoriten dieses neuen Albums sind ,Miss Julie‘ und ,Jemin-Eye’n‘, beides Kompositionen von Coryell, in denen die beiden Gitarristen zeigen, wie Sensibilität, Zuhören, Zuspielen, eben Interaktion im Duo, gelingen kann. Das macht dann wirklich Lust, auch noch mal in ihre gemeinsamen Studio-Alben ,Twin House‘ (1977) und ,Splendid‘ (1978) reinzuhören, die zudem klanglich etwas direkter rüberkommen. Bei den letzten drei Tracks ist Standard-Time angesagt, und es stoßen noch Pianist Jan Lundgren  und dann Bassist Lars Danielsson zum Gitarren-Duo. Das letzte Stück ,On Green Dolphin Street‘ bestreiten dann alle gemeinsam mit Gast Nr. 3, dem Trompeter Paolo Fresu – und nein, es ist nicht die von mir befürchtete Festival-Finale-Schunkel-Nummer (FFSNR) geworden, sondern einfach ein, dank Lars Danielsson, immens swingender, cooler Track. Könner eben.  lt

+++ GREGOR HILDEN ORGAN TRIO: VINTAGE WAX

Vom ersten Ton an spannend – musikalisch wie auch gitarristisch – startet dieses zweite Album des Gregor Hilden Organ Trio, mit Drummer Dirk Brand, Organ-Handler & funky Gelegenheitssänger Wolfgang Roggenkamp sowie Namensgeber Gregor H., der hier gleich im sich nahtlos anschließenden, großartigen zweiten Track, absolut scharfe, exotische, schön aufgenommene Saiten-Sounds abliefert. Alle verwendeten Instrumente werden für die Musiker unter den CD-Käufern detailliert im Innenteil des schön designten DigiPaks aufgeführt. Das musikalische  Spektrum der eigenen und Fremd-Kompositionen (Peter Green, Marvin Gaye, Freddie King u.a.) reicht von überwiegend instrumentalen, coolen Blues-Tracks, über groovende Soul-Rocker, und Funk-Grooves bis hin zu Stücken, die irgendwie Flower-Power-Feel und Hippie-Pop-Flair haben.  Absolut unterhaltsamer Mix und klasse gespielt. Und ja bzw. nein: Nicht alle Gitarren klingen gleich! Aber alle klingen hier hervorragend – wie dieses ganze Album. lt

+++ TINI THOMSEN MAX SAX: HORSES & CRANES

Rhythm & Blues, Fuzz-Rock-Gitarren, ächzender James-Brown-on-acid-Funk, schwer groovender Soul-Jazz mit schrägen Sounds: Tini Thomsen’s Max Sax liefert schon eine deftige Mischung ab! Und Bariton-Saxophonistin Thomsen hat mit diesem Album eine sehr eigene Crossover-Nische gefunden. Sie und ihre Band sind hier vor allem eins: unberechenbar. Nigel Hitchcock (as), Joost Kroon (dr), Mark Haanstra (b), der wirklich vielseitige Tom Trapp an elektrischen und akustischen Gitarren, Mandoline und der National Steel Guitar, sowie Posaunist Nils Landgren als Gast in einem Track sind ein eigenwillig-originelles Team. Und perfekte Missionare für alle “Ich höre ja eigentlich keinen Jazz”-Hörer, denen hier eine neue, bunte Welt gezeigt wird. lt

+++ CHARLES LLOYD & THE MARVELS: TONE POEM

Nicht mehr ganz frisch, aber extrem lange haltbar ist dieses neue Album des amerikanischen Jazz-Musikers Charles Lloyd (ts, fl), der auf ,Tone Poem‘ mit Reuben Rogers (b), Eric Harland (dr) sowie Steel-Guitar-Player Greg Leisz und dem wandlungsfähigsten Jazz-Gitarristen aller Gitarristenkarrieren, Bill Frisell, zu hören ist. Interpretiert werden Kompositionen von Lloyd, Ornette Coleman, Leonard Cohen, Thelonious Monk, Gabor Szabo und Bola de Nieve. Und hinter dieser sehr diversen Musikauswahl groovt, nein pulsiert eine Rhythm-Section die extrem unauffällig trägt, kommen sich zwei String-Sections nie in die Quere sondern verzahnen ihr Spiel, und der Hauptsolist & Bandleader erdrückt hier auch niemanden. Smells like team spirit. Gitarrist Gabor Szabos Komposition ,Lady Gabor‘ ist mit knapp elf Minuten der längste Track dieses Albums, und für mich der spannendste: Hier lernt man, wo der Jam-Rock herkam – und dann, komplett entschleunigt wieder hinführen kann. Schöne, chillige, coole Musik – und trotzdem 70 Minuten Spannung. lt

+++ ANDRÉ NENDZA: ON CANVAS I

+++ ANDRÉ NENDZA: ON CANVAS I

Kontrabassist & Bandleader André Nendza (*1968) hat schon einige Platten, Projekte & Preisverleihungen hinter sich, arbeitete u.a. mit Dave Liebman, Kenny Wheeler, Charlie Mariano, Dave Pike, und ist auch als Dozent in der Jazz-Ausbildung aktiv. Seine neuen Kompositionen basieren größtenteils auf konventionellen Standard-Changes, die Groove-Basis ist straight-ahead swingend, und oft fühlt man sich etwas in die kurz vor dem Ausbruch in die freie Welt stehenden, frühen 60er Jahre versetzt – und spürt sofort, wie zeitlos dieses Thema ist: Ausbruch, Aufbruch, das Weiterspielen, die Entwicklung, aber auch die Erhaltung der Basis. Für die freie Welt steht ohne Frage die großartige Saxophonistin Angelika Niescier (*1970), die für mich immer ein bisschen nach Tenor klingt, obwohl sie hier ein Alt-Saxophon spielt. Pianist Martin Sasse, Matthias Bergmann am Flügelhorn und Niklas Walter am Schlagzeug komplettieren diese starke Band um Bassist André Nendza, der in Tracks wie ,Placontemption‘ so etwas wie die kraftvolle, deepe Achse dieser packenden Formation darstellt. Retro? Klar – die Welt lebt vom Gestern, und nur wer dieses Gestern verstanden hat kann heute so spannend davon erzählen. Großartige Aufnahme! Weiterhören? André Nendza ist auch auf dem neuen Album des Pianisten Christian Pabst, ,Balbec‘, zu hören, an Upright- und E-Bass. lt

+++ MATTHEW HALPIN: AGREEMENTS 

Der irische Saxophonist Matthew Halpin ist auf seinem aktuellen Album mit  Drummer Sean Carpio, Organist Kit Downes, Percussionist Sergio Martinez sowie den Sängerinnen Veronika Morscher, Rebekka Salomea Ziegler und Laura Totenhagen zu hören. Und mit dem Gitarristen Hanno Busch (*1975), einem Könner in verschiedenen Genres, der nach seinen zehn Jahren bei der TV-Total-Band Heavytones mit zwei gelungenen Trio-CDs und dem Projekt Sommerplatte mit zwei weiteren Alben, einige Spuren hinterlassen hat. Stilistisch kann man Busch (er hat mit Bosse, Ana Bonfim, Cosmo Klein, Nana Mouskouri, Peter Licht und Gregor Meyle zusammengearbeitet) so wenig festnageln, wie Matthew Halpin. Natürlich ist das Jazz, aber welcher? Guter! Alles andere ist unwichtig. Und an und für sich ist es sowieso immer wieder Blues – dass die Beteiligten auch das draufhaben, beweisen sie in ,Dog Day Afternoon‘. ,Pop Fiction‘ swingt dann noch mal sehr bilderbuchartig, mit einem coolen Gitarrensolo, wie Jazz für den Krimi. Irgendwie denkt man hier sonst aber oft an eine Jam-Session, und ,Agreements‘ klingt auch oft eher nach Absprachen oder Vereinbarungen, als nach einem kompositorischen Konzept. Aber auch das kann ja ein Konzept sein. Bandleader Matthew Halpins eigene Handschrift kommt dann stärker in den letzten drei Tracks rüber – sehr schön, eigenwillig und unberechenbar. lt

+++ GREG LAMY: OBSERVE THE SILENCE.

Geboren 1974 in New Orleans, Studium am Berklee College of Music in Boston und dem Londoner Trinity College – heute lebt er in Luxembourg & Paris: Das sind die Eckdaten des Gitarristen Greg Lamy. 2006 erschien das erste Album des Greg Lamy Quartet, ,What Are You Afraid Of?‘, das aktuelle ,Observe The Silence‘ ist sein siebtes. Mit Jean-Marc Robin (dr) und Gautier Laurent (b) hat Lamy jetzt neues Material veröffentlicht. Der Archtop-Spieler hat diesmal den Hall entdeckt, dachte ich bei einigen Tracks, die wunderbar im Raum schweben und an Aufnahmen Bill Connors oder Mick Goodrick erinnern. Das muss man mögen – falls nicht, versöhnen einen hier ganz schnell die instrumentalen Beiträge, die dir in diesem Kunstraum trotzdem schnell sehr nahe kommen. Toll gemacht! Bei drei Titeln ist der Pianist Bojan Z dabei, und da öffnet sich das Klangbild ein weiteres Mal – Lamys Soli wirken dann entspannt und fast befreit. ,Morphine‘ und ,Mothers‘ sind meine Highlights dieses Albums. Keine Frage, hier hört man gleich zwei tolle Bands. Entdecken: http://www.greglamy.com lt

+++ PHILIPP SCHIEPEK & WALTER LANG: CATHEDRAL

,Golem Dance‘ hieß das Debüt-Album des Gitarristen Philipp Schiepek (*1994), das ich vor knapp zwei Jahren an dieser Stelle gefeiert habe. War er bei der damals auf dem Label enja erschienenen Aufnahme mit seinem Quartett zu hören, hat er diesmal nur einen musikalischen Partner: den Pianisten Walter Lang (*1961). Zwei Generationen, ein Feeling – der Eindruck entsteht jedenfalls, wenn man die elf entspannten Tracks ihres gemeinsamen Albums hört, die Schiepek mit der Nylonstring-Acoustic eingespielt hat. Minimalistische Melodien, positive Grundstimmung, Harmonien mit rezeptfreiem Entspannungs-Potenzial! Fast folkloristisch klingt das Ganze gelegentlich – Walter Langs jazzige Keith-Jarrett-Verspieltheit bleibt aber immer in Hörweite. Und Philipp Schiepeks gekonnte Arpeggios und vor allem seine perfekte Intonation sind wohl Resultat seiner klassischen Gitarrenausbildung – er klingt eben nicht wie ein Jazz-Gitarrist, der auch mal zur Konzertgitarre greift. lt

ONE, TWO, YOU KNOW WHAT TO DO

Fans des legendären Kult-Rockers Herman Brood, der mit dieser Headline immer seinen Hit ,Dope Sucks‘ einleitete, muss ich enttäuschen: Hier geht es um drei Jazz-Duos, deren Beteiligte aber ebenfalls absolut wissen, wo es lang geht, mit der Musik.

Nach ,Togetherness‘ liegt mit BEAUTIFUL MIND jetzt das zweite Album des norddeutschen GODEMANN BAUDER DUO vor, wobei Gitarrist Massoud Godemann und Kontrabassist Gerd Bauder ansonsten auch noch im Trio mit Drummer Michael Pahlich aktiv sind. Eine sehr gut klingende Aufnahme eines eingespielten Teams, dessen Lebendigkeit mir schon beim Debüt gefiel. Denn beide Musiker gleiten, grooven und solieren unverkrampft durch die acht Album-Tracks, irgendwo zwischen Tradition und zeitgenössischer Moderne interagierend, immer dezent swingend oder eher pulsierend, mit eigenwilligen Arrangements, coolen Voicings und abwechslungsreichen Sound-Settings überzeugend. Auch das geht in dieser klassischen Duo-Besetzung, mit der man sich durchaus aus dem langen Schatten von Jim Hall & Ron Carter herausspielen kann. Reza Massoud Godemann gehört für mich zu den interessantesten und individuellsten Gitarristen der europäischen Szene, die mit Solisten wie Philipp Schiepek, Max Clouth, Paul Brändle, Martin Lejeune, Frank Wingold, Andreas Willers u.v.a. personell großartig ausgestattet ist. Visit http://www.massoudgodemann.de

Zwei Archtop-Spieler mit warmem Ton: MANFRED JUNKER & DANI SOLIMINE spielen seit mehr als zehn Jahren in verschiedenen Besetzungen zusammen. GUITARISTS ONLYliegt ein ganz eigenes Sound-Konzept zugrunde, das vor allem von den tiefen Basslines getragen wird, die der Schweizer Dani Solimine mit dezenten Akkorden verbindet – er spielt eine 7-saitige Gitarre – über die sein Duo-Partner Manfred Junker überwiegend linear soliert. Neben zwei Eigenkompositionen werden hier u.a. Stücke von Django Reinhardt, Jim Hall, Kenny Burrell, Wes Montgomery, Pat Metheny, Helmut Nieberle und Peter Bernstein interpretiert. Die beiden Gitarristen durchstreifen also verschiedene Jazz-Epochen, wobei ihre Version von Chansonnier Sacha Distels ,La Belle Vie’ fast schon ein wenig an das großartige Duo von Attila Zoller & Jimmy Raney erinnert, mit ganz eigener Coolness. Ebenso spannend ist der Django-Reinhardt-Track ,Manoir De Mes Rèves‘ mit seiner unerwartet sensiblen, fast schon impressionistischen Grundstimmung. Das Album endet mit Manfred Junkers Acoustic-Version von Bill Frisells ,Ghost Town‘. Very jazzy, very country! Visit http://www.manfredjunker.com

Ein paar echte Jazz-Klassiker – ,Stompin’ At The Savoy‘, ,Autumn Leaves‘, ,Donna Lee‘, ,Wave‘, ,Centerpiece‘ – und sechs Eigenkompositionen der beiden Gitarristen JOSCHO STEPHAN & PETER AUTSCHBACH bilden das Repertoire dieses überwiegend straight ahead swingenden Albums. Joscho Stephan und Peter Autschbach sind Könner, die ihre Instrumente beherrschen und einzeln bereits eine Menge großartiger Gitarrenmusik eingespielt haben. Gypsy-Guitarist Stephan als Vertreter des Django-Reinhardt-Genres, das er, wie wenige andere nicht nur perfekt beherrscht, sondern immer wieder auch erweitert und wirklich belebt hat. Autschbachs Qualitäten liegen in anderen Bereichen, das wird direkt im vierten Track ,Holobiont‘ deutlich, der zwischen Folk, Jazz und New Acoustic Music einen eigenen Weg geht. Der Titel-Track des Albums SUNDOWNER stammt von Joscho Stephan, der als Gitarrist einfach eine unglaubliche Handschrift hat. Sein Ton, seine Vibrati, sein Timing und seine Phrasierung sind einfach Weltklasse, ganz gleich, ob er Acoustic oder Jazz-Archtop spielt. Das Album kann man für € 10 direkt beim Künstler beziehen: http://www.joscho-stephan.de.

P.S.: Der anfangs erwähnte HERMAN BROOD hat übrigens mit BACK ON THE CORNER (1999) ein großartiges Jazz-Album aufgenommen, das mindestens so gut swingte, wie die Musik der hier vorgestellten Kollegen. Reinhören! lt ■

+++ DR. LONNIE SMITH: BREATH

Der 1942 in New York geborene Organist Dr. Lonnie Smith ist eine Legende, hat mit George Benson gespielt, zwei Alben mit der Musik von Jimi Hendrix aufgenommen (mit John Abercrombie an der Gitarre) und ist jetzt auf ,Breathe‘ u.a. mit Gitarrist Jonathan Kreisberg und bei den beiden Studio-Tracks des Albums mit Iggy Pop am Mikrofon zu hören. Und wenn der ,Why Can’t We Live Together‘ murmelt, zu Lonnies schmatzender Hammond B3 und den virtuosen Licks des Gitarristen, dann ist das einzigartig. Sechs Live-Tracks von 2017 bilden das fette Mittelstück dieser Veröffentlichung; hier sind größere Besetzungen mit Bläsern zu hören – und immer mit Gitarrist Jonathan Kreisberg, den man spätestens nach dem Lesen dieser Zeilen kennenlernen muss. Cooles, chilliges, atmosphärisches Album, dass dir den Club nach Hause holt. lt

+++ MAX CLOUTH, KABUKI, SOPHIE-JUSTINE HERR: LUCIFER DROWNING IN A SEA OF LIGHT

Den 1985 in Frankfurt am Main geborenen Gitarristen und seine Musik haben wir in diesem Magazin schon mehrfach erwähnt. Jetzt ist das fünfte Album von Max Clouth erschienen, das er zusammen mit Kabuki am Modular-Synthesizer und Sophie-Justine Herr am Cello eingespielt hat – und zwar absolut live, ohne Schnitt in den Ludwigsburger Bauer Studios. Geprägt wird die Musik von einem besonderen Instrument, das Max Clouth gemeinsam mit dem Instrumentenbauer Philipp Neumann entwickelt hat: Diese Doubleneck-Gitarre hat oben einen Fretless-Hals, darunter einen bundierten und schräg unter den beiden Saitensträngen durchlaufend noch mal zwölf Resonanzsaiten installiert. Rein klanglich hat Clouth so die Möglichkeiten einer akustischen Gitarre plus den bundlosen, an einer arabischen Oud oder der indischen Sarod orientierten Hals, für die, für uns Europäer exotisch klingende Abteilung. Das Album war von vornherein auch als Vinyl-LP geplant, deren B-Seite Max Clouth als Solist bestreitet. Er improvisiert, unterlegt von einem leisen Drone-Sound, über vier Stimmungen: Sonnenaufgang, Mittag, Sonnenuntergang, Mitternacht. Hier kann man einige ganz eigene Facetten des Saiteninstruments Gitarre-Plus kennenlernen – ebenso viel über ökonomisches Spiel und Ausdruck. Absolut originelle Musik. lt

+++ OKABRE: EMPTY BODY EMPTY HOUSE

Ich kenne keine Band dieses Planeten, die so klingt wie Okabre. Denn die Klangwelten von Andreas Wahl (dr), Florian Graf (g), Thomas A, Pichler (b, synth), Rainer F. Fehlinger (voc, fx), Günther Gessert (theremin, marxophone) und Manfred Rahofer (electronics) sind wirklich speziell. Auf Bandcamp taggen die Österreicher ihre überwiegend instrumentale Musik mit “alternative experimental art rock avant-garde pop progressive Linz”. Ihre Tracks entstehen oft in Zusammenhang mit künstlerischen Filmproduktionen, für die das Kollektiv entweder komponiert oder direkt live improvisierend vertont. Und immer wieder schweben einem zwischendurch ein paar warme Gitarrentöne von Florian Graf entgegen, der dieses Album übrigens auch aufgenommen und gemischt hat: Arpeggios und verhaltene Chords die verhindern, sich im abstrakten Soundscapesoundtrack zu verlieren. Ich liebe Musik, bei der man nicht weiß, was als nächstes kommt – Respekt: Tolles Album, aber nichts für das erste Date mit der neuen Nachbarin. Mehr unter okabre.com. lt

+++ FERENC SNÉTBERGER / KELLER QUARTETT: HALLGATÓ

Der 1957 geborene ungarische Jazz-Gitarrist Ferenc Snétberger präsentiert sich hier mal wieder von seiner anderen, der klassischen Seite: Gemeinsam mit dem Keller Streichquartett interpretiert er auf ,Hallgató‘ Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch, John Dowland und Samuel Barber – eingerahmt von Snétbergers eigenem Gitarrenkonzert ,In Memory of My People‘, das er seinen Roma-Vorfahren gewidmet hat, sowie seinem Solo-Gitarrenstück ,Your Smile‘ und der ,Rhapsody 1‘. Ein sehr intensives, überwiegend ruhiges Album. Berührend. lt

+++ FRANK WINGOLD: TO BE FRANK

Solo, Duo, Trio und mehr, Sounds, Standards, Song-Begleitung, freie Improvisation … der in Köln lebende Gitarrist Frank Wingold gehört zu den vielseitigeren Instrumentalisten der Jazz-Szene. “Solo Guitar”, heißt der Untertitel seines neuen Albums, und Wingold hat sich für dieses Projekt auf zwei siebensaitige Gitarren konzentriert: eine stahlbesaitete Jazz-Archtop und eine klassische Nylonstring-Gitarre, die vom klanglichen Ideal eigentlich gar nicht so weit auseinanderliegen müssen. Dazu kommt, dass Frank Wingold die Saiten seiner Instrumente mit den Fingern und Fingernägeln zupft, anschlägt, bearbeitet, was ihm, gegenüber dem Plektrumspiel einiges an zusätzlichen Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet und Melodien, Basslines und Akkorde einzeln sowie in Kombination ermöglicht. Dadurch hat sein Gitarrenspiel auf ,To Be Frank‘ einen wirklich kompletten, orchestralen Ansatz. Das gelingt Wingold aber, ohne eine Leichtigkeit und Zugänglichkeit aufzugeben, die seine Musik durchzieht. Das Album besteht jeweils zur Hälfte aus Improvisationen und Kompositionen – und eben habe ich erlebt, dass auch freiere, tonal offenere Musik ganz schön gute Laune machen kann. Wingold kann mit Feeling vermitteln, kann seine Musik nahebringen – dazu passt, dass er auch als Professor für Jazz-Gitarre an der Musikhochschule Osnabrück aktiv ist. Meine Annahme, ich hätte hier und da ein paar Overdubs gehört, war falsch: Frank spielt auf diesem Album live. Der Aufnahme-Sound ist warm und ansprechend, man hat das Gefühl, der Künstler säße vor einem. Wohnzimmerkonzert! Wingold: „Am besten funktioniert das, wenn ich mich einfach nur hinsetze und drauf los spiele. Ohne technische Effekte oder Hilfsmittel – abgesehen von einem Verstärker vielleicht.“

,To Be Frank‘ kommt in einem sehr schön gestalteten DigiPak mit Booklet und beginnt mit acht Standards und einer Eigenkomposition, in denen Frank Wingold ganz unterschiedlich zur Sache geht: mal fast folkig, virtuos fingerpickend, dann im dezent klassisch angehauchten und mit feinen mediterranen Vibrati gewürzten Joe-Pass-Virtuoso-Style, um schließlich bei ,Joshua‘ (von Victor Feldman) und nachfolgenden Tracks absolut groovend eine tragende Basslinie mit pianistischen Akkorden, Melodien, Flageoletts und Improvisation zu kombinieren. Großartige Musik. Überragend finde ich Wingolds Interpretation der Wayne-Shorter-Komposition ,Pinocchio’, die fast nahtlos in die sechs Improvisations-Tracks des Albums überleitet. Entdecken! http://www.wingold.de lt

+++ FRANCO AMBROSETTI BAND: LOST WITHIN YOU

Mal abgesehen davon, dass der Schweizer Trompeter und Bandleader Franco Ambrosetti ein großartiger Musiker mit einer sehr interessanten Biografie ist, landete er insbesondere wegen eines Sideman in diesem Gitarristenmagazin: Mit John Scofield verbindet Ambrosetti eine langjährige Zusammenarbeit, die 1987 mit dem Album ,Movies‘ begann, es folgten ,Movies, Too‘ (1988), ,Cheers‘ (2017) – alle auf dem Münchener Label enja erschienen, bei dem auch Scofield zu Beginn seiner Karriere eine Menge genialer Musik veröffentlicht hat, die erstaunlicherweise viele seiner jüngeren Fans gar nicht kennen. Mit Franco Ambrosetti traf er dann noch mal zu ,Long Waves‘ (2019) zusammen, und jetzt sind beide auf ,Lost Within You‘ zu hören. Neben dem Bandleader (diesmal ausschließlich am Flügelhorn) und Scofield (mit warmem, relativ cleanem, aber dennoch atmendem Gitarrenton) waren noch Uri Caine (p), Renee Rosnes (p), Jack DeJohnette (dr/p) und Scott Colley (b) mit im Studio. Entstanden ist ein Balladen-Album, ruhig, swingend, mit teils weniger bekannten Kompositionen von Horace Silver, Miles Davis, Bill Evans oder McCoy Tyner. Wer die ruhigere, etwas traditioneller jazzige Seite von John Scofield noch nicht kennt – hier gibt es eine Unterrichtsstunde in dezenter, respektvoller Standards-Interpretation mit eigener Handschrift – das übrigens auch von Bassist Scott Colley. Franco Ambrosettis ,Lost Within You‘ ist die Antwort auf die Frage, ob man denn immer noch diese alten Standards spielen muss. Ja, denn wenn man es kann, wie die hier zu hörenden Weltklasse-Interpreten, sind sie lebendige Herausforderungen für zeitlose, spannende, intensive, berührende Musik. lt

+++ HARRI STOJKA: SALUT TO JIMI HENDRIX

Wenn Harald Wakar Stojka (geboren am 22. Juli 1957 in Wien) in die Saiten haut, geht die Post ab. Er ist ein HiEnergy-Rocker der alten Schule, der auch gut auf frühe Alben von Deep Purple oder besser noch zu Black Sabbath gepasst hätte, der aber auch mit thrashigen Surf-Punk-Attacken an Link Wray erinnern kann, um dann im freien Flug gleich mal bei Sonny Sharrock vorbeizushredden. Harri Stojka spielt Gitarre, Bass, ist Bandleader, Sänger und auch ein angesehener Jazz-Musiker. Stojka, der aus einer nach Österreich eingewanderten Roma-Familie stammt, geht erwartungsgemäß auch das Thema Hendrix ganz unverkrampft an – er macht uns hier nicht den Jimi, sondern Harri interpretiert Jimi: ganz einfach straight rockend, rough, mit krachendem Live-Charme und ausgiebigen Soli. Und Harri-Stojka-Soli wie das in ,All Along The Watchtower‘, gespielt auf seiner 1968er Gibson Les Paul Goldtop mit P90-Pickups, zeigen, dass der Herr sein Instrument verdammt gut zu nutzen weiß. Das hat er aber schon auf über zwanzig anderen Alben bewiesen, zuletzt 2016 mit ,A Tribute To The Beatles’. Begleitet wird Stojka bei ,Salut To Jimi Hendrix‘ nur von Drummer Sigi Meier, alle weiteren Instrumente und Vocals hat er selbst eingespielt. Zwischen den Jimi-Hits gibt’s auch ein paar Eigenkompositionen; der letzte Track heißt ,Jimi‘ und ist eine sehr eigenwillige kleine Klang-Collage, die wirklich schräg und spannend rüberkommt. Da wünscht man sich direkt, dass Harri Stojka dieses Album noch mal in genau dem Stil dieses Tracks remixt und eine abgedrehte Free-Jazz-Version nachliefert. Sympathischer Musiker, der macht was er will. Besuche http://www.harristojka.atlt

+++ ALLAN HOLDSWORTH

Gleich zwei neu zu entdeckende Live-Mitschnitte sind jetzt erhältlich, auf denen der geniale E-Gitarren-Exzentriker ALLAN HOLDSWORTH (*1946 +2017) als Band-Mitglied bzw. Co-Leader zu erleben ist. Die älteren Aufnahmen entstanden bereits am 01. November 1980 beim Paris Jazz Festival, und hier war wirklich eine außergewöhnliche Besetzung zu hören: Neben Gitarrist Holdsworth waren das sein früherer Duo-Partner, der Londoner Pianist GORDON BECK, dann der damals 24jährige Violinist DIDIER LOCKWOOD sowie Kontrabassist JEAN-FRANCOIS JENNY-CLARK, beide aus Frankreich, und der italienisch-persische Drummer ALDO ROMANO. Nicht zu Unrecht heißt das Album THE UNIQUE CONCERT, denn die Musik dieser hochkarätigen Besetzung ist etwas sehr Besonderes: wirklich jazziger Jazz-Rock, Musik, die swingen, pulsieren und auch mal krachen kann. Mit Didier Lockwood hatte der hier im besten musikalischen Sinn gitarristisch hyperventilierende Holdsworth einen Solisten an der Seite, dessen E-Violine klanglich oft leicht mit der sahnigen Legato-E-Gitarre verwechselt werden kann. Drei Kompositionen stammen von Gordon Beck (in denen klingt Holdsworth am besten), zwei von Lockwood, und neben einer guten Stunde Musik transportiert die CD auch noch ein Interview mit Drummer Aldo Romano. Dazu gibt’s ein schönes, informatives Foto-Booklet.

Auf den zweiten Live-Mitschnitt, SOFT WORKS: ABRACADABRA IN OSAKA, ist Gitarrist ALLAN  HOLDSWORTH noch präsenter. Zusammen mit Elton  Dean (sax, e-p), Hugh  Hopper (b) und John  Marshall (dr) spielte er am 11. August 2003 in Osaka, Japan. Alle Beteiligten waren irgendwann zwischen 1969 und ‘79 mal Mitglieder der britischen Band Soft Machine, deren progressiver Jazz-Rock wegweisend war. Und irgendwie schwingt der alte Spirit bei den Aufnahmen dieses gemeinsamen Gigs mit. Elf Live-Tracks wurden jetzt auf zwei CDs veröffentlicht, im schön designten DigiPak findet man außerdem ein 20-seitiges Booklet. Das Album gibt’s über http://www.softmachine-moonjune.bandcamp.com – hier bekommt man die Musik auch in diversen (hochauflösenden) Download-Formaten. 

Interessant ist Holdsworths Entwicklung im Vergleich beider Aufnahmen, zwischen denen ja auch ein knappes Vierteljahrhundert und Quantensprünge in der Gitarrenelektronik liegen, die Allan bekanntlich ausgiebig nutzte. Der lineare, boppende Jazzer hatte sich eine parallele Identität als Soundscaper erarbeitet, die beide perfekt harmonieren oder auch mal in ganz verschiedene Richtungen laufen konnten. Obwohl sich Holdsworth daher später im Trio (mit begleitenden Bass und Drums) am wohlsten fühlte, sind seine Interaktionen mit anderen Solisten für mich spannender. Das gilt vor allem für Pianist Gordon Beck, im Fall der zweiten Aufnahme aber für jeden der Beteiligten, insbesondere den fantastischen Drummer John Marshall. Wer mehr von der jazzigen Saite des Allan H. hören möchte, sollte diese beiden Veröffentlichungen mal checken – ebenso die bereits erwähnten Duo-Aufnahmen mit Gordon Beck (,The Things You See‘ von 1980 und ,With A Heart in My Song‘ von 1988). lt



+++ THE BAND: STAGE FRIGHT

The Band waren Garth Hudson (org/sax), Levon Helm (dr/voc), Richard Manuel (kb/dr/voc), Rick Danko (b/voc) und Robbie Robertson (g/p/voc) – alle großartige Musiker, Solisten und ausdrucksstarke Künstler. Bekannt wurden sie auch als Begleiter von Bob Dylan in den Jahren 1965 bis ’67 und dann noch mal 1974, u.a. zu hören auf den Alben ,The Basement Tapes‘, ,Planet Waves‘, und der Live-Kooperation ,Before The Flood‘. Ihr 1970 erschienenes drittes Album ,Stage Fright‘ – nach ,Music From Big Pink‘ (1968) und ,The Band‘ (1969) ein weiterer Meilenstein amerikanischer Rock-Musik – wurde jetzt als Box-Set wiederveröffentlicht, mit 2CDs, einer Blu-ray, der originalen LP (hier limitiert auf farbigem Vinyl), einer weiteren 7“-Vinyl, drei Kunstdrucken und einem großformatigen Fotobuch. Die originale Musik wurde, unter der Regie von Robbie Robertson neu abgemischt und in die ursprünglich geplanten Reihenfolge gebracht, dazu kamen, neben zwei Bonus Tracks, u.a. die „Calgary Hotel Recordings, 1970“ von Robertson, Danko und Manuel, die hier einige ,Stage Fright‘-Tracks zu dritt interpretieren. Echte Highlights sind der auf einer CD und der Blu-ray zu findende Mitschnitt ,Live at the Royal Albert Hall, June 1971‘, denn hier erlebt man die ganze Magie dieser Formation, zwanzig Titel lang, in gutem Sound: Engineer Bob Clearmountain hat Album und Konzert neu abgemischt und auch dezente 5.1-Surround-Mixes (DTS und Dolby) als Hör-Option geschaffen. 

In den US-Charts kletterte ,Stage Fright‘ von The Band vor einem halben Jahrhundert erstmals bis auf Platz 5 – die beiden Vorgänger-Alben waren aber keinesfalls schlechter. Unglaublich, dass wir nach so langer Zeit mit Robbie Robertson weiter einen großartigen The-Band-Überlebenden und seine Musik genießen können. Denn auch dessen Solo-Alben gehören zum Besten aus der US-Alternative-Roots-Rock-Szene. lt

+++ FRANK ZAPPA: ORIGINAL MOTION PICTURE SOUNDTRACK

Wir haben die 3CD-DigiPak-Version dieser neuen Zappa-Compilation vorliegen, die es auch noch als DoLP und 5LP- Deluxe-Box gibt. Es geht um den Soundtrack zu Regisseur Alex Winters neuem Dokumentarfilm “Frank Zappa”, den genialen Gitarristen, Sänger, Bandleader, Komponisten und Schrägmeister der amerikanischen Musikszene. Mit 68 Tracks ist die musikalische Begleitung des Kinofilms opulent ausgefallen und darunter befinden sich auch zwölf bislang unveröffentlichte Songs aus dem Archiv der Zappa-Familie, sowie Live-Mitschnitte in unterschiedlicher Klangqualität, u.a. von 1968 aus dem Club Whisky A Go-Go in L.A., dem Fillmore West in San Francisco 1970, dem Münchener Circus Krone 1978 und einem TV-Auftritt bei Saturday Night Live. Das Studiomaterial beginnt bei ,Freak Out!‘, dem 1966er Debüt von The Mothers of Invention und endet bei ,The Yellow Shark‘, Zappas letztem, noch selbst veröffentlichten Werk 1993 – inklusive einer weiteren Live-Aufnahme eines Konzerts mit dem Ensemble Modern, 1992 in Frankfurt. Hinzu kommen zwei Tracks der Zappa-Label-Artists Alice Cooper und der Band The GTO’s, zwei Klassikwerke von Zappas Idolen Edgar Varèse und Igor Strawinsky und auch ein paar kurze Interview-Auszüge. CD3 liefert größtenteils keine Zappa-Musik, sondern 26, sehr emotional-illustrierend ausgefallene Soundtrack-Tracks von John Frizzell, exklusiv für den Film.

Das ist alles sehr nett gemacht, ein kleines Booklet liegt bei, und für Sammler und Hardcore-Fans sind die drei CDs sicher auch ein Muss. Sie ermöglichen einen wirklich unglaublich bunten Trip durch das Werk eines genialen Künstlers. Eine gelungene Collage, ein Hörspiel über großartige Musik des vergangenen Jahrhunderts ist diese Veröffentlichung ohne Frage. Ich bin jetzt aber noch gespannter auf den Film über Leben, Werk und Visionen des Frank Z., in dem auch Mitmusiker wie Mike Keneally, Ian Underwood, Steve Vai, Scott Thunes, Ruth Underwood und Ray White zu Wort kommen. Weitere Infos: http://www.thezappamovie.com lt

+++ KATJA WERKER: CONTACT MYSELF 2.0

Kaum zu glauben, dass ,Contact Myself‘, das zweite Album der Sängerin und Gitarristin schon über zwei Jahrzehnte alt ist. Die 1970 in Essen geborene Musikerin hat es im Jahr 2000, nach dem Indie-Debüt ,What The Bird Said‘, unter dem Namen Katja Maria Werker veröffentlicht – und mit dieser Musik und ihrer eigenwilligen Atmosphäre damals eine Menge Menschen berührt und beeindruckt. Jetzt hat Katja Werker zehn ihrer 13 großartigen Songs von ,Contact Myself‘ noch mal aufgenommen, ganz nah, ganz sparsam und trotzdem ähnlich intensiv. “Live und sehr minimalistisch, so wie ich sie damals in Hamburg an meinem Küchentisch geschrieben habe”, erzählt die Künstlerin im Begleittext zum Album, das als hervorragend klingende SACD-Aufnahme beim Label Stockfisch veröffentlicht wurde. Der Tonträger kann auch auf jedem CD-Player abgespielt werden, und er steckt in einem kleinen, sehr schön gemachten Hardcover-Buch mit 34 Seiten Song-Texten, Fotos und Informationen. Wenn Labels, Künstlerinnen und Künstler so ein Projekt an den Start bringen, muss man es einfach unterstützen; kaufen kann man das Album übrigens auch direkt über www.katja-werker.com/shop

Die Musik gemacht haben Katja Werker (voc/g), Gert Neumann (g) und Hans-Jörg Mauksch (fretless-b), alle zehn Tracks wurden live im Studio eingespielt, “… kein Metronom, kein Schnitt, alles in Echtzeit mit viel Herzblut direkt in die Aufnahmeregie geschickt”. Aufgenommen und gemischt hat Label-Chef Günter Pauler, dem ein wirklich raumfüllender, organischer, warmer Sound gelungen ist, der perfekt zur Musik passt. Die akustischen Gitarren klingen voll und rund, der Bass dezent und Katja Werkers halbdunkle Stimme schwebt irgendwie vor dir, in der Mitte der Klangraums. Beim Anhören der neuen alten Tracks wurde mir wieder klar, wie stilunabhängig gute Songs sein können, wie Folk-frei akustisches Fingerpicking klingen kann, wie jazzig offen geschmackvolle Arrangements von Instrumental-Parts, Stimme und dann auch der Aufnahmespuren im Mix, Singer/Songwriter-Musik rüberbringen können. In einem perfekten, organischen Miteinander. “Und das ist es, worauf es im Leben und im Songwriting ankommt. Begegnung.” Katja Werker, die bei dieser Aufnahme eine Maton-Steelstring spielte, ist ein weiteres, wirklich großartiges Album gelungen – und neben ,2.0‘ empfehle ich hier auch noch das Original ,Contact Myself‘. Und den 2006 veröffentlichten Nachfolger ,Leave That Thing Behind‘, für mich weiterhin eine der besten Platten, die ich gehört habe. Tolle Künstlerin. lt

+++ ROLAND KALUS: LITTLE AUTUMN BLUE

Roland Kalus ist nicht nur Gitarrist, er produziert seine Musik auch selbst, veranstaltet (hoffentlich bald wieder) Konzerte, unterrichtet und programmiert Websites. Für sein neues Album ,Little Autumn Blue‘ hat er 17 Tracks aus den Jahren 2014 bis 2020 zusammengestellt, bis auf drei Ausnahmen (von Metheny, Mancini und Mandel) alles Eigenkompositionen. An einigen Stücken war auch die Sängerin und Keyboarderin Elke Diepenbeck beteiligt. Kalus’ Acoustic-Songs sind klar strukturiert, mal minimalistisch bis meditativ angelegt, dann wieder sehr lebhaft mit Latin-Touch interpretiert oder mit dezenten Blues-, Klassik- und/oder Jazz-Bezügen ausgestattet. Handwerklich ist hier ein Könner am Start, und was Aufnahme-Sound und Arrangements angeht ein Musiker mit Geschmack. Der zeigt sich u.a. im bluesigen Titel-Track, den Roland via Playback mit sich selbst eingespielt hat. Coole Lead-Licks! 
Auch Fingerstyle-&-more-Gitarrist Kalus hat einen Shop, über den man sein neues Album wie auch den Vorgänger ,Acoustically Yours‘ für € 12 bestellen kann: www.rolandkalus.de lt

+++ JOCHEN VOLPERT: MODERN BLUES GUITAR / SIX

Instrumentale E-Gitarren-Musik von Jochen Volpert und Band! Der Musiker aus der Nähe von Würzburg hat diesmal ganz sein Gitarrenspiel in den Mittelpunkt gestellt, in allen Facetten: Volpert liebt nicht nur Blues, sondern auch Funk, Motown, souligen Jazz, und abrocken kann er auch. Ob dieses sechste Album jetzt wirklich in nur sechs Tagen entstanden ist, kann ich nicht überprüfen – es klingt jedenfalls wie sehr solide Handarbeit mit Live-Flair. Epidemie-bedingt wurde hier allerdings nicht in einem Studio gejamt, sondern mit Abstand und überwiegend über Online-Kontakt kooperiert. Mitgearbeitet haben Achim Gössl am Fender Rhodes Piano und der Orgel sowie Tobi Mürle und Jan Hees an Bass & Drums. Beim Live-Bonus-Track ,WürzBlues‘ sind noch Thomas Gawlas (b) und Peter Wirth (dr) zu hören. Jochen Volpert ist mal wieder ein sehr abwechslungsreiches Gitarren-Album gelungen, das eine Menge Facetten dieses Instruments beleuchtet und wirklich unterhaltsam rüberkommt. Gelungen! Kontakt & CD-Bestellung: jochenvolpert.de lt

+++ THE STICK MAN

Markus Reuter (* 1972) hat sein erstes Album ,Taster‘ 1998 veröffentlich. Und seitdem ist der Gitarrist, Komponist und Musikproduzent aus Lippstadt extrem aktiv und hat eine wirklich riesige Anzahl an Veröffentlichungen vorzuweisen. In den 1990er-Jahren wurde Reuter, neben einem Psychologie-Studium, Schüler des legendären King-Crimson-Hirns Robert Fripp – eine Verbindung die sein weiteres Schaffen geprägt hat. Denn neben seiner Mitwirkung in Formationen wie dem Chaos Orchester Bielefeld, centrozoon, dem Europa String Choir u.a. arbeitete er im neuen Jahrtausend auch mit Pat Mastelotto, in Tony Levins Formation Stick Men und ab 2012 bei The Crimson ProjeKct mit. Markus Reuter, der mit Instrumentalunterricht an Mandoline, Gitarre und Klavier angefangen hatte, konzentrierte sich später auf das Spiel des Chapman Stick, der Warr Guitar und seiner selbst entwickelten Touch Guitars AU8.
Soviel zum Künstler, jetzt zum Werk. Besser gesagt zu gleich vier neueren Veröffentlichungen, an denen Markus Reuter maßgeblich beteiligt war: 

Bei MARKUS REUTER: SUN TRANCE sind neben dem Touch-Gitarristen noch elf weitere Musikerinnen und Musiker zu hören, die zum Ensemble Mannheimer Schlagwerk gehören und die vorliegenden Aufnahmen am 23. Mai 2017 live eingespielt haben. Ruhende Klangflächen, zarte Vibraphon-Melodien und minimale Beats bestimmen diese chillige, psychedelische, entspannende Ambient-Musik – die CD liefert nur einen einzigen, durchgehenden Track von 36:26 Minuten.

An MARKUS REUTER OCULUS: NOTHING IS SACRED waren mit Ex-King-Crimson-Violinist David Cross, Drummer Asaf Sirkis, Co-Produzent Fabio Trentini am Fretless-Bass, Gitarrist Mark Wingfield und Keyboarder Robert Rich ein paar Musiker weniger beteiligt, die umso mehr spielerische Intensität erzeugten. Hier wird ausgiebig soliert, wird Dichte durch Multilinearität erzeugt, stehen verzerrte Gitarren, knurrende Basslines und nervöse Drum-Beats im Vordergrund. Sehr sphärisch und sich über einen Zeitraum von knapp dreizehn Minuten auf- und abbauend bildet Track 3 ,Bubble Bubble Bubble Bath‘ die Achse des Albums, danach wird es wieder etwas dichter, wobei mir der zwölfminütige, finale Track 5 mit seiner Terje-Rypdal-Atmosphäre, die sich gegen Ende abstrakt auflöst, am besten gefällt.

Das Trio-Album REUTER MOTZER GROHOWSKI: SHAPE SHIFTERS wurde von Markus Reuter (touch guitar, electronics), Tim Motzer (g, b, electronics) und Kenny Grohowski (dr) am 18. August 2019 im ShapeShifter Lab, Brooklyn, NY, aufgenommen und basiert auf sphärischen, abstrakten Live-Improvisationen, von denen insgesamt 64 Minuten und vier Tracks auf diesem Album gelandet sind. Eine ganz eigene Klangwelt, keine Frage ­– Markus Reuter ist ein sehr eigenwilliger Soundscaper; vor allem ist er aber ein Musiker, mit dem man einzigartige Trips ins musikalische Neuland erleben kann, wenn man sich auf seine Musik einlässt. ,Shapeshifters‘ ist mein Favorit unter den drei bisher vorgestellten Alben. 

In einem Hardcover-DigiPak mit integriertem 28-seitigem Booklet kommt ein weiteres Produkt von und mit Markus Reuter: STICK MEN: OWARI ist ebenfalls ein Live-Mitschnitt, entstanden im Blue Note Nagoya, Japan, an 28. Februar 2020. Die Formation besteht aus Tony Levin (Chapman stick, voice), Pat Mastelotto (drums, acoustic & electronic percussion), Gary Husband (keyboards) und Markus Reuter (Touch Guitars AU8, Soundscapes). Bei den elf Tracks dieses Albums sind klarere, konventionellere Strukturen erkennbar, und ich musste immer wieder grinsen, wenn hier und da der gute, alte, dreckige, abgehende und nicht domestizierte Jazz-Rock, aka Rock-Jazz die Musik macht – angereichert mit ordentlich Progressive-Atmosphäre und abgedrehten, avantgardistischen Zutaten, die diesen Kollektiv-Trip ganz anders ausfallen lassen, als die o.g. Alben: konventioneller aber wirklich nicht weniger spannend, mit klaren Retro-Bezügen in die Art-rockenden 70er-Jahre, aber alles andere als verstaubt – ein altersloses Monster! ,Owari‘ von Stick Men ist ein überraschend großartiges Album und für mich jetzt schon ein energiegeladener Meilenstein der wirklich progressiven Alternative Progressive Music. 
Weitere Infos, Downloads & Tonträger gibt es direkt beim Künstler – und da sollte man nach Möglichkeit als Fan Musik kaufen. Markus Reuter und seine Musik erreicht man via markus-reuter-moonjune.bandcamp.com oder über www.markusreuter.comlt



+++ THE JAZZ MAN

Jazz-Gitarrist Jan Bierther, geboren 1970 in Essen, studierte von 1992-1996 an der Amsterdamer Hochschule der Künste, Abteilung Hilversum, bei Wim Overgaauw, und er hat seitdem einige Alben veröffentlicht. Mit JAN BIERTHER TRIO & DIAN PRATIWI: MY FUNNY VALENTINE kommt jetzt noch ein sehr kerniger Live-Mitschnitt zur Discografie, der Bierthers weitere Vorlieben Pop, Blues, Funk und Soul in den Vordergrund stellt. Im Zentrum steht allerdings die raue, laute und sehr kraftvolle Soul-Stimme der in Jakarta geborenen Dian Pratiwi (sie ist Dozentin für Jazz-Gesang an der Glen Buschmann Jazz-Akademie), die mit dem Jan Bierther Trio (mit Eric Richards am Bass und Sebastian Bauer am Schlagzeug) und einem Repertoire aus Jazz-, Soul- und Blues-Standards gewaltig Gas gibt. Wirkt dieser Live-Mitschnitt anfangs klanglich noch etwas rustikal – eben genau so, wie wenn man in einem kleinen Club direkt vor der Bühne sitzt – ist man spätestens mit dem dritten Track ,Ain’t No Sunshine‘ nur noch vertieft in die Musik. Ein Live-Album muss so klingen! Bandleader Jan Bierther gehört ganz sicher zu den vielseitigsten Gitarristen seines Bereichs, hat immer gute Sounds im Angebot, kann mit diversen Effekten überraschen und vor allem spannende Soli abliefern, die seine Mitmusiker und das Publikum mitreißen. Genre-Grenzen und Stil-Vorgaben scheinen dem Telecaster-Jazzer Bierther meist ziemlich egal zu sein, und genau das macht seine Musik auch in den hier bestehenden Repertoire-Grenzen so spannend wie es nur geht. Seine Voicings haben wirklich eine sehr eigene Handschrift. Reinhören! 

Im Fall von DUO CONSONO: THE SMELL OF CHILDHOOD ist Jan Bierther mit einer akustischen Archtop zu hören, und mit seinem Kollegen Bernd Nestler an der Nylonstring. Als erstes fällt auf, dass beide Gitarren gar nicht so unterschiedlich klingen, was auch etwas an der insgesamt sehr warm klingenden Gesamtaufnahme liegt. Die 13 Eigenkompositionen der beiden Gitarristen (darunter sind keine Gemeinschaftswerke) decken die Bereiche Jazz, Latin und instrumentalen Folk ab, klingen mal klassisch inspiriert, können aber auch schon mal etwas knackiger zur Sache gehen. Jan Bierther und Bernd Nestler spielen bereits seit über 30 Jahren zusammen, ,The Smell Of Childhood‘ ist nach dem 2005 erschienenen ,12 Tales‘ das zweite gemeinsame Album. 
Weitere Informationen und die vorgestellten Alben gibt’s bei www.janbierther.delt