GUTE MUSIK 21

+++ THE STICK MAN

Markus Reuter (* 1972) hat sein erstes Album ,Taster‘ 1998 veröffentlich. Und seitdem ist der Gitarrist, Komponist und Musikproduzent aus Lippstadt extrem aktiv und hat eine wirklich riesige Anzahl an Veröffentlichungen vorzuweisen. In den 1990er-Jahren wurde Reuter, neben einem Psychologie-Studium, Schüler des legendären King-Crimson-Hirns Robert Fripp – eine Verbindung die sein weiteres Schaffen geprägt hat. Denn neben seiner Mitwirkung in Formationen wie dem Chaos Orchester Bielefeld, centrozoon, dem Europa String Choir u.a. arbeitete er im neuen Jahrtausend auch mit Pat Mastelotto, in Tony Levins Formation Stick Men und ab 2012 bei The Crimson ProjeKct mit. Markus Reuter, der mit Instrumentalunterricht an Mandoline, Gitarre und Klavier angefangen hatte, konzentrierte sich später auf das Spiel des Chapman Stick, der Warr Guitar und seiner selbst entwickelten Touch Guitars AU8.
Soviel zum Künstler, jetzt zum Werk. Besser gesagt zu gleich vier neueren Veröffentlichungen, an denen Markus Reuter maßgeblich beteiligt war: 

Bei MARKUS REUTER: SUN TRANCE sind neben dem Touch-Gitarristen noch elf weitere Musikerinnen und Musiker zu hören, die zum Ensemble Mannheimer Schlagwerk gehören und die vorliegenden Aufnahmen am 23. Mai 2017 live eingespielt haben. Ruhende Klangflächen, zarte Vibraphon-Melodien und minimale Beats bestimmen diese chillige, psychedelische, entspannende Ambient-Musik – die CD liefert nur einen einzigen, durchgehenden Track von 36:26 Minuten.

An MARKUS REUTER OCULUS: NOTHING IS SACRED waren mit Ex-King-Crimson-Violinist David Cross, Drummer Asaf Sirkis, Co-Produzent Fabio Trentini am Fretless-Bass, Gitarrist Mark Wingfield und Keyboarder Robert Rich ein paar Musiker weniger beteiligt, die umso mehr spielerische Intensität erzeugten. Hier wird ausgiebig soliert, wird Dichte durch Multilinearität erzeugt, stehen verzerrte Gitarren, knurrende Basslines und nervöse Drum-Beats im Vordergrund. Sehr sphärisch und sich über einen Zeitraum von knapp dreizehn Minuten auf- und abbauend bildet Track 3 ,Bubble Bubble Bubble Bath‘ die Achse des Albums, danach wird es wieder etwas dichter, wobei mir der zwölfminütige, finale Track 5 mit seiner Terje-Rypdal-Atmosphäre, die sich gegen Ende abstrakt auflöst, am besten gefällt.

Das Trio-Album REUTER MOTZER GROHOWSKI: SHAPE SHIFTERS wurde von Markus Reuter (touch guitar, electronics), Tim Motzer (g, b, electronics) und Kenny Grohowski (dr) am 18. August 2019 im ShapeShifter Lab, Brooklyn, NY, aufgenommen und basiert auf sphärischen, abstrakten Live-Improvisationen, von denen insgesamt 64 Minuten und vier Tracks auf diesem Album gelandet sind. Eine ganz eigene Klangwelt, keine Frage ­– Markus Reuter ist ein sehr eigenwilliger Soundscaper; vor allem ist er aber ein Musiker, mit dem man einzigartige Trips ins musikalische Neuland erleben kann, wenn man sich auf seine Musik einlässt. ,Shapeshifters‘ ist mein Favorit unter den drei bisher vorgestellten Alben. 

In einem Hardcover-DigiPak mit integriertem 28-seitigem Booklet kommt ein weiteres Produkt von und mit Markus Reuter: STICK MEN: DWARI ist ebenfalls ein Live-Mitschnitt, entstanden im Blue Note Nagoya, Japan, an 28. Februar 2020. Die Formation besteht aus Tony Levin (Chapman stick, voice), Pat Mastelotto (drums, acoustic & electronic percussion), Gary Husband (keyboards) und Markus Reuter (Touch Guitars AU8, Soundscapes). Bei den elf Tracks dieses Albums sind klarere, konventionellere Strukturen erkennbar, und ich musste immer wieder grinsen, wenn hier und da der gute, alte, dreckige, abgehende und nicht domestizierte Jazz-Rock, aka Rock-Jazz die Musik macht – angereichert mit ordentlich Progressive-Atmosphäre und abgedrehten, avantgardistischen Zutaten, die diesen Kollektiv-Trip ganz anders ausfallen lassen, als die o.g. Alben: konventioneller aber wirklich nicht weniger spannend, mit klaren Retro-Bezügen in die Art-rockenden 70er-Jahre, aber alles andere als verstaubt – ein altersloses Monster! ,Dwari‘ von Stick Men ist ein überraschend großartiges Album und für mich jetzt schon ein energiegeladener Meilenstein der wirklich progressiven Alternative Progressive Music. 
Weitere Infos, Downloads & Tonträger gibt es direkt beim Künstler – und da sollte man nach Möglichkeit als Fan Musik kaufen. Markus Reuter und seine Musik erreicht man via markus-reuter-moonjune.bandcamp.com oder über www.markusreuter.comlt



+++ THE JAZZ MAN

Jazz-Gitarrist Jan Bierther, geboren 1970 in Essen, studierte von 1992-1996 an der Amsterdamer Hochschule der Künste, Abteilung Hilversum, bei Wim Overgaauw, und er hat seitdem einige Alben veröffentlicht. Mit JAN BIERTHER TRIO & DIAN PRATIWI: MY FUNNY VALENTINE kommt jetzt noch ein sehr kerniger Live-Mitschnitt zur Discografie, der Bierthers weitere Vorlieben Pop, Blues, Funk und Soul in den Vordergrund stellt. Im Zentrum steht allerdings die raue, laute und sehr kraftvolle Soul-Stimme der in Jakarta geborenen Dian Pratiwi (sie ist Dozentin für Jazz-Gesang an der Glen Buschmann Jazz-Akademie), die mit dem Jan Bierther Trio (mit Eric Richards am Bass und Sebastian Bauer am Schlagzeug) und einem Repertoire aus Jazz-, Soul- und Blues-Standards gewaltig Gas gibt. Wirkt dieser Live-Mitschnitt anfangs klanglich noch etwas rustikal – eben genau so, wie wenn man in einem kleinen Club direkt vor der Bühne sitzt – ist man spätestens mit dem dritten Track ,Ain’t No Sunshine‘ nur noch vertieft in die Musik. Ein Live-Album muss so klingen! Bandleader Jan Bierther gehört ganz sicher zu den vielseitigsten Gitarristen seines Bereichs, hat immer gute Sounds im Angebot, kann mit diversen Effekten überraschen und vor allem spannende Soli abliefern, die seine Mitmusiker und das Publikum mitreißen. Genre-Grenzen und Stil-Vorgaben scheinen dem Telecaster-Jazzer Bierther meist ziemlich egal zu sein, und genau das macht seine Musik auch in den hier bestehenden Repertoire-Grenzen so spannend wie es nur geht. Seine Voicings haben wirklich eine sehr eigene Handschrift. Reinhören! 

Im Fall von DUO CONSONO: THE SMELL OF CHILDHOOD ist Jan Bierther mit einer akustischen Archtop zu hören, und mit seinem Kollegen Bernd Nestler an der Nylonstring. Als erstes fällt auf, dass beide Gitarren gar nicht so unterschiedlich klingen, was auch etwas an der insgesamt sehr warm klingenden Gesamtaufnahme liegt. Die 13 Eigenkompositionen der beiden Gitarristen (darunter sind keine Gemeinschaftswerke) decken die Bereiche Jazz, Latin und instrumentalen Folk ab, klingen mal klassisch inspiriert, können aber auch schon mal etwas knackiger zur Sache gehen. Jan Bierther und Bernd Nestler spielen bereits seit über 30 Jahren zusammen, ,The Smell Of Childhood‘ ist nach dem 2005 erschienenen ,12 Tales‘ das zweite gemeinsame Album. 
Weitere Informationen und die vorgestellten Alben gibt’s bei www.janbierther.delt