Rezensionen von Lothar Trampert. Nur gute Musik.
Und immer mehr. Ein ganzes Jahr lang. 😉💥🎸☀️

MESHELL NDEGEOCELLO: SYNONYM
Diese Künstlerin ist ein Phänomen: Geboren wurde die afroamerikanische Bassistin, Sängerin, Komponistin am 29. August 1968 als Michelle Johnson in West-Berlin, als Tochter eines in Deutschland stationierten US-Soldaten, der übrigens auch Saxophonist war. Die Familie zog aber schon Anfang der 1970er Jahre nach Virginia, USA. Als Teenager begann sie E-Bass zu spielen, studierte Musik und kreierte sich einen Künstlernamen: Me’shell NdegéOcello. Der wurde dann, als 1993 ihr erstes Album ,Plantation Lullabies‘ für Furore sorgte, ständig falsch geschrieben, daher vereinfachte die Künstlerin die Schreibweise ab Ende der 1990er auf Meshell Ndegeocello.
,Plantation Lullabies‘ erschien, trotz diverser Angebote u.a. von Princes Paisley Park und Warner Brothers, bei Madonnas damals neuer Produktionsfirma Maverick, wo Meshell als erster Act überhaupt unter Vertrag genommen wurde. Auf diesem Debüt waren so einige etablierte Künstlerinnen & Künstler wie die Pianistin Geri Allen, Saxophonist Joshua Redman und Funk-Gitarrist Wah Wah Watson zu hören; zu ihrer Live-Band gehörten neben Watson auch noch David Fiuczynski (g), Federico Gonzalez Peña (kb) und David Gamson (dr), plus ein zweiter Bassist. Sie selbst spielte nur in Instrumental-Parts Bass.
Es folgte eine Karriere mit inzwischen insgesamt 16 Solo-Alben, über die sich Meshell Ndegeocello hohes Ansehen in der Musikszene, irgendwo zwischen Jazz, R&B, Soul, Funk, HipHop und Reggae und dem Rest der Klangwelt, erarbeitet hat. Was unter anderem auch zu zwölf Grammy-Nominierungen und zahlreichen Kooperationen führte: Chaka Khan, Carlos Santana, Rolling Stones, Prince, Madonna, Paul Simon, Basement Jaxx, Marcus Miller, John Mellencamp, Herbie Hancock, Joe Henry, Wendy Melvoin & Lisa Coleman, Cassandra Wilson, Jack DeJohnette, Angélique Kidjo …
Musikalische Begegnungen und Kooperationen bleiben der mittlerweile 58-jährigen Künstlerin, die bei Live-Auftritten in der Vergangenheit oft eher schüchtern und wortkarg rüberkam, anscheinend weiter wichtig. ,Synonym‘ heißt ihr Anfang Oktober 2026 veröffentlichtes neues Album, und auf dem schlichten grünen Cover der Doppel-LP prangt ein Aufkleber mit der Gästeliste. Unter anderem waren bei dieser Produktion mit dabei Chaka Khan, Cat Power, Robert Glasper, Brandi Carlile, Lianne La Havas, Cynthia Erivo, Lizz Wright und Khruangbin-Bassistin Laura Lee. Dazu kommen jede Menge Studiomusiker, u.a. hört man Wendy Melvoin und Doyle Bramhall an den Gitarren und auch Banjo-Legende Bela Fleck ist zu erleben. Und ganz wichtig – Vocals & Bass: Meshell Ndegeocello
,Synonym‘ ist ihr drittes Album für das legendäre Blue-Note-Label, nach ihren zuletzt gefeierten Veröffentlichungen ,The Omnichord Real Book‘ (2023) und dem beeindruckenden,No More Water: The Gospel Of James Baldwin‘ (2024), die ihr beide erstmals Grammy-Auszeichnungen einbrachten. Die fünfzehn Album-Tracks von ,Synonym‘ sind alle Duette, und zu hören sind berühmte Songs aus sechs Jahrzehnten Pop-Historie, die Meshell Ndegeocello in ihrer grenzüberschreitenden Art nicht einfach nachspielt sondern sie genreübergreifend, auf ihre ganz eigene Art, interpretiert.
Los geht’s mit dem von Aretha Franklin & George Michael bekannten Hit ,I Knew You Were Waiting (For Me)‘, den Meshell hier mit der englischen Sängerin & Schauspielerin Cynthia Erivo interpretiert. Die anfängliche transparente Leichtigkeit geht dabei immer mehr in eine absolut intensive Atmosphäre, mit extrem kochendem Drum-Beat über. Absolut originell! Das gilt auch für das coole Reggae-Arrangement von Human Leagues 80s-Hit ,Don’t You Want Me‘, hier zu hören im Duo mit der fantastischen Cat Power. Was für ein cooler Bass! Eine echte Groove-Lektion.
Etwas angestrengter kommt ,Don’t Stop The Music‘ vom 80s-R&B-Duo Yarbrough & Peoples rüber, bei dem Pianist Robert Glasper ein paar Vocoder-Faxen beisteuert. Aber auch hier überzeugt wieder Meshell Ndegeocellos kraftvolle Bassline. Und dann ,Islands In The Stream‘ – das klingt doch wie … richtig: Wie The Bee Gees! Die Gibb-Bros. hatten den Song für eine 1983 erschienene Single von Kenny Rogers & Dolly Parton geschrieben. Meshell hat die legendäre und hier eher brav klingende Kollegin Chaka Khan als Duo-Partnerin gewählt.
Komplett umgekrempelt wurde Bob Dylans ,It Ain’t Me Babe‘ mit Singer/Songwriter Madison Cunningham. Passagenweise ist daraus eine sehr abgefahrene Sound-Collage geworden, und im Hintergrund pickt sich Banjo-Man Bela Fleck in Rage. Großartig! Und dann US-Rapper Ja Rules ,Always on Time‘, mit Khruangbin-Bassistin Laura Lee – bei diesem Track sind beide Sängerinnen auch am Bass zu hören.
Im souligen ,Be Real Black For Me‘, einer Komposition von Charles Mann, Donny Hathaway und Roberta Flack, sind dann mit Meshell, Emily King & Lizz Wright gleich drei Vokalistinnen aktiv. Und beim 1984er Motown-Hit von Dennis Edwards & Siedah Garrett, ,Don’t Look Any Further‘ ist die wunderbare Lianne La Havas zu hören, auch als Gitarristin.
Und so geht’s auch in der zweiten Hälfte von ,Synonym‘ weiter: Jede Menge starke Stimmen, spannende Arrangements, ganz große Basslinien und immer wieder feine Sound-Überraschungen. Wer modernen, handgemachten R&B, Soul und unkonventionelle Stilmixe mag, wird dieses Song-Album lieben. Auch wenn es nur teilweise die Experimentierfreude von ,The Omnichord Real Book‘ (2023) oder die intellektuelle Ernsthaftigkeit von ,No More Water: The Gospel Of James Baldwin‘ (2024) aufweist – es ist ein klingendes, modernes great american songbook im besten Sinne.
MORE MESHELL
www.meshell.com
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 10 / 2026

BÄNZ OESTER WITH ALBIN ORMEGARD, MALCOLM BRAFF, GENIUS WESLEY: TOGETHER
Der 1966 in Bern geborene Kontrabassist Bänz Oester hat schon so einiges erreicht in seinem Jazz-Musikerleben. Nach seiner klassischen Ausbildung von 1983 bis 1987 bei Bela Szedlak hat er anschließend auch noch ein Jazz-Studium an der Swiss Jazz School bei Peter Frei absolviert. Das ist vier Dekaden her, und mittlerweile ist Oester Professor und Hauptfach-Dozent für Kontrabass und Ensembles am Jazz-Institut der Hochschule für Musik Basel.
Von seinen vielen Band-Projekten, häufig Duos und Trios, ist das seit 2012 bestehende Quartett The Rainmakers am bekanntesten. Ein Gegenpol dazu war sein bereits 2007 veröffentlichtes Solo-Album Blospermint Suite. Als Sideman arbeitete Bänz Oester mit Größen wie Dewey Redman, Joe Lovano, Michael Brecker, Ray Anderson, Arthur Blythe und vielen anderen.
2023 zeichnete ihn die Musikkommission des Kantons Bern mit dem Musikpreis des Jahres aus. Von seinem im selben Jahr erschienenen und mit The Rainmakers produziertem Album Gratitude war ich damals extrem begeistert: „Als John-Coltrane-Fan ist man schon nach den ersten Minuten dieses Albums fasziniert und berührt. Denn was Bassist & Bandleader Bänz Oester und Tenorsaxophonist Javier Vercher gemeinsam mit Pianist Afrika Mkhize und Drummer Ayanda Sikade hier zaubern, hat eine unglaubliche Energie und knüpft an die ganz eigene Spiritualität des legendären Coltrane Quartet mit McCoy Tyner (p), Jimmy Garrison (b) und Elvin Jones (dr) an. Bänz Oester trägt diese Formation oft mit nur wenigen tiefen Tönen, um sie dann über seinen schweren Riffs und pulsierenden Linien fliegen zu lassen. Ein wirklich beeindruckender Kontrabassist.“ Daher war ich besonders gespannt, in welche Richtung das Line-up des Anfang September 2026 erscheinenden Albums Together gehen würde.
„Nach 13 Jahren mit den Rainmakers schlägt Bänz Oester ein neues Kapitel auf“, schreibt das Label. „In der neuen Band sind Bänz Oesters langjähriger Weggefährte Malcolm Braff am Piano und zwei Überflieger aus dem Umfeld des Jazzcampus Basel, Albin Ormegard aus Schweden an der Gitarre und der Amerikaner Genius Wesley am Schlagzeug mit dabei. Die Musik bewegt sich improvisiert in grosszügigen Spannungsbögen, es groovt, singt und schwelgt, und die nächste Überraschung wartet schon hinter der Abbiegung.“
Ein neues Band-Projekt also, wobei das Wort „Together“ als Albumtitel und Name der Formation gelesen werden kann. Auffallend ist, dass hier nur drei Tracks gelistet sind, wobei der gut 43-minütige Einsteiger ins Album bei genauerem Hinsehen wiederum aus drei verschiedenen Kompositionen besteht: Cole Porters „So In Love“, Oesters Komposition „November“ und Pianist Malcolm Braffs Titel „Malcolm B“. Es folgen dann noch der Françoise-Hardy-Klassiker „Tant de Belles Choses“ (10:08 min) und „Together“ (17:49 min). Entstanden sind die Aufnahmen bei Konzerten in Jazz-Clubs in Lausanne und Basel.
Schon beim Hören der ersten Töne von Together erlebe ich dann wieder eine Intensität, wie ich sie schon vor drei Jahren genießen konnte. Was für eine Energie, was für eine klangliche Tiefe und was für wunderbare Farben! Gitarrist Albin Ormegard steigt mit fast hymnischem, komprimierten und angezerrten Ton ein, der oft an ein Saxophon erinnert. Und dann Malcolm Braffs Pianosolo, dessen Ausloten der harmonischen Grenzen und seine Fusion von Power-Chords, kurzen Motiven und bizarren Linien einfach nur großartig ist. Plötzlich meldet sich Albin Ormegard dann wieder zurück, diesmal mit einem sehr eigenwilligen Gitarrensolo und extrem spannenden Linien. Darunter, tief und tragend, der Bass von Bänz Oester, unberechenbar umspielt von Genius Wesley am Schlagzeug. Hier passiert was!
Keine Frage, diese Art von spielerischer Intensität kennen wir von John Coltrane aus den 1960er-Jahren – erreicht wurde sie aber danach von kaum jemandem. Und egal ob man die freien oder die spirituellen Aspekte dieser Jazz-Phase stärker empfindet: Diese Musik hat damals auf eine bis dato unbekannte Art Menschen berührt, neue Wege aufgezeigt. Sie hat ganz generell die Lebendigkeit der afroamerikanischen Kultur von der avantgardistischen Jazz-Seite her belegt und damit auch die Forderung nach Menschlichkeit und Bürgerrechten unterstützt. „Together“ steht eben auch für Respekt, Gleichberechtigung, für das kostbare Gefühl menschlicher Zugehörigkeit, für, Zitat: „Brüderlichkeit und Schwesternschaft“. Es ist viel passiert seitdem, aber tragischerweise läuft der Film in den USA gerade wieder rückwärts … Um so wichtiger ist ein solches musikalisches Statement wie dieses neue Album von Bassist und Bandleader Bänz Oester, das Respekt vor und Liebe zu dieser inzwischen klassischen Musik des 20. Jahrhunderts belegt. Einer Kunst der Improvisation, Kommunikation, Interaktion, die aus dem kreativen Prozess im Sinne des Wortes einmalige Werke erschafft. Dieses Quartett ist ein Glücksfall für den zeitgenössischen, zeitlosen Jazz. Für Musik ohne Berührungsängste. Für Freiheit, Toleranz und Liebe.
Lothar Trampert / JAZZTHETIK 09-10 / 2026

AXEL FISCHBACHER TRIO FEAT. TAMARA LUKASHEVA & OHAD TALMOR: NORMAL II
Über ein halbes Jahrhundert ist dieser Musiker schon aktiv: Axel Fischbacher, Jahrgang 1956, hat gerade nicht nur einen runden Geburtstag gefeiert, er hat auch wieder neue Musik am Start. normal II heißt sein Album, und es hat ein großes Anliegen. Gemeinsam mit seinen beiden Langzeit-Begleitern, Bassist Nico Brandenburg und Schlagzeuger Tim Dudek, bildet Gitarrist Fischbacher eine perfekt eingespielte Basis für die musikalische Begegnung mit der Sängerin Tamara Lukasheva und dem Saxophonisten Ohad Talmor. Sechs Kompositionen des Bandleaders sind auf diesem neuen Album zu hören, das ein ganz eigenes Klangbild präsentiert, mit viel Interaktion und spannenden Improvisationsbögen.
„Unsere Musik entsteht durch unsere Leidenschaft für Freiheit, Frieden und soziale Verantwortung. So geht Jazz. normal II ist aus dieser Haltung heraus entstanden“, sagt Fischbacher. Lange habe er geglaubt, dass die Entscheidung für Jazz als Ausdruck von Freiheit und gemeinschaftlichem Handeln für sich spreche. Inzwischen, nicht zuletzt aufgrund der dramatischen politischen Entwicklungen in vielen Teilen der Welt, empfindet er das nicht mehr als ausreichend. Heute geht es auch darum, Positionen zu benennen und sich einzubringen.
Der amerikanische Jazz-Gitarrist Jim Hall hat vor vielen Jahren in einem Interview erwähnt, dass er gelegentlich auch mal einige Wochen keine Nachrichten und Zeitungen konsumiert habe, wenn das Weltgeschehen seine Kreativität zu erdrücken drohte. Er sah Musik als einen Ort des Friedens und der Kommunikation. „Das ist ein recht komplexes und abstraktes Thema“, meint Fischbacher. „Es haben sich ja leider einige Dinge nicht zum Guten verändert, seit Jim Hall das gesagt hat. Dieser ,Ort des Friedens und der Kommunikation‘ wird in steigendem Maße attackiert und ich habe das Bedürfnis ihn zu verteidigen. Jazz-Musik ist eine Auseinandersetzung mit der Welt des Inneren und des Äußeren. Ihre Grundidee ist antiautoritär, freiheitlich friedlich, aufrichtig suchend. Zur Zeit macht gerade Wynton Marsalis diesbezüglich Dinge die ich als vorbildlich empfinde: Er widmet einen Großteil seiner Karriere der musikalischen Bildung und setzt sich für soziale Gerechtigkeit ein. Er sieht Jazz als ein Mittel zur Förderung von Demokratie und Verständigung.“
Fischbachers neues Album zeigt bewusst das klassische Peace-Zeichen – als Hinweis darauf, dass die Idee von Frieden einmal als radikal und unbequem galt und heute wieder in diese Richtung rückt. Nein, wir wollen und dürfen uns nicht an Krieg und Angst gewöhnen. Ein Thema, das das Leben der 1988 in Odessa, Ukraine, geborenen Sängerin und Pianistin Tamara Lukasheva seit Jahren ganz direkt betrifft.
normal II startet mit dem up-tempo-Unisono-Thema von „Headroom Baby“, an das sich ein sehr cool und straight swingendes Gitarrensolo anschließt. Axel Fischbacher hatte schon immer ein Händchen für Spannungsbögen und den sehr geschickt dosierten Einsatz seiner solistisch-instrumentalen Gestaltungsmittel: ein lebendiger, leicht rauher Ton, klar strukturierte Linien, ein paar eigenwillige Bendings, gekonnte Double-Stops bis hin zu geräuschhaftem Klanggewürz. Und mit dieser eigenen Dramaturgie leitet er ganz organisch zum nächsten Solo über. Schon in diesem ersten Album-Track merkt man: Hier hat sich eine Band gefunden, die kein Interesse an Wettbewerb, geschweige an Wettrennen hat.
Im vertrackten „Fritz tanzt“ brilliert Tamara Lukasheva, die anschließend im Hintergrund des Gitarrensolos präsent bleibt und das Thema dann selbst, sehr lebendig weiterentwickelt. Sie hat ein sehr eigenes Timbre, kann warm und zurückhaltend einsteigen und eine Minute später absolut energetisch mit einer beeindruckenden Phrasierung das Geschehen übernehmen. Energisch, sensibel, virtuos – Tamara Lukasheva ist eine beeindruckende Vokalistin. Und mit dem Saxophonisten Ohad Talmor ist hier ein absolut passender Kontrastspieler im Ensemble, der wunderbare kleine Motive, oft Fragmente, spielt. Seine Soli sind irgendwie durchbrochen, sein Flow integriert immer wieder auch Pausen absolut perfekt. Um dann, in einem boppigen Track wie „Adams Parrot Cake“, daraus doch noch extrem dichte Linien zu entwickeln, gefolgt von einem weiteren spannenden Gitarrensolo, das von Bassist Nico Brandenburg und Drummer Tim Dudek mehr als nur begleitet wird: Die beiden sind die wahren Triebwerke dieses Unternehmens. Und wie sie im Solo von Tamara Lukasheva bei voller Energie ganz viel Raum und Luft lassen, ist mehr als gekonnt. „Adams Parrot Cake“ ist ein echtes Highlight dieses Albums.
„Normal“ heißt der letzte Track, der Fischbachers großem Respekt für John Scofield Tribut zollt und gleichermaßen diese wunderbare Band sieben Minuten lang aufblühen lässt. Hier erlebt man vier Musiker und eine Vokalistin, die auf höchstem Niveau harmonieren und solistisch noch mal alles rauslassen. Was für ein fulminantes Finale!
Neben Normal II sind zuletzt noch Fischbachers Trio-Album The London Session (2024) und Moving Times (2025), mit Esther Kaiser (voc), Genevieve O’Driscoll (b) & Michael Knippschild (dr/vib) erschienen – die erste Produktion eines weiteren spannenden Kollektivs, von dem man sicher noch mehr hören wird. Inzwischen hat Axel Fischbacher zwölf Alben als Bandleader veröffentlicht und war an über 50 Produktionen beteiligt. 2023 wurde er mit dem Kunst- und Kulturpreis der Springmann Stiftung Wuppertal ausgezeichnet. Für seine Musik und sein Engagement.
Lothar Trampert / JAZZTHETIK 07-08 / 2026

AGITATION FREE: LIVE IN BERLIN
Agitation Free? Sounds like German Krautrock. Und richtig: Die legendäre Berliner Band stammt noch aus einer ganz anderen Epoche der Menschheitsundmusikgeschichte: Die Formation entstand 1967 durch den Zusammenschluss zweier Rock-Bands aus der damals inselartigen Halbstadt West-Berlin.
Neben bekannten Größen wie Amon Düül II, Atlantis, Birth Control, Karthago, Guru Guru, Kraan, Message und Kin Ping Meh gehörten Agitation Free bis zu ihrer ersten Auflösung 1974 zu den wichtigsten deutschen Acts zwischen Rock, Progressive, Elektronik und Psychedelic.
Und ja, Agitation Free gibt’s immer noch: Von der Ur-Besetzung ist zwar nur noch Gitarrist Lutz Graf-Ulbrich (* 1952) aka Lüül dabei, aber das musikalische Konzept mit krautigen Grooves und langen Improvisationen ist immer noch prägend.
1998 gelang eine Wiederbelebung der Band, die in den folgenden Dekaden auch international tourte und veröffentlichte, aber auch einige Todesfälle waren in der Band-Geschichte zu verkraften. Nach dem 2023 erschienenen Album ,Momentum‘ gingen die verbliebenen Musiker Lutz Graf-Ulbrich (g), Michael Hoenig (kb), Burghard Rausch (dr) und Daniel Cordes (b) auf die Suche nach einem neuen Gitarristen – und wurden fündig: Seit 2024 ist mit Axel Heilhecker (Food Band, Wolf Maahn, Fishmoon, Phonoroid) ein erfahrener Produzent und Gitarrist am Start. Seit dem Sommer 2024 ist Tim Sund Keyboarder und Pianist von Agitation Free; Michael Hoenig ist nur noch gelegentlich im Studio mit der Band aktiv, seine Live-Karriere hat er beendet.
Axel Manrico Heilhecker (* 1954) war von 1982 bis 1986 Gitarrist bei bei „Wolf Maahn und die Deserteure“ und bis 1993 als Gitarrist und Songwriter auf allen Alben der „Wolf Maahn Band“ vertreten. Sein sahniger Gitarrenton und seine sehr individuellen. geschmeidigen Lead-Spots waren außergewöhnlich, sie fielen auf im Pop- und Rock-Radio, und es machten sich damals einige Saitenkollegen auf die Suche nach Axels Sound-Zutaten … Aber auch Heilheckers spätere Solo-Projekte Fishmoon und vor allem Phonoroid brachten einige musikalische Meisterwerke hervor. Das war sehr sphärische Musik zwischen den Stilen, mit Sensibilität, Kraft und ganz oft erheblichem Soundtrack-Potenzial.

Jetzt hat Axel Heilhecker das neue Live-Album von Agitation Free produziert und natürlich auch als Gitarrist mit eingespielt. Keine Frage: Da haben sich die Richtigen gefunden!
,Live in Berlin‘ wurde am 1. Dezember 2025 im Club Kesselhaus aufgenommen, und direkt mit dem ersten Track ,Nouveau Son‘ geht man auf eine knapp neunminütige Klangreise, mit ausgiebigen Soli, sphärischen Sounds und schweren Rock-Grooves. Das Schöne an der Musik von Agitation Free ist immer noch, dass die Musiker Parameter wie Harmonie, Raumklang, Groove sehr positiv installieren, ohne aber dabei in Schönklang oder New-Age-Beliebigkeiten abzudriften. Das verhindern jede Menge origineller Ecken und Kanten in dieser Musik, insbesondere aber auch das solistische Potenzial von Keyboarder Tim Sund, und die großartigen, langen Soli von Lead-Gitarrist Axel Heilhecker.
Mit ,Lilac‘ folgt ein ganz eigenwilliger, perkussiver Track auf den erwähnten Opener des Albums, der dann noch so einige verblüffende Wendungen bietet: zweistimmige Leads, Slide-Gitarre und dann noch kurz mal etwas Allman-Brothers-on-Acid-Vibe, woran anschließend die Band dann komplett abhebt – und nach einer intensiven Improvisation wieder zum Thema zurückfindet.
Da könnte man sich fragen: Wo hört Jam-Rock auf und wo fängt Jazz-Rock an? Egal. Absolut egal! Diese fünf Musiker sind großartig, sie beherrschen ihre Instrumente, ihr Handwerk. Kompositionen, Arrangements, Sounds und vor allem die Improvisationen auf ,Live In Berlin‘ sind wirklich extrem spannend. Und in ,You Play For Us Today‘, ein Track vom 1972 erschienenen Debüt-Album ,Malesch‘, legen sie dann noch mal ein paar Schippen drauf: schräge Samples, weirde 70s-Keyboards, eine ausgebrochene E-Gitarre spielt plötzlich ,Purple Haze‘ – das war natürlich Hendrix-Fan Heilhecker. Und irgendwann spürt man sogar sehr deutlich, dass diese Band in der gleichen, wilden, offenen, experimentellen Zeit wie die Kölner Institution Can angefangen hat, wie auch die Allman Brothers oder Jimi Hendrix – zumindest was deren eigene Musik anging.
Wer instrumentale Musik zwischen den Stilen mag, kann mit diesem gelungenen Album 10 Tracks und über 70 Minuten lang eine legendäre Live-Band entdecken – ganz kurz vor ihren 60. Geburtstag! Die Vinyl-Ausgabe vereint mit ca. 44 Minuten Musik die sechs spannendsten Tracks von ,Live In Berlin‘.
www.agitationfree.com
www.luul.de
www.axelheilhecker.com
www.timsund.com
www.guitar-player.com
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 09 / 2026

FRED FRITH & KREUSCH BROTHERS: PINK / NEON
Der britische Saiten-Freigeist & Multiinstrumentalist Fred Frith (*1949) ist vor allem als Improvisator, E-Gitarrist & Sound-Tüftler bekannt – und dass seit 1968, als er die legendäre Artrock-Band Henry Cow gründete. Seine Mitspieler, Klassikgitarrist Johannes Tonio Kreusch (*1970) und dessen Bruder, der Jazz-Pianist Cornelius Claudio Kreusch (*1968), entstammen einer anderen Generation und sind beide studierte Musiker. Gemeinsam haben die Drei die Liebe zur Improvisation – und zur stilistischen wie harmonischen Grenzüberschreitung. Das betrifft immer wieder auch die Klangerzeugung und Spielpraxis am Instrument Und so klingen auf ,Pink / Neon‘ vor allem die Gitarren immer wieder ganz ungewohnt. Fred Frith setzt diverse elektronische Raumeffekte und dezent auch Modulation ein, Tonio Kreusch präpariert die Saiten seiner Konzertgitarre – eine in der modernen E-Musik, aber auch im freien Jazz gängige Praxis, bei der irgendwelche Materialien, Hölzer, Folien, Metallstücke zwischen oder auf die Saiten gelegt werden, um so das Schwingungsverhalten zu modifizieren. Dadurch klingt dann schon mal alles ganz, ganz anders, wenn man es darauf anlegt. Frith, Kreusch & Kreusch sind Experimentalisten!
Diese bereits im Mai 2024 eingespielten Aufnahmen präsentieren aber vor allem drei Menschen, die im Sinn des Wortes miteinander spielen, aufeinander hören, reagieren und einzeln oder im günstigsten Fall auch mal gemeinsam neue Wege entdecken – und gehen. Die gelungene Aufnahme bringt das sehr räumlich rüber, oft wirklich raumfüllend, und dabei kommt man den diversen Saiten extrem nahe.
„Die spontanen Improvisationen leben vom aufmerksamen Aufeinander-Eingehen, pendeln zwischen freien Klanggebirgen und strukturierteren Stimmungsbildern. Von faszinierend bis verstörend ist alles dabei!“ schrieb das eher für straighteren Rock zuständige, aber auch immer weltoffene Fachmagazin „GoodTimes“ in Ausgabe 08-09/2026 absolut treffend.
,Pink / Neon‘ ist ein spannendes, oft abstraktes Klangerlebnis, zu dem Pianist Cornelius Claudio Kreusch mit Hilfe der Polaris-Software auch noch schwer zu beschreibende Sounds & Samples in die Improvisationen schießt.
Für die Kreusch-Brothers war die Produktion dieses Albums ganz sicher ein absolut spannendes, inspirierendes Zusammentreffen mit einem legendären Improvisator, was Gitarrist Tonio Kreusch wie folgt beschreibt: „Wie immer bei Fred Frith macht es auch in der Kombination mit den Kreusch-Brüdern wenig Sinn, der Musik einen stilistischen Stempel aufzudrücken. Es ist von Vielem etwas, vor allem aber ein Beispiel für die kreative Gemeinsamkeit dreier starker künstlerischer Charaktere. Und für einen pink-neon leuchtenden Funken des akustisch Einmaligen an einem besonderen Tag im Mai 2024.“
Spannende Improvisationen auf zwei CDs, verpackt in einem sehr geschmackvoll gestylten Digipak. Auch als 2LP-Set auf Vinyl erhältlich.
www.fredfrith.com
www.johannestoniokreusch.com
www.corneliusclaudiokreusch.com
www.corneliusclaudiokreusch.bandcamp.com
www.guitar-player.com
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 09 / 2026

PHILIPP RÜTTGERS TRIO: RE: SATIE PICTURING THE INVISIBLE
Ein Cover-Album? Nein, die Musik auf ,Re: Satie Picturing the Invisible‘ ist nur vom französischen Komponisten und Pianisten Erik Satie (*1866 +1925) inspiriert, bzw. von seiner Klaviermusik, die für einen sehr eigenwilligen Minimalismus steht. Was den Tastenkollegen Philipp Rüttgers nicht daran hindert, seine Inspiration auch mal etwas kräftiger rauszulassen. Und dass ihm das immer sehr eigenwillig gelingt, passt. Ebenso wie das eigentlich sehr zurückhaltende Schlagzeugspiel von Sun-Mi Hong. Und dann ist da noch der in Amsterdam lebende Kontrabassist Omer Govreen, der mir in diesem Trio am besten gefällt. Denn sein oft grundtöniger und dabei aber nie eintöniger Minimalismus ist einfach großartig. Er ist die starke Achse dieser Band und sein spielerischer Ansatz ist oft so einfach wie er effektiv ist. Weil er Klavier und Drums auch mal explodieren lässt, ohne da mitmischen zu wollen: Er ist die Startbahn beim Abheben. Ein Kontrabassist, der ganz klassisch, mit warmem, rundem Ton eine unglaubliche Tragkraft hat und der aus diesem Trio ein ganz besonderes macht.
,Re: Satie Picturing the Invisible‘ ist das zweite Album des 1981 in Berlin geborenen Pianisten und Komponisten Philipp Rüttgers. Und er hatte mit diesem Projekt einfach eine sehr gute Idee mit Pop-Appeal im besten Sinne. Dafür arbeitete er sich allerdings intensiv durch das Gesamtwerk Erik Saties, über die bekannten ,Gymnopédies‘ und ,Gnossiennes‘ hinaus zu weniger populären Werken wie ,Les Fils des étoiles‘ und ,Uspud‘, und baute sich so ein musikalisches Vokabular zu diesem Thema, dieser Musik auf. Und dann machte Philipp Rüttgers sein eigenes Ding daraus. Absolut gelungen!
Gelungen ist auch die Live-im-Studio-Aufnahme der beiden Toningenieure Frans de Rond und Peter Bjørnild vom Hilversumer Studio Sound Liaison. Das Album wurde direkt im DSD-Verfahren (Direct Stream Digital) aufgenommen, wodurch der volle Dynamikumfang und die klangliche Klarheit und Räumlichkeit erhalten blieben. Auch das passt zu dieser inspirierten und auch inspirierenden Musik.
www.philippruettgers.com
www.sunmihong.com
www.instagram.com/omergovreen
www.guitar-player.com
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 09 / 2026

CHRISTIAN KÖGEL: M
Endlich mal wieder eine Doppel-CD und auch noch ein echtes Zwei-Gitarren-Album: Christian Kögel ist hier gleich mit einer ganzen Reihe diverser Saiteninstrumente zu erleben: Neben E-Gitarre und Nylonstring sind hier noch eine Baritone-Gitarre, Pedal Steel, eine Dobro und auch noch die seltene 12-string-Dobro im Einsatz. Kögels gitarristischer Mit- und Gegenspieler ist Kalle Kalima, ein Finne in Berlin, der aus seinen Bands La Marama, Klima Kalima, K-18 oder Kuu! bekannt ist. Ein eigenwilliger, moderner Jazz-Ausbrecher mit originellem Sound. Bandleader Christian Kögel hat u.a. mit seinem Wood & Steel Trio und Jerry Granellis Band UFB gespielt – da mit Kai Brückner als zweitem Gitarristen. Mit Sängerin Britta-Ann Flechsenhar arbeitet er in deren Band Flexkögel zusammen; sie ist auch hier in einem Track zu hören.
Und mit Paul Kleber („Höfner Electric Bass“ und Kontrabass) und Schlagzeuger Hans Otto hat Kögel die wohl entspannteste Rhythm-Section der Hauptstadt am Start. Die beiden Herren verbreiten auf CD1 eine absolut sedierende, extrem hypnotische Slow-Groove-Welt, die perfekt zu den Saitenkontrasten passt und diesen ein weiches Bett bereitet. Extrem langsam, aber nie langweilig. ,M‘ ist ein Album, das leisen Spaß macht: Ganz sicher nichts für Satriani- oder Snarky-Puppy-Fans, eher schon für Frisellianer und Menschen, die sich noch an die legendären Friends Of Dean Martinez erinnern. In den Liner-Notes des schönen Digipaks lese ich, dass das Instrumental ,Ich Steine, Du Steine‘ auf einem Song von Peter Fox basiert und die diversen ,Eclairs‘ von dem legendären Komponisten Olivier Messiaen (*1908 +1992) inspiriert sind. Solche unerwarteten Einflüsse machen die Musik dieses Albums aus. Und manchmal ist man sich ganz sicher, dass gleich Tom Waits um die Ecke kommt. Oder wundert sich über beatleske Vibes im nächsten Track. Überhaupt können Kögel, Kalima, Kleber & Otto eines perfekt: immer wieder überraschen. Und das mit diesem coolen Understatement-Sound, der wirklich individuell gelungen ist. Und Spaß macht. Der wird dann noch mal gesteigert, wenn das weirde Quartett im Track ,Yurt Rock‘ gekonnt wie Led Zeppelin abrifft, um sich in Breaks mit Pedals-Steel-Chords zu kontrastieren. Und ab hier geben dann alle Beteiligten erst mal richtig Gas und rocken, jazzen & jazzrocken was das Zeug hält … OK, ich muss hier nicht alles verraten, nur soviel: Es geht unberechenbar, spannend, bunt, schräg und virtuos weiter. ,M‘ ist jetzt schon mein Gitarren-Album des bisherigen Jahres. More please!
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 06 / 2026
www.christiankoegel.net
www.guitar-player.com

BLACK DOG GROOVE SOCIETY: DOG DANCE
Eine Hammond-Orgel klingt einfach immer megacool und irgendwie auch nach guter Laune – daher kommt man schon bei den ersten Takten dieses neuen Albums nicht um ein breites Grinsen herum. Black Dog Groove Society sind Saxophonistin & Bass-Klarinettistin Katharina Maschmeyer, Gitarrist Nils Pollheide, Schlagzeuger Hardy Fischötter und eben Dirk Schaadt am großen, schmatzenden Tastenmonster, das kurz vor dem Ausladen des Band-Transporters vor Gigs immer alle Mitmusiker unsichtbar werden lässt. Oder sie haben Rücken.
Zurück zur Musik: Diese Band swingt und pulsiert, vor allem Dank des unglaublichen Drives von Hardy Fischötter, absolut zeitlos, mit unglaublicher Energie. Wobei das klassische Orgel-Trio mit Drums und Gitarre natürlich nie um ein gewisses traditionelles Flair herumkommt. Da war wohl Tony Williams‘ Band Lifetime in der Besetzung mit Larry Young und John McLaughlin die große, niemals wieder erreichte Ausnahme der Jazz-Geschichte.
Organ-Player Dirk Schaadt hat neben seinem eigenen Trio u.a. mit mit Künstlern wie Sydney Youngblood, Marla Glen, Molly Duncan (Average White Band), Mirja Boes oder Tom Gaebel gearbeitet, live und im Studio. Hardy Fischötter spielte bereits 1988 in der legendären Kölner„Franck Band“. Von 1989 bis 2013 war er Mitglied des Trios von Gitarristin Susan Weinert und spielte außerdem mit Charlie Mariano, Richard Bona, Henrik Freischlader, Larry Carlton, Cosmo Klein und Ali Claudi. Gitarrist Nils Pollheide und Saxophonistin Katharina Maschmeyer sind schon lange ein künstlerisches Team, und auch hier harmonieren sie wieder perfekt. Wobei Pollheide am deutlichsten die zeitgenössischen Zutaten in den Band-Sound fließen lässt – bestes Beispiel dafür ist seine Komposition ,For Sco‘, die keine Fragen offen lässt. Mit angezerrtem Ton jagt er virtuos, bluesig, boppig durch den von Vorbild John S. inspirierten Track. Gefolgt von Katharina Maschmeyer, die am Tenorsaxophon ähnlich energetisch abgeht. Eine tolle Musikerin.“Die Stücke sind beeinflusst von zeitgenössischen Jazz Musikern wie Seamus Blake, Joshua Redman, John Scofield, Larry Carlton und Larry Goldings, andererseits finden sich auch Elemente von Blue Note-Legenden aus den 1950-1960er Jahren wie Hank Mobley, Grant Green und Larry Young“, lese ich im Text zum Album. Black Dog Groove Society haben als Formation das Talent, diese künstlerischen Einflüsse aus gut 60 Jahren Jazz-Historie mit rotem Faden zu fusionieren.
Dieses zweite Album der Band ist vielleicht noch mal einen Schritt nach vorne gegangen – und es klingt auch sehr gut. Eingespielt wurde im bandeigenen „Confusing Cats Studio“ in Osnabrück, aufgenommen und gemischt hat es Nils Pollheide. Gute Arbeit.
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 06 / 2026
www.katharina-maschmeyer.com
www.nilspollhei.de
www.dirkschaadt.com
www.hardyfischoetter.de
www.guitar-player.com

BAUM’S BLUESBENDERS: ROAD BACK HOME
Baum’s Bluesbenders sind Norfried Baum (voc, g), Uwe Placke (harp), Jan Laacks (b, kb, p) und Francis Holzapfel (dr), und die vier Musiker aus Bonn rocken direkt im ersten Album-Track so intensiv und gut gelaunt ab, dass man kein Blues-Rock-Fan sein muss, um diese Musik zu mögen. Das Konzept der Band ist, rollenden R&B, Soul, klassischen Rock‘n’Roll, Cajun, Boogie und noch mal Blues zu einer groovenden Mischung zu vereinen, gespickt mit feinen Soli von Harp und Gitarre.
Seit 1993 gibt es diese Band, und Baums Bluesbenders – mal mit, mal ohne Apostroph – sind echte Lokalmatadoren des Genres. Highlights ihrer Karriere waren neben diversen Festival-Gigs, Auftritte als Begleit-Band von Louisiana Red, Richard Bargel und Greg Copeland, daneben auch diverse Support-Gigs bei Konzerten von Rick Vito, Rudy Rotta, Tino Gonzales, Big Daddy Wilson, Dave Goodman und ZZ Top. Ihr neues Album ,Road Back Home‘ verstehen die Musiker als Hommage an die Musik, die sie in den vergangenen drei Jahrzehnten geprägt hat.
Sehr cool und absolut sympathisch finde ich die Gitarrenbeiträge von Bandleader Norfried Baum. Er hat wirklich Feeling für die Musik, die er spielt. Seine Riffs und Soli sind absolut stilsicher, virtuos, dabei aber immer eher rough und banddienlich. Interessant ist auch, wie kreativ diese Band Backing-Vocals als Farben einsetzt, oder wie im Titeltrack des Albums, ,Road Back Home‘, aus einer ganz normalen Uptempo-Nummer mit Link-Wray-Gitarren-Spots, schrägen Vocal-Sounds und WahWah-Einsatz, ein ganz eigener Trip zwischen Song und Soundtrack wird. Und bei ,Feel The Power‘ wartet man fast darauf, dass gleich Carlos Santana und Willy DeVille um die Ecke kommen. Statt dessen überrascht uns Norfried Baum mit einem sehr eigenwilligen Gitarrensolo das Blues, Jazz, Latin und Rock tangiert
Direkt anschließend gibt’s mit ,Loving you‘ keine Schmacht-Ballade sondern einen Cajun-Knaller: „Die Idee hinter dem Song war mit mehreren Mundharmonikas einen
Cajun-artigen Sound, wie ein Akkordeon, zu produzieren“, schreibt die Band. „Herausgekommen ist ein Liebeslied, das gut gelaunt eine musikalische Reise nach Louisiana ist.“ Baum’s Bluesbenders sind jedenfalls nichts für Blues-Dogmatiker sondern eine Band für alle, die gute Musik mit einem Grinsen genießen können.
Und dann, als letzter Song des Albums: ,Traffic Jam‘. Von der maroden und mittlerweile gesperrten Bonner Rheinbrücke konnten die Musiker bei der Produktion dieses Tracks eigentlich noch nichts wissen. „Der Song handelt von einem Mann der dringend zur Arbeit fahren muss, aber in einem Verkehrsstau strandet und bei dem dann alles aus dem Ruder läuft …“ Ich stelle mir gerade vor, wie in einem Megastau im Stadtgebiet der ehemaligen Bundeshauptstadt aus zehntausend geöffneten Autofenstern dieser Song dröhnt – ein echter Psycho-Blues, visionär und im Finale absolut bedrohlich … „Das Stück haben wir komplett live eingespielt. One take, fertig!“, erzählt Norfried Baum. „Da kamen nachher, im Mix, nur noch ein paar schräge Effekte drauf. Für sowas ist unser Bassist und Produzent Jan Laacks Spezialist.“
Fazit: Ich habe eigentlich noch nie ein so bunt gemischtes Album aus diesem musikalischen Umfeld gehört, wie ,Road Back Home‘ von Baum’s Bluesbenders: Von bester Party-Laune über Rock’n’Roll-Energie bis zum düsteren Albtraum ist hier alles vertreten. Das muss man können! Unbedingt reinhören!
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 07 / 2026
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MICK GOODRICK / FRED HERSCH: FEEBLES, FABLES AND FERNS
Was haben Pat Metheny, John Scofield, Bill Frisell, Mike Stern, Wolfgang Muthspiel, Lionel Loueke, Julian Lage, Lage Lund und Wayne Krantz gemeinsam? Alle sind Jazz-Gitarristen, richtig. Und sie hatten alle irgendwann mal den selben Lehrer:
Mick Goodrick. Der hat zwar nie die Berühmtheit der oben genannten Künstler erreicht, gilt aber rückblickend als einer der einflussreichsten Jazz-Gitarristen und -Pädagogen seiner Generation. Als Mentor und Dozent am Berklee College of Music in Boston prägte Mick Goodrick (*1945 † 2022) unzählige Studentinnen und Studenten. Sein Buch „The Advancing Guitarist“ gilt als Standardwerk. Und er war auch selbst als Musiker aktiv, spielte gemeinsam mit seinem Schüler Pat Metheny in den 1970er Jahren im legendären Gary Burton Quartet. Und auch der österreichische Jazz-Gitarrist Wolfgang Muthspiel arbeitete später mit Goodrick in verschiedenen Besetzungen.Mitte der 1970er Jahre änderte Goodrick seinen Stil und spielte ohne Plektrum, mit Fingerstyle-Technik – für Jazz-Gitarristen damals eher ungewöhnlich. Sein 1978 beim Münchener Label ECM erschienenes Album ,In Pas(s)ing‘ mit Jack DeJohnette (dr), Eddie Gomez (b) und John Surman (ss, bs, bcl) ist heute eine Klassiker des modernen Gitarrenmusik im Jazz. Die Aufnahmen wurden kürzlich als Vinyl-LP im Foldout-Cover wiederveröffentlicht.
Mick Goodrick nahm an mehr als 60 Aufnahme-Sessions teil, seine Veröffentlichungen unter eigenem Namen sind aber überschaubar. Um so schöner, dass jetzt mit ,Feebles, Fables And Ferns‘ Aufnahmen vom August 1988 publiziert wurden, die der Gitarrist gemeinsam mit dem Pianisten Fred Hersch eingespielt hat. Die, je nach Zählweise, sieben oder acht Tracks des Albums, zeigen noch mal alle Qualitäten, die ich schon immer an Mick Goodrick geliebt habe: Er war, im übertragenden Sinne, der leisere, sensiblere Pat Metheny, der folkloristischer und europäischer klingende Jim Hall. Ein Musiker, der mich mit wenigen Tönen, mit warmen Voicings und viel Sinn für Interaktion, immer wieder berührt hat. Sein Album ,In Pas(s)ing‘ muss man gehört haben. Und die Komposition ,Feebles, Fables And Ferns‘ war auch schon darauf vertreten.
Die jetzt unter diesem Titel veröffentlichten Duo-Aufnahmen mit Fred Hersch blieben eine einmalige Episode, obwohl beide Musiker damals überwiegend in Boston lebten und in Kontakt standen. Aufgenommen hatten sie aber in Herschs Studio in New York. Der beschreibt dieses musikalische Zusammentreffen so: „Für mich liegt das Besondere einfach im Niveau des Zusammenspiels. Zwischen uns beiden fand damals ein äußerst intensives Zuhören statt.“
Klanglich hat Hersch beide Instrumente im Mix mit viel Wärme angenähert und dabei trotzdem etwas Raum im Klangbild gelassen. Ob Goodrick bei den Aufnahmen die auf dem Booklet-Foto zu sehende Epiphone Sheraton Semiacoustic gespielt hat – mit Bigsby! – ist eher unsicher. In den 1980ern hatte er meist Headless-Instrumente von Klein, Steinberger und/oder Hohner im Einsatz, für einen kammermusikalischen Jazz-Gitarristen eher untypisch. Das Foto von Goodrick mit Headless-Gitarre habe ich am 08. März 1995 im „Ztudio Zerkall“, zwischen Aachen und Köln gemacht, wo er mit Wolfgang Muthspiel und Saxophonist David Liebman sein Album ,In The Same Breath‘ einspielte.
Noch mal zurück zu ,Feebles, Fables And Ferns‘: Neben Eigenkompositionen der beiden Musiker interpretieren sie hier auch noch zwei Stücke von Bassist Steve Swallow (,Falling Grace‘ und ,Amazing‘), Komponist & BigBand-Leiter Johnny Greens ,Out Of Nowhere‘ und den Klassiker ,Soul Eyes‘ von Pianist Mal Waldron. Und mit Fred Herschs ,Heartsong‘ ist auch noch eine absolut an Pat Metheny erinnernde Nummer zu hören, fast zu konventionell und gut gelaunt, zu Dur-fixiert für dieses Album. Den stärksten Kontrast dazu liefert der Track ,Five Excursions‘ – hier wurden mehrere spontane und relativ freie Improvisationen zusammengefasst. Spannend!
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 07 / 2026
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SIYOU: ABOUT ME
„Die Welt braucht genau diese Art von positiver, optimistischer, grooviger Musik“, denke ich, als ich nach den, mittlerweile wie gewohnt düsteren Abendnachrichten die neue CD von Siyou Isabelle Ngnoubamdjum einlege. Die 1968 in Kamerun als Tochter eines evangelischen Pfarrers und einer deutschen Entwicklungshelferin geborene Siyou kam mit zwei Jahren nach Deutschland, bekam irgendwann eine Gitarre geschenkt und entdeckte als Sängerin und Instrumentalistin Soul, Blues und Rock. Ihre Heimat fand sie dann aber in Spirituals und Gospel-Musik. 1993 gründete sie das siyou | gospel projekt, weitere Formationen folgten. Neben Konzerttourneen in Deutschland, Frankreich und Kamerun, gestaltete sie Kirchentage mit und unterrichtete. Zentrale Themen ihrer Arbeit sind die schwarze Kultur, der christliche Glauben und gesellschaftliche Missstände.
Und dieses Spektrum deckt auch Siyous neues Album ab. Bei der Produktion von ,About Me‘ wurde sie von einigen kompetenten Kollegen unterstützt, allen voran von Bassist Hellmut Hattler, mit dem sie seit 2008 im Duo Siyou’n’Hell zusammenarbeitet. Hattlers sehr gitarristisches, extrem lebendiges und dabei immer enorm tragendes Bassspiel ist auch hier mal wieder Weltklasse – und prägt die Musik von ,About Me‘ stark. Er ist in neun der elf Album-Tracks zu hören. Außerdem dabei sind Martin Meixner an Hammond-Orgel und Piano, bei einzelnen Tracks u.a. die Vokalgruppe „Insingizi“ aus Simbabwe, Christoph Scherer (perc), Tommy Baldu (dr), Joo Kraus (tp) und andere.
Siyous Musik ist erfrischend undogmatisch und offen; ,About Me‘ erscheint oft wie eine kleine Reise durch Gospel, African Roots, Pop und Soul, mit dem roten Faden ihrer Stimme und der virtuosen Bass-Begleitung von Hellmut Hattler. Interessant fand ich, dass sich die gute Laune des Album-Openers nicht durch alle Tracks zieht, sondern einer nie hoffnungslosen Nachdenklichkeit weicht, die wirklich berührt und die sich überträgt.
Zu den Highlights gehören für mich die ruhigeren Tracks ,Home‘, ,So Easy‘ und ,Souline‘, aber auch das energetische ,Need The Silence‘, das in einer zweiten Version, nur von Syou und Hattler im Duo interpretiert, dieses Album beendet.
Und dann ist da noch die wunderschöne Ballade ,Kothbiro‘, die von einer Sanza oder Mbira (einem afrikanischen Lamellophon, oft als Daumenklavier bezeichnet) eingeleitet wird und geradezu hypnotische Qualitäten hat. Hier zeigt Siyou sechseinhalb Minuten lang, wie sie mit wenigen Tönen extrem berühren kann. Gelungen!
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 07 / 2026
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MIKAEL MÁNI: HALF SUN
Die ersten Töne dieses neuen Albums von Gitarrist Mikael Máni klingen noch geheimnisvoll und etwas bedrückt. Aber dann öffnet sich eine Klanglandschaft und man ist in einer anderen Welt. „Der alte Pat-Metheny-Trick“, denke ich einen Moment – eine wirklich nur formale Parallele. Denn schon von früheren Alben des isländischen Musikers weiß ich, dass er einen eigenen Weg geht. Mikael Máni ist ein Meister der Kontraste – und der musikalischen Überraschungen. Seine Instrumentals sind Songs, seine Melodien und Sounds haben oft eine vokale und erzählerische Qualität. Máni spielt Jazz-Gitarre mit Human Factor!
Mikael Máni Ásmundsson, so sein voller Name, wurde 1995 in Reykjavík in eine Familie von Musikern und Musikliebhabern hineingeboren: Sein Vater betrieb ein Label und einen Schallplattenladen, seine Mutter organisierte für ihn und die beiden Schwestern früh eine solide Musikausbildung, die Mikael dann ab seinem 16. Lebensjahr zu einigen isländischen Jazz-Musikern führte. Anschließend studierte er am Conservatorium van Amsterdam bei Gitarrist Jesse van Ruller. Ein Jahr nach seinem Bachelor-Abschluss erschien 2019 das mit Bassist Skúli Sverisson und Magnús Trygvason Elíassen an Schlagzeug und Vibraphon eingespielte Trio-Album ,Bobby’, ein Konzeptwerk, das das Leben des umstrittenen Schachgroßmeisters Bobby Fischer behandelt, der seine letzten Lebensjahre in Island verbrachte.
Es folgten ,Nostalgia Machine’ (2021), ,Innermost’ (2023) – und zuletzt ,Guitar Poetry’ (2024), ein unbegleitetes Solo-Album, das einen wirklich unkonventionellen Gitarristen präsentiert, dem Ausdruck und Emotion über allem zu stehen scheinen.
Sein neues, fünftes Album ,Half Sun‘ hat Mikael Máni gemeinsam mit dem schwedischen Bassisten Henrik Linder, Schlagzeuger Magnús Trygvason Elíassen, Keyboarder Tómas Jónsson, sowie der Pianistin Lilja María Ásmundsdóttir, Mikaels Schwester, eingespielt. Die sehr abwechslungsreichen Arrangements sind geprägt von Mánis Interesse an Filmmusik; die blieb ihm schon immer bei Kinobesuchen stärker im Gedächtnis als die Handlung der Filme.
Stilistisch geben sich hier Jazz und der Rest der Welt die Klinke in die Hand: Folkloristische Atmosphären, Neo-Klassik-Ansätze, Walls Of Sound mit instrumental eingesetzten Vocals … – Filmmusik ohne Bilder eben. Aber nicht klischeehaft sondern immer dramaturgisch durchdacht, lebendig, sich entwickelnd.
Auf „seinem fünften Album, gestaltet der isländische Gitarrist und Komponist eine persönliche Klangwelt, in der sich Jazz, Filmmusik, nordische Melodien, Post-Rock und Impressionismus vermischen“, lese ich im Infotext zum Album. „Das Ensemble, ein von der Gitarre getragenes Jazz-Quintett, findet kreative Wege, Melodien, die normalerweise von einem Orchester gespielt werden würden, neu zu interpretieren, wodurch sie ihre Hörer auf eine außergewöhnliche Reise durch emotionale und klangliche Landschaften mitnehmen.“
Durchaus treffend für einige Tracks, wie zum Beispiel das opulente ,Cases‘, das im Kleinen schon ein Soundtrack für sich ist, eine Klangreise. Keine Frage: Mikael Máni kann mit unserem Lieblingsinstrument umgehen, ist ein virtuoser Solist, aber noch stärker ein musikalischer Maler. Und da bin ich doch noch mal bei Pat Metheny und meinem 1992 erschienenen Lieblingsalbum ,Secret Story‘, wo der Künstler über sich hinauswuchs und sich ganz in den Dienst der Musik stellte. Diese Qualität hat Máni mit diesem neuen Album auf gleichem Niveau bewiesen, wenn auch in einer ganz anderen musikalischen Stimmung. Ein wirklich interessanter Gitarrist und Komponist mit Spektrum: Dazu gehört dann ein extrem gefühliger Soft-Track wie ,Höggið‘ genau so wie das folkig-monkige ,Hermes‘ oder das irgendwie zart jazzrockige ,By Request‘. Das Album endet mit dem klassisch-wuchtigen ,D.V‘. und der Track selbst endet absolut überraschend … Mikael Máni ist schon ein sehr eigenwilliger Künstler, Gitarrist und Soundtrack-Nerd. The End.
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 08 / 2026
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ELLA ZIRINA & TEIS SEMEY: DARK YELLOW
Das vor drei Jahren erschienene ,Intertwined‘ war meine erste Berührung mit der Musik der 1997 in Lettland geborene Jazz-Gitarristin und Komponistin Ella Zirina, die sich damals mit ihren Band-Projekten in der niederländischen Jazz-Szene weit nach vorne gespielt hatte. In Amsterdam hat sie unter anderem bei Jesse van Ruller, Reinier Baas, Maarten van der Grinten und Martijn van Iterson gelernt und 2021 ihr Studium am Conservatorium mit der höchsten Auszeichnung abgeschlossen. Und ihr Debüt ,Intertwined’ wurde im Frühjahr 2023 mein „Jazz-Album des Monats“.
Während Ella damals mit wechselnden Besetzungen arbeitete, beschränkt sie sich bei ,Dark Yellow‘ auf das Zusammenspiel mit ihrem Gitarristenkollegen Teis Semey. Zwei Gitarren, OK. Möglichkeit A: Wettrennen. Möglichkeit B: Gemeinsam klangmalen. In letztere Richtung geht schon mal das erste Stück des Albums, ,Arpeggios for Two Guitars‘, das die beiden Gitarren-Parts absolut verschmelzen lässt. Alles andere hätte mich auch überrascht. Ella Zirina hat sich in den vergangenen Jahren als eigenständige Gitarristin etabliert, deren Spiel immer melodisch geprägt ist. Der aus Dänemark stammende Teis Semey ist expressiver, spielt unberechenbarer und seine improvisatorische Energie kann Strukturen dominieren. Dieser großartige Kontrast wird dann direkt im zweiten Track, ,The Monsters Between Us‘ sehr deutlich. Absolut spannend spielen Ella Zirina und Teis Semey hier miteinander, gegeneinander und finden dann wieder zurück. Ebenso im düsteren, nur gut eine Minute kurzen ,Trapped In My Chest‘, einem Klangmoment, einem Soundtrack für ein Schwarzweißfoto. In , Augusts‘ erlebt man dann ein weiteres mal den Kontrast von Ellas mit Fingerpicking gespielten Arpeggios und den abgedrehten, verhallten und düsteren Soundscapes von Teis Semey.
Der Titeltrack des Albums ,Dark Yellow‘ hat wieder etwas mehr von Ella Zirinas folkloristischer Leichtigkeit, die aber auch hier von den eigenwilligen Linien ihres Mitspielers relativiert wird. Teis Semey reibt sich ständig, umspielt, greift an und zieht sich wieder zurück. Das klingt wie ein musikalisches Gespräch – mal lyrisch und schwebend, mal in zwei Sprachen, die sich nicht immer verstehen, mal dunkel, brüchig, mal voller Spannung. Und es gibt gemeinsame Ziele in vielen Stücken, wenn beiden Gitarrenwelten dann wieder zusammenfinden und, wie im Opener, fast zu einem Instrument verschmelzen.
Teis Semey: „Bei diesem Album geht es mir vor allem um Klangtexturen und das Songwriting. Wir hätten auch einen düstereren und komplexeren Weg einschlagen können, aber ich glaube, wir wollten beide unbedingt, dass unser erster Versuch als Duo nur etwas geheimnisvoll und dabei auch melodisch ausfällt.”
Ella Zirina hat, bis sie 17 war und zur Gitarre wechselte, erst einmal klassisches Piano studiert – und nach und nach kamen zu Einflüssen wie Alexander Scriabin und Bill Evans auch noch Jim Hall, Wes Montgomery, und Joni Mitchell, Led Zeppelin – und ein paar Jazz-Rock-Alben hat sie offensichtlich auch gehört.
Auf ihrem Album ,Intertwined’ war die Gitarristin schon mal mit einer Solo-Interpretation von George Gershwins ,I Love You Porgy’ zu erleben. Und dieses Stück ist auch der einzige Jazz-Standard des neuen Albums, das ansonsten nur aus Eigenkompositionen von Semey und Zirina besteht. Und an diesem bekannten Material kann man den musikalischen Ansatz des Duos noch mal ganz deutlich erkennen: Sie interpretieren, spielen mit Tönen, verlassen stilistische und harmonische Räume, so wie es sich gerade beim Improvisieren ergibt: Aus Jazz wird Folk wird Kammermusik wird Freiheit. Kontraste mit musikalischer Kommunikation zu komponieren, also zusammenzubringen – das kann man hier wirklich miterleben.
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 08 / 2026
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PETER ROM: WANTING MACHINE I & II
Schon nach ein paar Tönen des Albums ,Wanting Machine‘ ist klar: Hier zieht jemand sein ganz eigenes Ding durch: Peter Rom heißt der österreichische Jazz-Gitarrist und Komponist, der 2021 sein erstes Solo-Album veröffentlicht hat. Das hat er mir zusammen mit seinem aktuellen Werk zugeschickt, und da beide Veröffentlichungen vom Titel und auch von der schönen Cover-Gestaltung der zwei Vinyl-LPs offensichtlich zusammengehören, stelle ich hier auch beide vor.
Peter Rom, 1972 in Wien geboren, hat am dortigen Konservatorium und bei Mick Goodrick am Berklee College of Music in Boston studiert. 1998 wurde er u.a. mit dem „Berklee „Achievement“-Award, ein Jahr später mit dem „Quincy Jones Award“ des Berklee College ausgezeichnet. 2004 war er Mitgründer des Kollektivs JazzWerkstatt Wien. In diesem Umfeld entstanden verschiedene Produktionen. 2006 bekam die JazzWerkstatt den Hans-Koller-Preis als „Newcomer des Jahres“ zugesprochen.
Das bereits erwähnte Solo-Debüt von Peter Rom ist ein interessanter Klang-Trip und eines dieser seltenen Gitarren-Alben, bei denen man beim Hören garnicht ständig an das Instrument denkt. Was daran liegt, dass der Gitarrist so ziemlich alles einsetzt, was an Klangverformung in Zusammenhang mit diesem analogen Instrument möglich ist: Angefangen beim Violining, dem anschlagfreien Einblenden des Tons, über den Einsatz des e-Bow für stehende Töne und Klangflächen bis hin zu extremen Pitch-Shifting-Effekten, Backwards-Guitar etc. Das klingt dann im Resultat oft etwas nach früher elektronischer Musik, wobei aber Bass von Manu Mayr, Martin Eberles Trompete oder der warme Klarinettenton von Vincent Pongracz für jazzige Atmosphären sorgen. Und im irgendwie souligen ,Million Billion‘ klingt dann Peter Roms E-Gitarre plötzlich wie eine ganz normale, unverzerrte E-Gitarre, und man kann ein großartiges, virtuoses Solo erleben. Insgesamt hatte Rom 14 Musikerinnen und Musiker, vier Co-Komponisten und gleich sieben Toningenieure für diese Produktion am Start. Neben den genannten instrumentalen Stimmen erlebt man hier noch Zither, Violine, Drehleier und Elektronik, und gelegentlich weiß man wirklich nicht, wer gerade welche Töne erzeugt. Eine absolut spannende Klangreise.

Peter Rom: „Ich bewundere die literarische Welt Kafkas. Stufen, die unter steigenden Füßen aufwärts wachsen, oder die Stufe über die man nicht hinauskommt, weil sie so hoch ist. Immer wieder müssen Kafkas Protagonisten feststellen: Sie haben eine Situation zu 100% falsch eingeschätzt. Die Welt wirkt, als stünde sie fest, in Wirklichkeit ist alles unsicher, weich, formbar und verschwimmt. Ich wollte immer, dass Musik auf vielen Ebenen funktioniert. Wie ein Hologramm, das man ansieht, dann sieht man durch es durch und von einer anderen Stelle sieht alles wieder ganz anders aus.“
Keine Frage, dass dieses großartige und extrem eigenständige Album dann große Lust auf mehr macht. Vor kurzem ist dann mit ,Wanting Machine II‘ endlich ein Nachfolger und damit neue Musik von Peter Rom erschienen. Einige Mitmusiker waren schon beim Debüt dabei – Manuel Mayr (b), Lukas König (dr), Vincent Pongracz (cl) – und auch hier sind wieder neun Tracks in wechselnden Besetzungen zu erleben. Weitere Farben kommen von Schlagzeuger Valentin Duit, der Thereministin Khadijah Pamelia Stickney, Matthew Halpin an Altsaxofon und Flöte, David Müller an der singenden Säge und Benny Omerzell am Piano.
Track 5 heißt ,Odeon‘ und erinnert in seiner schrägen Verspieltheit von Klarinette und Violine an das erste ,Wanting Machine‘-Album. Rhythmisch wirkt dieser Nachfolger aber etwas stringenter als das Debüt; gelegentlich erinnert dieser Aspekt dezent an das Spätwerk von King Crimson.
Peter Roms Gitarre kommt auch hier wieder gut getarnt ins Spiel, effektiv als Klangmal-Instrument verkleidet, eher selten mit konventionellen Solo-Spots. Konventionell ist hier überhaupt garnichts. Rom & Co. malen mit Sounds und Beats. Was hier Konzept, Komposition, Improvisation ist, was an konkreten Live-Aufnahmen zu hören ist und wie groß der Remix-Anteil an diesen Tracks ist, kann ich nicht nachzuvollziehen. Spielt auch eigentlich keine Rolle. Hier wurde jedenfalls kreativ „komponiert“, mit allen Mitteln.
Die B-Seite der LP liefert dann drei reine Trio-Aufnahmen, in denen Peter Roms Gitarrenspiel auch als solches erkennbar stärker hervortritt: ,Burgring‘, ,Mariahilf‘ und ,Greater Hope‘ heißen die drei Stücke, zwei davon gemeinsam mit Bassist Manu Mayr komponiert. Aber auch hier sind immer wieder, mal dezent, mal offensiv, Effektgeräte im Spiel. Der Bass ist die stabile Achse, das Schlagzeug so frei wie die Gitarre … – das alte Jimi-Hendrix-Experience-Konzept. Weitere Parallelen in diese Richtung erkenne ich aber keine.
Mit ,Take Leave‘ endet das Album ganz ruhig und ein bisschen sphärisch – das Trio Rom/Mayr/König wird hier noch mal von Khadijah Pamelia Stickney am Theremin ergänzt. Und Peter Roms Gitarre klingt wie ein geknebeltes Piano das dann zu einem Spinett mutiert … Cool.
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 08 / 2026
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PHILIPP SCHIEPEK & LORENZ WIDAUER: BANGERS & BALLADS
Kein Duo sondern eine komplette Band: Gitarrist Philipp Schiepek und LORENZ WIDAUER an der Trompete haben sich für ihr gemeinsames Album ,Bangers & Ballads‘ mit Bassist Michael Acker und Schlagzeuger Matheus Jardim noch zwei kompetente Begleiter ins Boot geholt, die ihrer Musik zu knackigen Grooves verhelfen. Modern Jazz spielen die vier aus Deutschland, Österreich, Rumänien und Brasilien stammenden Musiker. Schiepek und Widauer hatten sich bei den Salzburger Festspielen im Sommer 2021 kennengelernt und kurz darauf war klar, dass sie ein gemeinsames Projekt starten wollen.
Widauers virtuose Linien werden hier getragen von Philipp Schiepeks oft leicht sphärischen Gitarren-Sounds, immer mit etwas Raumklang angereichert. Interessante Voicings und virtuose Soli mit gekonnter Dramaturgie hat dieser Gitarrist drauf. Schiepek (* 1994) hat mit ,Golem Dance‘ (2019), dem Duo-Album ,Cathedral‘ (2021) mit Walter Lang und vor allem mit ,Versuch zu träumen‘, im Trio mit Henning Sieverts (b) und Bastian Jütte (dr), letzteres 2024 auf dem eigenen Label Wooden Waggon Records erschienen, schon einige beachtliche Alben veröffentlicht. Außerdem war er Preisträger des Kulturwettbewerbs Gasteig 2018, des BMW Welt Young Artist Jazz Award 2020 und des Bayerischen Kunstförderpreises. Ein engagierter und kreativer Gitarrist. Seit Ende 2025 ist Philipp Schiepek Professor für Jazz-Gitarre an der Hochschule für Musik und Theater München. Schön, wenn wirklich aktive und kompetente Musikerinnen und Musiker an solche Jobs kommen.
Lorenz Widauer war ursprünglich als klassisch ausgebildeter Pianist aktive, kam dann erst später zur Trompete und erst im Musikstudium zum Jazz. Er hat u.a. mit Christian Muthspiels Orjazztra Vienna, Shake Stew, Yvonne Moriels sweetlife:quartet und seiner eigenen Formation Chez Fría gearbeitet; von 2021 bis 2024 war er Solotrompeter in der Produktion „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen.
Auf ihrem gemeinsamen Album ist ein Highlight das unbegleitete Duo ,Rebecca‘, einer Komposition von Philipp Schiepek, der hier absolut stilübergreifend mit sehr intelligenten Mitteln begleitet – nein: Er setzt den warmen Trompetenlinien eigene Klangbilder entgegen. Mit Akkorden, Arpeggios, eingeflochtenen Flageolett-Tönen, aus denen er dann kurz auch eigene Singlenote-Linien entwickelt, um anschließend wieder in den Dialog mit seinem Mitmusiker zurückzufinden. ,Rebecca‘ ist vielleicht das stärkste Stück dieses Albums, weil es das musikalische Konzept der beiden Bandleader und Komponisten am klarsten offenlegt.
Aber auch in den Tracks mit Rhythm-Section, z.B. in Schiepeks ,The One‘ oder Widauers ,Prelude‘ dominiert ihr dialogischer Ansatz, perfekt eingebettet in lebendige Schlagzeug-Ausbrüche und tiefe, tragende, teils gestrichene Töne vom Kontrabass. Ähnlich spannend gelungen ist der vorletzte Album-Track ,Too Many Questions‘. Insgesamt gefallen mir die ruhigen, sphärischen Stücke am besten, denn hier kommen die musikalischen Persönlichkeiten am direktesten rüber. Schönes Album.
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 06 / 2026
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ARNE JANSEN & STEPHAN BRAUN: SHORT STORIES
Gitarrist Arne Jansen und Kontrabassist & Cellist Stephan Braun sind ein wirklich cooles Duo. Und zwei sehr variable Musiker. Auf ,Going Home‘ (2023) hatten die beiden sich Stücke der legendären Gitarre-Band Dire Straits vorgenommen, das ich damals mit „Gewagtes Repertoire – gelungene Umsetzung. Respekt!“ kommentierte. Die ,Short Stories‘ des gleichnamigen neuen Albums sind eigene Kompositionen.
Während Jansen seine Linien und Chords immer wieder mit dezenten Loops und Raumklängen anreichert und so ganz eigene Sounds ausbreitet, hört man das Cello mal in klassischem Einsatz, gestrichen mit Bogen, dann aber auch gezupft; in tieferen Lagen spielt Stephan Braun tragend und virtuos zugleich. Dabei lässt die Musik immer ganz viel Raum, kommt mit einer unglaublichen Ruhe aus den Lautsprechern und wirkt trotz des Einsatzes von Delay, Reverb und anderen Effekten nie überladen. Nein, eher minimalistisch, oft fast meditativ. Man schwebt mit diesem Duo durch Klanglandschaften.
Das Finale bestreiten Arne Jansen und Stephan Braun nach neun Eigenkompositionen mit einem Klassiker, dessen Verfasser und Interpret klangästhetisch eigentlich aus einer ganz anderen Ecke kommt: Singer/Songwriter-Ikone Bob Dylan wird mit der Interpretation eines seiner Meisterstücke, ,A Hard Rain’s a-Gonna Fall‘, gewürdigt. Und sie interpretieren diesen Klassiker sehr sensibel, fast vorsichtig. Von Dylans Crunch-Stimme und seiner Wut spürt man hier nichts. Der Song, der 1962 unter dem Eindruck der Kuba-Krise entstand, die die Welt an den Rand einer militärischen Katastrophe brachte, hat leider nicht an Aktualität verloren, findet Arne Jansen. Das Stück endet nach 4 Minuten und 32 Sekunden. Der Wahnsinn geht weiter. Die Musik für den Frieden danach gibt’s schon. Was für eine Welt.
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 06 / 2026
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STEPHANIE WAGNER & NORBERT DÖMLING FLUTE ‚N‘ BASS: ELEKTROLYTE
Unter dem Projektnamen „Flute ’n‘ Bass“ sind Stephanie Wagner & Norbert Dömling mit Querflöte und Kontrabass seit vielen Jahren aktiv. Ihre CD ,Traces‘ (2023) wurde für den „Preis der deutschen Schallplattenkritik“ nominiert. Jetzt haben die beiden bisher rein akustisch spielenden Duo-Partner ihr Konzept verändert. Statt am Kontrabass, ist Norbert Dömling nun mit E‑Bass und sechssaitigem Fetless-E-Bass bei der Arbeit. Außerdem kommen jetzt auch diverse Effektgeräte und Looper zum Einsatz. Was den beiden wichtig ist: Ihre Musik entsteht weiterhin in Echtzeit, live, ohne vorbereitete Loops oder Backing-Tracks.
Auf ihrem neuen Album macht sich diese Erweiterung der klanglichen Mittel sehr deutlich bemerkbar. ,Elektrolyte‘ baut immer wieder auf interessanten, oft geräuschhaften Loops auf, kommt aber genau so oft zum klassischen, zweistimmigen Duo von Flöte und Bass zurück. Um dann wieder mit perkussiven Spielweisen beider Instrumente und Blas- und Klappengeräuschen der Flöte neue Klänge zu kreieren. Stephanie Wagner ist hier mit C-Flöte und auch Alt- bzw. Bass-Flöte zu hören.
Insbesondere für Bassisten interessant ist die Geschichte von Dömlings Stück ,Mr. Weber‘. „2015 wurde ich vom Jazz-Institut Darmstadt eingeladen, bei einem Gesprächskonzert mit Eberhard Weber Solo-Bass mit Loop-Delay zu spielen, da Eberhard leider nicht mehr selbst spielen konnte. Als erstes Stück spielte ich dort eine völlig freie Improvisation. Das wurde damals aufgenommen, und hieraus habe ich jetzt einen Teil der damals spontan entstandenen Akkordfolge genommen und eine neue Komposition für 4-string E-Bass mit
ungewöhnlichen Klängen und Altflöte für die neue CD geschrieben.“
Das darauf folgende Stück ,Seeheimer Nachtleben‘ gehört zu den interessantesten des Albums, denn hier zeigt Dömling noch mal seine gesamte Ausdruckspalette an den verschiedenen Bässen. Stephanie Wagners Komposition ,Voyage‘ beschließt das Album mit einem ruhigen, sehr klaren Thema, das etwas an die Musik von Erik Satie erinnert, begleitet von virtuosen Basslinien mit sehr schönen Flageolett-Tönen. In diesem Finale harmonieren Flute ’n‘ Bass absolut großartig. Tolles Duo!
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 06 / 2026
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SHAKE STEW: TEN ONE TWO
Mehr Bass! Auch Shake-Stew-Bandleader Lukas Kranzelbinder (b) beglückt uns diesmal gleich mit einem Doppelalbum; in der CD-Fassung stecken die beiden Scheiben auch noch in einem sehr schön designten Digipak. Ob Oldschool oder nicht – so ein Kunstobjekt zum Anfassen betont weiterhin die Wertigkeit von Musik, die als Stream irgendwie auf den Strich geht.
Direkt der erste Track ,Wood‘ zieht einen absolut hypnotisch in die Klangwelt von Shake Stew. Zur Band gehören Yvonne Moriel (as), Mario Rom (tp), Johannes Schleiermacher (ts, fl), Oliver Potratz (b), Nikolaus Dolp und Herbert Pirker (dr, perc). Richtig gelesen: Zweimal Schlagzeug & Percussion, wobei die beiden Instrumentalisten sauber im Stereoklangbild zu identifizieren sind. Und auch zwei Bässe sind hier zu hören, mal E-, mal Kontrabass, divers kombiniert. Wobei Bandleader Lukas Kranzelbinder auch mal mit der in Nordafrika verbreiteten aber aus Guinea stammenden dreisaitigen Laute Guembri (auch als Gimbri oder Gmbri bekannt) und am Mellotron zu hören ist.
Die österreichische Formation hat sich mittlerweile einen festen Platz in der europäischen Jazz-Szene erspielt, und wurde u.a. mit dem Amadeus Music Awards 2023 und dem Deutschen Jazzpreis 2021 ausgezeichnet. „Man muss Jazz nicht mögen, um Shake Stew zu lieben: Die Band um Lukas Kranzelbinder ist von Kopf bis Fuß auf Ekstase eingestellt. Oder frei nach Nietzsche: Das ist keine Musik, sondern Dynamit!“ schrieb die Wiener Zeitung treffend. Denn mit dieser eigenwilligen Band kann man stilistisch offene Musik mit hypnotischen Klangflächen entdecken, sehr dichte Grooves erleben auf die dann wieder ganz transparente, beatfreie Passagen. Und immer wieder treffen sich die beiden Bässe – ungewohnt und inspirierend. Reinhören! Zum zehnjährigen Bestehen soll später in diesem Jahr nach ,Ten One Two‘ auch noch eine dritte CD erscheinen.
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 06 / 2026
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JONAS SORGENFREI: CRACKS IN THE SILENCE
Mit Florian Trübsbach (as, ss), Philipp Brämswig (g), Matthias Akeo Nowak (b), sowie Rainer Böhm (p) und Wanja Slavin (synth), hat der in Nürnberg lebende Schlagzeuger Jonas Sorgenfrei einige sehr kompetente Musiker der deutschen Szene um sich versammelt. ,Cracks In The Silence‘ ist sein fünftes Album als Bandleader – und sehr abwechslungsreich gelungen. Nach ,Elephants Marching On‘ (2021), ,Moods‘ (2022) und den beiden Konzertmitschnitten ,Live‘ (2023) und ,Live Quintet‘ (2025), zeigt das neue Album noch stärker die Vielseitigkeit dieser Band.
Die Besetzung variiert leicht in den zehn Stücken, ebenso die Klangfarben und spielerischen Ansätze. Die ersten beiden Album-Tracks kommen noch etwas sperrig und eckig rüber, mit dem coolen Thema von ,In Flight‘ ist die Band dann aber in einem ersten, groovenden Höhenflug. Die Musik swingt, pulsiert, die Soli sind spannend, das Schlagzeug kommt extrem eigenwillig, fast explosiv rüber – der Groove ist wirklich komplex, gleichzeitig aber organisch. Das muss man können. Gitarrist Philipp Brämswig und Kontrabassist Matthias Akeo Nowak liefern immer wieder spannende Saitenbeiträge; beide sind extrem banddienliche Player, wobei Nowaks wunderbar tiefgehender, tragender Bass-Sound ein besonderer Genuss ist. Tolle Musiker!
In den Album-Tracks 6 bis 10 (der B-Seite der Vinyl-LP) integriert Jonas Sorgenfrei erstmals Live-Electronics in sein Schlagzeugspiel – und auch das gelingt ihm organisch und wirkt in Zusammenhang mit dem mehr oder weniger akustischen Jazz-Sound dieser Band nie aufgesetzt, erweitert aber deren Spektrum enorm. Interessant ist auch, dass man hier keinen wirklichen Bruch wahrnimmt, was auf die starke Handschrift des Drummers und Komponisten zurückzuführen ist. Dieses auch improvisatorisch freiere Setting eskaliert dann im gut vierminütigen ,Jungle After Dusk‘ absolut spannend. Das Finale heißt ,Pacman’s Revival‘ und bringt noch mal stärker die Band der ersten Album-Tracks zurück, mit einem vertrackten, fast post-boppigen Thema und schönen Soli.
Lothar Trampert / Guitar-Player.com 06 / 2026
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DEE DAMMERS: BEYOND THE SHADOWS
Ich wollte eben nicht glauben, dass es schon sechs Jahre her ist, dass ich in der Kolumne GUTE MUSIK 2020 (in diesem Blog) das instrumentale Solo-Debüt von Fabian Dee Dammers (*1992) vorgestellt habe. Und von ,Bubbly Joyride To Utopia‘ war ich damals extrem begeistert. ,Beyond The Shadows‘ ist demnach ein wirklich lange erwarteter Nachfolger. Laut Infotext „geht die Reise weiter mit zehn brandneuen Titeln, die den Hörer durch die Dunkelheit führen, wo der Mut auf die Probe gestellt wird und am Ende vielleicht doch noch Hoffnung zu finden ist. Ein Märchen, in dem alle glücklich bis ans Ende ihrer Tage leben, oder eine Dystopie, in der die Schatten die Oberhand gewinnen?“.
Neben Dee Dammers, der seit 2018 in den Bands von Udo Dirkschneider aktiv ist und auch an diversen Musical-Produktionen beteiligt war, an verschiedensten E- und A-Gitarren, Leon Dombrowski am Bass und Robert Söhngen am Schlagzeug – der bewährten Kernbesetzung des Debüts – sind außerdem noch Michael Müller (b), Fabian Michaelis (dr) und Max Westkemper (p) zu hören. Und das mit wirklich cooler, intelligent und abwechslungsreich arrangierter Rock-Musik.
Nach dem mysteriösen Intro ,Prologue II: Once Upon a Time‘ geht nicht etwa hart die Post ab, sondern Gastpianist Westkemper zelebriert im weiten Hallraum ein paar schöne Harmonien, in die Fabian Dammers mit einer Gitarrenlinie einsteigt, die atmet, singt, mit einem so geschmackvollen, angecrunchten Ton, dass einem die Luft wegbleibt. ,Beyond The Shadows‘ heißt dieser Titel-Track des Albums, der nach einem absolut eigenwilligen, furiosen Gitarrensolo endet – und die Messlatte für die übrigen acht Stücke entsprechend hoch hängt.
Mit ,Satan‘ und , Frankenstein‘ kommen dann endlich die so straighten wie vertrackten Rocker, wieder mit großartigen, virtuosen Soli. Die ohne Frage auch auf gitarristische Vorbilder verweisen, dabei aber auch eine extreme musikalische Individualität unter Beweis stellen. Denn Dee Dammers hat Satriani, Vai und Malmsteen weitergedacht, weitergefühlt – und diese Einflüsse frei fliegen lassen.
Und dann die wirklich schönen Changes von ,Summer Rain‘, einem absolut positiven Rock-Track mit Fernweh-Trigger. Interessanter Kontrast: ,Ever Ever After‘ ist dann ein echter Satriani-Tribute-Track, eine instrumentale Stadion-Hymne, mit einfacher aber berührender Melodik. Ich muss an einen Satz aus meiner Review von 2020 denken: „Wann hat mich zuletzt ein Satriani- oder Vai-Album so beeindruckt?“
Der nächste Track, ,Glitter‘, erinnert mich an die Zeit, als Van Halen monumental wurden, und das finale ,Fairytale‘ ist eine fast bedrohlich einsteigende Nummer mit Soundtrack-Qualität, die nach diesem bunten musikalischen Trip auf den hartmetallischen Boden der Tatsachen zurückholt. „All songs written and produced by Dee Dammers“ – die Handschrift ist klar und deutlich. Was für ein Album!
P.S.: Das tolle Digipak wurde übrigens von Frank Dursthoff & Artworker Tom Stein gestaltet. Weitere Infos und CD-Bestellung: www.deedammers.com.
Ein interessantes INTERVIEW von Marian Menge mit Dee Dammers ist bei guitar-player.com erschienen:
https://guitar-player.com/stories/ideen-die-irgendwo-hinwollen-dee-dammers-im-interview/
Lothar Trampert / Paleblueice.com 06 / 2026

CHRISTIAN VERSPAY: IV
Ein warmer, voller E-Gitarrenton begrüßt die Hörenden – mit einer Linie, die irgendwie Arnold-Schönberg-Flair hat. Aber schon nach einer halben Minute schleicht sich eine klangliche Veränderung ein. Die Gitarre klingt jetzt synthetischer, und kurz darauf abstrahiert Christian Verspay (* 1978) sein Instrument komplett, indem er Akkorden den Attack und damit die Erkennbarkeit raubt: Die Gitarrentöne sind jetzt ohne Anschlag zu hören; sie werden mit Hilfe eines Pedals oder des Volume-Potis eingeblendet. Nach circa fünf Minuten brechen Musiker und Instrument dann kurz in ein extrem verzerrtes Klangbild aus, um anschließend, mit hartem Schnitt, kurz in ganz konventionellen Arpeggios zu schwelgen. Aber auch diese sind nur eine Episode dieser Klangreise, die Gitarrist Verspay als einen Album-Track von 31 Minuten auf CD konserviert hat.
Nach seinem Gitarren-Studium bei Tadashi Sasaki an der Hochschule für Musik und Tanz Köln hat er diverse Meisterkurse absolviert und mit unterschiedlichsten Kollegen, auch aus dem Bereich der bildenden Kunst, gearbeitet. Christian Verspays viertes Solo-Album ist vielleicht sein radikalstes, an harten Kontrasten ausgerichtetes. Wo genau sich hier Konzept und Improvisation begegnen wird beim Genuss dieser Musik immer unwichtiger. Hier hört man Rock-Einflüsse genau so wie abstrakte Avantgarde, erlebt man klassische Gitarre, Geräusch und musikalische Schönheit. Und immer nur eine E-Gitarre, solo. Verspay Music!
Lothar Trampert
5 Sterne in Jazzthetik 05-06 / 2026

JOEL HARRISON & THE ALTERNATIVE GUITAR SUMMIT: DON’T FORGET YOUR GUITAR. GUITAR DUOS
Gitarrist Joel Harrison ist selbst nur mit einem Track auf diesem Album vertreten, im Duo mit Cindy Cashdollar. Ansonsten hat er als Produzent und Organisator fungiert, und großartige Instrumentalist(inn)en zu klingenden Kooperationen bewegt. Mit dabei sind u.a. Bill Frisell, David Gilmore, Wendy Eisenberg und der mir bisher unbekannte Emmanuel Michael. Zu erleben sind herausragende Gitarren-Duos, mit eigenen Kompositionen und Interpretationen von Kurt Weill, Carla Bley und Lennon/McCartney. Stilistisch sind neben modernem Jazz auch Bluegrass, derbe Noise-Attacken, fragile Improvisationen und spannende Interaktionen zu erleben: Highlights sind ganz sicher das absolut virtuose Zusammenspiel von Gilad Hekselman und Wolfgang Muthspiel, und auch der intensive Titeltrack der Compilation, eingespielt von Ben Monder und David Tronzo: „Don’t Forget Your Guitar“ ist ein sechsminütiger, böser Soundtrack, für den David Lynch (* 1946 † 2025) sicher gerne einen Film beigesteuert hätte.
Was der bereits erwähnte Emmanuel Michael, der hier als Einziger in zwei Tracks gefeatured wird, gemeinsam mit Bill Frisell über das Beatles-Stück ,In My Life‘ improvisiert und konstruiert, ist schon außergewöhnlich. Von diesem jungen Künstler, Sohn afrikanischer Einwanderer und in der New Yorker Jazz-Szene aktiv, wird man noch hören. Insgesamt eine unterhaltsame und spannende Zusammenstellung.
Lothar Trampert
5 Sterne in Jazzthetik 05-06 / 2026

FALK ZENKER: INNENWEGE
Innenwege heißt das siebte Soloalbum des 1967 in Mittweida geborenen Akustikgitarristen Falk Zenker. Wobei dieser Solist nicht so ganz eindeutig der Schublade „Acoustic Music“ zuzuordnen ist. Denn Zenker erweitert die Sprache seines Instruments immer wieder durch den Einsatz von Effektpedalen, die er via Tonabnehmer ansteuert, ebenso einen Looper, mit dessen Hilfe er sich selbst begleitet oder sein Spiel kontrastiert. Außerdem hat er gelegentlich einen E-Bow im Einsatz, ein kleines Gerät, das der Spieler in der Anschlaghand über die Stahlsaiten der Gitarre hält, und das diese in Dauerschwingung versetzt und so stehende Klangflächen oder Töne ermöglicht. Dazu kommt noch ein beachtliches Arsenal an unterschiedlichsten Nylonstring- und Steelstring-Instrumenten, einer Contrabass-Gitarre, einer E-Gitarre sowie diversen Percussion-Instrumenten.
Das klingt schon mal nach einer breiten Klangpalette und einer gewissen künstlerischen Offenheit. Falk Zenker erhielt mit 12 Jahren ersten Unterricht bei dem Free-Jazz-Gitarristen Helmut Joe Sachse, später studierte er Klassische Gitarre und Jazz an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Solo und in verschiedenen Besetzungen beschäftigte er sich außerdem mit Flamenco, südamerikanischer Folklore, mittelalterlicher Musik und den Möglichkeiten der Elektroakustik.
Aktuell ist Zenker meist solo unterwegs, oder mit seinem Ensemble Nu:n, das mittelalterliche Musik in die Jetztzeit transferiert. Außerdem unterrichtet er und komponiert Musik für Film, Hörspiel und Theater und realisiert experimentelle Projekte und Klanginstallationen.
Über 2000 Konzerte hat Falk Zenker mittlerweile gespielt, er war an zahlreichen Produktionen beteiligt und hat konsequent seinen ganz eigenen Weg verfolgt, dem akustischen Instrument Gitarre elektronische Unterstützung und Flügel zu verleihen. Dabei ist der Looper das wichtigste Zweitinstrument, im Studio und auf der Bühne, mit dem er mal begleitende Gitarrenstimmen, oft aber auch auch perkussive Sounds und stark verfremdete, abstrakte und auch mal psychedelische Klangbausteine erzeugt. „Das macht Zenker übrigens schon seit einem Vierteljahrhundert – und gehört somit zu den Veteranen des Live-Loopings“, war in Jazzthetik 09/10 2022, anlässlich der Veröffentlichung seines Albums Wellentanz zu lesen.
„Zenkers Gitarre wirkt wie ein Orchester“ schrieb Bert Noglik in der Leipziger Volkszeitung. Und der Gitarrenexperte Alexander Schmitz meinte 2017 im Magazin Jazz-Podium: „Er ist ein Klangtüftler und Brückenbauer der besonderen Art … klassisch geschult und gesegnet mit der Gabe, immer wieder auf sensible, stilvolle und ganz eigene Weise Verbindungen zwischen Räumen und Zeiten zu erschaffen, wie nur er das kann … Ein ,Flugmodus‘ der besonderen Art – liebenswert, weltbürgerlich, typisch Zenker und sehr, sehr schön.“
Ich greife den Begriff „Flugmodus“ auf: Ja, Falk Zenkers Musik hat oft diese schwebenden Momente, gepaart mit einer dezenten mediterranen Melancholie zwischen Flamenco und Nordafrika, immer etwas näher am Sonnenuntergang als am optimistisch in den Tag blickenden Morgen. Wobei die Grundstimmung seiner Musik keinesfalls düster ist – eher nachdenklich. Und so oft in ganz eigene Sphären und auch zu kleinen musikalischen Überraschungen führt, wenn Zenker beispielsweise direkt im ersten Stück seines neuen Albums Innenwege mehrfach in unerwartete Harmonien oder Flageolett-Klänge abbiegt. „Windgeborgen“ heißt das Stück.
Überraschend geht es weiter, den in „Glück“ startet er geradezu soul-rockig mit einer etwas an Jimi Hendrix erinnernden, von eingeflochtenen Linien geprägten Akkordfolge, die aber dann schnell in eine ganz andere Richtung schwebt – und wieder zurückkehrt. Während die wenigen Tracks mit durchgehendem Percussion-Einsatz eher konventionell geraten sind, zeigt sich Falk Zenkers musikalisches Gespür ganz klar in den lyrischen Momenten, in den kleinen Klangreisen und diesem gitarristischen Schweben im Beat-freien Raum. Ganz groß sind auch die vier dieses Album beschließenden Miniaturen, alle unter einer Minute, die sehr expressiv und direkt rüberkommen. Dann das große Finale, „Innenweg/Inner Path“ überschrieben, in dem sich Zenker noch mal über dreieinhalb Minuten lang durch einen ganz weiten, fast sakralen Hallraum bewegt, mit Arpeggios und melodischen Fragmenten über einem monoton wiederholten abgedämpften Basston.
„Die schönsten Momente in meinen Konzerten sind für mich die, in denen die Zuhörenden im Raum der Gemeinschaft und der Musik sich selbst zu begegnen scheinen“, schreibt Zenker zu seinem neuen Werk. „Zu solchen Momenten möchte ich mit diesem Album einladen. Denn ermöglicht nicht erst die aufrichtige Verbundenheit mit sich selbst ein friedvolles Verbunden-Sein mit der Welt?“
Wir haben es hier also auch mit einem Soundtrack zu tun, der eine meditative Reise in die Ruhe begleiten kann. Und ein Track wie „Fragen“ lädt mit seinen minimalistischen Passagen absolut zum Loslassen und Wegschweben ein.
Man sollte sich nicht von den etwas plakativen Kompositionstiteln wie „Glaubensgeister“, „Zauberin“, „Fernweh“ oder „Betroffen“ abschrecken lassen, denen der Komponist wesentlich assoziativere englischsprachige Pendants zur Seite gestellt hat. Denn diese Musik hat wirklich Substanz. Ihre gelegentlich pure Schönheit ist kein Selbstzweck, ihre kleinen kompositorischen, harmonischen und klanglichen Umwege verblüffen immer wieder und sind so gekonnt kreiert, dass dieses Album nie in die Nähe von New-Age-Beliebigkeiten oder anderen Esoterik-Beschallungen gerät. Falk Zenker ist ganz einfach ein großartiger Gitarrist und Klangmaler, der mit seiner Musik eigene Wege zeigt und geht. Und uns mitnimmt.
Lothar Trampert
in Jazzthetik 05-06 / 2026

MIROSLAV VITOUS: MOUNTAIN CALL
OK, es ist sehr lange her – aber der Eindruck war nachhaltig: Seit ich den Kontrabassisten Miroslav Vitous auf dem 1970 erschienenen Larry-Coryell-Album ,Spaces‘ für mich entdeckt habe, gehört er für mich zu den ganz Großen dieses Instruments. Zu den wenigen Bassisten, deren Ton und Phrasierung einen extrem hohen Wiedererkennungswert haben. Damals, auf ,Spaces‘, war Vitous gemeinsam mit den Gitarristen Larry Coryell und John McLaughlin zu erleben, mit Pianist Chick Corea und Schlagzeuger Billy Cobham. Dieses Album gehört für mich bis heute zu den weniger bekannten Meisterweken der Begegnung von Jazz mit dem Rest der Welt. Miroslav Vitous spielte damals auch E-Bass, und sein Solo-Debüt ,Infinite Search / Mountain in the Clouds‘ (1969) ist ein ähnlich spannendes Stück Musik. 1970 gehörte der tschechische Musiker übrigens zu den Gründern von Weather Report und war auch auf deren ersten vier Alben zu hören.
Das im März 2026 erschienene neue Miroslav-Vitous-Album ,Mountain Call‘ vereint Aufnahmen aus den Jahren 2003 bis 2010, Musik die Vitous mit Bassklarinettist Michel Portal und Schlagzeuger Jack DeJohnette eingespielt hat – außerdem sind noch Größen wie Esperanza Spalding (voc), Bob Mintzer (b-cl), Gary Campbell (ss, ts), Gerald Cleaver (dr) und Mitglieder des Czech National Symphony Orchestra zu hören.
Mit dem legendären Jack DeJohnette (1942 – 2025) hat Vitous schon Ende der 1970er-Jahre gearbeitet, damals in einem sensationellen Trio mit dem norwegischen Gitarristen Terje Rypdal. Vitous und DeJohnette sind immer noch ein Dream-Team, was Sensibilität, Dynamik und Experimentierfreude angeht. Auf ,Mountain Call‘ spielen aber auch die Duos mit Michel Portal an der Bassklarinette eine zentrale Rolle – eine klanglich einzigartige Kombination. Ein weiteres Highlight ist die orchestralen Besetzung in der dreisätzigen Suite ,Evolution‘. Vitous war schon immer Klangmaler und Kontrast-Setzer – das lebt er auch hier aus – vielleicht der spannendste Teil dieses Albums der Begegnungen. Im Finale, dem Titel-Track ,Mountain Call‘ begegnen sich noch mal Michel Portal und Miroslav Vitous im weiten Hallraum, um in sechseinhalb Minuten von lyrischen Momenten, spannender Interaktion bis zu intensiven Solo-Spots alles zu geben. Ein spannendes Album, hervorragend zusammengestellt und wie immer klanglich perfekt koproduziert von ECM-Chef Manfred Eicher. Unbedingt reinhören!
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026
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SHEEN TRIO: TRANSITORY
Wer hat das nicht schon mal erlebt: CD- oder LP-Cover und DigiPaks, die grafisch, farblich, typografisch originell gestaltet sind und einem spontan gefallen, enttäuschen so gut wie nie musikalisch. Und irgendwie merkt man auf den ersten Blick, dass sich da Menschen konsequent verwirklichen wollen, und dass ihnen das musikalische Produkt auch als multimediales Gesamtwerk wichtig ist. What the fuck is a stream?
Mit Originalität, Musikalität und extrem eigenwilliger Energie überzeugt das Sheen Trio um Bassklarinettistin und Komponistin Shabnam Parvaresh, die übrigens selbst für das Artwork ihres neuen Albums ,Transitory‘ verantwortlich ist, lese ich gerade. Richtig vermutet! Shabnam Parvareshs Karriere begann im Iran, wo sie im Teheraner Symphonieorchester spielte. 2014 emigrierte sie nach Deutschland, um in Osnabrück Jazz-Klarinette zu studieren, im Jahr 2020 gründete sie dann das Sheen Trio, dessen Debüt-Album ,Gozar‘ 2023 erschien.
Gemeinsam mit der deutsch-australischen Musikerin Ula Martyn-Ellis an der Gitarre und Philipp Buck am Schlagzeug hat Shabnam Parvaresh auch mit dem neuen Album ,Transitory‘ wieder ganz eigene Sounds geschaffen: „atmosphärische Klanglandschaften zwischen Jazz, Krautrock, Free Jazz, Rock und experimentellen Texturen, durchzogen von Einflüssen aus dem Iran“, lese ich im Infotext. „Die Musik bewegt sich im Spannungsfeld von Chaos und Stille und verwebt persönliche Erinnerungen mit globalen Umbrüchen. Atmosphärisch ungemein dicht, schwelgerisch und von betörender Sinnlichkeit wirkt sie wie ein mythisches Fortbewegungsmittel, das Zuhörer in unbekannte Klangräume trägt.“ Dabei überzeugen ganz besonders die eigenwilligen Arrangements dieser Trio-Kompositionen, und die extrem präzise Umsetzung aller Beteiligten. Solistische Spots entwickeln sich dagegen oft behutsam, von leiser Transparenz bis in energetische Kraftakte. Aber auch die ganz ruhigen Momente, wie im sechsminütigen ,Maroggia‘ oder in ,Tangled in A Dream‘ überzeugen mit Intensität. In ,Soy Lake City‘ wird dann, insbesondere von der wirklich originellen Gitarristin Ula Martyn-Ellis, mal so richtig gerifft und gerockt – wobei einem das anfängliche Grinsen nach und nach vergeht, weil das Sheen Trio hier immer stärker eine ganz bedrohliche Seite zeigt und dich am Ende des Tracks allein, mit vielen großen, dunkelroten Fragezeichen in der Stille zurücklässt. Mal mysteriös und immer faszinierend macht diese Musik Lust auf mehr. Dann werde ich jetzt mal das Sheen-Trio-Debüt ,Gozar‘ nachentdecken.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026
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A BIG DIG – IOURI GRANKIN / ANDREAS BRÜNING: HOCH ZWEI
Es gibt Begegnungen, die überraschen und Spaß bescheren: Bei einem Konzert der Kölner Gitarristin Christina Zurhausen kam ich mit einem anderen Jazz-Fan ins Gespräch – und nach einer Viertelstunde wurde uns dann klar, dass wir schon lange via Netz verbunden waren und auch in Kontakt standen. Musiker trifft Musikschreiber. Und dann hat der Musiker irgendwann ein neues Album am Start, und der Schreiber was zu schreiben:
„A Big Dig“ nennen sich Gitarrist Andreas Brüning und Vokalist Iouri Grankin, wenn sie im Duo aufeinandertreffen. Beide sind seit Jahrzehnten in der Improvisations-Szene aktiv, und haben immer wieder Schubladendenker ratlos zurückgelassen. Andreas Brüning war, neben seinen Aktivitäten in der Düsseldorfer Kunstwelt, in Köln im Umfeld der Stollwerck- und Rhenania-Szene aktiv und an Projekten von Schlagzeuger Frank Köllges aka Adam Noidlt beteiligt. Der gebürtige Ukrainer Iouri Grankin lebt seit 1994 in Deutschland. Er ist ein stilistisch vielseitiger Sänger, der die Jazz-Tradition genau so kennt wie alle Freiheiten der Improvisation: Und da gibt er alles, vom Geräuschhaften bis zu animalischem Grunzen, von präzisen Shouts und Akzenten bis zu eigenwilligen Bass-Konstrukten oder an Posaune erinnende vokale Linien. Gitarrist Andreas Brüning kontrastiert mit allem, was sein Instrument hergibt: Akkorde, Riffs, kurze Linien, Saitenkratzen, Klopfgeräusche und weitere, rein akustisch kaum zu identifizierende Manipulationen an Saiten und Korpus sowie eigenwillige Effekt-Sounds. Aus denen bricht er aber immer wieder auch mal ganz spontan aus, zurück in die Welt der Singlenote-Lines – die einem dann fast schon so exotisch vorkommt wie die vorangegangene Free-Abstraktion. In punkto Interaktion ganz groß ist Track 7, ,Verfolgung‘, ebenso der dezent an James Blood Ulmer erinnernde ,Reigen‘, oder auch ,Empörung‘, wo Iouri Grankins Stimme extrem an den legendären Denis O’Bell im untypischsten aller Beatles-Tracks, ,You Know My Name (Look Up the Number)‘, erinnert, erschienen am 6. März 1970 als B-Seite der Single ,Let It Be‘ …
,Hoch Zwei‘, das sind insgesamt 19 spannende Kreationen zwischen anderthalb und sechs Minuten, und die ermöglichen einen Trip durch die Improvisationswelt von Grankin & Brüning. A Big Dig – DeepL übersetzt mit „Ein großes Bauprojekt“ – sind auf jeden Fall ein extrem kreatives Unternehmen zweier origineller Musiker. Und ein echter Horizonterweiterer, für Menschen ohne Free-Jazz-Allergie.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026
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MARCUS KLOSSEK: BLINK 7
Seit über fast zehn Jahren freue ich mich immer wieder über neue Musik von diesem Künstler: Der Berliner Jazz-Gitarrist Marcus Klossek (* 1968 in Essen) gehört zu den eher wenigen Telecaster-Spielern des Genres, die dieses eher aus Rock, Blues und Country bekanntes E-Gitarrenmodell in ganz andere Sphären mitnehmen. OK, das haben auch schon Ed Bickert, Mike Stern, Bill Frisell und Jakob Bro getan, aber so ein bisschen nerdige Originalität haftet dem immer noch an. Nach fünf Trio-Alben zog es Marcus zu größeren Besetzungen, und nach dem Sextett Blink 6 hat er jetzt noch einen draufgelegt und agiert aktuell mit noch mehr Mitarbeitenden: „Marcus Klossek Blink 7“ sind einmal Nikolaus Neuser (tp), Ignaz Dinné (ts) und die immer wieder großartige Posaunistin Anke Lucks. Dann spielt mit Carsten Hein, der mich zuletzt mit seinem Solo-Projekt ,Bass Signal Works I‘ überrascht hat, ein wirklich spannender Bassist in dieser Band, der perfekt mit Drummer Derek Scherzer harmoniert und diese Formation auf ganz eigene Art trägt. Bei drei Tracks ist noch eine weitere, sehr originell agierende Musikerin zu hören, die südkoreanische Sängerin Chamin.
Eines fällt beim Hören dieses Albums immer wieder auf: Die Arrangements sind abwechslungsreich und absolut spannend gestaltet, und die Tracks kommen irgendwie sehr farbenfroh rüber – trotzdem hat diese Band eine Art von Trademark-Sound. Leader und Gitarrist Marcus Klossek ist dabei keineswegs die permanent dominante Front-Figur, sondern eher der immer mal wieder mit coolen und/oder spektakulären Beiträgen überraschende kreative Kopf. Ganz egal, ob er mit warmen Chords und Licks im Hintergrund agiert, konventionell linear soliert oder, wie in ,Half Past Never‘, im Sinne des Wortes effektvoll großes Gitarrensolokino abliefert – dieser Musiker hat einen prägnanten Ton und Geschmack für Sounds, für Klangbilder, und er verliert dabei nie das Gefühl für die Komposition. Überhaupt scheint in diesem Septett die Band-Dienlichkeit, das gemeinsame Spiel, ganz großes Ziel zu sein – und gerade deshalb glänzen dann die diversen Soli immer wieder extrem, weil sie organisch aus der Musik kommen und nicht formale Thema-Chorus-Chorus-Thema-Abläufe abwickeln. Blink7 ist eine wirklich wunderbare Band und das gleichnamige Album eine extrem kreative Leistung. Der großartigen Komponistin, Arrangeurin, Bandleaderin und Pianistin Carla Bley hätte es ganz sicher gefallen. Denn dieser warme, natürliche Sound, der ihre Musik auszeichnete, mit ganz viel human factor, ist auch Marcus Klossek und Blink 7 berührend gelungen.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026
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KLAUS LEIMKÜHLER / JÖRG FLEER: WHAT ABOUT THE LONELY ONES
Pianist Klaus Leimkühler und Gitarrist Jörg Fleer im Duo. Die zehn Tracks, alles Eigenkompositionen der Musiker, bewegen sich irgendwo zwischen Jazz und kammermusikalischem Fusion-Sound, insbesondere wenn Jörg Fleer mit verzerrtem Gitarren-Sound, Violining und anderen Effekten soliert. Aber es wird auch mal folky, mit akustischer Rhythmusgitarre, einen Track weiter dann wieder gut gelaunt und easy listening jazzig. ,What about the lonely ones‘ ist ein Album mit sehr breitem Stimmungsspektrum.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026

JOCHEN SCHRUMPF & MARCUS SEILER: SHADES
Jazz-Rock-Fusion-Time! E-Gitarrist Jochen Schrumpf und Keyboarder & Drummer Marcus Seiler haben gemeinsam mit Bassist Rupi Schwarzburger und anderen Gästen zehn instrumentale Tracks eingespielt, die harmonisch und groovend zwischen den genannten Genres schweben. Klar ist diese Musik irgendwie 80s-anachronistisch, aber dabei auch ebenso zeitlos wie boppiger Scofield-Jazz oder bluesig-rootiger Tedeschi-Trucks-Rock. Schöne Gitarrensoli, sehr cooler Bass von dem immer wieder beeindruckenden Rupi Schwarzburger und eine poppige Funk-Nummer mit Gastsängerin Alara – absolut unterhaltsam.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026

JÖRG FLEER: IT STARTS NOW
„Jörg Fleer: Guitars, Bass. All titles composed by Jörg Fleer“ ist in den Liner-Notes zu lesen. Der Künstler spielt hier also, via Multitracking mit sich selbst. Dass der Bielefelder Jazz-Gitarrist Fan von Pat Metheny ist, hört man schnell, und er hat anscheinend auch die musikalische Offenheit seines Idols in Richtung Folk, Pop, Latin und Ethnischer Musik verstanden. Wobei Jörg Fleer aber klanglich seinen eigenen Gitarren-Sound gefunden hat, oft leicht angezerrt und immer wieder mal mit Effekten behandelt. Die 15 Tracks sind ähnlich strukturiert, für Abwechslung sorgt immer mal wieder eine cleane und/oder akustische Gitarre.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026

ISABELLE BODENSEH: DIGNITY
Oft entscheiden die ersten Töne eines Albums oder eines Konzerts, ob du dich zu Hause fühlst. In den vergangenen Jahren habe ich so einige Aufnahmen der Flötistin und Komponistin Isabelle Bodenseh gehört und auch vorgestellt. Denn immer wieder hat mich die Ruhe und Wärme ihres Tons berührt. Ihre diversen Formationen waren kompetent besetzt und die Musik dieser Künstlerin hatte auch stets eine ansteckende Lebendigkeit und ganz viel positive Energie – aber eben auch diese bereits erwähnte, ruhige Ausstrahlung. Das nennt man wohl Intensität im Ausdruck.
Genau so startet sie ihr neues Album ,Dignity‘, dessen ,Part 1: Prolog‘, minimal begleitet von Thomas Bauser an der Hammond-Orgel und einigen pulsierenden Delay-Effekten im Hintergrund, exakt diese Qualitäten hat. Aber schon mit dem nachfolgenden ,Part 2: Sospeso‘ wird man mit einem swingenden Grove mit Italo-Soundtrack-Flair auf den Boden zurückgeholt. Schlagzeuger Lars Binder sorgt dabei für einen coolen, energetischen Drive und ein absolut eigenwilliges, das Stück unkonventionell abschließendes Solo. Binder und Bauser gehören seit vielen Jahren zum Quartett von Isabelle Bodenseh, und mit ihnen und dem Gitarristen Lorenzo Petrocca sind bereits zwei Alben entstanden, mit Petrocca außerdem auch noch zwei wunderbare Duo-Alben, nur mit Flöte und Gitarre.
An den sechs Saiten ist diesmal aber Johannes Maikranz zu hören. Der 1988 geborene Gitarrist hat bei Wolfgang Muthspiel an der Hochschule für Musik Basel studiert. Sein musikalischer Ansatz, insbesondere in der Begleitung, ist oft dezent funky, etwas abseits vom warmen, traditionelleren Chording seines Vorgängers. Seine Soli haben einen sehr melodischen Ansatz und sind mehr auf Harmonie als auf boppende Energie bedacht.
Das könnte dem Grundthema dieses neuen Albums geschuldet sein: Die ersten fünf Tracks bilden die ,Suite for Dignity‘ – Isabelle Bodensehs Plädoyer für Menschenwürde, ein Thema, dass sie als Mutter ihrer schwerstbehinderten Tochter Juliette seit 22 Jahren, fast ihr halbes Leben lang, begleitet.
Im Infotext zu ihrem Album schreibt sie: „Im Zentrum steht die Frage: Was entwürdigt – und wie gelingt es, die im Grundgesetz garantierte Menschenwürde zu wahren? Die Suite gibt Antworten. Denn sie zeigt, wie Berührbarkeit der Interaktion ungeachtet von Paragraphen nahbar macht, Augenhöhe und Empfindsamkeit ermöglicht und wie daraus ein Fest der Liebe, des Humanismus und der Menschenrechte wird.“
An diese berührende Suite, eine musikalische Form aus der Alten Musik, derer sich schon einige Jazz-Musiker bedient haben – allen voran Max Roach mit seiner ,Freedom Now Suite – We Insist!‘ (1960) und John Coltrane mit ,A Love Supreme‘ (1965) – schließen sich drei weitere Stücke an: Die sehr fragile, schwebende Komposition ,Masha‘ von Schlagzeuger Lars Binder, ist ein wunderbares Klanggemälde, in dem tiefe Bassflötentöne von Gitarren-Arpeggios in weitem Hallraum kontrastiert werden. ,Fly High‘ von Isabelle Bodenseh kommt da wesentlich konventioneller, fast 80s-jazz-poppig rüber und startet mit einer Art Dialog-Thema zwischen E-Gitarre und Flöte. Mit Sicherheit das optimistischste Stück dieses Albums, mit einem energetischen Gitarrensolo.
Die 1969 in eine deutsch-französische Musikerfamilie geborene Flötistin hat sich während ihrer gesamten Karriere immer grenzüberschreitend zwischen Jazz, Rock, Klassik und der Musik außereuropäischer Kulturen bewegt. Nachdem sie ein klassisches Musikstudium begonnen hatte, entdeckte sie parallel dazu die Improvisation, den Jazz. Sie studierte u.a. bei dem Jazz-Flötisten und -Komponisten James Newton in Los Angeles, dann in Havanna bei Andrés Alén und tourte mit kubanischen Bands. Seitdem war sie mit vielen unterschiedlichen Projekten aktiv, war als Theater- und Studiomusikerin an über 30 CD-Produktionen beteiligt und arbeitete als als Dozentin für Improvisation an der Musikhochschule Frankfurt am Main. Isabelle Bodensehs Anliegen, die Querflöte im Jazz stärker ins Bewusstsein der aktuellen Musikszene zu holen, fand auch in ihrem „Herzensprojekt“, dem Duo mit dem bereits erwähnten Gitarristen Lorenzo Petrocca Ausdruck, mit dem sie unter dem Namen „Jazz à la Flute“ die beiden großartigen Alben ,Essenza‘ (2020) und ,The Good Life‘ (2017) eingespielt hat.

Zurück zum Album ,Dignity‘: Das von Isabelle Bodenseh und Gitarrist Johannes Maikranz konzipierte, abschließende Stück ,Juliette‘, ist eine Art von Text/Sound-Collage, in der Samples von Isabelles Telefonstimme mit Gitarrenakkorden, dezenten Cymbal-Sounds und wieder diesen tiefen, warmen Flötentönen umspielt, umrahmt werden. Eine beeindruckende, wirklich berührende Komposition in mehrfachem Sinn – eine Klanglandschaft als Statement. Diese knapp sieben Minuten von ,Juliette‘ sind ganz sicher die intensivsten und auch mutigsten dieses Albums. Und sie geben, in Zusammenhang mit dem erwähnten Prolog, dieser Musik noch einmal einen starken Rahmen, der die vorangegangene Suite und die beiden nachfolgenden Kompositionen einschließt. Eigentlich erlebt man hier eine Suite über der Suite.
„Das Thema Würde ist allgegenwärtig, doch oft weichen Realität und Ideale voneinander ab“, schreibt Isabelle Bodenseh. „Mit meinem fünften Album ,Dignity‘ möchte ich diese Kluft überwinden und oft übersehene Geschichten erzählen, insbesondere von den Herausforderungen des Mutterseins im Musikgeschäft und der unermesslichen Liebe und Hingabe, die nötig sind, um ein schwerstbehindertes Kind großzuziehen.
Die Zeit mit meiner Tochter Juliette hat mir gezeigt, dass wahre Würde nicht von äußeren Umständen abhängt, sondern von der inneren Stärke und dem Respekt, den wir einander entgegenbringen. Die Fähigkeit, völlig unabhängig von gesellschaftlicher Norm eine eigene Form der Würde zu bewahren, zu schaffen und zu feiern hat erfreulich viel mit der freien Improvisation im Jazz gemeinsam … Improvisation ist ein großartiges Lebenselixier!
Meine Mission geht jedoch auch über die Musik hinaus: Durch meine Arbeit in den Medien, meinen unermüdlichen Einsatz für die Inklusion und als Sprecherin bei Veranstaltungen möchte ich das Thema Würde in den öffentlichen Diskurs bringen und den Blick auf diejenigen lenken, die sehr oft im Schatten der Gesellschaft stehen gelassen werden. ,Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ steht als Paragraf im Grundgesetz und darf nicht nur ein nett gemeinter Hinweis sein, sondern muss im heutigen Kontext wiederentdeckt und mehr denn je mit echtem Leben gefüllt werden. Es entsteht gerade das für mich sinnvollste, authentischste und spannendste Album meines Lebens!“
Wer Musikerinnen und Musikern, und auch der Kunst wie wir sie lieben, Liebe zurückgeben und Leben ermöglichen will, besucht Konzerte und kauft und verschenkt Tonträger und andere Produkte. Isabelle Bodenseh hat ihr neues Album einmal als CD im sehr schön gestalteten, zweifach aufklappbaren Digipak mit einem Poster-Booklet, und dann auch noch mal als Vinyl-LP im Foldout-Cover, mit großformatigem, achtseitigem Booklet veröffentlicht. Mehr zum Thema hier: www.isabellebodenseh.de
,Dignity‘ ist ein in jeder Hinsicht gelungenes, engagiertes, berührendes und hoffentlich auch bewegendes Album, das mit Musik Bewusstsein erzeugt für ganz unterschiedliche Lebensumstände. Musik, die sich eigentlich nur offene Geister wünscht und die Liebe gibt.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 02 / 2026

DEADEYE: IN ORBIT
Vorab gibt es schon mal fünf Sterne für das sehr schöne Artwork des Digipaks, für das Juliane Schütz verantwortlich war. Denn das macht neugierig auf den klingenden Inhalt. Der erweist sich vom ersten Ton an als hochenergetisch und beglückt auch noch mit so einigen Referenzen an eines der wichtigsten Ensembles des Jazz-Rock-Crossover Ende der 1960er-Jahre: Schlagzeuger Tony Williams‘ Band Lifetime, in der Besetzung mit Larry Young und John McLaughlin. Diese Ikonen werden hier gewürdigt von Gitarrist Reinier Baas, Drummer Jonas Burgwinkel und Kit Downes an der Hammond-Orgel – wobei alle drei aber als Musiker-Individuen ganz eigene Handschriften haben, mit denen sie die überwiegend von Baas und Downes stammenden Kompositionen extrem aufblühen lassen. Insbesondere Reinier Baas (* 1985 in Hilversum) strahlt hier mit einem sehr eigenwilligen, kantigen Spielansatz, integriert Geräuschhaftes und Arpeggios in sein oft raues, dann wieder lyrisches Gitarrenspiel. Fred Frith, James Blood Ulmer, Reinier Baas – diese Verbindung spüre ich insbesondere in Skip James‘ ,Hard Time Killing Floor Blues‘. Und Baas ist ein absolut eigenwilliger Gitarrist, dessen oft sehr rustikale Licks, Lines und Begleittechniken eine ganz eigene Art von Energie produzieren. Diese Intensität ist auch noch da, wenn er sich stark zurücknimmt, wie beispielsweise im Track ,Michelangelo Antonioni‘ von Caetano Veloso oder in seiner eigenen Komposition, dem Album-Finale ,Low Gravity Gospel‘; und in ,Deadeye’s Day Off‘ haben seine Gitarrenlinien in Thema und Solo ein bisschen Attila-Zoller-Flair. Viele Namen, OK – aber worüber kann ich sonst erklären, dass ich mich in dieser Musik absolut zu Hause fühle? Und Reinier Baas ist bei all diesen subjektiv empfundenen Schattierungen ohne Frage ein gitarristisches Original mit expressivem Personalstil. Ich höre ,In Orbit‘ jetzt zum vierten Mal und komme der Musik immer näher und näher. Die Band darf bei mir einziehen.

Seine 2016 erschienene „instrumentale Oper“ mit dem Titel ,Reinier Baas vs. Princess Discombobulatrix‘ und sein Album ,Mostly Improvised Instrumental Indie Music‘ (2012) wurden jeweils mit einem Edison Award ausgezeichnet. Baas hat außerdem für die WDR Big Band, das Metropole Orkest und das Pynarello Symphony Orchestra komponiert und gespielt, ist Mitglied von Saxophonist Benjamin Hermans Punk-Jazz-Band Bughouse, betreibt ein Duo-Projekt mit dem Saxophonisten Ben van Gelder und hat u.a. mit Free-Jazz-Legende Han Bennink gearbeitet. Seine Deadeye-Mitspieler, der Brite Kit Downes (* 1986) und der in Aachen geborene Jonas Burgwinkel (* 1981) sind ähnlich gefragteste Musiker der selben Generation – und hier haben sich ohne Frage die Richtigen gefunden. Denn ,In Orbit‘ ist ein absolut großartiges, wunderbar schräges Album, eingespielt in Kölns kleinstem aber originellsten Club Salon De Jazz, aufgenommen von Clemens Orth an zwei Januar-Tagen 2025.
Lothar Trampert in Jazzthetik 03-04 / 2026

BJÖRN MEYER: CONVERGENCE (2026)
& PROVENANCE (2017)
Der schwedischer Bassist und Komponist Björn Meyer (* 1965) lebt in der Schweiz, und vielleicht hat ihn der eine oder die andere schon mal auf Aufnahmen des Pianisten Nik Bärtsch, des Oud-Virtuosen Anouar Brahem oder mit Sängerin Simin Tander erlebt. Falls noch nicht: Diese Entdeckung lohnt sich!
Denn Björn Meyer ist ein besonderer Künstler, nicht nur an seinem heutigen Hauptinstrument E-Bass. Nach einem musikalischen Einstieg im Knabenchor machte er weiter mit Klavier und Trompete, landete anschließend erst als Gitarrist in einer Punk-Band um dann Anfang der 1980er-Jahre zum Bass zu wechseln. „Ein einziger Ton, gespielt auf einem unbeaufsichtigten Instrument, veränderte mein Leben“, erzählt Björn Meyer. „Es war ein E-Bass, und ich war Hobby-Gitarrist und gerade 18 geworden. Dieser eine Ton berührte mich tief im Innersten und eröffnete mir ein musikalisches Universum, von dem ich zuvor nur geträumt hatte.“
Beruflich schlug Björn aber erst noch mal einen neuen Weg in eine ganz andere Richtung ein: Erst nach Abschluss seines Informatik- und Physik-Studiums beschloss er, sich ein Jahr Auszeit zu nehmen und in dieser Zeit nur seiner stark gebliebenen Leidenschaft für den Bass nachzugehen – „ein Jahr, das seit 1989 ununterbrochen anhält“.

1996 zog Björn Meyer in die Schweiz, wo er u.a. mit Gitarrist Harald Haerter und der Flamenco-Tänzerin Nina Corti arbeitete. Nach diversen eigenen Projekten und Kooperationen gründete er 2013 mit Samuel Rohrer (dr) und Klaus Gesing (bcl ss) das Trio Amiira. Im Herbst 2017 – nach sechs ECM-Veröffentlichungen als Sideman von Anouar Brahem – wurde dann sein erstes Soloalbum ,Provenance‘ beim deutschen Kult-Label veröffentlicht. Das BBC Music Magazine bemerkte damals, dass er auf dem Album „sanfte Dynamik und ungewöhnliche Registerwahl bevorzugt und die Raumakustik als wichtigen Bestandteil seines Klangs betrachtet, sodass seine Musik, subtil und doch fesselnd, und wahrhaftig Ambient ist“ – was die Eigenart dieser ohne Begleiter auf diversen akustischen und elektrischen Sechssaiter-Bässen eingespielten Produktion treffend umreißt.
Meyer reizte schon damals das Instrument genauso wie der Klang im Raum, und seine unverwechselbare musikalische Handschrift speist sich maßgeblich aus dieser Neugierde für „alles, von Musikstilen, Spieltechniken, Elektronik und dem Bau der Instrumente bis hin zu den inneren Wicklungen einer Saite“. Ergänzend würde ich Emotion, Atmosphäre, Feeling, Sensibilität erwähne – kurz: die Fähigkeit dieses Instrumentalisten mit oft wenigen Tönen intensiv zu berühren.
Gerade ist sein zweites Solowerk erschienen, ,Convergence‘, wieder auf ECM Records, produziert vom legendären Label-Gründer Manfred Eicher, ohne den es eine Menge legendärer Alben zwischen Jazz und dem Rest der Welt nicht gegeben hätte. Alleine was die Saitenkünstlerinnen & -künstler angeht, war und ist ECM wahrscheinlich das weltweit einflussreichste moderne Jazz-Label: Namen wie Terje Rypdal, Steve Swallow, Steve Tibbetts, Barre Phillips, Miroslav Vitous, Ben Monder, Collin Walcott, Wolfgang Muthspiel, Marc Johnson, Bill Connors, Eberhard Weber, Pat Metheny, Mick Goodrick, Arild Andersen, John Scofield, John Abercrombie, Bill Frisell, Charlie Haden, Eivind Aarset, Egberto Gismonti, Dominic Miller, Jakob Bro, Avishai Cohen und Dave Holland belegen das. Und ja: Björn Meyer gehört hier hin.
Neun Tracks hat Meyer im September 2024 in den Bavaria Musikstudios München eingespielt – oder besser: Er hat Klanglandschaften, vielschichtige Kompositionen und große akustische Raumkunst kreiert. Und so liefert der Opener und Titeltrack des Albums gleich tiefe Hallräume, Backwards-Sequenzen und repetitive Riffs und Pattern, die fast vergessen lassen, dass man es hier mit dem tieftönenden Instrument E-Bass zu tun hat. OK, Björn Meyer ist auf dem Booklet-Foto mit einem Sechssaiter zu sehen, der das Spektrum dieses Instruments noch mal nach oben und unten ausweitet.
Weiter geht’s dann etwas ruhiger mit ,Hiver‘, einem sehr warm klingenden, balladesken Stück zwischen Jazz und Folk, in dem das Bassspiel klanglich etwas an eine tiefergelegte Konzertgitarre erinnert. Hier merkt man, das Björn Meyer einen sehr feinen Sinn für eigenwillige Melodien hat, die er aber auch hier wieder dezent in den Klangraum schickt. Sein Faible für lange Hallfahnen, die sich durchaus während des Spiels verändern können, ist ein spannendes Stilmittel, eine kreative Farbe, mit der sich dieser Musiker eigentlich unverkennbar macht. Ich würde soweit gehen, dass die Elektronik, in der Komposition von Bassspiel und Klangeffekten im Aufnahme- und Produktionsprozess, sein zweites Instrument ist. ;Drift‘ ist ein ganz großartiges Beispiel dafür, wie man mit einem E-Bass den Klangraum malt.
Dabei wirkt die Musik fast immer sehr entspannt und auch angenehm beruhigend. So kann man sich wirklich auf die Sounds und Linien konzentrieren – und wird hineingezogen. Unaufdringlich Intensität auf dem E-Bass zu erzeugen ist eine seltene Kunst, die alle, die mal einen Slap-Fetischisten in der Band hatten, absolut zu schätzen wissen. Manchmal muss ich etwas an den Bassisten Steve Swallow denken, dessen großartig intensives Spiel mit John Scofield und Carla Bley dieses Instrument im Jazz neu definiert hat, und dessen Einfluss genau so groß war, wie der des extrovertierter auftretenden Jaco Pastorius. Letzterer wurde oft kopiert, Swallow hat dagegen mehr inspiriert – und diese Qualität höre und fühle ich auch bei Björn Meyer, der dem E-Bass Flügel besorgt hat.
Das macht er anscheinend schon länger, und unkonventionell: In einem Video zum ersten Album ,Provenance‘ ist zu sehen, dass Björn Meyer beim Track ,Three Thirteen‘ die Bass-Saiten mit einer kleinen Kette präpariert hat. Ein Eingriff, den man von avantgardistischen Pianistinnen & Pianisten am Konzertflügel kennt.
Und mit Hilfe von Multitracking und/oder Looper-Einsatz wird der Solist dann auch schon mal zur Band, wie in ,Motion‘, um im nachfolgenden ,On Hope‘ dann wieder gitarristisch an den tiefen Sechssaiter ranzugehen und mit sehr gekonntem Akkordspiel zu überzeugen. Und dann sind auch hier wieder die geschmackvollen Raum-Effekte, sehr schön modulierte Hall-Sounds die intensiv aufleuchten und dann wieder verschwinden. Dass muss man fühlen, spielen und auch im Studio und im Mix umsetzen können.
Bevor ich noch mehr verrate, empfehle ich dieses großartige Album: ,Convergence‘, auf deutsch „Konvergenz“ bedeutet frei übersetzt „zusammenlaufend“ oder „zusammenführend“. Meint der Künstler die Begegnung von Instrument, Klang, Raum? Egal. Nicht nur open minded Bassisten, auch Gitarristen, Musikerinnen und Musikern, die auf unkonventionelle Sounds und ganz viel Inspiration stehen sollten sich ,Convergence‘ von E-Bassist Björn Meyer unbedingt anhören.
Björn, die wichtigste Frage in einem Musiker-Interview für eine Musiker-Website direkt am Anfang: Was für einen Bass spielst du auf deinem neuen Album ,Convergence’?
Es ist ein MTD-635 (#160) – eine 6-Saitige Bass-Gitarre, die Ende 1995 dank eines glücklichen Zufalls in New York zu mir gefunden hat. MTD steht für Michael Tobias Design
Wie ist er gestimmt?
Im Standard-Tuning für Sechssaiter: B E A D G C, von der tiefen zur hohen Saite.
Hast du die auf dem neuen Album zu hörenden Effekte direkt mit eingespielt oder wurden sie in der Nachbearbeitung eingefügt?
Alles ist immer live. Es ist mir sehr wichtig dass ich im Moment kreativ reagieren kann und dass die Klänge auch auf der Bühne reproduzierbar sind.
Und waren im Studio auch Amps und Boxen im Einsatz?
Ja, ich hatte zwei Genelec-8030-Studio-Monitore und einen kleinen Subwoofer als Hauptklangquelle bei mir im Raum. Dazu noch zwei weitere Studio-Monitore, von K&H glaube ich, die ich als Satelliten weiter weg stehen hatte, um die Stereo-Effekte – ohne das Direkt-Signal! – im Raum zu verteilen. Der Studio-Raum klingt fantastisch und er wurde dann sorgfältig mikrofoniert – wie für ein akustisches Konzert mit einem akustischen Instrument. Parallel dazu haben wir auch ein bisschen vom Line-Signal aufgenommen – direkt trocken und mit Effekten. Davon wurde im Mix aber nur sehr wenig verwendet.
Wie sieht dein Live-Setup aus?
Mein Setup ist seit mehr als 20 Jahren relativ gleich geblieben. Ich benutze einen Preamp der Firma Metric Halo – das ist eigentlich ein Computer-Audio-Interface. Meistens ein ULN 2 MK3 oder, wenn ich mehrere Instrumente, wie z.B. auch meine akustische Bass-Mandola spiele, ein MIO2882 MK3.
Dieses Interface/Preamp hat großartige EQs, Compressoren, Reverbs und vieles mehr bereits eingebaut. Dazu kommt, dass ich mein ganz eigenes Routing aufbauen kann, so dass ich in jeder Bühnen- oder Aufnahme-Situation genau die richtigen Signale an die richtigen Orte schicken kann – mit voller Kontrolle über den Klang und die Balance auf jedem Output. Denn weil ich als Musiker in so viele verschiedene Projekte involviert bin, ist diese Flexibilität sehr hilfreich. Mit diesem Setup kann ich jedes PA-System, jeden Bühnenmonitor, jede Amp oder was ich sonst am Konzertort vorfinde, zum Klingen bringen. Und das hat mich schon mehrmals gerettet.
Normalerweise verwende ich vier Outputs, also zweimal Stereo: Zwei für F.O.H und zwei für meine Bühnen-Monitore, sofern ich ein Stereo-Paar zur Verfügung habe; ansonsten nutze ich nur einen Output wenn ich über einen Bass-Amp spiele oder eben nur ein Mono-Monitor vorhanden ist. Außer ein paar Verzerrern bzw. Overdrives die im Preamp “leben” und latenzfrei arbeiten, erzeuge ich alle Effekte wie Reverbs, Delays, Freezers, Loops, etc. im Computer mit der Software Plogue Bidule, gesteuert über ein Pedalboard. Ich kann also alles via Expression-to-MIDI-Pedalen live mit den Füßen kontrollieren und muss nichts am Computer machen während ich spiele. Im Moment sind Plugins von Soundtoys, Expert Sleepers und Valhalla meine Favoriten.
Hauptsache ist aber immer der Bass – und der klingt einfach immer gut! Dazu habe ich Vovox-Kabel und ein von Hans-Peter Ehrsam (HPE Audio) gebautes, aktives Volumen-Pedal – beides tun dem Klang auch gut.
Die berührende Wärme deines Tons und diese ansteckende Ruhe haben mich gelegentlich an den großartigen Steve Swallow erinnert. Welche Bassisten würdest du als Einfluss und/oder Inspiration bezeichnen?
Was den E-Bass angeht: Steve Swallow absolut, auch als Komponist. ,Falling Grace‘ ist und bleibt ein Meisterwerk! Aber auch in klanglich ähnlicher, aber musikalisch ganz anderer Richtung, war das Album ,Live one Summer Night‘ vom Paco De Lucia Sextet, auf dem Bassist Carlos Benavent zu hören ist, sehr wichtig für mich. Und Meshell Ndegeocello, Anthony Jackson und Jimmy Johnson haben mir auch sehr viel bedeutet, so wie auch Skuli Sverrison und Pino Palladino. Am Kontrabass waren es Dave Holland, Charlie Haden, Palle Danielsson, Miroslav Vitous und viele mehr. Und dann natürlich auch noch Jaco Pastorius, Aston „Family Man“ Barrett, Bernard Edwards, Carol Kaye, Ron Carter, Charles Mingus, Stanley Clark, Marcus Miller …
Wichtig zu erwähnen sind auch die Gitarristen Ralph Towner und Allan Holdsworth die mir über viele Jahren sehr inspiriert haben.
Hast du auch Musik von skandinavischen Saitenkünstlern wie deinem Label-Kollegen Terje Rypdal, Eivind Aarset oder Arild Andersen gehört? Und mir fällt mein Rypdal-Lieblings-Album ,Odyssey‘ ein, mit dem fantastische Sveinung Hovensjø am 6 & 4 string Fender Bass …
Ja natürlich! Ich bin ja in Schweden geboren und habe dort mein Laufbahn als Musiker begonnen. Es gibt viele Musiker, die mir wichtig waren und zum Teil noch sind:
Jonas Hellborg, Anders Jormin, Arild Andersen, Niels-Henning Ørsted Pedersen (aka NHØP), Bo Stief, Rutger Gunnarson, Jojje Wadenius, Teddy Walter, Eivind Aarset, Audun Erlien, Jukka Tolonen, Terje Rypdal, Göran Söllscher …
Deine Einbeziehung des Raums in die Komposition und Produktion gibt der Musik eine ganz eigene Lebendigkeit, die selbst an einer normalen Stereo-Anlage sehr gut rüberkommt. Hast du dich schon mal mit Dolby Atmos befasst, was in diesem Punkt noch mehrere Schritte weiter gehen könnte?
Es freut mich wirklich sehr, dass diese Aufnahme den Raum so organisch mit einbezieht. Ich bin immer noch von gut klingenden Stereo-Aufnahmen total begeistert und so wird es wohl eine Zeit dauern, bevor ich über eine ganze Produktion in Dolby Atmos nachdenken werde.
Interessant ist der Gedanke allerdings, und natürlich gibt es noch viele Möglichkeiten die ich auch spannend finde. Anders als bei bisherigen HiFi-Multichannel-Systemen scheint es da ja auch inzwischen einen gewissen Konsens zu geben, so dass sich Dolby Atmos tatsächlich als Standard – auch im Consumer-Bereich – etablieren könnte. Nicht zuletzt weil es ja relativ einfach einsetzbare Endgeräte gibt. Und ich habe tatsächlich bereits ein Stück für das SE Music Lab ( https://www.semusiclab.com/de ) in Wabern bei Bern komponiert, aufgenommen und in Dolby Atmos produziert. Das ist ein wahrlich besonderes Hör-Erlebnis an diesem einmaligen Ort.
Was war das letzte Album oder Konzert, das du gehört hast, das dich begeistert hat?
Live war das Marc Ribot, solo im Bee-Flat in Bern: eine Naturgewalt! Und dann das Album ,Sirkulu‘ von BITOI, einem vom Bassisten Cassius Lambert initiierten Projekt mit E-Bass, Effekten und drei Sängerinnen.
Und was war die wichtigste Erfahrung, die du als Künstler, Musiker, Mensch gemacht hast?
Dass es Liebe gibt!
Vielen Dank für das Interview.
NEWS & INFOS: www.bjornmeyer.com
Lothar Trampert / Paleblueice.com 03 / 2026

HANNO BUSCH: PERSPECTIVE
Ich freue mich immer wieder von diesem Musiker zu hören: Denn der in Köln lebende Gitarrist Hanno Busch (* 1975) ist ein Macher, ein Könner – und ein Genießer, tippe ich mal. Denn er hat sich von Beginn seines musikalischen Werdegangs an, immer die Freiheit gelassen, in und zwischen allen Genres zu tun was er will. Diese Art der kreativen Schubladenvermeidung ist mir mehr als sympathisch, zumal sie im Fall Busch noch mit einem jungenhaften Charme inklusive Spaß-bei-der-Arbeit-Bühnengesicht daherkommt. Und wenn man einen Jazz-&-more-Gitarristen mit dem groovenden Disko No. 1 Band-Monster von Jan Delay genau so genießen kann wie einst mit Peter Herbolzheimers Rhythm Combination & Brass, mit Indie-Pop-Ikone Meinrad Jungblut aka PeterLicht oder Jazz-Pianist Michael Wollny, Sasha, Cosmo Kleins Phunkguerilla, der TV-Band Heavytones, und live auch schon mal mit Peter Kraus und Max Mutzke – dann muss man dem Künstler Spektrum bescheinigen. Zuletzt zu hören auf dem Trio-Album ,To Tortuga‘ (2024), das er mit der Bassistin Julia Hofer und Schlagzeuger Tobias Held eingespielt hat. Seine eigene Musik – bisher sind es sieben Tonträger – veröffentlicht Hanno Busch seit 2013 auf seinem Label Frutex Tracks.
An seinem Studium bei Jesse van Ruller und Maarten van der Grinten am Conservatorium van Amsterdam in den 90ern hat ihm anscheinend auch der Lehrbetrieb gefallen, denn seitdem hat Hanno Busch auch selbst unterrichtet, an diversen Hochschulen, Musikschulen und im Rahmen von Workshops. Neben einer Gastprofessur am Jazz Institut Berlin (UdK) lehrte er seit 2019 Gitarre, Ensemble, Songwriting und Jazztheorie an der Rheinischen Musikschule Köln, und seit 2024 ist er als Professor für Gitarre & Ensemble Jazz/Pop an der Hochschule für Musik und Tanz Köln tätig, wo mit ihm und seinen Kollegen Bruno Müller und Marius Goldhammer jetzt ein frischer Saitenwind weht.
Zurück zum aktiven Musiker Hanno Busch: Mit ,Perspective‘ veröffentlicht der Gitarrist und Komponist jetzt ein Album, das „musikalisch den Puls unserer Gegenwart einfängt“, diesmal aber ganz klar von der jazzigen Seite. Mit dabei sind alte Bekannte: Mit Jonas Burgwinkel am Schlagzeug und Claus Fischer am E-Bass hat er schon 2014 das Album ,Absent‘ (als Hanno Busch Trio) veröffentlicht; drei Jahre später folgte ,Share This Room‘, das mit dem Echo Jazz ausgezeichnet wurde. Perspective haben Busch, Burgwinkel & Fischer mit Matthew Halpin an Tenor- & Sopran-Saxophon und Flöte eingespielt.
Direkt im ersten Stück, dem Titel-Track des Albums, fällt auf: Diese Band ist cool, spielt unglaublich entspannt, und Hanno Buschs cleaner, direkter Gitarrenton verlangt höchste Perfektion, die er auch ohne Einschränkung liefert. Das zu leisten, ohne „klinisch perfekt“ oder „gut geübt“ zu klingen, braucht Erfahrung, gutes Handwerk und auch Geschmack, was Sounds und Arrangements angeht.
Weiter geht es mit ,Framework'“‚, einem leicht jazzrockigen Instrumental, das Claus Fischers grandiosen Bass-Sound featured – bzw. einen aus dem Repertoire dieses Band-Players, der nicht nur ein hervorragender Bassist ist sondern auch noch selbst ein wirklich guter Gitarrist – zu hören auf seinem empfehlenswerten Solo-Album ,Downland‘ (2022). , Calibration‘ heißt Track 3 des neuen Hanno-Busch-Albums. Und auch hier wieder: ein eigenwilliges Thema, sehr schöne Sounds von der E-Gitarre, die Arpeggios mit akzentuierten Linien verbindet und einen sehr schönen Flow hat. Diese Handschrift hat Hanno schon lange kultiviert, sie hat auch sein Projekt Sommerplatte vor zehn Jahren im besten Sinne geprägt.

Das ein Track namens ,Post-democracy‘ sehr schräg klingen muss, wissen wir, seit Peter Thiel erfolgreich die Marionette Donald Trump führt. Das Stück klingt stellenweise wie eine SloMo-Cut-up-Version von John Coltranes ,Impressions‘. Hier wird die Freiheit zelebriert, auf musikalischer Ebene, die gerade vielerorts politisch und im ganz normalen Leben verloren geht.
Und auch ,Beginnings‘, mit seinem durch einen ganz tiefen Raum aus Hall- und Delay-Sounds schwebenden einleitenden Gitarrensolo, strahlt anfangs eine gewisse Orientierungslosigkeit aus. Um sich dann aber in einem warmen, Wohlfühl-Setting durchzusetzen. Das macht Hoffnung … Hier „gelingt es Busch, komplexe Emotionen zwischen Kontemplation und Aufruhr, zwischen innerer Ruhe und drängender Unruhe in Klang zu übersetzen“, lese ich im Infotext des Labels über das Album. Sampled. In guten Klang übrigens: Aufgenommen und gemischt hat Waldemar Vogel in den Daft Studios, im belgischen Malmedy, gemastered hat Chris von Rautenkranz. Perspective erscheint digitale Veröffentlichung und als Vinyl-LP, deren Artwork von Daniel F. Hirth an die früheren Alben ,Share This Room‘ und ,Absent‘ anschließt.
Hanno Busch hat bestimmt nicht groß darüber nachgedacht, ob denn jetzt hier
Jazz, Pop, Fusion oder einfach nur Busch-Musik entsteht – dafür sind Parameter wie Transparenz, Ausdruck, Sound-Design und kompositorische Details zu individuell ausgeprägt. Da ist eben aus Freiheit Musik geworden, die Raum hat, die Luft zum Atmen und auch ruhige Momente zum Nachdenken lässt. Vielleicht so dann auch zu Perspektivwechseln. Und das gitarristische Niveau auf dem dieser Musiker seine Kunstwerke produziert, ist mehr als beachtlich. Der letzte Track heißt ,Lucky‘ und ist noch cooler und entspannter als der Rest des Albums. Auch das gibt Hoffnung. Hanno Buschs neues Werk ist ein berührendes Überlebensmittel in bedrückenden Zeiten.
Weitere Infos: www.hannobusch.com
hannobusch.bandcamp.com
Lothar Trampert / Paleblueice.com 02 / 2026