Rezensionen von Lothar Trampert. Nur gute Musik.
Und immer mehr. Ein ganzes Jahr lang. 😉💥🎸☀️

MIROSLAV VITOUS: MOUNTAIN CALL
OK, es ist sehr lange her – aber der Eindruck war nachhaltig: Seit ich den Kontrabassisten Miroslav Vitous auf dem 1970 erschienenen Larry-Coryell-Album ,Spaces‘ für mich entdeckt habe, gehört er für mich zu den ganz Großen dieses Instruments. Zu den wenigen Bassisten, deren Ton und Phrasierung einen extrem hohen Wiedererkennungswert haben. Damals, auf ,Spaces‘, war Vitous gemeinsam mit den Gitarristen Larry Coryell und John McLaughlin zu erleben, mit Pianist Chick Corea und Schlagzeuger Billy Cobham. Dieses Album gehört für mich bis heute zu den weniger bekannten Meisterweken der Begegnung von Jazz mit dem Rest der Welt. Miroslav Vitous spielte damals auch E-Bass, und sein Solo-Debüt ,Infinite Search / Mountain in the Clouds‘ (1969) ist ein ähnlich spannendes Stück Musik. 1970 gehörte der tschechische Musiker übrigens zu den Gründern von Weather Report und war auch auf deren ersten vier Alben zu hören.
Das im März 2026 erschienene neue Miroslav-Vitous-Album ,Mountain Call‘ vereint Aufnahmen aus den Jahren 2003 bis 2010, Musik die Vitous mit Bassklarinettist Michel Portal und Schlagzeuger Jack DeJohnette eingespielt hat – außerdem sind noch Größen wie Esperanza Spalding (voc), Bob Mintzer (b-cl), Gary Campbell (ss, ts), Gerald Cleaver (dr) und Mitglieder des Czech National Symphony Orchestra zu hören.
Mit dem legendären Jack DeJohnette (1942 – 2025) hat Vitous schon Ende der 1970er-Jahre gearbeitet, damals in einem sensationellen Trio mit dem norwegischen Gitarristen Terje Rypdal. Vitous und DeJohnette sind immer noch ein Dream-Team, was Sensibilität, Dynamik und Experimentierfreude angeht. Auf ,Mountain Call‘ spielen aber auch die Duos mit Michel Portal an der Bassklarinette eine zentrale Rolle – eine klanglich einzigartige Kombination. Ein weiteres Highlight ist die orchestralen Besetzung in der dreisätzigen Suite ,Evolution‘. Vitous war schon immer Klangmaler und Kontrast-Setzer – das lebt er auch hier aus – vielleicht der spannendste Teil dieses Albums der Begegnungen. Im Finale, dem Titel-Track ,Mountain Call‘ begegnen sich noch mal Michel Portal und Miroslav Vitous im weiten Hallraum, um in sechseinhalb Minuten von lyrischen Momenten, spannender Interaktion bis zu intensiven Solo-Spots alles zu geben. Ein spannendes Album, hervorragend zusammengestellt und wie immer klanglich perfekt koproduziert von ECM-Chef Manfred Eicher. Unbedingt reinhören!
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026

SHEEN TRIO: TRANSITORY
Wer hat das nicht schon mal erlebt: CD- oder LP-Cover und DigiPaks, die grafisch, farblich, typografisch originell gestaltet sind und einem spontan gefallen, enttäuschen so gut wie nie musikalisch. Und irgendwie merkt man auf den ersten Blick, dass sich da Menschen konsequent verwirklichen wollen, und dass ihnen das musikalische Produkt auch als multimediales Gesamtwerk wichtig ist. What the fuck is a stream?
Mit Originalität, Musikalität und extrem eigenwilliger Energie überzeugt das Sheen Trio um Bassklarinettistin und Komponistin Shabnam Parvaresh, die übrigens selbst für das Artwork ihres neuen Albums ,Transitory‘ verantwortlich ist, lese ich gerade. Richtig vermutet! Shabnam Parvareshs Karriere begann im Iran, wo sie im Teheraner Symphonieorchester spielte. 2014 emigrierte sie nach Deutschland, um in Osnabrück Jazz-Klarinette zu studieren, im Jahr 2020 gründete sie dann das Sheen Trio, dessen Debüt-Album ,Gozar‘ 2023 erschien.
Gemeinsam mit der deutsch-australischen Musikerin Ula Martyn-Ellis an der Gitarre und Philipp Buck am Schlagzeug hat Shabnam Parvaresh auch mit dem neuen Album ,Transitory‘ wieder ganz eigene Sounds geschaffen: „atmosphärische Klanglandschaften zwischen Jazz, Krautrock, Free Jazz, Rock und experimentellen Texturen, durchzogen von Einflüssen aus dem Iran“, lese ich im Infotext. „Die Musik bewegt sich im Spannungsfeld von Chaos und Stille und verwebt persönliche Erinnerungen mit globalen Umbrüchen. Atmosphärisch ungemein dicht, schwelgerisch und von betörender Sinnlichkeit wirkt sie wie ein mythisches Fortbewegungsmittel, das Zuhörer in unbekannte Klangräume trägt.“ Dabei überzeugen ganz besonders die eigenwilligen Arrangements dieser Trio-Kompositionen, und die extrem präzise Umsetzung aller Beteiligten. Solistische Spots entwickeln sich dagegen oft behutsam, von leiser Transparenz bis in energetische Kraftakte. Aber auch die ganz ruhigen Momente, wie im sechsminütigen ,Maroggia‘ oder in ,Tangled in A Dream‘ überzeugen mit Intensität. In ,Soy Lake City‘ wird dann, insbesondere von der wirklich originellen Gitarristin Ula Martyn-Ellis, mal so richtig gerifft und gerockt – wobei einem das anfängliche Grinsen nach und nach vergeht, weil das Sheen Trio hier immer stärker eine ganz bedrohliche Seite zeigt und dich am Ende des Tracks allein, mit vielen großen, dunkelroten Fragezeichen in der Stille zurücklässt. Mal mysteriös und immer faszinierend macht diese Musik Lust auf mehr. Dann werde ich jetzt mal das Sheen-Trio-Debüt ,Gozar‘ nachentdecken.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026

A BIG DIG – IOURI GRANKIN / ANDREAS BRÜNING: HOCH ZWEI
Es gibt Begegnungen, die überraschen und Spaß bescheren: Bei einem Konzert der Kölner Gitarristin Christina Zurhausen kam ich mit einem anderen Jazz-Fan ins Gespräch – und nach einer Viertelstunde wurde uns dann klar, dass wir schon lange via Netz verbunden waren und auch in Kontakt standen. Musiker trifft Musikschreiber. Und dann hat der Musiker irgendwann ein neues Album am Start, und der Schreiber was zu schreiben:
„A Big Dig“ nennen sich Gitarrist Andreas Brüning und Vokalist Iouri Grankin, wenn sie im Duo aufeinandertreffen. Beide sind seit Jahrzehnten in der Improvisations-Szene aktiv, und haben immer wieder Schubladendenker ratlos zurückgelassen. Andreas Brüning war, neben seinen Aktivitäten in der Düsseldorfer Kunstwelt, in Köln im Umfeld der Stollwerck- und Rhenania-Szene aktiv und an Projekten von Schlagzeuger Frank Köllges aka Adam Noidlt beteiligt. Der gebürtige Ukrainer Iouri Grankin lebt seit 1994 in Deutschland. Er ist ein stilistisch vielseitiger Sänger, der die Jazz-Tradition genau so kennt wie alle Freiheiten der Improvisation: Und da gibt er alles, vom Geräuschhaften bis zu animalischem Grunzen, von präzisen Shouts und Akzenten bis zu eigenwilligen Bass-Konstrukten oder an Posaune erinnende vokale Linien. Gitarrist Andreas Brüning kontrastiert mit allem, was sein Instrument hergibt: Akkorde, Riffs, kurze Linien, Saitenkratzen, Klopfgeräusche und weitere, rein akustisch kaum zu identifizierende Manipulationen an Saiten und Korpus sowie eigenwillige Effekt-Sounds. Aus denen bricht er aber immer wieder auch mal ganz spontan aus, zurück in die Welt der Singlenote-Lines – die einem dann fast schon so exotisch vorkommt wie die vorangegangene Free-Abstraktion. In punkto Interaktion ganz groß ist Track 7, ,Verfolgung‘, ebenso der dezent an James Blood Ulmer erinnernde ,Reigen‘, oder auch ,Empörung‘, wo Iouri Grankins Stimme extrem an den legendären Denis O’Bell im untypischsten aller Beatles-Tracks, ,You Know My Name (Look Up the Number)‘, erinnert, erschienen am 6. März 1970 als B-Seite der Single ,Let It Be‘ …
,Hoch Zwei‘, das sind insgesamt 19 spannende Kreationen zwischen anderthalb und sechs Minuten, und die ermöglichen einen Trip durch die Improvisationswelt von Grankin & Brüning. A Big Dig – DeepL übersetzt mit „Ein großes Bauprojekt“ – sind auf jeden Fall ein extrem kreatives Unternehmen zweier origineller Musiker. Und ein echter Horizonterweiterer, für Menschen ohne Free-Jazz-Allergie.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026

MARCUS KLOSSEK: BLINK 7
Seit über fast zehn Jahren freue ich mich immer wieder über neue Musik von diesem Künstler: Der Berliner Jazz-Gitarrist Marcus Klossek (* 1968 in Essen) gehört zu den eher wenigen Telecaster-Spielern des Genres, die dieses eher aus Rock, Blues und Country bekanntes E-Gitarrenmodell in ganz andere Sphären mitnehmen. OK, das haben auch schon Ed Bickert, Mike Stern, Bill Frisell und Jakob Bro getan, aber so ein bisschen nerdige Originalität haftet dem immer noch an. Nach fünf Trio-Alben zog es Marcus zu größeren Besetzungen, und nach dem Sextett Blink 6 hat er jetzt noch einen draufgelegt und agiert aktuell mit noch mehr Mitarbeitenden: „Marcus Klossek Blink 7“ sind einmal Nikolaus Neuser (tp), Ignaz Dinné (ts) und die immer wieder großartige Posaunistin Anke Lucks. Dann spielt mit Carsten Hein, der mich zuletzt mit seinem Solo-Projekt ,Bass Signal Works I‘ überrascht hat, ein wirklich spannender Bassist in dieser Band, der perfekt mit Drummer Derek Scherzer harmoniert und diese Formation auf ganz eigene Art trägt. Bei drei Tracks ist noch eine weitere, sehr originell agierende Musikerin zu hören, die südkoreanische Sängerin Chamin.
Eines fällt beim Hören dieses Albums immer wieder auf: Die Arrangements sind abwechslungsreich und absolut spannend gestaltet, und die Tracks kommen irgendwie sehr farbenfroh rüber – trotzdem hat diese Band eine Art von Trademark-Sound. Leader und Gitarrist Marcus Klossek ist dabei keineswegs die permanent dominante Front-Figur, sondern eher der immer mal wieder mit coolen und/oder spektakulären Beiträgen überraschende kreative Kopf. Ganz egal, ob er mit warmen Chords und Licks im Hintergrund agiert, konventionell linear soliert oder, wie in ,Half Past Never‘, im Sinne des Wortes effektvoll großes Gitarrensolokino abliefert – dieser Musiker hat einen prägnanten Ton und Geschmack für Sounds, für Klangbilder, und er verliert dabei nie das Gefühl für die Komposition. Überhaupt scheint in diesem Septett die Band-Dienlichkeit, das gemeinsame Spiel, ganz großes Ziel zu sein – und gerade deshalb glänzen dann die diversen Soli immer wieder extrem, weil sie organisch aus der Musik kommen und nicht formale Thema-Chorus-Chorus-Thema-Abläufe abwickeln. Blink7 ist eine wirklich wunderbare Band und das gleichnamige Album eine extrem kreative Leistung. Der großartigen Komponistin, Arrangeurin, Bandleaderin und Pianistin Carla Bley hätte es ganz sicher gefallen. Denn dieser warme, natürliche Sound, der ihre Musik auszeichnete, mit ganz viel human factor, ist auch Marcus Klossek und Blink 7 berührend gelungen.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026

KLAUS LEIMKÜHLER / JÖRG FLEER: WHAT ABOUT THE LONELY ONES
Pianist Klaus Leimkühler und Gitarrist Jörg Fleer im Duo. Die zehn Tracks, alles Eigenkompositionen der Musiker, bewegen sich irgendwo zwischen Jazz und kammermusikalischem Fusion-Sound, insbesondere wenn Jörg Fleer mit verzerrtem Gitarren-Sound, Violining und anderen Effekten soliert. Aber es wird auch mal folky, mit akustischer Rhythmusgitarre, einen Track weiter dann wieder gut gelaunt und easy listening jazzig. ,What about the lonely ones‘ ist ein Album mit sehr breitem Stimmungsspektrum.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026

JOCHEN SCHRUMPF & MARCUS SEILER: SHADES
Jazz-Rock-Fusion-Time! E-Gitarrist Jochen Schrumpf und Keyboarder & Drummer Marcus Seiler haben gemeinsam mit Bassist Rupi Schwarzburger und anderen Gästen zehn instrumentale Tracks eingespielt, die harmonisch und groovend zwischen den genannten Genres schweben. Klar ist diese Musik irgendwie 80s-anachronistisch, aber dabei auch ebenso zeitlos wie boppiger Scofield-Jazz oder bluesig-rootiger Tedeschi-Trucks-Rock. Schöne Gitarrensoli, sehr cooler Bass von dem immer wieder beeindruckenden Rupi Schwarzburger und eine poppige Funk-Nummer mit Gastsängerin Alara – absolut unterhaltsam.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026

JÖRG FLEER: IT STARTS NOW
„Jörg Fleer: Guitars, Bass. All titles composed by Jörg Fleer“ ist in den Liner-Notes zu lesen. Der Künstler spielt hier also, via Multitracking mit sich selbst. Dass der Bielefelder Jazz-Gitarrist Fan von Pat Metheny ist, hört man schnell, und er hat anscheinend auch die musikalische Offenheit seines Idols in Richtung Folk, Pop, Latin und Ethnischer Musik verstanden. Wobei Jörg Fleer aber klanglich seinen eigenen Gitarren-Sound gefunden hat, oft leicht angezerrt und immer wieder mal mit Effekten behandelt. Die 15 Tracks sind ähnlich strukturiert, für Abwechslung sorgt immer mal wieder eine cleane und/oder akustische Gitarre.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 04 / 2026

ISABELLE BODENSEH: DIGNITY
Oft entscheiden die ersten Töne eines Albums oder eines Konzerts, ob du dich zu Hause fühlst. In den vergangenen Jahren habe ich so einige Aufnahmen der Flötistin und Komponistin Isabelle Bodenseh gehört und auch vorgestellt. Denn immer wieder hat mich die Ruhe und Wärme ihres Tons berührt. Ihre diversen Formationen waren kompetent besetzt und die Musik dieser Künstlerin hatte auch stets eine ansteckende Lebendigkeit und ganz viel positive Energie – aber eben auch diese bereits erwähnte, ruhige Ausstrahlung. Das nennt man wohl Intensität im Ausdruck.
Genau so startet sie ihr neues Album ,Dignity‘, dessen ,Part 1: Prolog‘, minimal begleitet von Thomas Bauser an der Hammond-Orgel und einigen pulsierenden Delay-Effekten im Hintergrund, exakt diese Qualitäten hat. Aber schon mit dem nachfolgenden ,Part 2: Sospeso‘ wird man mit einem swingenden Grove mit Italo-Soundtrack-Flair auf den Boden zurückgeholt. Schlagzeuger Lars Binder sorgt dabei für einen coolen, energetischen Drive und ein absolut eigenwilliges, das Stück unkonventionell abschließendes Solo. Binder und Bauser gehören seit vielen Jahren zum Quartett von Isabelle Bodenseh, und mit ihnen und dem Gitarristen Lorenzo Petrocca sind bereits zwei Alben entstanden, mit Petrocca außerdem auch noch zwei wunderbare Duo-Alben, nur mit Flöte und Gitarre.
An den sechs Saiten ist diesmal aber Johannes Maikranz zu hören. Der 1988 geborene Gitarrist hat bei Wolfgang Muthspiel an der Hochschule für Musik Basel studiert. Sein musikalischer Ansatz, insbesondere in der Begleitung, ist oft dezent funky, etwas abseits vom warmen, traditionelleren Chording seines Vorgängers. Seine Soli haben einen sehr melodischen Ansatz und sind mehr auf Harmonie als auf boppende Energie bedacht.
Das könnte dem Grundthema dieses neuen Albums geschuldet sein: Die ersten fünf Tracks bilden die ,Suite for Dignity‘ – Isabelle Bodensehs Plädoyer für Menschenwürde, ein Thema, dass sie als Mutter ihrer schwerstbehinderten Tochter Juliette seit 22 Jahren, fast ihr halbes Leben lang, begleitet.
Im Infotext zu ihrem Album schreibt sie: „Im Zentrum steht die Frage: Was entwürdigt – und wie gelingt es, die im Grundgesetz garantierte Menschenwürde zu wahren? Die Suite gibt Antworten. Denn sie zeigt, wie Berührbarkeit der Interaktion ungeachtet von Paragraphen nahbar macht, Augenhöhe und Empfindsamkeit ermöglicht und wie daraus ein Fest der Liebe, des Humanismus und der Menschenrechte wird.“
An diese berührende Suite, eine musikalische Form aus der Alten Musik, derer sich schon einige Jazz-Musiker bedient haben – allen voran Max Roach mit seiner ,Freedom Now Suite – We Insist!‘ (1960) und John Coltrane mit ,A Love Supreme‘ (1965) – schließen sich drei weitere Stücke an: Die sehr fragile, schwebende Komposition ,Masha‘ von Schlagzeuger Lars Binder, ist ein wunderbares Klanggemälde, in dem tiefe Bassflötentöne von Gitarren-Arpeggios in weitem Hallraum kontrastiert werden. ,Fly High‘ von Isabelle Bodenseh kommt da wesentlich konventioneller, fast 80s-jazz-poppig rüber und startet mit einer Art Dialog-Thema zwischen E-Gitarre und Flöte. Mit Sicherheit das optimistischste Stück dieses Albums, mit einem energetischen Gitarrensolo.
Die 1969 in eine deutsch-französische Musikerfamilie geborene Flötistin hat sich während ihrer gesamten Karriere immer grenzüberschreitend zwischen Jazz, Rock, Klassik und der Musik außereuropäischer Kulturen bewegt. Nachdem sie ein klassisches Musikstudium begonnen hatte, entdeckte sie parallel dazu die Improvisation, den Jazz. Sie studierte u.a. bei dem Jazz-Flötisten und -Komponisten James Newton in Los Angeles, dann in Havanna bei Andrés Alén und tourte mit kubanischen Bands. Seitdem war sie mit vielen unterschiedlichen Projekten aktiv, war als Theater- und Studiomusikerin an über 30 CD-Produktionen beteiligt und arbeitete als als Dozentin für Improvisation an der Musikhochschule Frankfurt am Main. Isabelle Bodensehs Anliegen, die Querflöte im Jazz stärker ins Bewusstsein der aktuellen Musikszene zu holen, fand auch in ihrem „Herzensprojekt“, dem Duo mit dem bereits erwähnten Gitarristen Lorenzo Petrocca Ausdruck, mit dem sie unter dem Namen „Jazz à la Flute“ die beiden großartigen Alben ,Essenza‘ (2020) und ,The Good Life‘ (2017) eingespielt hat.

Zurück zum Album ,Dignity‘: Das von Isabelle Bodenseh und Gitarrist Johannes Maikranz konzipierte, abschließende Stück ,Juliette‘, ist eine Art von Text/Sound-Collage, in der Samples von Isabelles Telefonstimme mit Gitarrenakkorden, dezenten Cymbal-Sounds und wieder diesen tiefen, warmen Flötentönen umspielt, umrahmt werden. Eine beeindruckende, wirklich berührende Komposition in mehrfachem Sinn – eine Klanglandschaft als Statement. Diese knapp sieben Minuten von ,Juliette‘ sind ganz sicher die intensivsten und auch mutigsten dieses Albums. Und sie geben, in Zusammenhang mit dem erwähnten Prolog, dieser Musik noch einmal einen starken Rahmen, der die vorangegangene Suite und die beiden nachfolgenden Kompositionen einschließt. Eigentlich erlebt man hier eine Suite über der Suite.
„Das Thema Würde ist allgegenwärtig, doch oft weichen Realität und Ideale voneinander ab“, schreibt Isabelle Bodenseh. „Mit meinem fünften Album ,Dignity‘ möchte ich diese Kluft überwinden und oft übersehene Geschichten erzählen, insbesondere von den Herausforderungen des Mutterseins im Musikgeschäft und der unermesslichen Liebe und Hingabe, die nötig sind, um ein schwerstbehindertes Kind großzuziehen.
Die Zeit mit meiner Tochter Juliette hat mir gezeigt, dass wahre Würde nicht von äußeren Umständen abhängt, sondern von der inneren Stärke und dem Respekt, den wir einander entgegenbringen. Die Fähigkeit, völlig unabhängig von gesellschaftlicher Norm eine eigene Form der Würde zu bewahren, zu schaffen und zu feiern hat erfreulich viel mit der freien Improvisation im Jazz gemeinsam … Improvisation ist ein großartiges Lebenselixier!
Meine Mission geht jedoch auch über die Musik hinaus: Durch meine Arbeit in den Medien, meinen unermüdlichen Einsatz für die Inklusion und als Sprecherin bei Veranstaltungen möchte ich das Thema Würde in den öffentlichen Diskurs bringen und den Blick auf diejenigen lenken, die sehr oft im Schatten der Gesellschaft stehen gelassen werden. ,Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ steht als Paragraf im Grundgesetz und darf nicht nur ein nett gemeinter Hinweis sein, sondern muss im heutigen Kontext wiederentdeckt und mehr denn je mit echtem Leben gefüllt werden. Es entsteht gerade das für mich sinnvollste, authentischste und spannendste Album meines Lebens!“
Wer Musikerinnen und Musikern, und auch der Kunst wie wir sie lieben, Liebe zurückgeben und Leben ermöglichen will, besucht Konzerte und kauft und verschenkt Tonträger und andere Produkte. Isabelle Bodenseh hat ihr neues Album einmal als CD im sehr schön gestalteten, zweifach aufklappbaren Digipak mit einem Poster-Booklet, und dann auch noch mal als Vinyl-LP im Foldout-Cover, mit großformatigem, achtseitigem Booklet veröffentlicht. Mehr zum Thema hier: www.isabellebodenseh.de
,Dignity‘ ist ein in jeder Hinsicht gelungenes, engagiertes, berührendes und hoffentlich auch bewegendes Album, das mit Musik Bewusstsein erzeugt für ganz unterschiedliche Lebensumstände. Musik, die sich eigentlich nur offene Geister wünscht und die Liebe gibt.
Lothar Trampert / Paleblueice.com 02 / 2026

DEADEYE: IN ORBIT
Vorab gibt es schon mal fünf Sterne für das sehr schöne Artwork des Digipaks, für das Juliane Schütz verantwortlich war. Denn das macht neugierig auf den klingenden Inhalt. Der erweist sich vom ersten Ton an als hochenergetisch und beglückt auch noch mit so einigen Referenzen an eines der wichtigsten Ensembles des Jazz-Rock-Crossover Ende der 1960er-Jahre: Schlagzeuger Tony Williams‘ Band Lifetime, in der Besetzung mit Larry Young und John McLaughlin. Diese Ikonen werden hier gewürdigt von Gitarrist Reinier Baas, Drummer Jonas Burgwinkel und Kit Downes an der Hammond-Orgel – wobei alle drei aber als Musiker-Individuen ganz eigene Handschriften haben, mit denen sie die überwiegend von Baas und Downes stammenden Kompositionen extrem aufblühen lassen. Insbesondere Reinier Baas (* 1985 in Hilversum) strahlt hier mit einem sehr eigenwilligen, kantigen Spielansatz, integriert Geräuschhaftes und Arpeggios in sein oft raues, dann wieder lyrisches Gitarrenspiel. Fred Frith, James Blood Ulmer, Reinier Baas – diese Verbindung spüre ich insbesondere in Skip James‘ ,Hard Time Killing Floor Blues‘. Und Baas ist ein absolut eigenwilliger Gitarrist, dessen oft sehr rustikale Licks, Lines und Begleittechniken eine ganz eigene Art von Energie produzieren. Diese Intensität ist auch noch da, wenn er sich stark zurücknimmt, wie beispielsweise im Track ,Michelangelo Antonioni‘ von Caetano Veloso oder in seiner eigenen Komposition, dem Album-Finale ,Low Gravity Gospel‘; und in ,Deadeye’s Day Off‘ haben seine Gitarrenlinien in Thema und Solo ein bisschen Attila-Zoller-Flair. Viele Namen, OK – aber worüber kann ich sonst erklären, dass ich mich in dieser Musik absolut zu Hause fühle? Und Reinier Baas ist bei all diesen subjektiv empfundenen Schattierungen ohne Frage ein gitarristisches Original mit expressivem Personalstil. Ich höre ,In Orbit‘ jetzt zum vierten Mal und komme der Musik immer näher und näher. Die Band darf bei mir einziehen.

Seine 2016 erschienene „instrumentale Oper“ mit dem Titel ,Reinier Baas vs. Princess Discombobulatrix‘ und sein Album ,Mostly Improvised Instrumental Indie Music‘ (2012) wurden jeweils mit einem Edison Award ausgezeichnet. Baas hat außerdem für die WDR Big Band, das Metropole Orkest und das Pynarello Symphony Orchestra komponiert und gespielt, ist Mitglied von Saxophonist Benjamin Hermans Punk-Jazz-Band Bughouse, betreibt ein Duo-Projekt mit dem Saxophonisten Ben van Gelder und hat u.a. mit Free-Jazz-Legende Han Bennink gearbeitet. Seine Deadeye-Mitspieler, der Brite Kit Downes (* 1986) und der in Aachen geborene Jonas Burgwinkel (* 1981) sind ähnlich gefragteste Musiker der selben Generation – und hier haben sich ohne Frage die Richtigen gefunden. Denn ,In Orbit‘ ist ein absolut großartiges, wunderbar schräges Album, eingespielt in Kölns kleinstem aber originellsten Club Salon De Jazz, aufgenommen von Clemens Orth an zwei Januar-Tagen 2025.
Lothar Trampert in Jazzthetik 03-04 / 2026

HANNO BUSCH: PERSPECTIVE
Ich freue mich immer wieder von diesem Musiker zu hören: Denn der in Köln lebende Gitarrist Hanno Busch (* 1975) ist ein Macher, ein Könner – und ein Genießer, tippe ich mal. Denn er hat sich von Beginn seines musikalischen Werdegangs an, immer die Freiheit gelassen, in und zwischen allen Genres zu tun was er will. Diese Art der kreativen Schubladenvermeidung ist mir mehr als sympathisch, zumal sie im Fall Busch noch mit einem jungenhaften Charme inklusive Spaß-bei-der-Arbeit-Bühnengesicht daherkommt. Und wenn man einen Jazz-&-more-Gitarristen mit dem groovenden Disko No. 1 Band-Monster von Jan Delay genau so genießen kann wie einst mit Peter Herbolzheimers Rhythm Combination & Brass, mit Indie-Pop-Ikone Meinrad Jungblut aka PeterLicht oder Jazz-Pianist Michael Wollny, Sasha, Cosmo Kleins Phunkguerilla, der TV-Band Heavytones, und live auch schon mal mit Peter Kraus und Max Mutzke – dann muss man dem Künstler Spektrum bescheinigen. Zuletzt zu hören auf dem Trio-Album ,To Tortuga‘ (2024), das er mit der Bassistin Julia Hofer und Schlagzeuger Tobias Held eingespielt hat. Seine eigene Musik – bisher sind es sieben Tonträger – veröffentlicht Hanno Busch seit 2013 auf seinem Label Frutex Tracks.
An seinem Studium bei Jesse van Ruller und Maarten van der Grinten am Conservatorium van Amsterdam in den 90ern hat ihm anscheinend auch der Lehrbetrieb gefallen, denn seitdem hat Hanno Busch auch selbst unterrichtet, an diversen Hochschulen, Musikschulen und im Rahmen von Workshops. Neben einer Gastprofessur am Jazz Institut Berlin (UdK) lehrte er seit 2019 Gitarre, Ensemble, Songwriting und Jazztheorie an der Rheinischen Musikschule Köln, und seit 2024 ist er als Professor für Gitarre & Ensemble Jazz/Pop an der Hochschule für Musik und Tanz Köln tätig, wo mit ihm und seinen Kollegen Bruno Müller und Marius Goldhammer jetzt ein frischer Saitenwind weht.
Zurück zum aktiven Musiker Hanno Busch: Mit ,Perspective‘ veröffentlicht der Gitarrist und Komponist jetzt ein Album, das „musikalisch den Puls unserer Gegenwart einfängt“, diesmal aber ganz klar von der jazzigen Seite. Mit dabei sind alte Bekannte: Mit Jonas Burgwinkel am Schlagzeug und Claus Fischer am E-Bass hat er schon 2014 das Album ,Absent‘ (als Hanno Busch Trio) veröffentlicht; drei Jahre später folgte ,Share This Room‘, das mit dem Echo Jazz ausgezeichnet wurde. Perspective haben Busch, Burgwinkel & Fischer mit Matthew Halpin an Tenor- & Sopran-Saxophon und Flöte eingespielt.
Direkt im ersten Stück, dem Titel-Track des Albums, fällt auf: Diese Band ist cool, spielt unglaublich entspannt, und Hanno Buschs cleaner, direkter Gitarrenton verlangt höchste Perfektion, die er auch ohne Einschränkung liefert. Das zu leisten, ohne „klinisch perfekt“ oder „gut geübt“ zu klingen, braucht Erfahrung, gutes Handwerk und auch Geschmack, was Sounds und Arrangements angeht.
Weiter geht es mit ,Framework'“‚, einem leicht jazzrockigen Instrumental, das Claus Fischers grandiosen Bass-Sound featured – bzw. einen aus dem Repertoire dieses Band-Players, der nicht nur ein hervorragender Bassist ist sondern auch noch selbst ein wirklich guter Gitarrist – zu hören auf seinem empfehlenswerten Solo-Album ,Downland‘ (2022). , Calibration‘ heißt Track 3 des neuen Hanno-Busch-Albums. Und auch hier wieder: ein eigenwilliges Thema, sehr schöne Sounds von der E-Gitarre, die Arpeggios mit akzentuierten Linien verbindet und einen sehr schönen Flow hat. Diese Handschrift hat Hanno schon lange kultiviert, sie hat auch sein Projekt Sommerplatte vor zehn Jahren im besten Sinne geprägt.

Das ein Track namens ,Post-democracy‘ sehr schräg klingen muss, wissen wir, seit Peter Thiel erfolgreich die Marionette Donald Trump führt. Das Stück klingt stellenweise wie eine SloMo-Cut-up-Version von John Coltranes ,Impressions‘. Hier wird die Freiheit zelebriert, auf musikalischer Ebene, die gerade vielerorts politisch und im ganz normalen Leben verloren geht.
Und auch ,Beginnings‘, mit seinem durch einen ganz tiefen Raum aus Hall- und Delay-Sounds schwebenden einleitenden Gitarrensolo, strahlt anfangs eine gewisse Orientierungslosigkeit aus. Um sich dann aber in einem warmen, Wohlfühl-Setting durchzusetzen. Das macht Hoffnung … Hier „gelingt es Busch, komplexe Emotionen zwischen Kontemplation und Aufruhr, zwischen innerer Ruhe und drängender Unruhe in Klang zu übersetzen“, lese ich im Infotext des Labels über das Album. Sampled. In guten Klang übrigens: Aufgenommen und gemischt hat Waldemar Vogel in den Daft Studios, im belgischen Malmedy, gemastered hat Chris von Rautenkranz. Perspective erscheint digitale Veröffentlichung und als Vinyl-LP, deren Artwork von Daniel F. Hirth an die früheren Alben ,Share This Room‘ und ,Absent‘ anschließt.
Hanno Busch hat bestimmt nicht groß darüber nachgedacht, ob denn jetzt hier
Jazz, Pop, Fusion oder einfach nur Busch-Musik entsteht – dafür sind Parameter wie Transparenz, Ausdruck, Sound-Design und kompositorische Details zu individuell ausgeprägt. Da ist eben aus Freiheit Musik geworden, die Raum hat, die Luft zum Atmen und auch ruhige Momente zum Nachdenken lässt. Vielleicht so dann auch zu Perspektivwechseln. Und das gitarristische Niveau auf dem dieser Musiker seine Kunstwerke produziert, ist mehr als beachtlich. Der letzte Track heißt ,Lucky‘ und ist noch cooler und entspannter als der Rest des Albums. Auch das gibt Hoffnung. Hanno Buschs neues Werk ist ein berührendes Überlebensmittel in bedrückenden Zeiten.
Weitere Infos: www.hannobusch.com
hannobusch.bandcamp.com
Lothar Trampert / Paleblueice.com 02 / 2026