WARUM ICH PHIL COLLINS TOTAL LIEB HABE

Phil Collins 1 Face Value

Ich hatte ihn immer in Verdacht, bestimmt mal derjenige aus der Klasse gewesen zu sein, der fast allen irgendwann oder regelmäßig  total auf den Sack ging, ohne den die Schulzeit aber noch öder gewesen wäre. Und wenn man mal mit ihm Fußball gespielt  oder Musik gemacht hatte – „Wie, du spielst auch Schlagzeug …?!?“ – dann entdeckte man einen echten Typen, ein bischen nerdig, aber als Freund sicher auch ganz wohltuend gegen postkomatöse Depris oder restpubertären Liebeskummer.

Am 03. September 1978 hat mich Phil Collins dann mit Genesis absolut überrascht – und zum Fan gemacht. Als Festival-Headliner. Dabei spielte an dem Tag auch seine geniale Jazz-Rock-Band Brand X eine Rolle, bei der er am Schlagzeug saß. Phil Collins hatte 1976 zu ,A Trick Of The Tail‘ Peter Gabriel als Genesis Sänger abgelöst – vorher war er Drummer der Band.

Für viele Fans war das das Ende; in etwa so, wie als damals Dylan plötzlich E-Gitarre spielte, Johnny Cash Rick Rubin traf, Bowie mal wieder seinen Stil wechselte, die Stones mal wieder nicht ihren Stil wechselten, John Coltrane zu free wurde, Miles Davis zu elektrisch, Santana zu poppig, Pop zu kommerziell und Jazz immer so unterbewertet war. Es war ganz sicher die Geburtsstunde der Phänomene Musiker-Polizei, Genre-Nazi und  Qualitäts-Blockwart Abt. Popkultur. Diese Existenzformen sehen überall das Ende, oder beenden auch gerne selbst.

Natürlich war auch ich 1978 dezent vom Schubladendenken beeinflusst, um so mehr dann überrascht von dem, was ich live erlebte. Phil Collins fand ich als Frontman ganz erfrischend, weil er nicht cool sein wollte, und weil er auch als Genesis-Sänger zwischendurch vom Mikrofon ans Drum-Set flitzte, um seinem Kollegen Chester Thompson mal lachend trommelnd zu zeigen, wo der Hammer hängt. Dagegen war doch der esoterisch-verstrahlte, selbstverliebte Peter Gabriel mit seinen verklärten Anbeter-Teppichtaschen in der ersten Reihe echt eine Tortur. Das hatte nichts mit Sex und Rock’n’Roll zu tun, und Drogen wollte man ja nicht gegen unnötigerweise erzeugte Schmerzen nehmen müssen.

Phil Collins kam irgendwie bodenständig, authentisch rüber, aus dem Leben. Sein Brand-X-Ausflug in die Anonymität war für den Genesis-Popstar eine Überzeugungstat – und deren erste beiden Alben ,Unorthodox Behaviour‘ (1976) und ,Morrocan Roll‘ (1977) echte instrumentale Meisterwerke und sogar letztendlich kommerziell erfolgreich. Beim o.g. Festival, 1978 in einem Fußballstadion in Saarbrücken, war Phil Collins am Mittag Trommler von Brand X, die wirklich schrägen Jazz-Rock spielten, verbrachte den Tag angeblich in seinem Wohnmobil hinter der Bühne und war dann abends Frontman des Pop-Top-Acts Genesis. Cool.

Mit Genesis produzierte Collins 1977 ,Seconds Out‘, und 1978 folgte dann ,And Then There Were Three‘ – sicherlich das bis dahin poppigste Werk der ehemaligen ProgRock-Institution – und dass sie da nur noch Drei waren, hatte auch damit zu tun … ,And Then There Were Three‘ ist ein beeindruckendes Album und  seit Jahren für meine Nachbarn immer mal wieder der sichere Beweis, dass ich zu Hause bin und garantiert die Türklingel nicht höre.

Phil Collins legte sich dann auch noch als Solist ins Zeug – und wurde 1981 endgültig zum Superstar: Ich höre gerade zum zweiten Mal für heute Abend sein Debüt ,Face Value‘ (gekauft im Silvertone Recordstore Köln ;-) – was für Songs, Sounds und Stimmungen, was für coole Grooves und was für eine eigenwillige, soulige Stimme!

Von den Nachfolgern ,Hello, I Must Be Going!‘ (1982),  ,No Jacket Required‘ (1985) und ,…But Seriously‘ (1989) hat mich dann nicht mehr unbedingt jeder Track verzaubert, muss ja auch nicht. Später habe ich Collins auch solo live erlebt, dann noch mal mit Genesis und auf Video mit der Motown-Tribute-Show zu ,Goin‘ Back‘.

Er war/ist auch noch Schauspieler, Familienmensch, Gastmusiker, Live-Aid-Aktivist, Genussmensch, und immer wieder Zielscheibe von angeblich um die Kultur besorgten Kleingeistern, die sich gerne an ihm abarbeiteten um „Niveau“ zu definieren. Auch zu dem Thema hat sich Collins vor einiger Zeit in einem sehr gelungenen GALORE-Interview geäussert. Dass Intoleranz sich besonders gerne in freien Systemen wie der Kunst oder der Demokratie installiert, ist nicht neu. „Warum spielen sie (!) keine gute (!) Musik im Radio?“, „Das ist aber keine Blues-Gitarre!“,  „Du, von Jazz verstehe ich nicht so viel“ an „Also Metal ist wirklich keine Musik für mich… !“, „…gecastete Charts-Kacke“ oder „… voll kommerziell geworden“ sind typische Sprüche zeitgeistiger Reinkultur-Nazis, die die Möglichkeit der freien Wahl des eigenen Musikprogramms noch nicht bemerkt haben. Sie wären in Nordkorea genau so drauf, darauf würde ich wetten.

Es gibt nicht so viele Musiker, von denen man wirklich eine Handvoll Platten richtig gut findet und sie als Typen auch irgendwie bewundert. Neben David Bowie, John Coltrane, Herman Brood, John Scofield, Velvet Underground, Art Pepper, Jim Hall, Lee Konitz, Jeff Buckley, Duff McKagan, Attila Zoller, Steve Lukather, Volker Kriegel, Smashing Pumpkins, Terje Rypdal und natürlich Lemmy Kilmister, dann Helene Grimaud, Billie Holiday, Betty Mugler & Hidalgo, Angelique Kidjo, Aretha Franklin, Isaac Hayes und The Temptations … gehört Phil Collins jedenfalls zur Familie. Mit Genesis, mit Brand X, mit seinen Solo-Platten, seinem Humor und seiner gelegentlich etwas verstimmt wirkenden Nachdenklichkeit. Er liebt Soul, Pop, Rock, Veränderung und Konstanz, ohne deswegen gleich an den Bodensee ziehen zu müssen. Kein Dogmatiker. Guter Junge. Außerdem hat er meine volle Sympathie, weil er ein Lied für alle G.A.S.-befallenen Gitarren-Junkies mitgeschrieben hat: ,Many Too Many‘.

 

Phil who….?!

Für alle, die den Herrn gar nicht kennen und deshalb schon lange den Raum verlassen haben, hinterlege ich hier noch ein Sample der Künstlerin Vicky P. Dia:

„Philip David Charles „Phil“ Collins, LVO, CBE, (* 30. Januar 1951 in Chiswick, London, England) ist ein britischer Schlagzeuger, Sänger, Songwriter, Produzent, Schauspieler und seit 2012 auch Buchautor.
Der Linkshänder wurde sowohl als Mitglied der Rockband Genesis wie auch als Solokünstler bekannt, gehört mit über 250 Millionen verkaufter Tonträger zu den weltweit erfolgreichsten Musikern der Branche und belegt Platz 22 der Billboard Hot 100 All-Time Top Artists. Er lebt in Féchy in der Schweiz …“

Also eigentlich doch relativ nahe am Bodensee.               ;-)

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