VOLKER KRIEGEL: BITON GROOVES

VOLKER KRIEGEL BITON GROOVES

Von den Frankfurter Biton-Studios haben viele Musikliebhaber, Plattensammler, DJs und auch manche Volker-Kriegel-Fans schon mal gehört oder gelesen. Denn hier wurde, neben vielen, lange vergessenen Aufnahmen verschiedenster Künstler, nicht nur das Kriegel-Album ,Lift!‘ (1973) produziert, zwischen 1974 und ‘82 entstanden bei Biton auch noch fünf weitere Alben, an denen der Frankfurter Jazz-Gitarrist (*24. Dezember 1943 in Darmstadt) maßgeblich beteiligt war. Nun produzierte dieses Studio auf eigenem Label aber damals keine „Volker-Kriegel-Platten“, denn da gab es ja schließlich vertragliche Verpflichtungen mit dem Label MPS. Bei Biton produzierte man Library-Musik (Produktionsmusik) für verschiedenste Vertonungs-Anlässe – instrumentale Musikstücke, die auf den LP-Cover-Rückseiten mit sachdienlichen Hinweisen wie „Medium Soft Rock“, „Ballade“ oder „Folk Rock“ plus Besetzungsangaben versehen waren; wobei hier nur die Instrumente („Gitarre, Baß, El.-Klavier, Schlagzeug, Percussion“) angegeben waren, auf die Interpreten wurde, abgesehen von einem Ensemble-Namen, nicht weiter eingegangen. Diese Platten erschienen auch nicht im regulären Handel.

E-Bassist Hans Peter Ströer (*1956), heute erfolgreicher Filmmusik-Komponist, war als Band-Musiker von Volker Kriegels Mild Maniac Orchestra auch an einigen Biton-Sessions beteiligt. „Die Biton-Aufnahmen im Februar 1976 lagen ganz am Anfang meiner Zusammenarbeit mit Volker. Es war ein Geschäftsmodell von Biton und anderen Verlagen damals, auf eigene Kosten sogenannte Verlagsproduktionen herzustellen und die TV- und Radiostationen damit kostenlos zu bemustern. Die Redakteure haben es dann gesendet, Volker – und wer auch immer noch dafür komponiert hat – hat daran über die GEMA verdient, und Biton hat an den Leistungsschutzrechten über die GVL und an den Verlagsrechten über die GEMA mitverdient … Von diesen Biton-LPs dürfte unser Publikum damals kaum etwas erfahren haben, da diese Stücke in der Regel ohne Ansage als Pausenfüller, im Nachtprogramm etc. in Radio und TV gesendet wurden, nicht im regulären Jazz-Programm, wo natürlich unsere ‚richtigen‘ LPs gespielt wurden.“

Jetzt erfährt es das ganz normale Publikum also doch noch. „Gebrauchsmusik! Kommerz! Bah …“ , wird jetzt mancher Jazz-Fan angeekelt murmeln und sich wieder in den tristen Turm der vermeintlich reinen Lehre zurückziehen. Und ganz viel verpassen! Denn hier haben großartige Musiker großartige Musik produziert – und auch noch für einen guten Zweck: Denn neben der Harmonisierung ihres privaten Kontostands kam über diese Art von Produktionen immer wieder guter Jazz in Abspann-Sequenzen von TV-Produktionen, in die Minuten vor den Nachrichten vieler Radio-Programme und wahrscheinlich auch via Konserven-Beschallung in einige öffentliche Veranstaltungen, für die man kaum eine Jazz-Band gebucht hätte.

Biton produzierte also insgesamt fünf Alben, an denen Volker Kriegel beteiligt war – die aber lange Zeit in Vergessenheit gerieten und in vielen frühen Discografien erst gar nicht auftauchten. Sammler im Komplettierungswahn zahlten dann aber immer höhere Beträge für diese LPs, und auch manche DJs hatten den Biton-Sound entdeckt und bezogen Beats & Breaks für ihre eigenen Produktionen daraus. Mit der vorliegenden Veröffentlichung der VOLKER KRIEGEL BITON GROOVES liegen nun insgesamt 37 Tracks in bester Qualität, knisterfrei und auch noch bezahlbar vor, die Kriegel und seine jeweiligen Mitmusikern in den Sessions für die gesuchten LPs BIT 2001, 2002, 2004, 2006 und 2008 eingespielt haben. Und liest man die Namen der Beteiligten (siehe die ausführlichen diskografischen Angaben in diesem Booklet oder auf http://www.volker-kriegel.de), dann wird schnell klar, dass hier die erste Liga des deutschen Jazz und Jazz-Rock am Start war – und alles mehr oder weniger Musiker, die man auch von regulären Kriegel-Alben der jeweiligen Phase kennt: Rainer Brüninghaus und später Thomas Bettermann (e-piano), Peter Giger, Klaus Weiss, Joe Nay & Evert Fraterman (drums/percussion), Eberhard Weber und Hans Peter Ströer (bass).

Ja, und was hört man hier jetzt? Großartige Instrumentalisten, keine Frage – und Musik, die zumindest teilweise auch auf das ein oder andere Kriegel-Album dieser Jahre gepasst hätte. OK, hier und da sind die Melodien und Sounds etwas simpler und eingängiger strukturiert, aber Kriegels Trademarks – seine wunderbaren Chords und Double-Stops, die WahWah- und Sitar-Einwürfe, seine bis heute beeindruckenden Gitarren-Licks in Abwärtsbewegung – all das kann man hier 1:1 erleben. Und natürlich die teils skurrilen Verzerrer-Sounds dieser Jahre, die für viele später geborenen E-Gitarristen lange Zeit einfach nur unfassbar bis unmöglich klangen. Und längst wieder zurück sind …

Ein paar Hörminuten weiter relativiere ich meine Anmerkung zur etwas simpleren Struktur mancher Themen dieser Biton-Aufnahmen: Denn Volker Kriegel hat es immer auch gekonnt, musikalische Komplexität mit Leichtigkeit auszustatten, Perfektion die Natürlichkeit zu belassen und Zeitgeist & Moden nicht über die eigene künstlerische Identität und Individualität bestimmen zu lassen. Das schloss natürlich nicht aus, sich einem Produktions-Kontext anzupassen, sei es bei einem Gastmusiker-Job oder im Rahmen von Gebrauchsmusik-Produktionen wie den hier vorliegenden. Hans Peter Ströer: „Bei den Kompositionen haben wir eine gewisse Rücksicht auf die Radiotauglichkeit genommen, schräge und abstoßende Elemente haben wir vermieden, die Musik sollte gut und leicht anhörbar sein. Von daher war es keineswegs ein Experimentierfeld. Es war im Wesentlichen ein Zusatzverdienst.“

Wer mit Musikern zu tun hat, die schon länger im Geschäft sind, weiß, wie sehr das Verschwinden der klassischen Studio-Jobs und der damit verbundenen Einnahmen das Überleben nicht gerade erleichtert hat. Schade auch, wie viele coole, handgemachten Instrumental-Spots heute einfach nicht mehr stattfinden, weil die Musik kostenminimiert, von drei schlecht bezahlten Fingern am Rechner zusammengeschoben wird. Nein, früher war wirklich nicht alles besser. Aber bei den Biton-Sessions wurde so richtig Musik gemacht. Und im Wesentlichen Kriegel-Musik – selbst bei den gelegentlichen Latin-Überdosierungen der cocktailhaften 1976er-Produktion. Natürlich waren bei Songs wie ,One Day In Summer‘ oder ,Flute Statement‘ die Namen Programm – und/oder die Titel sogar Ironie? Wobei mich da der ein oder andere aufgesetzte Querflöten-Einsatz schon an manche Karikatur des Volker K. erinnert hat: Subtil spürt man eine Distanzierung zum abgebildeten Objekt, ohne dass der Künstler Haltung und Stil aufgibt. Solch ein Statement sitzt dann um so besser.

Man begegnet bei den VOLKER KRIEGEL BITON GROOVES auch Bekanntem: ,Bahia Next Year‘ stammt vom 1975 aufgenommenen Kriegel-Meisterwerk ,Topical Harvest‘ (erschienen 1976) und wurde hier neu eingespielt, in etwas einfacherem Arrangement. Hans Peter Ströers ,Palm Dreams‘ wurde später auf dem Album ,Octember Variations‘ (1977) zu ,Ballad Garden & Palm Dreams‘ verarbeitet. Auch der Duo-Track ,El Naranjo‘, ebenfalls von Ströer kommt bekannt vor: Er tauchte als ,Are You Really Living Next To Me?‘ auf dem 1978 erschienenen Album ,House-Boat‘ wieder auf, das zwei Monate nach der Biton-Session vom Juni des Jahres aufgenommen wurde. Überhaupt sind die Tracks dieser Duo-Produktion von Kriegel und Hans Peter Ströer für das Album Biton BIT 2004 ein Highlight der VOLKER KRIEGEL BITON GROOVES: Neben ihren Hauptinstrumenten Gitarre und Bass spielten die beiden auch die Percussion-Parts ein. Ein großartiges Team in diesen Jahren, das man auch im weiteren Verlauf von CD2 erleben kann, allerdings im Band-Zusammenhang der Mild-Maniac-Besetzung von Kriegel & Ströer mit Thomas Bettermann (e-piano) und Evert Fraterman (drums). Auch da entdeckt man wieder eine bekannte Komposition: Der Titel ,Mr. Solomon‘ war bereits als ,Memory Delay‘ auf ,House-Boat‘ zu erleben. Hier scheinen mir die Biton-Aufnahmen der Session vom Mai 1978 eigentlich am stärksten mit der offiziellen Kriegel-Musik dieser Jahre übereinzustimmen. Keine Kompromisse bei der Auftragsarbeit mehr? Oder war der Zeitgeist auch in der Radio-Pausenmusik angekommen und einfach etwas Funk-kompatibler geworden? Vermutlich beides.

Die letzten sechs Stücke der VOLKER KRIEGEL BITON GROOVES stammen von der LP ,Volker Kriegel & The Groove-Combination‘ (BIT 2008). Während Kriegel, der als traditionell beeinflusster Trio-Jazzer anfing, in den 70ern Jazz und Rock (und auch mal mehr) kontrastierte, kann man diese Aufnahmen von 1982 am ehesten als „Fusion“ bezeichnen, als Verschmelzungsmusik. Da schwingt schon etwas Weather Report in Thomas Bettermanns Keyboard-Sounds mit, und Wilson de Oliveira (Flöte) und Daniel Basanta (Percussion) steuern weitere interessante Farben bei. Kriegel selbst fügt sich hier auffallend unauffällig in die beiden Beiträge von Ströer und Bettermann ein – während er in seinen Eigenkompositionen ,Walking Distance‘ und insbesondere in ,Fountain Valley‘ sehr back home klingt … Seine Musik.

Volker Kriegels sehr eigene Handschrift als Komponist zog sich durch seine gesamte Karriere und prägte z. B. auch seine Aufnahmen mit dem Dave Pike Set und diverse Sideman-Jobs. Ähnliches gilt für den Gitarristen: In seinen ersten Jahren spielte er u.a. eine Framus-Archtop, das legendäre Attila-Zoller-Modell AZ-10, später seine berühmte Framus Billy Lorento mit dem John-Birch-Hals-Tonabnehmer. Eine 1968er ES-335 in Sunburst war nach Kriegels Aussage die beste Gitarre, die er besessen hatte – aber leider irgendwann verkaufte. In seinen späten Jahren beim United Jazz + Rock Ensemble spielte er dann eine neuere, rote Gibson ES-335-Semiacoustic. Wie auch die diversen Verstärker und Effektgeräte seiner Wahl, prägten aber weniger diese Instrumente den Sound des Spielers, als dessen Handwerk an sich. Kriegel war weder Technokrat, noch Gitarren-Akrobat – er war Musiker. Wobei seine Trademark-Licks nicht gerade einfach zu reproduzieren sind, und was er spielte, spielte er auch klanglich, technisch auf höchstem Niveau. Aber es war immer seine Verbindung von Intellektualität und spielerischem Können, von Emotion, Hirn und Hand, die maßgeblich war. Dies ermöglichte seine Musik, seinen eigenen Sound und eine künstlerische Ästhetik, die einzigartig geblieben ist.

Nach der letzten Biton-Session von 1982 erschienen dann noch zwei Alben von Volker Kriegel, ,Schöne Aussichten‘ (1983) und ,Palazzo Blue‘ (1987) – und noch einige LPs des United Jazz + Rock Ensemble. Ab Mitte der 90er-Jahre war Kriegel dann aufgrund gesundheitlicher Probleme in erster Linie als Autor, Übersetzer, Illustrator und Karikaturist aktiv. Um so wertvoller sind diese für einige Fans neuen, alten Aufnahmen der VOLKER KRIEGEL BITON GROOVES, die das Gesamtwerk des Musikers V.K. um viele, schöne Stücke ergänzen. Der weiter oben genannte Herr im Turm (und seine Leidensgenossen) sollte(n) vielleicht doch mal reinhören.

Danke für die Musik, Volker Kriegel.

LOTHAR TRAMPERT ist seit ,Topical Harvest‘ Volker-Kriegel-Fan und arbeitet seit 1990 als Buch-Autor und Musikredakteur für das Fachmagazin „Gitarre & Bass“.

 

 

 

VOLKER KRIEGEL: BITON GROOVES & MORE

Der Jazz-Gitarrist Volker Kriegel (*1943 +2003) zählte zu den wichtigsten europäischen Musikern der Szene. Vor allem seine Veröffentlichungen aus den 1970er- und ‘80er-Jahren waren wegweisend für die Begegnung von Jazz, Rock und Ethnischer Musik. Jetzt wurden zwei wichtige Kriegel-Alben, ergänzt mit bisher unveröffentlichten Tracks wiederveröffentlicht – letztere entstammen dem privaten Tonbandarchiv seiner Familie, das im vergangenen Jahr gesichtet und digitalisiert wurde. MILD MANIAC erschien 1974, zu Kriegels Band Spectrum gehörten Eberhard Weber (b), Rainer Brüninghaus (kb), Joe Nay (dr) und als Studio-Gast Peter Giger (perc). Die Bonus-Tracks sind Live-Aufnahmen von den „Idsteiner Schlosskonzerten 1977“ und eine Solo-Aufnahme aus einem TV-Special.

Das Album SCHÖNE AUSSICHTEN (1983) wurde in unterschiedlichen Besetzungen eingespielt, u.a. mit Hans Peter Ströer (b, synth), Thomas Bettermann (kb), Evert Fraterman, Junior Weerasinghe, Ernst Ströer und Michael Di Pasqua (dr, perc), Frank Loef (sax), Wolfgang Schlüter (vib) und Eberhard Weber (b). Die zusätzlichen Tracks ,Wellenmusik 1-3‘ entstammen dem Experimentalfilm „Wellen“ von Wolfgang Mackrodt. Vielen Kriegel-Fans unbekannt sein dürften die Aufnahmen, die zwischen 1974 und ’82 in den Frankfurter Biton-Studios entstanden sind. Bei Biton produzierte man Library-Musik für verschiedenste Vertonungs-Anlässe – instrumentale Musikstücke, die auf den LP-Cover-Rückseiten mit sachdienlichen Hinweisen wie „Medium Soft Rock“, „Ballade“ oder „Folk Rock“ plus Instrumentierungsangaben versehen waren. Diese Platten erschienen auch nicht im regulären Handel; sie wurden Radio- und TV-Sendern zur Verfügung gestellt, verdient haben Label und Künstler dann über die Gema-Tantiemen, die für Musikeinsätze fällig wurden.

Biton produzierte insgesamt fünf Alben, an denen Volker Kriegel beteiligt war, und auf den zwei CDs von BITON GROOVES liegen nun insgesamt 37 Tracks in bester Qualität vor. Liest man die Namen der Beteiligten (siehe auch die ausführlichen diskografische Angaben auf http://www.volker-kriegel.de), dann wird klar, dass hier die erste Liga des deutschen Jazz und Jazz-Rock am Start war – und alles mehr oder weniger Besetzungen, die man auch von regulären Kriegel-Alben der jeweiligen Phase kennt. Die Musik ist dementsprechend großartig und hätte zumindest teilweise auch auf das ein oder andere Kriegel-Album dieser Zeit gepasst. „Hier und da sind die Melodien und Sounds etwas simpler und eingängiger strukturiert, aber Kriegels Trademarks – seine wunderbaren Chords und Double-Stops, die WahWah- und Sitar-Einwürfe, seine bis heute beeindruckenden Gitarren-Licks in Abwärtsbewegung – all das kann man hier 1:1 erleben. Und natürlich die teils skurrilen Verzerrer-Sounds dieser Jahre, die für viele später geborenen E-Gitarristen lange Zeit einfach nur unfassbar bis unmöglich klangen. Und längst wieder zurück sind …“ ist im informativen Booklet zu lesen. Ein paar „sehr radiotaugliche“ Nummern mit Latin-Leichtigkeit und Querflöten erlebt man hier aber auch. Und einige großartigen Tracks, die man von anderen Alben kennt, in neuen Interpretationen.
Fazit: Alle drei absolut empfehlenswerte Alben, die das Gesamtwerk des Musikers Volker Kriegel um ganz viele wunderbare Musik ergänzen. Mehr davon! lt

PLATTE(N) DES MONATS in Gitarre & Bass 03/2019

TEXT & FOTOS: Lothar Trampert