GUTE MUSIK

DAS EISMEER: LIVE IM SOWIESO NEUKÖLLN

Paul Peuker, geboren 1987 in Freiberg, Sachsen, spielt ungefähr seit der Jahrtausendwende Gitarre, wurde anfangs inspiriert durch Led Zeppelin und Pink Floyd und studierte dann von 2007 bis 2013 an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden Jazz-Gitarre und Komposition. Guter Mix – und Pauls Leben blieb bunt: Heute wohnt er in Berlin, leitet seine Formationen Axiom und Peuker8, und er spielt im Improvisations-Trio Das Eismeer zusammen mit Pianist Marius Moritz und Schlagzeuger Leon Griese. Ihr gemeinsames Debüt ,Selftitled‘ erschien 2017 und ist wie das neue Album ,Live im Sowieso Neukölln‘ über daseismeer.bandcamp.com zu beziehen.
Ich bleibe beim Gitarristen dieses Trios: Paul Peukers Gitarrenspiel erinnert mich an Mick Goodricks Ruhe, an Terje Rypdals Verlorenheit (ohne auch nur annähernd sich dessen hymnischen Nordic Blues zu nähern), dann auch mal an Bill Frisells frühere, schrägere Aufnahmen und Jim Halls späte dezente Offenheit für Experimente, die man ihm eigentlich nicht zutraute. Nicht falsch verstehen: Paul klingt wie keine dieser knapp 30 bis 60 Jahre älteren Ikonen der Jazz-Gitarre – aber er hat deren sympathisches Understatement, er hat auch mit wenigen Tönen diese Tiefe im musikalischen Ausdruck, und er besitzt die Fähigkeit sich zurückzunehmen um das Ganze größer werden zu lassen. Was diese Punkte angeht wären auch David Gilmour und Jimmy Page mit im Boot der Feeling-Verwandten, beide echte Könner, was Song- und Band-Dienlichkeit angeht.
“Die Gitarre auf diesen Aufnahmen ist meine Höfner Club HCT”, erzählt Paul Peuker. “Ein recht preisgünstiges Modell. Mag ich sehr! Dazu mein Fender-Blues-Deluxe-Amp. Effekte verwende ich kaum, in dem Fall nur eine Proco Rat – das Modell ,You Dirty Rat‘ – ein Super Ego von Electro Harmonix (für Synth-Effekte, Klangschichten, Glissandi, langes Sustain etc.) und ein Carl Martin Delayla.”
Paul Peuker würde in punkto Equipment locker als Nicht-Jazzer durchgehen – Dogmatiker ist er anscheinend wirklich nicht. Dazu kommt: Sein wichtigstes Ausdrucksmittel ist bei Das Eismeer die Improvisation, die Interaktion mit seinen beiden Mitmusikern, das Verfolgen des selbst ins Leben gerufenen Flows von kleinen musikalischen Ideen, der zu einem Fluss werden kann und im Band-Namen mündet. Alles passiert spontan: Es gibt bei diesen Ensemble-Improvisationen keine zugrundeliegenden Ideen oder Kompositionen, die Musiker verzichten auch auf Proben, Absprachen, Vorgaben. Improvisierte Musik aus dem Moment heraus. Ein spannendes Trio! lt

 

 

SIMIN TANDER: UNFADING

Die deutsch-afghanische Sängerin Simin Tander ist auf ihrem dritten Solo-Album ‚Unfading‘ mit einer ungewöhnlich besetzten Band zu hören: Der Schweizer Drummer Samuel Rohrer und der schwedische E-Bassist Björn Meyer sind ein gut eingespieltes Team, in dem der Bass auch mal fast gitarristisch Melodien transportiert oder mit eigenwilligen Harmonien trägt. Die barocke Viola d’Amore spielt der Tunesier Jasser Haj Youssef; er setzt den tragenden Bass-Lines und -Chords ganz eigene, dezent exotische Melodien entgegen, die sich oft sehr eng an Simin Tanders Gesang anschmiegen. Bob Dylans ,The Times They Are A-Changin‘ beschließt dieses originelle, chillige, inspirierende dritte Solo-Album. Weitere Infos: www.simintander.com lt

 

 

NIEDECKENS BAP: ALLES FLIESST

44 Jahre BAP – hier ist das 20. Studio-Album! Schöne Gestaltung, die besonders beim Klapp-Cover der Doppel-Vinyl-Ausgabe zum Tragen kommt; alle Texte sind abgedruckt, ebenso detaillierte Angaben zu den Beteiligten – das kennt und schätzt der Fan. Und wer ein paar Euro mehr ausgibt, bekommt auch noch einen Konzert-Mitschnitt mit Zugaben-Material von der 2018er Tour, die ansonsten auf dem Album ,Live & Deutlich‘ dokumentiert wurde.
Sänger, Gitarrist und Komponist Wolfgang Niedecken hat mit seinen Texten bereits einige Generationen erreicht und sicherlich viele Menschen positiv beeinflusst. Keine Frage, dass er auch diesmal wieder Themen der Zeit aufgreift und deutliche Worte singt, wenn es z.B. um potenzielle Zeitbomben wie Donald Trump geht oder um Gegner eines demokratischen Europa. In einem Zitat von Martin Luther King heißt das: “Es kommt eine Zeit, in der Schweigen Verrat wird.”
Ich habe BAP schon ab 1980 einige Male live gesehen, damals noch in kleinen Eifel-Hallen, einem besetzten Kultur-Zentrum in Mainz, später dann in der Sporthalle, auf der Uni-Wiese Köln zum Zehnjährigen etc. Irgendwann hatte ich etwas den Bezug zu dieser Musik verloren, was auch mit dem Ausstieg von Klaus Heuser zu tun hatte. Wobei sein Nachfolger Helmut Krumminga schon vor BAP einer meiner absoluten Lieblingsmusiker war – aber ich war trotzdem irgendwie raus …
Jetzt höre ich das neue Werk und kriege angenehme Erinnerungsgefühle: ,Alles Fliesst‘ ist ein tolles Album geworden, es rockt, und es klingt so warm und voll und organisch, dass man sich absolut zu Hause fühlt. Zu Hause, auf einer Zeitachse von vier Jahrzehnten? Ja, das geht! OK, ich hatte auch in den vergangenen Jahren als Ex-Fan immer noch ein emotionales Verhältnis zu dieser Band, und vor Wolfgang Niedecken habe ich einen Riesen-Respekt, als Mensch, als Künstler und als Klartext-Redner. Und jetzt packt mich auch die Musik, das Gesamtkunstwerk von Niedeckens BAP wieder – was auf jeden Fall mit daran liegt, wie dieses Album produziert ist, wie es klingt, wie die Gitarren gemixt sind und wie es irgendwie swingt.
Damit sind wir bei Ulrich Rode (*1974). Er ist Gitarrist, Komponist und Produzent und seit 2014 bei BAP, als Nachfolger von Hans Heres (1976–1980), Klaus Major Heuser (1980–1999) und Helmut Krumminga (1999–2014). Interessant ist, dass ein so vielseitiger Studio- und Live-Musiker wie Rode (er arbeite u.a. mit Roger Cicero, Right Said Fred, Rosenstolz, Bosse, Helene Fischer, Johannes Oerding, Anna Depenbusch, Jenniffer Kae, Tokunbo, Regy Clasen, Konstantin Wecker und The Kelly Family) sich so sehr den großen Qualitäten der klassischen BAP-Besetzung(en) der 80er- und 90er-Jahre annähern kann, dass man sich auch als temporär etwas verloren gegangener Fan bei diesem neuen Album spontan wieder im Boot fühlt. Das gilt für Rode als Gitarrist und als Co-Produzent des Albums – letzteren Job teilte er sich mit BAP-Multiinstrumentalistin Anne de Wolff.
Ulle Rode hat (neben, wie er für dieses Album angibt “Jack White, Black Keys, George Harrison u.a.”) sicher auch Major Heuser studiert, tippe ich mal … denn ganz viel alte BAP-Magie kam vom spannenden bis angespannten Gespann, dem rheinländischen Jagger/Richards-Pendant Niedecken/Heuser. Diese ganz großen Vibes von damals in die Jetztzeit zu übertragen, ohne dass es müffelt, das ist schon eine reife Leistung. Auf dem o.g. Live-Ergänzungsmaterial ist neben einigen alten BAP-Hits übrigens auch der Stones-Klassiker ,Sympathy For The Devil‘ zu hören. Es bleibt Rock‘n‘Roll!!! So oder so … lt

 

 

KRAAN: SANDGLASS

Als Bassist Hellmut Hattler die Band Kraan mitgründete, stand er kurz vor dem Abitur. Das ist 50 Jahre her. Die weitere Geschichte ist bekannt: Kraan wurde zur erfolgreichsten europäischen Jazz-Rock-Funk-Ethnic-Music-&-more-Band, und bis heute sind 25 Alben der Formation erschienen, davon alleine 15 zwischen 1972 und ‘89. Neben Hattler waren die Brüder Jan Fride (dr) und Peter Wolbrandt (g/voc) von Anfang an dabei, später stießen noch Johannes „Alto“ Pappert (sax) und Ingo Bischof (kb) dazu.
In der Trio-Ur-Besetzung sind Kraan seit einiger Zeit wieder sehr aktiv und lebendig wie nie, finde ich: Denn hört man sich ihr neues Werk ,Sandglass‘ an, erlebt man 13 Tracks, die voller Energie, Gefühl und irgendwie sehr positiver Vibes stecken. Als Gitarre-&-Bass-Leser empfinde ich ,Sandglass‘ einmal als tolles Beispiel dafür, was mit und zwischen diesen beiden Instrumenten alles möglich ist. Und als Musikgenießer staune ich weiter über die Atmosphären dieses Albums, die teils berührenden Melodien und Licks, und über die geschmackvollen und musikalischen Soli. Lustig, wie die ersten Töne von Track 9, ,Hallo Kante‘ an King Crimsons ,The Court Of The Crimson King‘ erinnern, um dann eine ganz andere Richtung einzuschlagen. Sehr schön auch Peter Wolbrandts Balladen ,Gleis 10‘ und das psychedelische ,Das Meer‘, ebenso die Gemeinschaftskomposition ,Moonshine On Sunflowers‘, die relaxte Coolness und sympathische Wärme verbindet – eine Fähigkeit, die ich auch bei anderen Produktionen und Projekten von Hellmut Hattler schon oft bewundert habe. Im letztgenannten Track sind auch einige Samples des 2019 verstorbenen, langjährige Kraan-Keyboarder Ingo Bischof zu hören. Wirklich tollen Einsatz zeigt immer wieder Peter Wolbrandt, auch mal als Slide-Spieler, an der Santana-Gitarre (,Budenzauber‘, ,Rescue‘) und sowie mit Synths und Stimme – immer traumhaft sicher getragen von Jan Fride und Hellmut Hattler. Tolle Band, sehr schönes Album! Kauft direkt beim Erzeuger: http://www.bassball.net lt

 

 

ALI NEANDER ORGAN QUARTET: JAZZ SONGS

Ali Neander gehört zu den Musikern, die die ganze Welt der Kunst interessiert – und zwischen den Rodgau Monotones und funky Schräg-Jazz, zwischen Moses Pelhams 3p-Acts und dem legendären Kevin Coyne ist bekanntlich viel Platz. Den nutzt Ali Neander extrem kompetent und packend aus, und man ist immer wieder verblüfft, wenn man ihn nach einer rockenden Nummer plötzlich im cleanen Handschuhton solistisch abjazzen hört. Er kann es nicht nur, er hat auch das Feeling für verschiedene Arten von Gitarrenmusik. Dementsprechend offen und abwechslungsreich ist auch sein neues Album ausgefallen: Jazz, Songs, Funk, Rock, akustischer Schönklang und härterer, rougher Stoff erlebt man hier. Zu seinem neuen Organ Quartet gehören Sängerin Caro Trischler, Keyboarder Robert Schippers sowie Drummer Ralf Gustke, als Gäste waren Paul McCandless (sax), Kai Eckhardt (b), Laurent Maur (harp), Joo Kraus (tp) und Ulf Kleiner (e-p) beteiligt. Prägend ist immer wieder Robert Schippers Hammond-Orgel, die von unauffällig tragend bis Lifetime-unartig im Vordergrund schmatzend ebenfalls breites Spektrum zeigt. Oft wird die Gesamtstimmung aber etwas leichter, mit Tracks zwischen Latin-Pop-Fusion und Flora Purim @ Return To Forever. Die etwas raueren Einflüsse aus dem frühen Jazz-Rock zwischen Lifetime und Mahavishnu gefallen mir persönlich besser. lt

 

 

BOB DYLAN AND THE BAND 1974 TOUR LIVE

Eines meiner all time favorite Live-Alben ist ,Before The Flood’ von Bob Dylan & The Band von 1974, mit gut 90 Minuten Musik von Bob Dylan (Gitarre, Mundharmonika, Piano, Gesang), dem großartigen Robbie Robertson (E-Gitarre, Gesang) und seinen The-Band-Kollegen Garth Hudson (Orgel, Piano, Clavinet), Levon Helm (Schlagzeug, Gesang), Richard Manuel (Piano, E-Piano, Schlagzeug, Orgel, Gesang) und Rick Danko (E-Bass, Gesang). Vor ein paar Tagen habe ich das 3CD-Set ,Bob Dylan And The Band 1974 Tour Live‘ von 2018 entdeckt. Großartig! Das Album kommt im DigiPak mit Booklet und kostet bei jpc, amz & Co. ca. 20 Euro. Wer die Musik von ,Before The Flood‘ liebt, wird hier glücklich. Die Sound-Qualität der Aufnahmen ist durchweg OK bis sehr gut, ab und zu kratzt es mal oder die Vocals der Band-Musiker bleiben etwas zu weit hinten – das beeinträchtigt meinen Musikgenuss aber hier überhaupt nicht. Unbedingt reinhören! P.S.: Interessant ist, dass ich bei diesem tollen Live-Mitschnitt, wie bei jeder anderen “neuen” Version von ,Blowing In The Wind’, ganz schnell ausschalte. Das Original ist ein Monument, aber mit egal welcher Band wird dieses Stück irgendwie immer bierzeltig. ;-) Ist natürlich Geschmacksache.
++++ Hier noch die detailliertere PRODUKTBESCHREIBUNG eines Anbieters: “For Dylan s first proper tour since 1966, he was joined by his longstanding colleagues The Band. Expectations for both acts ran high, with huge venues swiftly selling out and immense media interest. It was no nostalgia act, though: whilst Dylan performed old material, he did so with considerable attack, as well as showcasing songs from his new Planet Waves LP. The Band also played alone, showing themselves to be arguably the finest group of their sort in the world. This release offers two historic shows from the early part of the tour, both originally broadcast on FM radio. They are presented here together with background notes and images.
+ DISC ONE Bob Dylan & The Band, Boston Garden, MA. January 14th 1974 (WBCN-FM) Bob Dylan: 1. Rainy Day Woman #12 & 35 2. Lay Lady Lay 3. Just Like Tom Thumb s Blues 4. It Ain t Me Babe 5. I Don t Believe You 6. Ballad Of A Thin Man The Band: 7. Stage Fright 8. The Night They Drove Old Dixie Down 9. King Harvest Bob Dylan & The Band: 10. This Wheel s On Fire Bob Dylan: 11. I Shall Be Released The Band: 12. Up On Cripple Creek Bob Dylan: 13. All Along The Watchtower 14. Ballad Of Hollis Brown 15. Knockin On Heaven s Door 16. The Times They Are A-Changin 17. Don t Think Twice, It s All Right 18. Gates Of Eden 19. Just Like A Woman 20. It s Alright, Ma
+ DISC TWO Bob Dylan & The Band, Madison Square Garden, NY, January 31st 1974 (WNEW-FM) Bob Dylan: 1. Most Likely You Go Your Way and I ll Go Mine 2. Lay Lady Lay 3. Just Like Tom Thumb s Blues 4. Rainy Day Women #12 & 35 5. It Ain t Me, Babe 6. Ballad Of A Thin Man The Band: 7. Stage Fright 8. The Night They Drove Old Dixie Down 9. King Harvest (Has Surely Come) 10. When You Awake 11. Up On Cripple Creek Bob Dylan & The Band: 12. All Along The Watchtower 13. Ballad Of Hollis Brown 14. Knockin On Heaven s Door
+ DISC THREE Bob Dylan & The Band, Madison Square Garden, NY, January 31st 1974 (WNEW-FM) Bob Dylan (Acoustic): 1. The Times They Are A-Changin 2. Don t Think Twice, It s All Right 3. Gates Of Eden 4. Just Like A Woman 5. It s Alright, Ma (I m Only Bleeding) The Band: 6. Rag Mama Rag 7. This Wheel s On Fire 8. The Shape I m In 9. The Weight Bob Dylan & The Band: 10. Forever Young 11. Highway 61 Revisited 12. Like A Rolling Stone Encores: Bob Dylan & The Band: 13. Most Likely You Go Your Way And I ll Go Mine 14. Blowin In The Wind”
++++ Weitere INFOS gibt’s in einem sehr guten Wikipedia-Artikel zum Thema. lt  

 

 

    

TERJE RYPDAL: CONSPIRACY

Obwohl ich seit Jahrhunderten Fan des norwegischen Gitarristen und Klangmalers Terje Rypdal (73) bin, hat mich nicht jede seiner Produktionen gleich beeindruckt. Der E-Gitarrist mit dem singenden Ton vor sphärischen Sounds hat die perfekte Balance zwischen individueller Handschrift und künstlerischer Bandbreite gefunden; in seiner umfangreichen Discografie gibt es eine Menge zu entdecken, vom jazzigen Rock-Trio bis zum großorchestralen E-Musik-Projekt. Rypdals Doppel-LP ,Odyssey‘ von 1975 (sie war bereits seine sechste Veröffentlichung) hat bis heute unerreichbaren Kultstatus, sowohl was den europäischen Jazz angeht, als auch in punkto Gitarrenspiel – denn das ist einzigartig. Ob ich wollte oder nicht, habe ich Terje Rypdal dann immer wieder an diesem Meisterwerk mit seinen vielen hypnotischen Momenten, schrägen Sounds und cool jazzrockenden Grooves gemessen. Die neue Rypdal-CD wird vielen Fans von ,Odyssey’ sehr gut gefallen, vermute ich mal. Diese Musik ist aber kein neuer Aufguss des alten Tees, sondern eher so eine Art Homecoming, mit etwas weniger Schärfe, dafür aber mit mehr gelassener Erfahrung und vielleicht auch dem Frieden eines langen Lebens. Keine Angst, es geht hier auch noch gelegentlich HiEnergy-mäßig ganz schräg ab! Mit dabei waren Keyboarder Ståle Storløkken (der bereits an den Alben ,Vossabrygg‘ und ,Crime Scene‘ mitgearbeitet hat), Drummer Pål Thowsen und der großartige Bassist Endre Hareide Hallre. ,Conspiracy‘, eingespielt im Rainbow Studio in Oslo, wurde von Rypdal und ECM-Label-Chef Manfred Eicher produziert. Letzterem ein großes Dankeschön für 50 Jahre einzigartige Musik, die die Jazz-Welt von Europa aus bereichert und mitgeprägt hat. Mit Terje Rypdal und ,Conspiracy‘ ist Eicher einmal mehr ein weiteres, wunderbares Album gelungen. lt  

 

 

DIAZPORA: PING PONG POWERPLAY
Funk Groove Jazz Rock Afro Soul Power – so kennt man die Hamburger Band Diazpora seit 2002. Und seitdem haben sie so einiges an Alben und EPs veröffentlicht – und werden immer besser. Ich habe Diazpora über ihren großartigen Bassisten David Nesselhauf (u.a. auch bekannt vom Projekt Afrokraut) kennengelernt, dessen deepe Lines auch eine Menge des Flairs der neuen Band-Tracks ausmachen. Natürlich gilt das auch für die Bläser, Drummer, Percussion, Keyboards und die cool-hot-explosiven Funk-Licks von Gitarrist Legbo – alles kompetente Könner. Deren klingendes Gesamtergebnis ist was für Tower-Of-Power-Fans, die noch tanzen können. Und die stilübergreifende Dancefloor-Kompatibilität ist wahrscheinlich genau das, was die Musik von Diazpora nie als Retro-Phänomen rüberkommen lässt, wobei die Liebe der Künstler zum Black-Music-Sound der 60er- und 70er-Jahre offensichtlich ist. Ein Glücksfall für Diazpora ist ihr vokales Aushängeschild: Axel Maximilian Feige kommt, was ich aufgrund seines Namens mal vermute, wahrscheinlich nicht aus dem Detroit-Underground oder aus Memphis und auch nicht aus Westafrika. Dabei klingt der Mann immer so, als hätte er heute Morgen noch mit Isaac Hayes gefrühstückt, oder bei The Temptations Kaffee gekocht. Guter Mann, große Band! Ich empfehle die Vinyl-Version des Albums, das in verschiedenen Formaten via bandcamp.com oder http://www.diazpora.de erhältlich ist. Buy direct! lt  

 


  

ANTIPODES DUO: DANCES & DREAMS

Ab und zu mal Konzertgitarrenmusik zu hören (und/oder auch zu spielen) erweitert den Horizont und fördert das Gefühl für das Phänomen “Tone”. Musiker wie der kürzlich verstorbene Julian Bream, Paco De Lucia oder auch John Scofields Nylonstring-Album ,Quiet‘ (1996) sind in ihrer künstlerischen Offenheit inspirierend. In dem Zusammenhang fällt mir noch Ex-Genesis-Gitarrist Steve Hacketts Konzertgitarren-Album ,Sketches Of Satie‘ ein, das er im Jahr 2000 gemeinsam mit seinem Bruder, dem Flötisten John Hackett eingespielt hat.
Auch beim vorliegenden Album ist eine Zweierbesetzung am Start: Das Antipodes Duo besteht aus Pianist Gianni Bicchierini und Gitarrist Giuseppe Buscemi, die auf ,Dances & Dreams‘ “moderne Klassik” interpretieren.: Es geht um im 20. Jahrhundert entstandene Kompositionen von Carlo Galante, Hans Haug, Leo Brouwer, Manuel Maria Ponce und Mario Castelnuovo-Tedesco. Ihre spielerische, instrumentale Virtuosität ist gepaart mit einem sehr intensiven Feeling für die Dynamik, unterstützt von dem wirklich geschmackvollen Einsatz von eher wenig Raumhall der Aufnahme. Sehr gut – denn ich mag dieses “im Kölner Dom”-Gefühl nicht in meinem Wohnzimmer. Pianist Gianni Bicchierini und Gitarrist Giuseppe Buscemi liefern mit diesem Album ein wirklich schönes wie inspirierendes Musikerlebnis nach Hause. Ich werde heute Abend mal meine alte Konzertgitarre entstauben.
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JAN BIERTHER: GUITAR MEETING

Jazz-, Blues- und Funk-Standards, Eigenkompositionen, zwei oder mehr Gitarren, Bass und nur ab und zu mal Schlagzeug – so kann man das musikalische Konzept dieses ,Guitar Meeting‘ grob umreißen. Initiator Jan Bierther trifft sich hier mit den Kollegen Joscho Stephan, Werner Neumann, Glen Turner, dem Essener Gitarrenduo, Ali Claudi, Jörg Seidel, Gregor Hilden, Andreas Heuser und dem Duo Consono – am Bass sind Martin Engelien, Eric Richards, Volker Kamp und Jens Pollheide zu hören, Schlagzeug spielten Sebastian Bauer und Fethi Ak. Dass ein plastischer, eigener Gitarrenton oft intensiver sein kann als viele Töne zeigt das wunderbar gespielte Thema von ,Body And Soul‘, das Jan Bierther mit seiner alten ES-175 von 1956 (mit P90-Pickup) eingespielt hat, gefolgt von einem bluesigen Solo von Ali Claudi und einem jazzigeren Part von Jörg Seidel. Bierther ist Fan von Jim Hall, Tal Farlow, Johnny Guitar Watson und Kenny Burrell, seine momentane Hauptgitarren sind eine Gibson L-7 und eine LSL-Tele. Vielseitigkeit und unterhaltsame Offenheit zeichnet auch die zehn Tracks dieses Albums aus, live eingespielt bei neun verschiedenen Konzerten in Oberhausen und Essen, sowie bei einem Studio-Termin mit seinem langjährigen Duo-Partner Bernd Nestler. Ein Highlight des Albums ist der absolut laid-back interpretierte Crusaders-Klassiker ,Way Back Home‘ mit Gregor Hilden als Solist, und dann das Finale: ,The Thrill Is Gone‘ mit Sänger & Gitarrist Glen Turner. Ein sympathisches, buntes Gitarren-Festival! Kontakt & weitere Infos: http://www.janbierther.de lt  

 

 

DERRICK HODGE: COLOR OF NOIZE

Fette Sounds liefert dieses farbenfrohe Album, das trotz des Titels eher auf Harmonie als auf Krach/Geräusch setzt. Derrick Hodge (*1979) ist nicht nur E-Bassist (Vier-, Fünf- und Sechssaiter), auch am Kontrabass, als Keyboarder, Gitarrist, Komponist und Produzent war er bereits auf Alben von Robert Glasper Experiment, Maxwell, Terence Blanchard und Common zu hören – also in der wunderbar vielseitigen musikalischen Welt zwischen Jazz, R&B und HipHop. Auf seinem dritten Solo-Album für das legendäre Label Blue Note ist er zum ersten Mal mit seiner eigenwillig besetzten Live-Band zu hören: Jahari Stampley und Michael Aaberg (p/org/kb), Mike Mitchell und Justin Tyson (dr), DJ Jahi Sundance (turntables). Man hört diese doppelte Doppelbesetzung nicht sofort heraus, denn hier geht es weniger um Monumentalismus oder Wettbewerb, sondern eher um Vielschichtigkeit, zu der Derrick Hodge via Overdub oft selbst noch mehrere Spuren beisteuert, neben seinen meist tiefen, warmen Basslines noch Gitarre, Piano, Synthesizer, Percussion und auch mal Vocals. Seine Themen sind einfach gestrickt und entwickeln sich oft durch Wiederholung allmählich weiter, was der Musik Ruhe und Bewegung zugleich verschafft. Manchmal geht es gewaltig ab, oft sind aber Hodges’ Lead-Bass-Lines nur von dezenten Keyboards und einer Bass-Drum begleitet zu hören. Ein Sound- und Band-Denker ist hier am Start, mit ganz eigenen Konzepten zwischen den Stilen, dabei aber sehr seelenverwandt mit seinem Teilzeitarbeitgeber Robert Glasper. Dass Derrick Hodge diese Produktion gemeinsam mit dem legendären Don Was gefahren hat, der in der Vergangenheit u.a. Alben von Bob Dylan, The Rolling Stones, Kris Kristofferson, George Clinton, Randy Newman, Carly Simon, Bob Seger, Glenn Frey, Iggy Pop, Khaled, B. B. King, Jackson Browne, Ziggy Marley, John Mayer, Garth Brooks, Ringo Starr, Lyle Lovett, Joe Cocker, Willie Nelson, Elton John, Paul Young, Bonnie Raitt, The B-52’s und The Black Crowes produzierte, spricht für seine künstlerische Offenheit. Post Bitches Brew, Post Jazz Rock, Post Fusion, Post HipHop … hier erlebt man eine sehr lebendige, zeitgemäße Mischung aus den musikalischen Erfahrungen eines sehr coolen Bassisten und Musikers. lt  

 

   

JAZZ À LA FLUTE FEAT. ISABELLE BODENSEH & LORENZO PETROCCA: ESSENZA

Was zuerst auffällt, ist die eigenwillig gelungene Raumauflösung dieser Aufnahme: Man sitzt fast in der fetten Archtop, um dann über sich Klappengeräusche der Querflöte zu hören, deren Luftstrom oft fast physisch zu spüren ist. Und trotzdem stimmt die Balance zwischen den beiden Instrumenten, die sich mal mit Harmonie und Melodie gegenüberstehen, dann aber immer wieder auch mal solo einsetzen oder mit zwei kontrapunktischen Linien arbeiten, die diese Musik so lebendig fließen lassen, dass man ein swingendes Schlagzeug zu fühlen glaubt. Vorhanden sind hier aber nur Isabelle Bodenseh (fl) und Lorenzo Petrocca (g), die wirklich miteinander spielen, gemeinsam Klangfarben kreieren, und sehr schöne Musik machen. Warm, fließend, virtuos, nah … und dabei sind wir wieder bei der Qualität dieser Aufnahme, die Patrick Tompert im Juni 2019 in den Stuttgarter Rossini-Studios produziert hat. Absolut musikalisch ist dieser Mix, der immer wieder mit viel Gefühl das nach vorne holt, was vorne sein soll. Und der spätestens mit diesem Album klarstellt, dass Gitarrist Lorenzo Petrocca und Flötistin Isabelle Bodenseh zu den Besten der europäischen Jazz-Szene gehören. Im Duo sind sie einzigartig – auch wenn sie hier nur eine einzige eigene Komposition spielen. Nein, sie interpretieren, und das wirklich kreativer als viele andere komponieren. Was sie z.B. improvisatorisch aus Chick Coreas (nach ,Spain’ am stärksten überstrapazierten) ,Captain Marvel‘ machen ist Weltklasse – da fühlt man sich im Mittelteil sogar mal kurz in den Jazz-Ausflug auf King Crimsons Klassiker ,In The Court Of The Crimson King‘ versetzt. Absolut gelungen! (VÖ 04.09.2020) lt 

 

   

INGO MARMULLA: DIALOGUES IN BLUE. MUSIC FOR JAZZBAND

Große Besetzung und tolle Musiker! Charlotte Illinger (voc), Michael Heupel (fl), Gerd Dudek (ts), Matthias Bergmann (tp), Thomas Hufschmidt (p), Bernd Gremm (dr), Stefan Werni (b) und Bandleader, Komponist und Gitarrist Ingo Marmulla, der hier auch noch für ein Instrument namens “DX7” verantwortlich ist. Für Spätgeborene informiert Wikipedia: “Der 1983 von Yamaha vorgestellte DX7 war der erste einem größeren Publikum zugängliche digitale Synthesizer.” Den irgendwann niemand mehr hören wollte, weil sich 90 % der Nutzer nur mit 10 % der immer gleichen Sounds befassten, was auch durchaus charakteristisch für einen großen Teil der Fusion-Musik der 1980er-Jahre war. Aber manche Künstler haben es eben auf ihre Art gemacht, und sich nicht von Softeis-Preset-Vorgaben einschränken lassen: Ingo Marmulla hat klassische Gitarre gelernt, freien Jazz mit dem legendären Vibraphonisten Gunther Hampel gespielt, war in Blues-Bands aktiv, hat sich mit Lyrik-Vertonungen, außereuropäischer Musik und der Geschichte seiner Heimat Ruhrgebiet beschäftigt. Dann spielt man auch anders, und so sind seine ,Dialogues In Blue‘ bei allem 80s-Flair rauher, lebendiger, bodenständiger als andere Musik, an denen der DX7 beteiligt war. Marmulla hat einen lebendigen, offenen Gitarrenton, seine Lines und Chords sind tragend und oft zurückgenommen, um dann mit wenigen Tönen auf den Punkt zu kommen und immer wieder mit sehr eigenwilligen Kreationen zu überraschen. “Die eine Hälfte der Musik komponierte ich zu einer Jazz-Kunst Performance, die im vergangenen Herbst 2019 im Recklinghäuser Festspielhaus ganz erfolgreich zur Aufführung kam”, schreibt Ingo Marmulla zu seiner Musik. “Malerei zu improvisiertem Jazz war das Thema. Natürlich überließ ich den Ablauf der improvisierten Musik nicht dem Zufall. Die musikalische Gestalt sollte in einem Dialog zu den spontan entstehenden Bildern stehen … So erklärt sich auch die Verbindung von tonalen und atonalen, von freien und rhythmisch durchstrukturierten Passagen. Es liegt mir sowieso fern, freie und traditionelle Elemente zu isolieren. Beide zusammen bieten ergänzende Ausdrucksmöglichkeiten.” Freiheit trifft Konzept: Im Grunde genommen, ist das immer noch der gleiche Ansatz, den heute Musiker wie Robert Glasper oder Derrick Hodge verfolgen, nur mit einem anderen Erfahrungshorizont aus R&B und HipHop. Ingo Marmulla greift auf die 80er-Jahre zurück, angereichert mit seinen Erfahrungen der freieren 70er und solidem handwerklichem Können, was eigenwillige Bläser-Arrangements angeht. Das macht seine Musik spannend. Tolles Projekt und immer wieder sehr coole Gitarren-Soli mit Feeling. lt 

 

THE SINS OF MY YOUTH: THE BIG SCORE

Seit ihrem 2016 erschienenen Album ,Badlands’ bin ich Fan der Band aus dem Großraum Düsseldorf. ,The Big Score‘ heißt die neue EP. The Sins Of My Youth sind aber diesmal nur Sänger/Songwriter/Gitarrist Tim von Holst, der die vier Tracks an sieben Tagen in den Hafen Studios, Andernach im Alleingang eingespielt hat. Zwei eigene Songs, eine Cover-Nummer von Bon Iver (,Flume‘) und zum Abschluss ein sehr berührendes, rein instrumentales Piano-Stück, auch von Tim eingespielt – ein Erlebnis. ,The Big Score‘ ist auf dem TSOMY-eigenen Label Psalm 25 erschienen, und die CD kann für € 7 inkl. Versand direkt bestellt werden über tsomy.bandcamp.com. lt 

 

  

FRANK ZAPPA: THE MOTHERS 1970

Zappa ist ein Planet. Unglaublich was dieser Mann, bei höchstem künstlerischen Anspruch und unglaublicher Originalität, für einen Output hatte. Alleine in seinen ersten zehn Schaffensjahren, zwischen 1966 und ’76 hat er 22 Alben veröffentlicht, von denen acht in den hinteren US-Charts auftauchten. In Deutschland schaffte es aus dieser Zeit nur ,Hot Rats‘ (1969) auf Platz 45 der Verkaufsliste – allerdings als Reissue, 2019.
Die frühe Zappa-Phase ist auch Thema der hier vorgestellten Veröffentlichung, der 4CD Box ,The Mothers 1970‘ mit 70 bisher unveröffentlichte Studio- und Live-Aufnahmen. Erster Eindruck: Tolle kleine Papp-Box, cooles Cover! Beim Öffnen sieht man als erstes einen einen 70s-typischen Sicherheitsnadel-Button, dann das dicke Foto-Booklet mit 32-Seiten Infos & Impressionen; die vier CDs stecken in einfachen Pappschubern. Alles perfekt und schön soweit. Als erstes höre ich die Studio-Aufnahmen: Diese Musik ist 50 Jahre alt? Yes! Typische Zappa-Songs, ausgedehnte Improvisationen mit Miles-Davis-Bitches-Brew-Flair, jazziger Rock, feine Gitarren-Soli mit Wah und Delay … und ein paar Studio-Anweisungen vom Mann am Pult hört man auch noch zwischendurch. Gut vier Stunden Musik von einer kurzlebigen, prominenten Besetzung sind hier zu erleben: Aynsley Dunbar (dr), George Duke (p/kb/tb), Ian Underwood (org/kb/g), Jeff Simmons (b/voc) und Flo & Eddie aka Howard Kaylan (voc) und Mark Volman (voc/perc). Und natürlich Frank Zappa an Gitarre, Wah-Pedal & Mikrofon, der hier ein paar wirklich unglaubliche Parts abliefert. Er war neben Hendrix in diesem Jahr ganz sicher der virtuoseste Rock-Gitarrist der Szene. Wer das in diesem Line-up eingespielte Album ,Chunga’s Revenge‘ liebt, wird hier nachträglich noch mal reich beschenkt – der Preis von ca. € 49 ist absolut gerechtfertigt für ein solches Kunstwerk.
Die o.g. Studioaufnahmen entstanden in den berühmten Londoner Trident Studios vom 21. bis 22. Juni 1970, die atmosphärische Live-Aufnahmen der niederländischen Piknik-TV-Show drei Tage vorher, der Rest in den USA im September des Jahres. CD4 liefert Mitschnitte, die Frank Zappa selbst von Konzerten angefertigt hat, mit seiner transportablen Uher-Bandmaschine. Geräusche aus dem Publikum und/oder auch mal hallige oder roughe Gesamt-Sounds gehören dazu bei diesen Klangdokumenten. Songs der Alben ,Freak Out!‘ (07/1966), ,Absolutely Free‘ (05/1967), ,We’re Only In It For The Money‘ (01/1968), ,Uncle Meat‘ (04/1969), ,Burnt Weeny Sandwich‘ (02/1970) und eben Material, das dann auf ,Chunga’s Revenge‘ (10/1970) erscheinen sollte ist hier zu hören. Ein unglaublicher Musik-Trip zwischen Rock, Jazz und Avantgarde, zwischen Zappa und dem Rest der Welt. Ein einzigartiger Musiker. SO Selten. lt 

 

   

HENDRIKA ENTZIAN+: MARBLE

Hendrika Entzian ist eigentlich Kontrabassistin. Jetzt hat sie noch Größeres im Sinn: Hendrika Entzian + ist eine BigBand mit fünf Saxophonen, vier Trompeten, vier Posaunen und einer hochkarätigen Rhythmusgruppe – Simon Seidl (p), Fabian Arends (dr) und Sandra Hempel (g). Die Namensgeberin hat sich diesmal auf Komposition, Arrangement und Band-Leitung beschränkt – am Bass steht ihr Kollege Matthias Akeo Nowak (b). Wer den ganz großen Sound mag ist hier richtig: Tolle Arrangements, klasse Aufnahmen (von Christian Heck, Loft Köln), wie immer gelungenes DigiPak-Design von Knut Schötteldreier – und wirklich spannende Musik. Die 1984 geborene Hendrika Entzian wurde bereits 2018 mit dem WDR-Jazzpreis in der Kategorie Komposition ausgezeichnet – im Dezember 2018 entstanden diese Aufnahmen. Auf ,Marble‘ hört man tausend Töne, die diese Auszeichnung rechtfertigen. Großartiges Album! Aber viel zu wenig Gitarre ;-) lt 

 

   

CARSTEN MEINERT: MUSICTRAIN REVISITED

August 1969 in Dänemark: Der junge Carsten Meinert (ts, Varitone) nimmt Musik auf, hörbar inspiriert von John Coltranes Spätphase. Zu den 16 Musikern des bläserlastigen “C.M. MusicTrain gehören u.a. Gitarrist Pierre Dørge und Bassist Henrik Hove. Fast zeitgleich nahm Miles Davis auf der anderen Seite des Atlantiks ,Bitches Brew‘ auf, ab Oktober 1972 entstand ,Love Devotion Surrender‘ von Carlos Santana und John McLaughlin, kurz darauf das Santana-Album ,Welcome‘ – und bei einigen dieser vorher entstandenen Tracks von Carsten Meinert könnte man vermuten, die o.g. Herren hätten da mal reingehört, bevor sie selbst ins Studio gingen. Wer weiß … zu der Zeit war das Carsten-Meinert-Quartet in ganz Europa auf Jazz-Festivals zu hören. Freier Jazz, treibende, rockige Beats, ethnische Musik inklusive eines 34sekündigen Country-Tracks – diese Art des Danish-Crossover kannte ich noch nicht. Andere schon, denn die originale LP ist ein teueres Sammlerstück. Die jetzt auf CD erschienene Neuauflage liefert drei Tracks mehr (Alternate Takes der Album-Stücke; insgesamt bietet die CD ca. 65 Minuten Musik) sowie ein 24-seitiges Booklet mit Fotos und Infos. Auch die originale LP ist wieder erhältlich. lt 

 

 

GARY HUSBAND & MARKUS REUTER: MUSIC OF OUR TIMES

Gary Husband (*1960) ist mehr Menschen als Drummer von Allan Holdsworth, Level 42, Jack Bruce, Gary Moore, Jeff Beck, Robin Trower, Nguyên Lê, Lenny White, Randy Brecker u.v.a. bekannt, als als Pianist. In letzterer Funktion ist er jetzt zusammen mit Markus Reuter (*1972) zu hören, dem Gitarristen, Komponisten und Musikproduzent, dem Robert-Fripp-Schüler, der mit centrozoon, Europa String Choir, Ian Boddy, Pat Mastelotto und bei Tony Levins Stick Men aktiv ist und seit 2012 in The Crimson ProjeKct spielt. Was die beiden Musiker gemeinsam improvisatorisch betreiben findet in der beatfreien Zone statt: große Hallräume, schwebende Pianoklänge und sehr vielfältige, sphärische Sounds von Markus Reuters achtsaitiger Touch Guitar AU8 plus Live-Elektronik. Das ist ein wirklich inspirierender Chill-Soundtrack, irgendwie abstrakt, schöne Musik, eingängig aber nie banal. “This is the Köln Concert for the 21st Century. Sublime.”, schrieb Kollege Sal Pichireddu von Betreutes Proggen. So kann man das hören. Ich gehe mal davon aus, dass Keith Jarrett nie wieder deutschen Boden betreten wird, Sal! Aber wir haben ja jetzt ,Music Of Our Times‘. lt 

 

 

   

LUISE WEIDEHAAS: SHORE

Sie ist Sängerin, schreibt Musik & Texte und spielt akustische Gitarre. Luise Weidehaas lebt in Düsseldorf und ist eine ganz besondere Musikerin, denn sie kann mit intensiven Minimalismen faszinieren. Ihre deutschsprachigen Songs irritieren mit eigenwilligen Texten, strahlen dabei mit irgendwie eingängigen, repetitiven Melodien Leichtigkeit aus, und ziehen dich dabei in eine ganz eigene Welt. “Entstanden sind meine Lieder unterwegs, auf Reisen, maßgeblich inspiriert durch das In-der-Natur-Sein, nichts ist sinnbildlicher für Freiheit als das Meer, die Küste”, schreibt Luise zu ihrem Album. ,Shore‘ wurde von dem Kölner Cellisten David Schütte (Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld) aufgenommen, arrangiert und produziert.
Zudem hat David, neben u.a. Guido Sprenger (Hello Piedpiper) und Lilit Tonoyan (Cologne World Jazz Ensemble), die meisten Instrumente eingespielt.” Die Produktion ist so sensibel wie die Songs gelungen, und jedem Track hört man an, dass er auch nur mit Stimme, mit ein wenig Gitarrenpuls und vielleicht sogar auch auf Papier funktionieren kann. Musik, Poesie, Sound, Gefühl, Distanz, Berührung … – Luise Weidehaas kann all das und noch mehr nur mit akustischer Gitarre & Stimme rüberbringen, und diese sehr gelungene Produktion zaubert noch einen Hauch von Wehmut um sie herum. Seit Betty Mugler (Hidalgo), Naima Husseini und Hope Sandoval (Mazzy Star) hat mich keine Sängerin & Gitarristin mehr so beeindruckt. Berührt. lt 

 

   

LARKIN POE: SELF MADE MAN

Starke Stimmen, starke Gitarren. Larkin Poe, aka Rebecca und Megan Lovell haben ihr neues Album selbst produziert und auf ihrem eigenen Label „Tricki-Woo“ veröffentlicht. Irgendwo zwischen Alternative-Country und New-Southern rocken sie ab, und insbesondere die fetten Slide-Lines von Megans Lap-Steel verleihen den teils hymnischen Tracks immer wieder atemberaubende solistische Spots, die bei Gitarristen Gänsehaut erzeugen können. Einige Songs haben da schon Stadion-Rock-Format, was mit dem immensen weltweiten Erfolg der Schwestern zu tun haben könnte. Ein Titel wie ,Back Down South‘ glänzt dagegen mit einer Mischung aus ZZ-Top-Coolness und Studio-Perfektion mit Überraschungspotenzial – das gefällt mir noch besser, insbesondere das kleine beeindruckende erste Gitarrensolo von Tyler Bryant. Auch ,God Moves On The Water’ (1929 von Blind Willie Johnson geschrieben) oder ,Danger Angel‘ haben mehr von diesem bodenständigen Handmade-Approach, der Larkin Poe so faszinierend macht. Dass der gegen Ende des Albums noch mal etwas von Country-Klischees überlagert wird, ist zu verschmerzen. Denn auch dabei klingen sie immer noch ein bisschen anders. Gut so. lt 

 

   

CHRISTY DORAN’S SOUND FOUNTAIN: LIFT THE BAR

Christy Doran’s Sound Fountain sind der in der Schweiz lebende Ire Christy Doran (g), Franco Fontanarrosa (b) und Lukas Mantel (dr). Ihr Album ,Lift The Bar‘ wurde im Juni 2019 in den Soundfarm Studios in CH-Obernau von Steffen Peters aufgenommen – und es platzt vor Live-Energie! Noch besser kommt, dass man bei diesem Gig nicht vor sondern zwischen den Musikern zu sitzen scheint. Das ist in unseren distanzfordernden Zeiten, aber auch angesichts des unberechenbaren Geschehens ein echter Trip: Christy Doran gehört ganz sicher zu den aufregendsten, eigenwilligsten, unberechenbarsten Gitarrenbedienern nach Jimi Hendrix und Sonny Sharrock. Er ist ein Musiker, der immer zwischen abstraktem Experiment und rockender Bodenständigkeit agiert, der auch mal ein paar Chords lang wie ein Scofield-Fan klingt, um dann in einer abstrakten Miniatur den Outa-Space-Gitarren-Gesandten oder den Post-Mahavishnu-Speed-Rocker zu geben. Und Christy Doran ist John-Coltrane-Fan – dem legendären Saxophonisten und dessen Auftritten in der Rave Musical Bar in Philadelphia, Ende der 1950er-Jahre, hat er dieses Album gewidmet. Ein wirklich ungewöhnlicher Gitarrist und Klangkünstler, abseits jedes Mainstreams, ist hier zu hören – und als Duesenberg-Endorser hätte ich ihn kaum vermutet. Immer gut für Überraschungen. lt 

 

   

CRYPTEX: ONCE UPON A TIME

Bei Simon Moskon (voc/kb), Marc Andrejkovits (b), Andre Jean Henri Mertens (g) und ihrem trommelnden Kollegen Simon Schröder, weiß man nie so recht, in welchem Jahrzehnt der Rock-Historie man sich gerade befindet. Queen, Jethro Tull, britischer Art-Rock? Nein, es sind Cryptex from Germany, gegründet 2008 und seitdem hyperaktiv: Mehr als 250 Konzerte in 23 Ländern haben sie gespielt, u.a. als Opener von Pain Of Salvation, Threshold und Alice Cooper. Und auch dieses dritte Album der Band aus Niedersachsen hat immer noch die immensen Überraschungseffekte, mit denen mich Cryptex vor über zehn Jahren im Finale des School-Jam-Musikwettbewerbs umgehauen haben. Von der damaligen Besetzung ist nur noch Sänger, Keyboarder, Performer Simon Moskon am Start – ohne Frage ein starker, prägender Kopf. Und ein Musiker, dessen Konzept so aus der Zeit gefallen zu sein scheint, dass man ihn wie einen Zeitreisenden empfindet, der im Auftrag des frühen ProgRock alte Farben in die eintönige Musiklandschaft zwischen den Burgen von Dream Theater und Steven Wilson bringen soll. Gelungen! Authentischer, rockiger und packender kann man dieses Retro-Genre nicht bedienen. lt 

 

    

IGGY POP: THE BOWIE YEARS

The best in a box für Pop-Fans: Die neu gemasterten Versionen von ,The Idiot‘, ,Lust For Life‘ und des Live-Albums ,TV Eye‘, alle drei aus den Jahren 1977/78 sind ein absolutes Muss für alle, die Iggy Pop, lauten und schrägen Rock, David Bowie, Punk der noch punkig war und überhaupt eigenwillige Kunst lieben. Neben den o.g. Meisterwerken enthält die 7-CD-Box noch drei weitere Konzertmitschnitte sowie seltene Outtakes und alternative Mixe bekannter Tracks, außerdem ein 40-seitiges Hardcover-Buch und ein 12-seitiges Heft, die beide jede Menge Fotos, Infos, Credits, Interviews mit Musikern und Fans etc. liefern.
David Bowie hat seinen Freund und Junkollegen Iggy Pop bei diesen beiden legendären Alben in den Berliner Hansa-Studios als Produzent und Musiker unterstützt; auch bei einigen Live-Tracks ist Bowie als ein Instrumentalist zu hören, dessen Einfluss mehr als prägend war. Von einem für meinen Geschmack nervenden Single-Hit wie ,The Passenger‘ sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn Iggy Pop ist ein extrem vielseitiger und spannender Musiker, mit und ohne David Bowie. Und wer letztendlich hier wen wie beeinflusst hat, ist wohl kaum noch zu klären. Die Kreativität strahlte in alle Richtungen, vermute ich mal. Randnotiz: Pops langjährige Sidemen Hunt (dr) und Tony Sales (b) tauchten später in Bowies Band Tin Machine (gemeinsam mit Gitarrist Reeves Gabrels) auf.
Es gibt bei dieser Veröffentlichung nur ein einziges Manko, und das ist wirklich unverständlich: Warum hat man die ursprünglichen Cover der drei originalen Alben ,The Idiot‘ (03/1977), ,Lust For Life‘ (09/1977) und ,TV Eye Live 1977‘ (05/1978) hier nicht wenigstens ein einziges Mal abgebildet? Es handelt sich immerhin um Ikonen der Rock-Musik, und die Verpackung/Gestaltung einer LP-Hülle war immer schon Teil des Kunstwerks – aka “Cover Artwork”. Da wäre etwas mehr an Respekt vor diesen epochalen Werken schon angebracht gewesen. Trotzden eine klare Empfehlung. lt 

 

 

REZA ASKARI: MAGIC REALISM

Gibt es eigentlich so richtig tolle, grafisch sehr individuell und eigenwillig gestaltete LP-Cover, und die darin verpackte Musik enttäuscht dann auf voller Länge? OK, es gibt alles, aber meine Quote an Cover-bedingten Flohmarkt-Käufen, die dann auch coole Sounds mit nach Hause lieferten, war bisher erfreulich. Auch die neue Platte des Kölner E- und A-Bassisten Reza Askari ist ein echtes Design-Highlight, hat mich aber vor allem interessiert, weil ich von diesem Musiker schon eine Menge feiner Aufnahmen gehört habe, u.a. mit seiner Band Colonel Petrov’s Good Judgement, dem Benedikt Koch Quintet und dem Matthias Schwengler Trio mit Gitarrist Philipp Brämswig. Der 1986 in Fulda geborene Reza Askari studierte von 2006 bis 2012 zunächst E-Bass bei Marius Goldhammer an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, wechselte dann 2008 zum Kontrabass und setzte sein Studium bei Dieter Manderscheid, Sebastian Gramss und Robert Landfermann fort. 2012 gründete er sein eigenes Trio ROAR mit Stefan Karl Schmid (sax) und Fabian Arends (dr), mit dem auch sein neues, zweites Album , Magic Realism‘ eingespielt wurde. Hervorragend aufgenommen von Christian Heck im Kölner Loft, erlebt man hier ein absolut nahegehendes Klangbild mit fetten Upright-Basslines, einem warmen Saxophon-Ton und einem feinen, tragenden und lebendigen Schlagzeug-Sound. Sechs der acht Kompositionen stammen vom Leader, zwei vom Saxophonisten – und faszinierend ist die Umsetzung: Hier klingen die beiden linearen Instrumente unglaublich dicht, das eigenwillige Drum-Spiel von Fabian Arends wirkt manchmal so, als würde er nicht den berühmten Teppich legen sondern eher ein Spinnennetz weben, das mit Symmetrie wenig am Hut hat. Reza Askaris Basston ist plastisch, hat wenig perkussive Anteile, dabei aber Lebendigkeit und oft einen deepen Punch, der jede konventionelle Kick-Drum verblassen lässt. Wer modernen, zeitgenössischen Jazz mag, Instrumentalmusik mit Space, mit Luft zum Atmen, mit Tiefe und mit Chill-Faktor, erlebt mit diesem Trio wunderschöne Musik – die auch mal abgehen kann, wie im sehr coltranig pulsierenden ,The Return Of The Beam‘. Und nochmal: Was für ein Cover-Foto! Plus rote Innenhülle, gelbes Label, blaues Vinyl und einen Download-Gutschein gibt’s auch noch dazu. Kauft Kunst beim Künstler: http://www.reza-askari.com lt 

 

 

ALPENTINES: BLACKNESS

Es ist schon ein sehr spezielles Erlebnis, wenn man bisher unbekannte Musik auf Vinyl zu langsam hört – also auf 33 anstatt 45 RPM. Mit letzterer Abspieleinstellung rechnete ich als passionierter Schubladendenker nicht beim neuen, zweiten “Album” (not EP) der Kölner Band Alpentines. OK, ich hatte direkt davor Jimi Tenor gehört, und das macht flexibel; der Zeitbeschaffer Corona besorgte den Rest an Toleranz. Nach drei mulmigen Minuten und Spekulationen über unbekannte neue Drogen, analoge Wunderwaffen und verpasste Trends, bin ich jetzt aber beim korrekten Tempo gelandet – doch Alpentines klingen immer noch genau so cool, entspannt und jedem Zeitgeist noch nicht mal den Mittelfinger zeigend wie vorher. “Alpentines sind: Kay Lehmkuhl: Vocals, Guitars, OP1 / Marian Menge: Guitars, Mandoline, Banjo / Philipp Gosch: Bass, Mellotron, Additional Sounds / Kurt Fuhrmann: Drums, Percussions, Keys, Synths, Drum Programming”, verrät das Info zum Album. Und Alpentines sind großartig, verrate ich jetzt hier schon wieder – vielleicht noch begeisterter als beim Debüt ‚Silence Gone‘. Das, weil ich auch die unter “File under” genannten Styles N’ Icons Jeff Buckley, James Blake, Apparat & Indie/Postrock/Electronica feiere, weil ich die warm und etwas hinter dem Vorhang aufgenommene Stimme von Kay Lehmkuhl so mag, oder weil mir die unfassbaren Gitarren- und Synth-Sounds oder die retromonumentalen Walls-of-Sound(s) diese prickelnden Gefühle verschaffen, die ich von ,In The Court Of The Crimson King’- Genüssen, ersten Radiohead-Brainfucks oder immer wiederkehrenden David-Bowie-Überdosierungen kenne. Eine Telefonstimme flüstert mir noch Talk Talk zu … Nein, das waren jetzt keine Vergleiche, sondern nur namedroppende Überspielung von Sprachlosigkeit. Was für eine großartige Band! Und was für ein Beweis, dass neue Wege mit alten Mitteln funktionieren. Jetzt ist auch schon die B-Seite der LP zu Ende. ,Blackness’ ist eine sehr, sehr reife Leistung. Und auch im Slow-Modus ein tolles Album. lt 

 

  

FRANKFURT RADIO BIG BAND: KRIEGEL TODAY!

Kompositionen des Jazz-Gitarristen ‎Volker Kriegel in BigBand-Arrangements? Das geht sehr gut, wie man am 22. und 23. November 2018 im Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt erleben konnte, als die hr-Bigband unter der Leitung von Jim McNeely acht Stücke aufführte, die man so noch nicht kannte: ,Lift!’, ,Morandi’, ,Mild Maniac’, ,Missing Link’ u.a. inzwischen 40 Jahre alte Kriegel-Tracks wurden hier vom hr-BigBand-Gitarristen Martin Scales und seinen Kollegen John Schröder und Jesse van Ruller interpretiert; am Bass ist übrigens der ebenfalls großartige Hans Glawischnig zu hören. Während letzterer als tragender Ruhepol, gemeinsam mit Schlagzeuger Jean-Paul Höchstädter das große BigBand-Schiff am Gleiten hielt, lieferten sich die drei Gitarristen sehr heiße Battles und zeigten in ihren Soli extrem unterschiedliche Interpretations-Ansätze der Kriegel-Musik. Während John Schröder immer wieder aufs Gaspedal drückte und Mahavishnu@Malmsteen-Assoziationen weckte, agierte Jesse van Ruller wesentlich traditioneller – dazwischen Martin Scales, ein Musiker, der Jazz und Rock kann, und auch nach rechts, links, oben und unten schaut; diese Art von Offenheit passt zur Aufgabe. Ein geschickter Zug, diese drei so unterschiedlichen Solisten zu verpflichten, denn keiner von ihnen spielte sich gitarristisch in die Nähe des Kriegel-Stils. Nur in ,Prinz Eisenherz‘ gehen die beiden Solisten Scales und van Ruller etwas mehr auf Tuchfühlung – allerdings kommen sie auch hier Kriegel nie so nahe wie die Arrangements von Jim McNeely, die den Spirit der Musik einfach nur wunderbar aufleben lässt. Das packendste Solo des zweiten Konzertabends, den ich in Frankfurt live erlebte, kam übrigens von Saxophonist Tony Lakatos. In dem Zusammenhang: Die jetzt vorliegenden Aufnahmen klingen um Klassen besser als das Konzert und der Live-Stream (die auch schon sehr gut rüberkamen) – sehr gute Arbeit von Axel Gutzler (Recording & Mix) und Johannes Scheibenreif (Mastering). Schönes Album. lt 

 

  

SUSAN WEINERT RAINBOW TRIO: DER BAUM VOR MEINEM FENSTER

Es fällt schwer, diese schöne Musik zu hören und etwas dazu zu schreiben. Die Gitarristin Susan Weinert ist am 02. März 2020 im Alter von 54 Jahren verstorben – nach 15 Alben, mehr als 3000 Konzerten und über drei Jahrzehnten als aktive Musikerin. Immer an ihrer Seite war Susans Lebensgefährte und Bassist Martin Weinert. Seit gut zwei Jahren spielten sie im Trio mit dem Pianisten Sebastian Voltz, und diese Besetzung wirkte von Anfang an unglaublich organisch. Nicht so alltäglich angesichts der Tatsache, dass hier jemand plötzlich neben einem eingespielten Zweier-Team steht und mitmischt. Hier funktionierte das mehr als perfekt – und Susan war sehr glücklich mit dieser Besetzung.
Das Susan Weinert Rainbow Trio nahm am 04. Juli 2018 in den Bauer Studios, Ludwigsburg, das Album ,Beyond The Rainbow‘ auf – der Live-Mitschnitt wurde im April 2019 offiziell veröffentlicht, und es war ein Susan-Weinert-Album, das mich begeistert hat. Nein, es war ein Rainbow-Trio-Album, das mich begeisterte, faszinierte und staunen ließ: über die Entwicklung dieser Künstler, über ihren Glücksfang am Piano, und über schöne Musik mit Tiefe.
Das zweite Album dieses Trios habe ich unter denkbar schlechten Bedingungen auf susanweinert.com entdeckt – und eine Woche lang stand das Thema Musik weit im Hintergrund. Dann lag die CD auf dem Tisch, und gestern habe ich sie ausgepackt und in den Player geschoben. Ich hörte Musik, die erzählt, dass es nur um die Musik geht, um die Liebe zur Musik, um die Liebe zu Menschen. ,Der Baum vor meinem Fenster’ ist Klang/Raum/Poesie – und vielleicht die intensivste und dreidimensionalste Klangkunst, die ich von Susan und Martin Weinert gehört habe. Aufnahme, Mix und Mastering besorgten Gérard de Haro & Nicolas Baillard im Studio La Buissonne in Pernes les Fontaines, Frankreich; ermöglicht wurde die Produktion durch die Unterstützung der Wolfram Frei GmbH in Rheinau. Die acht Tracks sind originell arrangiert, Susans Nylonstring-Gitarre klingt voll und warm, Martin Weinerts Kontrabass trägt und verbindet, seine gestrichenen Linien sind sehr ausdrucksstark. Und Pianist Sebastian Voltz zaubert auch bei diesem Blick aus dem Fenster so etwas wie das Wetter, die Luft, das Licht, den Wind … absolut songdienlich, aber immer auch verbindend, interagierend.

Das Trio heißt Rainbow, und beim Regenbogen zählt man nicht die Farben und referiert über ihre jeweilige Intensität und Abgrenzung. ,Der Baum vor meinem Fenster’ ist so ein Regenbogen-Erlebnis – einfach schön und intensiv. Und danach geht man auch an traurigen Tagen kurz lächelnd durchs Leben. Ich weiß nicht, ob Susan Weinert das so wollte – ich bedanke mich trotzdem bei ihr dafür. Werde sie vermissen.
Die CD ist ab sofort erhältlich und kann online über susanweinert.com bestellt werden. Jede Unterstützung hilft in der momentanen Situation sehr weiter. lt 

 

 

 

  

DEE DAMMERS: BUBBLY JOYRIDE TO UTOPIA

Eins vorab: Fabian Dee Dammers (*1992) hat mit seinem instrumentalen Solo-Debüt alles richtig gemacht. Den Gitarristen, Komponisten und Songwriter kennen Rock-Fans als Mitglied von Udo Dirkschneiders Band U.D.O. – oder auch vonn Dees eigener Pop/Metal Band „Dirty D‘Sire“, mit der er zwei Alben produziert hat. Und jetzt solo, instrumental, gitarristisch – und extrem bunt und offen durch die Stile gehen die 14 Tracks des Ende März 2020 erschienenen neuen Albums. ,Bubbly Joyride To Utopia‘ soll Geschichten ohne Worte erzählen, und dabei „übernimmt die Gitarre die Rolle des Geschichtenerzählers und begleitet den Zuhörer auf einen Ausflug ins Reich der Fantasien, wo das Unmögliche möglich wird, Träume zur Realität werden und die Imagination eine Stimme hat“, schreibt uns der Künstler. Das kann schon sein – mir gefallen aber ganz andere Qualitäten dieses Albums: Einmal ist es ein einziger Trip durch eine extrem bunte Gitarrenwelt zwischen Shredding, Fusion, Blues-Rock, Metal, Country, Jazz, Muzak etc., handwerklich sehr beeindruckend gespielt, und was die musikalischen Ideen, Sounds, Kompositionen, Arrangements und die Produktion insgesamt angeht, absolute Weltklasse. Wann hat mich zuletzt ein Satriani- oder Vai-Album so beeindruckt? Dee rockt, lickt, groovt und rolled hier einfach unglaublich, und seine Vielseitigkeit erinnert mich gelegentlich an Jennifer Battens großartiges Debüt-Album ,Above, Below And Beyond‘, das genau so alt ist wie Fabian Dammers. Zwischen die 13 Tracks haben sich auch noch ein kleines Hörspiel (,Floor 13‘) und ein mysteriöses Intermezzo (,Worst Nightmare‘) geschmuggelt, und im letzten Track ,Other Worldly‘ zeigt uns der Gitarrenmeister, dass er auch ordentlich swingen kann und klassisches Chord-Comping draufhat. Als Bonus-Track gibt’s das Titelstück noch mal in einer scharfen Live-Fassung. Mit beteiligt an dieser wirklich umwerfenden Produktion waren neben Fabian Dee Dammers (g/kb) noch Robert Söhngen (dr), Leon Dombrowski (b), Phil Schwerhoff (p), Melissa Tendick (viol), Manuel Cohnen (mix) und die Firma vdpictures besorgte das extrem gelungene Artwork. Möglich gemacht wurde diese Produktion durch viele zahlende Fans des Musikers, die seine Crowdfunding-Kampagne für ,Bubbly Joyride To Utopia‘ unterstützt haben. Großartig! Weitere Infos und CD-Bestellung: http://www.deedammers.com. lt

 

 

 

JOHN SCOFIELD: SWALLOW TALES

Keine Frage, John Scofield (g) und Steve Swallow (b) haben Musikgeschichte geschrieben, und das nicht nur an (und in) Gitarre & Bass. Zusammen mit Drummer Adam Nussbaum veröffentlichten sie zwischen 1980 und ‘82 drei legendäre Studio-Aufnahmen (,Bar Talk‘, ,Shinola‘, ,Out Like A Light‘), tourten durch die halbe Welt und definierten das klassische Gitarren-Trio ein bisschen anders. Seit Anfang der 90er-Jahre war Bill Stewart (dr) häufig mit Scofield zu hören, er ist auch der Schlagzeuger dieser neuen Trio-Produktion: ,Swallow Tales‘ präsentiert, wie der Name schon vermuten lässt, Kompositionen von Bassist Steve Swallow – und die zeigen (bei alles Qualitäten des musikalischen Materials) einmal mehr, was für ein dominanter Solist Scofield ist. Oder etwa, wie sehr Swallow schon immer Scofields Musik und die seiner Trios geprägt hat? Oder beides? Über instrumentale Musik sollte man nicht viele Worte verlieren: Hier stimmt jedenfalls mal wieder das bewährte musikalische Konzept, es findet keine stilistische Revolution statt, man hört einfach nur großartige Künstler, die das Thema Jazz auf ihre ganz eigene Art, irgendwo zwischen klassischer Jim-Hall-Moderne und swingender Scofield-Trio-Elektrotechnik feiern. Cool! (Veröffentlichung: 15. Mai!) lt

 

  

TIL SCHNEIDER BAND: SOLID SENDER

Hot Buttered Urban Blues“ haben die Kölner Musiker Til Schneider (g/voc), Gero Körner (organ) und Benedikt Hesse (dr) auf ihre Stilschublade geschrieben – wer denkt da nicht an das legendäre Soul-Funk-Pop-Album ,Hot Buttered Soul‘ von Isaac Hayes, einer unerreichbaren Black-Music-Ikone. Die Til Schneider Band hat jedenfalls die musikalische Wärme und die eigenwilligen, prägnanten wie zurückhaltenden Grooves ihres Idols verstanden, und würzt damit ihren eigenen Blues-Soul-Rock-Mix. Die knackigen E-Gitarren-Licks des Bandleaders kommen absolut souverän und gekonnt rüber, eine Hammond ist eine Hammond ist eine Hammond und Benedikt Hesse ein energetischer Drummer, der diese Band dezent fliegen lässt. Erfahrene Musiker, das hört man – und Til Schneider ist wirklich ein toller Gitarrist, der sich immer mit Respekt und Feeling an jeden Song ranspielt, tolle Intros und Fills raushaut, und natürlich auch etliche sehr prägnante Soli. Weitere Infos unter tilschneiderband.com. Gute Band! lt

 

KENNY BARON / DAVE HOLLAND TRIO FEAT. JONATHAN BLAKE: WITHOUT DECEPTION

Pianist Kenny Barron und Kontrabassist Dave Holland sind hier mit Drummer Jonathan Blake zu hören ­– einer neuen Besetzung, und einer Aufnahme, die auf Hollands eigenem Label Dare2 Records erscheint. Der 1946 in England geborene Jazz-Bassist und Komponist spielte in den 60ern u.a. mit Alexis Korner und der Haus-Band des Londoner Ronnie Scott’s Jazz Club, wo ihn Miles Davis entdeckte und in die USA einlud. Durch dessen 1969 aufgenommenes Album ,Bitches Brew‘ wurde dann auch Holland am E- und am Kontrabass international bekannt, berühmt und begehrt – wie seine Kollegen Joe Zawinul, Larry Young, Chick Corea, John McLaughlin, Billy Cobham u.a. Vom elektrischen Soul-Funk-Rock-Jazz-Gebräu dieser Phase entfernte sich Dave Holland schon früh wieder, und spielte ab den mittleren 70er-Jahren vorwiegend zeitgenössischen, akustischen, swingenden Modern Jazz, so u.a. im Trio Gateway, mit John Abercrombie (g) und Jack DeJohnette (dr). ,Without Deception‘ bietet eine Mischung aus straight-ahead-interpretierten Fremd- und Eigenkompositionen. Interessante Rückbesinnung auf die Jazz-Tradition der 50er/60er-Jahre. ju

 

  

JO JENA: JO JENA

Jo Jena ist Gitarrist und seine Musik schwebt irgendwo zwischen Jazz, Ambient und Avantgarde. Der in Frankfurt/Main lebende Künstler beschäftigt sich neben der elektrischen und der (elektro-)akustischen Gitarre auch mit Musikelektronik. Da treffen schon mal klassisches Konzertgitarren-Handwerk auf diverse Apps & Tools, Synths und Sequenzer. Einen schönen Überblick der Bandbreite von Jo Jenas Kunst bekommt man auf seiner Bandcamp-Seite und auch dem YouTube-Kanal, wo er auf der Splitscreen mit sich selbst spielt oder sehr freie Solo-Improvisationen auf der Nylonstring vorstellt. Zugänglicher sind Jo Jenas Duo-Aufnahmen mit Percussionisten, die man auf jojena.bandcamp.com findet – zwei Klicks weiter landet man dann bei der ,Komposition für Motorsäge und Schlagzeug (Prelude)“. Auch auf http://www.instagram.com/jo_jena_ ist Jo immer wieder mit interessanten Videos zu sehen, und auf jojena.wordpress.com findet man ausgewähltes Notenmaterial seiner Kompositionen.
Jo Jena spielt seit seinem 10. Lebensjahr Gitarre, heute u.a. das Allan-Holdsworth-Modell Fatboy. Er war Stipendiat des Berklee College of Music in Boston, wo er 1998 studierte. Jazz und Improvisation stehen im Zentrum seiner Musik, und er spielt eigenes improvisiertes oder auch durchkomponiertes Material, gelegentlich auch Standards von Wayne Shorter, Ralph Towner und John Coltrane.
Man kann Jo Jena für Solokonzerte buchen – er ist erreichbar über jojena@posteo.de und/oder 0151 66852114. Ein wirklich eigenwilliger und eigenständiger Musiker und Gitarrist! lt

  

STEPHAN THELEN: FRACTAL GUITAR

Das Debüt-Album des Schweizer Gitarristen Stephan Thelen ist zwar schon ein gutes Jahr alt, aber immer noch ein ganz heißer Tipp: Denn es transportiert einen wirklich packenden musikalischen Trip zwischen Post-Rock, Progressive und jammigem Soundtrack ohne Film. Der von der Formation Sonar bekannte Thelen ist ein Atmosphäre-Stricker der seine Fäden aus Ambient, Rock, Jazz und Avantgarde bezieht und zwischen solistischen Echo-Kaskaden und opulenten orchestralen Band-Sounds ein sehr breites Klangspektrum im Angebot hat. Mit im Studio waren u.a. Markus Reuter (touch guitar soundscapes), Matt Tate (touch guitar bass) und Gitarristen-Legenden wie David Torn und Henry Kaiser, die eigene Farben zu dieser bunten, instrumentalen Musik beisteuern. Stephan Thelen selbst variiert seinen mal cleanen, mal verzerrten Gitarrenton vorwiegend mit üppigem Hall und Delay – das wirkt fast schon traditionell. Bei ihm machen seine Töne und Linien die Musik, weniger die Sounds. Was Thelen aber am besten gelungen ist, ist ein Band-Phänomen: Alle hier zu hörenden Tracks fließen ganz wunderbar, und sie pulsieren so organisch, dass man sich als Hörer geradezu darin verlieren kann. Beachtlich! lt

 

 

PAUL BRÄNDLE: SOLO

Gitarre solo, warmer Ton, ruhige Atmosphäre, minimalistische Musik: nicht die leichteste Aufgabenstellung für ein E-Gitarristen-Debüt. Paul Brändle (*1992 in Kempten) lernte als Kind klassische Gitarre, mit neun Jahren wechselte er zur Elektrischen, mit 15 galt sein Interesse dem Jazz. Von 2011 bis 2015 studierte er an der Hochschule für Musik und Theater München bei Peter O’Mara. Seitdem ist er als Sideman mit verschiedensten Formationen international aktiv. Seine jetzt erschienenen Solo-Aufnahmen haben eine sehr meditative Ausstrahlung – diese Tracks holen dich von fast jedem Stress-Level sieben Stufen runter. Gefallen hat mir neben der wunderbaren Musik der Mut oder besser das Selbstbewusstsein dieses Musikers, sich jedem HöherSchnellerWeiterSchräger-Contest des alltäglichen Künstlerlebens zu entziehen, und statt dessen den Gitarrenton zu feiern. Da erinnert mich Paul Brändle in manchen Tracks an Attila Zollers 1979 entstandenes Album ,Conjunction‘, dass für mich eine der schönsten Sologitarre-Aufnahmen überhaupt ist. „Gitarre, Kabel, Amp – das ist so ungefähr meine Philosophie“, erzählt der 28-Jährige, der auf ,Solo‘ mit seiner D’Angelico-Premier-DC-Semiacoustic und einem End-70er-Fender-Bassman zu hören ist. „In der Vorbereitung habe ich viel mit Effektgeräten experimentiert, bin aber am Ende immer wieder zu meinem cleanen Sound zurückgekehrt“, erzählt Brändle, der sein Album an einem heißen Wochenende in Wien eingespielt hat. „Oft nehme ich die Gitarre in die Hand und versuche die erste Melodie, die mir dabei in den Sinn kommt festzuhalten. Das kann wirklich die simpelste Phrase sein. Damit spiele ich dann herum bis sich irgendwann eine Form ergibt.“ Wer Paul Brändle und seine Musik live erleben will findet weitere Infos unterwww.paulbraendle.de. Toller Musiker und beeindruckender Gitarrist. lt

 

 

MICHAEL SAGMEISTER: THE ANTONELLA LETTERS

Der 1959 in Frankfurt geborene Jazz-Gitarrist Michael Sagmeister hat bisher über 30 Alben und mehrere Lehrbücher veröffentlicht. Sein 1978 erschienenes Debüt ,Sagmeister Trio‘ gehörte zu den ersten Veröffentlichungen des legendären Musiker-Labels Mood Records. Vierzig Jahre später erhielt Sagmeister den Hessischen Jazz-Preis. Jetzt ist Michael mit einem wunderschönen Solo-Album zurück, auf dem er sich via Multitracking selbst begleitet. Sagmeister ist auf diesem Album außer mit seinen FGN-E-Gitarren auch mit einer Yamaha-Nylonstring zu hören; verstärkt wurde über AER- und Engl-Amps. Gewidmet hat er ,The Antonella Letters‘ seiner Lebensgefährtin, der Sängerin Antonella Dorio. Die Mischung aus zwölf eigenen und sechs klassischen Fremdkompositionen (von Chick Corea, John Coltrane, Carlos Jobim, Sonny Rollins, Johnny Green und Arthur Schwartz) kommt sehr homogen rüber – und seine Interpretationen von schon oft gehörten Meilensteinen wie ,500 Miles High‘ oder ,Giant Steps‘ sind immer wieder für kleine Überraschungen gut: Auch Michael Sagmeister machte schon immer „sein Ding“. Diesmal spielt er bei einigen vorgestellten Themen sehr originell mit Gas und Bremse, was Soli und Harmonien angeht – gelegentlich hat man den Eindruck, dass sich Sagmeister nach dem Thema selbst von der Leine lässt und auf höchstem solistischen Niveau & Energie-Level losprescht. Seine klangliche Dichte hat aber immer Emotion und sehr viel Prägnanz in jedem einzelnen Ton. Über 70 Minuten beeindruckende Jazz-Gitarrenmusik mit vielen intensiven Momenten. lt

 

   

WOLFGANG MUTHSPIEL / SCOTT COLLEY / BRIAN BLADE: ANGULAR BLUES

Der österreichische Gitarrist Wolfgang Muthspiel mit Bassist Scott Colley und Schlagzeuger Brian Blade – das liest sich vielversprechend. Und so hört es sich auch an: Eine Trio-Besetzung konnte man bereits 2014 auf Muthspiels ECM-Debüt ,Driftwood‘ genießen, wobei damals Larry Grenadier am Bass stand. Scott Colley und der unglaubliche, leise, laute, dezent umwerfende Brian Blade am Schlagzeug kommen als Team vielleicht noch organischer rüber und vor ihnen agiert ein immer pianistischer spielender Gitarrist mit warmem Ton von seiner akustischen Jim-Redgate-Nylonstring oder der Archtop von Domenico Moffa. Dieses Trio hat alle Qualitäten, die im Jazz zwischen Bill Evans und Jim Hall möglich sind – und Wolfgang Muthspiels Art Gitarre zu spielen ist einzigartig. Zurückhaltend und berührend zugleich. lt

 

 

 

HENNING SIEVERTS SYMMETHREE: TRIPLE B

Henning Sieverts (Bass, Cello), Nils Wogram (Posaune) und Ronny Graupe (7saitige E-Gitarre) verblüffen mit einer unglaublich pulsierenden, swingenden, groovenden Musik, bei der man erst nach ein paar Tracks erstaunter Gewöhnung bemerkt, dass hier gar kein Schlagzeug zu hören ist. Die rhythmische Intensität entsteht hier durch Reibung, durch sehr raffinierten musikalischen Satz. Dass sich dieses neue Album auch noch indirekt der Musik des legendären Johann Sebastian Bach widmet, passt umso besser. Allerdings geht Henning Sieverts in seinen Kompositionen eher konstruktivistisch zur Sache und spielt mit den Tönen B-A-C-H, die er auf alle möglichen Arten verknüpft, reiht, schichtet. Ich würde allerdings mal behaupten, dass hier eindeutig die individuellen Beiträge der drei verzahnten Instrumentalisten über dem inspirierenden Konzept stehen. Ein absolut beeindruckendes Trio! lt

 

  

  

MARKUS REUTER: TRUCE

Markus Reuter (*1972) hat Psychologie studiert, war in den 90ern Schüler von Robert Fripp, ist immer noch Gitarrist, Komponist, Pianist, Produzent, Gitarren-Designer, Bandleader und Sideman, außerdem hat er als Solist und mit den Formationen Centrozoon, Europa String Choir, Tuner, Stick Men und The Crimson ProjeKct viele, viele Alben veröffentlicht. Hier ist ein weiteres, live eingespielt am 16. Mai 2019 in Spanien. Besetzung: Markus Reuter (Touch Guitars® AU8, Live Looping), Fabio Trentini (Wal Fretless Bass, Bass Synthesizer), Asaf Sirkis (Acoustic Drums). Geprägt werden die sieben jammigen Tracks von Reuters oft verzerrter Touch-Guitar (siehe hierzu touchguitars.com/markus-reuter), die aber auch mal sphärische Cluster über Fabio Trentinis Basslines legt – das Schlagzeug bleibt bei dieser Produktion immer etwas im hinteren Raum, was dem Hörer die Illusion gibt, in einem leeren Club zu sitzen und die Beats direkt aus der Mitte geschickt zu bekommen. HiEnergy-Sound, keine Frage! Mein Favorit ist das im Intro an Terje Rypdal erinnernde ,Let Me Touch Your Batman‘. Als am Rosenmontag Rezensionen verfassender Kölner, will man für diesen Titel sofort einen Karnevalsorden für den besten Anmachspruch der Session verleihen … die Musik von Markus Reuter kommt aber ohne Frage von einem ganz anderen Planeten. lt

 

 

  

CREAM: GOODBYE TOUR LIVE 1968

Sie waren eine echte Supergroup – und ganz schnell Rock-Geschichte: Mit Cream haben Ginger Baker (dr/voc), Jack Bruce (voc/b) und Eric Clapton (g/voc) außerdem schon 1966 das Konzept „Power-Trio“ definiert. Die 4-CD-Special-Edition ihres Abschieds-Albums ,Goodbye Tour – Live 1968‘ umfasst 36 Titel, die während der finalen Tour durch die USA und Großbritannien aufgenommen wurden. Zu erleben sind hier alle Cream-Klassiker in packenden, rauhen Versionen. Die Setlists der vier mitgeschnittenen Shows ähneln sich natürlich, und Versions-Vergleiche machen viel Spaß. Zur Musik gibt es noch ein feines dickes Foto-Buch im Pappschuber. Tolle Kiste zu einem fairen Preis! ju

 

 

RIPE & RUIN: EVERYTHING FOR NOTHING

Erster Eindruck: Was für eine eigenwillige Gesangsstimme! Ich höre die Stimme von Bassist & Sänger Gordon Domnick, der gemeinsam mit Gitarrist Florian Kaninck und Drummer Jannis Balzer Ripe & Ruin ist. Vor diesem Debüt-Album war die Band mal ein Quintett, schrumpfte dann auf ein beeindruckendes Trio-Format – eine Besetzung, die hier nichts vermissen lässt. Fette, raue Gitarren-Riffs, Bass-Lines, -Chords und -Sounds mit Octaver und Verzerrer plus spannende Kompositionen – die Band aus Hamburg St. Pauli hat es drauf. Ihre Variation des Themas Alternative-Rock ist nicht revolutionär, aber absolut authentisch und of auch wirklich originell, eindringlich, berührend, insbesondere in den ruhigeren Intros, die perfekt Spannung aufbauen. Aufgenommen wurde ,Everything For Nothing‘ in den Hamburger Home-Studios von Franz Plasa, der bekanntlich ein kreatives Faible für Gitarren-Bands und Live-im-Studio-Feeling hat. Entdecken! lt

 

 

JEFF PARKER & THE NEW BREED: SUITE FOR MAX BROWN

Wer ihn nur als Gitarrist der Post-Rock-Institution Tortoise kennt, wird vielleicht überrascht sein: Jeff Parker ist Multi-Instrumentalist, Produzent und Komponist, und mit seiner Formation The New Breed hat er jetzt sein zweites Album veröffentlicht. Bei ,Suite For Max Brown‘ geht es um Jazz, R&B, Black Music … – und um Parkers Mutter: „Ich fand es schön, meiner Mutter etwas zu widmen, solange ich sie noch habe. Maxine Brown ist der Mädchenname meiner Mutter, aber jeder nennt sie Max. Das Cover-Photo zeigt meine Mutter im Alter von 19.“ Der Band-Name ist übrigens eine Hommage an Parkers Vater, der starb, als er sein Debüt-Album aufnahm: „The New Breed“ hieß dessen Bekleidungsgeschäft. So eng wie mit seiner Familie ist Jeff Parker auch mit der zeitgenössischen afroamerikanischen Musik verbunden. Der 1967 in Bridgeport, Connecticut geborene Künstler war schon früh auch an Free Jazz und improvisierter Musik interessiert, studierte am Berklee College of Music und zog 1991 nach Chicago, wo er sich der Künstlergemeinschaft „Association for the Advancement of Creative Musicians“ (AACM) anschloss. Seit 2003 veröffentlicht er auch Solo-Alben und seine Musik verbindet viele Spielarten auf sehr eigene Art – das für mein Empfinden zupackender und weniger pathetisch als Kollegen wie Kamasi Washington. Parker hat ein Gefühl für die Sounds unserer Zeit, er hat nicht nur als Musiker sondern auch als DJ gearbeitet, Jazz und HipHop aufgelegt, experimentiert, kombiniert, programmiert. „Ich suche Situationen, bei denen ich meine Komfortzone verlassen muss, wo ich Sachen mache, bei denen ich selbst nicht wusste, dass ich sie kann. Für mich ist das wie ein Flickenteppich, ein Quilt: Ich nehme Zeug und nähe es zusammen, bis ein Teppich entsteht.“ Zu diesem Teppich steuert er immer wieder mal rockige, mal cool jazzige Gitarren-Licks und -Sounds bei. Wobei Jeff Parker hier sowohl mit seinem musikalischen Konzept wie mit seinen gitarristischen Beiträgen, die spannender rüberkommen, als die manches bekannteren Genre-Kollegen, absolut überzeugt. Sehe cooles Album! lt

 

 

SUZAN KÖCHER’S SUPRAFON: SUPRAFON

Suzan Köcher (voc/g), Julian Müller (g/voc/synth), Alfie Joy (b/p) und Jens Vetter (dr/synth/mellotron) spielen einen hypnotisch-groovigen Psychedelic-Folk-Rock, der durch große Räume pulsiert, schräge Mellotron-Sounds mit tremolierten Fuzz-Gitarren kombiniert – darüber eine Frauenstimme die von der krautartrockigen Schwester von Mazzy-Star-Chanteuse Hope Sandoval zu kommen scheint. Nach einem Solo-Album, einer EP und einer Reise nach Tschechien hatte Suzan Köcher einen Band-Namen gefunden – ausgeliehen von der legendären CSSR-Plattenfirma Supraphon.

Auch musikalisch hat sich im Vergleich mit ihrem konventioneller folk-rockenden Album ,Moon Bordeaux‘ und der EP ,Blood Red Wine‘ (beide 2017) einiges geändert – denn hier spielt wirklich eine Band, und die ausdrucksstarke Stimme der Sängerin rutscht manchmal fast schon zu weit in die Untiefen der supraphonischen Hallräume. Da man als Hörer mitrutscht und so auf eine eigenwillige Reise geht, ist das wohl Konzept. Beim finalen Titel-Track ,Suprafon‘ ist man dann ganz weit weg von zu Hause, in einem Kosmos flirrender Gitarren-Pickings und Drones. Ein wirklich abwechslungsreiches, schräges, schönes, verspieltes, intensives Album! Das gibt es übrigens auch auf Vinyl, inkl. Download-Code. lt

 

 

  

GARY MOORE: LIVE FROM LONDON

Mitte der 90er-Jahre traf ich Gary Moore zum Interview, im Londoner Büro seiner Plattenfirma Virgin. Er war ein stiller, nachdenklicher, sympathischer Mensch und für mich damals einer der Rock-Musiker, die eine Menge für den Blues und seine klassischen Vertreter getan hatten: Denn Moores vor 30 Jahren erschienenes Hit-Album ,Still Got The Blues‘ hat mit seinen Interpretationen Songs von Legenden wie Otis Rush, Johnny Guitar Watson, Elmore James, Jimmy Rodgers, Peter Green, Dan Malone und Freddy King dem Genre einen ungeheuren Popularitätsschub verpasst. Und mit Albert Collins und Albert King waren auch noch zwei der originellsten Gitarristen der Szene auf seinem Album zu hören. Gary Moore war für viele dann der Mainstream-Blues-Mann schlechthin, obwohl er weiterhin wie ein Rocker spielte und sang – wie Gary Moore eben. Das Feeling dahinter war aber schon immer sehr blue – und einzigartig. Der jetzt veröffentlichte Konzertmitschnitt aus der Londoner Islington Academy, entstand am 2. Dezember 2009, 14 Monate vor Gary Moores Tod. Er starb am 6. Februar 2011, im Alter von nur 58 Jahren in Spanien. Und dieser Mitschnitt hat seine stärksten Momente in den Balladen und Blues-Tracks, inklusive dem fulminanten Finale mit ,Parisienne Walkways‘.
,Still Got The Blues‘ war für Moore mit viel Licht und auch Schatten verbunden: 2001 wurde er von Jürgen Winter, dem Bassisten der Krautrock-Kapelle Jud’s Gallery (die von 1970 bis 1974 existierte), verklagt; ,Still Got The Blues‘ sei ein Plagiat von Winters Komposition ,Nordrach‘ von 1974; die war zwar bis 1999 nicht offiziell veröffentlicht war, Moore soll aber angeblich Gelegenheit gehabt haben, diese Musik gehört zu haben. Wikipedia urteilt: „2008 bekam Winter in einer umstrittenen Entscheidung vom Landgericht München Recht. Moore schloss 2009 mit Winter einen Vergleich, zahlte eine nicht genannte Summe und behielt die Rechte an ,Still Got The Blues‘.“
Keine Frage, dass der jahrelange Rechtstreit Gary Moore sehr angegriffen hat, zumal er sich keiner Schuld bzw. Absicht bewusst war. Eine in vielen Details wie angeblichen Zeugen-Erinnerungen unappetitliche Geschichte. Mit welchem Gefühl spielt man dann seinen größten Hit, habe ich mich oft gefragt. Mit dem Schmerz von ,I Love You More Than You’ll Ever Know‘, von diesem Live-Album? Aber kurz darauf folgt das originelle Chord-Intro zu ,Still Got The Blues‘ – und Gary spielt hier vielleicht die emotionalste Version, die dieser Song je erlebt hat. Ich war nie der ganz große Fan seiner Musik, aber ich habe einen Riesen-Respekt vor diesem Sänger & Gitarristen und seinem Lebenswerk. Thank you, Gary Moore. Schönes Live-Album! lt  

 

INTERZONE: LETZTE AUSFAHRT.

Lost Tapes“ heißt der Untertitel dieses Albums der legendären deutschsprachige Blues-Rock-Band aus West-Berlin, die in den 80er-Jahren aktiv war und fünf LPs veröffentlichte. Für die unnachahmliche Präsenz dieser Band war vor allem Sänger Heiner Pudelko verantwortlich, der die Musik von Interzone absolut schräg klingen ließ – eigentlich mehr nach Alternative-NDV-Rock als nach Blues, aber Pudelkos Feeling war von Blues und Soul geprägt. Er starb 1995. Das eigentliche Debüt dieser Band erscheint jetzt, 40 Jahre nach seiner Entstehung. ,Letzte Ausfahrt‘ liefert zwölf rock’n’rollige Songs, die auf Gedichten von Wolf Wondratschek basieren, die der deutsche „Pop-Poet“ in seinem 1974 erschienenen Gedichtband „Chuck’s Zimmer“ veröffentlicht hatte. Allerdings verweigerte Wolf Wondratschek die Genehmigung zur Nutzung seiner Texte damals, und so mussten diese Aufnahmen im Band-Archiv unter Verschluss gehalten werden. Es war der Musik-Manager und Fotograf Jim Rakete, der 40 Jahre nach Entstehen des Albums, Wolf Wondratscheks Zustimmung zur Nutzung seiner Texte besorgte. Nach der im März 2019 als auf 500 Stück limitierten Vinyl-Auflage, die nach einem halben Tag vergriffen war, gibt es ,Letzte Ausfahrt‘ jetzt erstmals und vermutlich auch letztmals auf CD. Heiner Pudelko und Interzone gehörten zu den ganz Großen der europäischen Musikzone. Auch wenn sie kaum noch jemand kennt. Entdecken! lt 

 

  

TRIO 22: AUTUMN FALLS

Da kommen doch Erinnerungen an das erste Pat-Metheny-Album auf – denn auch ,Bright Size Life‘ (1976) war eine formal nicht ungewöhnliche Trio-Einspielung eines jungen Jazz-Gitarristen, und trotzdem klang er etwas anders als die anderen Kinder. Jens Mackenthun (*1981) hat u.a. bei Norbert Scholly, Jesse van Ruller und Martijn van Iterson studiert, er klingt auch mal ein wenig nach Jim Hall, wenn er in ruhigen Nummern seine Themen vorstellt. Seine eigene Handschrift ist unaufdringlich, seine in sich ruhenden Linien aber trotzdem sehr prägnant. Kontrabassist Bastian Weinig und Drummer Max Jentzen unterstützen perfekt, oft minimalistisch – aber auch ganz wenige Töne können den Puls ihrer Musik aufrecht erhalten. In dem Zusammenhang zehn Pluspunkte für diese sehr gut klingende Aufnahme /aus dem Klangraum Tonstudio Mainz) mit ihrer wunderbaren Nähe und transparenten Räumlichkeit, die auch noch beim Wohnzimmerabhören funktioniert. Und auch die Gestaltung des DigiPaks (Artwork: Sara Rojo; Fotos: Roman Knie) ist eine perfekte Ergänzung zur Musik. Jens Mackenthuns Hauptgitarre ist eine Ibanez PM 100, ein Pat-Metheny-Signature-Modell von Anfang der 1990er-Jahre. An Effekten verwendet er ein T-Rex Replica („Das Teil an sich macht den Gitarren-Sound schon wunderschön wärmer und fetter und das Delay mit der Bandsimulation klingt super.“) und ein tc electronic Hall of Fame für ein bisschen füllenden Plate Reverb. Von dort geht das Signal gesplittet in einen Fender Blues Deluxe (“… mein Haupt-Amp, den ich live auch allein benutze“) und in einen Fender 65 Princeton Reverb Reissue, damit beim Mix der Gitarren-Sound etwas breiter gefahren werden konnte. Ansonsten kamen nur noch ein Electro-Harmonix Freeze zum Einsatz, für stehende Flächen-Sounds und ein Volume-Pedal für Swells. Kein Jazzer-Setup? Kein II-V-I-Dogma? Stimmt. Und vielleicht deswegen klingt dieses Album etwas anders als andere. Gelungen! lt

 

 

GREGOR HILDEN & RICHIE ARNDT: MOMENTS ELECTRIC

Gleich zwei großartige Blues-Gitarristen sind hier am Start: Richie Arnd, der auch noch ein wirklich berührender Sänger ist, glänzt hier mit wärmeren Strat-Sounds, Gregor Hilden mit einer ganzen Palette von knackigen, crunchigen, sahnigen, wahwahigen Gitarrenfarben von ES-335, Les Paul, Tele & Co. Virtuose Soli gibt es auf diesem Cover-Album mit Tracks von den Allman Brothers, Peter Green, Jimi Hendrix, Sonny Landreth u.a. jede Menge, und jede Menge wirklich spannende! Und ,Rock’n’Roll Junkie‘ vom legendären Musiker & Maler Herman Brood (*1946 +2001) kommt hier in einer geradezu verharmlosenden Schunkel-Version mit Glam-Rock-Groove à la The Sweet, die dem praktizierenden Dopeologen vielleicht sogar gefallen hätte, wäre er noch unter uns. Musikerfreundlich ist, dass im schön designten DigiPak sämtliches Equipment der beiden Gitarristen aufgelistet wurde, und ein paar Fotos gibt’s auch. Begleitet werden Gregor Hilden & Richie Arndt von Sascha Oeing (b) und Peter Weissbarth (dr), die einen sehr tighten Job machen – als Gäste waren noch Kellie Rucker (harp), Tine Vonhoegen (b-voc) und Wolfgang Roggenkamp (org) am Start. Ein absolut unterhaltsames Album auf hohem gitarristischen Niveau, mit reifesten Leistungen von einem rockenden Richie und einem ungewohnt wilden Hilden. Gutes Team! lt 

 

 

THE 10STRING ORCHESTRA: CLOUDS

Keine Frage, dass die Musik von Tom Götze am Kontrabass und Stephan Bormann an der Gitarre hier auftauchen muss. Ihr Gitarre-&-Bass-Trip durch Pop, Jazz, Klassik und Folklore ist nicht nur absolut unterhaltsam, er ist auch sehr musikalisch und zurückgenommen virtuos. Will heißen: Hier hat jeder Ton Gewicht, hier standen Emotion und Intensität im Vordergrund. Und Humor: Denn bei ihrer archaisch-bluesigen Umsetzung des Phil-Collins-Mega-Hits ,In The Air Tonight‘, muss man einfach grinsen. Der alte Phil als Slide-Gitarre … genial! Wie die beiden Musiker das Arrangement des originalen Songs auf zehn Saiten abbilden, ist echt grandios. Das gilt auch für die sehr dezent swingende Interpretation von Johann Sebastian Bachs Komposition ,Air‘. Noch schöner ist, dass die Eigenkompositionen des Duos ebenfalls auf diesem Niveau stattfinden und die Aufnahme sehr gut klingt. Respekt! P.S.: Genau so zu empfehlen ist das bereits 2013 erschienene Album ,Pearls‘, auf dem das Zehnsaitenorchester ähnliche Highlights abgeliefert hat. Weitere Infos: stephanbormann.de lt 

 

 

BOLZ & KNECHT: SCHRÄNG SCHRÄNG, DUDL DUDL, LA LA

Was für ein Album-Titel! Und die Musik des Gitarre & Gitarre/Sax-Duos Tobias Knecht & Christian Bolz transportiert mindestens so viel Humor wie das CD-Motto. Denn ihre Interpretationen unterschiedlichster Unterhaltungsklassiker sind absolut gut gespielt, auf den Punkt arrangiert und kommen ganz groß rüber: Bei ,Live And Let Die‘ hat man schließlich neben James Bond auch noch Paul McCartney & Wings (1973) plus Guns N’Roses (1991) im Ohr, und da muss der Cover-Künstler liefern. Bolz & Knecht haben genau das drauf, und so gelingen ihnen auch Klassiker wie Queens ,Bohemian Rhapsody‘, Stevie Wonders ,Sir Duke‘, sowie die zeitlosen Instrumental-Granaten ,Popcorn‘ und ,Trompetenecho‘ grandios. Die 20 Tracks wurden alle live und ohne Overdubs eingespielt. Könner! Tobias Knecht studierte am Münchner Gitarren Institut, später Jazz- und Klassische Gitarre an der Hochschule für Künste in Bremen; außerdem spielte er sich „in Thailand durch die Bars“, bis er den aus Los Angeles zurückgekehrten Multi-Instrumentalisten Christian Bolz traf, und ab dann gab es ein Duo mehr auf der Welt – so die Bolz-&-Knecht-Legende. Die schrägen Herren haben mit ,Fidl Fidl, Klampf Klampf‘ übrigens 2018 noch ein weiteres Album veröffentlicht, das in punkto Repertoire und Interpretation dem genialen Debüt in nichts nachsteht. Mehr Infos: www.bolzundknecht.de lt 

 

 

BOHREN & DER CLUB OF GORE: PATCHOULI BLUE

Vor über dreißig Jahren wurde diese Band in Mülheim an der Ruhr gegründet. Angeblich spielten sie damals düsteren Metal und Hardcore, bekannt sind Bohren & Der Club Of Gore heute für das selbst erfundene Genre „Dark Jazz“, in dem tiefe Töne, große Räume, Sprachlosigkeit & Langsamkeit, minimalistische Saxophon-Melodien, scheu-jazzige Piano-Chords und eine bedrückend-wohlige Grundstimmung dominieren. Morten Gass (Orgel, Mellotron, Fender Rhodes, Baritongitarre, Schlagzeug), Robin Rodenberg (Kontrabass, Schlagzeug) und Christoph Clöser (Saxophon, Fender Rhodes, Klavier, Vibraphon, Schlagzeug) haben jetzt, sechs Jahre nach ,Piano Nights‘, mit ,Patchouli Blue‘ ihr achtes Album veröffentlicht. Nach dem Weggang des Schlagzeugers Thorsten Benning sind Bohren nun ein Trio, und das unterstützt noch mal das minimalistische Konzept dieses genialen SloMo-Musikgenerators. Die weirden Herren zeigen auf der Bühne durchaus Humor, ihre Ansagen sind entweder nicht vorhanden oder legendär – und auch die helgischen Song-Titel des neuen Albums kommen durchaus augenzwinkernd rüber. „Total Falsch. Verwirrung am Strand. Glaub mir kein Wort. Patchouli Blue. Deine Kusine. Vergessen & Vorbei. Sollen es doch Alle wissen. Tief gesunken. Zwei Herzen aus Gold. Sag mir, wie lang. Meine Welt ist schön.“ Nein, nicht Helene – Bohren! Was mich an diesen Musikern seit langem fasziniert, ist ihre musikalische Intensität, ihre unverkennbare Handschrift und ihre geradezu skrupellose Ignoranz aller Trends nach dem vom Label ECM gefeatureten nordischen Dunkel-Schönklang von Künstlern wie Terje Rypdal, Jan Garbarek oder Jon Hassell, der inspirierend gewesen sein dürfte, wenn man den Titel-Track des neuen Albums hört. Bohren, ich liebe dich. lt 

 

 

KIDS IN A TOY STORE: TWO

Es ist gerade mal fünf Monate her, dass ich an dieser Stelle das Debüt ,One‘ von Kids In A Toy Store vorgestellt habe. Vorgestellt? Gefeiert! Hans-Peter Fassbender (kb), Ralf Weber (beats/FX) und Thomas Kruesselmann (g/voc/lyrics) machen weiter wie gehabt, und spinnen ihren genialen Mix aus Electro-Grooves, variablen E-Gitarren-Sounds, sphärischen Keyboards und sparsamen Wortbeiträgen mal wieder zu einem geheimnisvollen kleinen Album mit fünf Tracks bei gut 36 Minuten Spieldauer, von denen der Track ,Prayer‘ die Hälfte beansprucht. Interessant ist, wie zu Hause man sich im Sound dieser Band fühlen kann, auch wenn man ihre Musik noch nicht lange kennt – das spricht für eine starke, individuelle Handschrift und das Beherrschen der hohen Kunst, Menschen in hohe Kunst hineinzuziehen. Schockieren kann jeder Depp, faszinieren nicht. Und ein jammiges Stück wie das o.g. ,Prayer‘ fasziniert wirklich mit seinem Beat-armen, chilligen Freestyle zwischen Jazz, Trip Hop, Dub und Ambient, mit jazzig-warmen Handschuhton-Chords von Thomas Kruesselmann und der Violine von Konstanze Kottmann. Aber auch die vier ersten Tracks haben etwas Besonderes, insbesondere das nach Sunday-Morning-Hangover klingende ,I Don’t Know‘ und das Sample-bepackte ,Trump Is Crazy‘ über ein Problem unserer Zeit. Es bleibt spannend für uns, Kinder – im und außerhalb des Spielzeugladens. Reinhören & kaufen! kidsinatoystore.bandcamp.com. lt 

 

 

MARKUS APITIUS: AGE OF STRAW.

Der Kölner Singer/Songwriter/Produzent Markus Apitius ist ein wirklich umfassender Künstler, Songwriter, Sänger, Gitarrist, Pianist … Und sich die Domain popsong.de zu sichern zeugt ebenfalls von bodenständigem Talent. Jetzt hat er sein sechstes Album seit 1994 veröffentlicht, mit zwölf immer wieder überraschend arrangierten und instrumentierten Songs. Irgendwie Progressive, mehr noch Art-Pop – er liebt ganz sicher den frühen Bowie und zumindest die späten Beatles, vielleicht auch Genesis und King Crimson – vor allem überzeugen aber die unendlichen Sphären dazwischen, in denen Apitius seine eigene Musik kreiert, die zwischen intensiven, berührenden Piano-Songs, opulenten Balladen und weirden Psycho-Guitar-Noise-Attacken pendelt. Und einen Track weiter dann in echter Mid-Sixties-Brit-Pop-Atmosphäre ,Mad King John‘ besingt. Ob er der Vater des Brexit-Zauberer John-Son war, ließ sich nicht klären. Am 26.01.2020 stellt Markus Apitius sein Album ,Age Of Straw‘ im Kölner Club Blue Shell live vor. lt 

 

 

MATTHEW ROBB: DEAD MEN HAVE NO DREAMS

Beim neuen Album des in Cologne, Germany lebenden britischen Singer/Songwriter & Akustik-Gitarristen Matthew Robb, spürt man einen Oldschool-Folk-Vibe, der an Woody Guthrie, Pete Seeger und den jungen Bob Dylan erinnert – frisiert mit einem sehr eigenen, fast schon coolen Flow. Noch cooler klingt das musikalische Konzept dieser Tracks, denn hinter der fast trocken abgemischten Gesangsstimme taucht immer wieder eine crunchige, hallige, vibrierende, surfige E-Gitarre auf, die wunderbar den Rahmen sprengt. Die spielt Tobias Hoffmann (Expressway Sketches), am Bass ist Cecil Drackett zu hören, und am Trömmelche Marcus Rieck (Klaus Major Heuser, Benjamin Schaefer Trio, Wolf Maahn). Eine gute Band, die die sehr textlastigen Songs des Matthew Robb (nachzulesen im fetten 24-seitigen Booklet des schön designten DigiPaks) unterhaltsam und abwechslungsreich einfärben. lt 

 

 

SHAKE STEW: GRIS GRIS

Seit 2016 besteht diese siebenköpfige Band um den Bassisten Lukas Kranzelbinder – und kann seitdem auf zwei Alben und diverse internationale Festival-Erfolge zurückblicken. Was für einen so großen Act mit drei Bläsern (as, ts, tp) und jeweils zwei Bassisten und Schlagzeugern keine klare Sache ist. Kranzelbinder und sein Kollege Oliver Potratz spielen beide E- und Kontrabass, und sie stricken ein dichtes Fundament unter manches Solo. Bei einem Track dieses schön verpackten 2CD-Sets ist auch der Kölner Gitarrist Tobias Hoffmann als Gast zu hören – mit einem rein perkussiven Beitrag. Lukas Kranzelbinder, der ansonsten bei Expressway Sketches einen surfigen Darm zupft, ist ein kreativer Macher. Cool. lt 

 

 

ANDY LUMPP & ADELHARD ROIDINGER: PARUSIA

Pianist Andy Lumpp und Bassist Adelhard Roidinger sind seit den 80er-Jahren feste Größen der europäischen Jazz-Szene. Roidinger spielte in der Vergangenheit hauptsächlich Kontrabass und E-Bass, zuletzt arbeitete er an der Entwicklung neuer elektronischer Klänge, die auf Mikrotonalitäten basieren. Für ,Parusia‘ hat er sich einen 7-String-Tenor-Bass als Instrument ausgesucht, der, mit diverser Elektronik verbunden, sehr eigenwillige Sounds produziert. Speziell. ju

 

GEOFF GOODMAN QUINTET: THE OPPOSITE OF WHAT

Das Münchener Label Enja, auf dem John Scofield vor vierzig Jahren seine Solo-Karriere startete, hat nach Philipp Schiepek einen weiteren interessanten Gitarristen im Repertoire. Der US-Amerikaner Geoff Goodman (*1956 in New York) hat u.a. bei John Abercrombie und Archie Shepp studiert, trat u. a. mit Charlie Mariano, Mal Waldron, Tony Lakatos, Bill Elgart und Embryo auf, unterrichtete in den 80ern an der Jazz & Rock Schule Freiburg und ist seit 1988 am Jazz-Projekt des Freien Musikzentrums München beteiligt. Auf seinem neuen, 15. Album, wird er von Rudi Mahall (b-cl), Matthieu Bordenave (sax), Andreas Kurz (b) und Bill Elgart (dr) begleitet. Auf Fotos ist Goodman mit Steelstring-Akustikgitarre, Telecaster oder Gibson-Archtops mit P90-Pickups (ES-125 oder 150) zu sehen, zu hören ist ein klassischer, warmer Jazz-Ton, der irgendwo zwischen Jim Hall, Mick Goodrick und John Abercrombie zu Hause ist. Die Kompositionen und Arrangements werden darüber hinaus sehr von Rudi Mahalls Bass-Klarinette geprägt, einem faszinierenden Klangerzeuger, der sehr schön von Goodmans oft an Thelonious Monk erinnernden, kantigen Akkordbrechungen kontrastiert wird. Modern Jazz ohne Avantgarde-Ambitionen oder Zeitgeist-Anbiederungen – sympathisch. lt 

 

 

KING CRIMSON: IN THE COURT OF THE CRIMSON KING

Der ProgRock-Klassiker schlechthin – und einer der wenigen, die wirklich progressiv waren! Die jetzt veröffentlichte 3CD/Blu-Ray-Version kommt in einem kleinen Pappschuber und enthält neben den vier Scheiben in zwei schön gemachten Foldout-DigiPaks auch noch ein kleines Booklet. Ja, diese 1969 veröffentlichte Musik ist ein halbes Jahrhundert alt – und K.C.-Chef Robert Fripp ist immer noch musikalisch kreaktiv. Die ,50th Anniversary Edition‘ seines ersten und meiner Meinung nach größten Meisterwerks kommt jetzt neben dem originalen in diversen neuen Mixes, instrumentalen Outtakes, zusätzlichen Tracks in stereo und als 5.1-Surround-Fassung – auf Blu-Ray gibt’s das Ganze dann noch mal hochaufgelöst. Ich bin ja großer Fan von Steven Wilson als Remixer – er hat auch diesen Job genial besorgt. Darauf sollte er sich mehr konzentrieren, da ist er am spannendesten … ;-) lt